Gott erhalte

Haydns „Kaiserlied“ und „Kaiserquartett“

Wenn Haydns „Kaiserquartett“ erklingt, wie im Februar-Konzert des Küchl-Quartetts, schwingt stets ein beträchtliches Stück Geschichte mit. Thomas Leibnitz hat ihr für die „Musikfreunde“ nachgefühlt.

Canberra und Brasilia haben etwas gemeinsam: Sie sind Hauptstädte vom Reißbrett, geplant und verordnet. Sicherlich, sie funktionieren; aber die Lebendigkeit und Atmosphäre historisch gewachsener Kapitalen wie Rom oder Paris bleibt ihnen versagt. Ähnliches gilt für verordnete Staatssymbole, wie auch die österreichische Geschichte beweist. „Deutschösterreich, du herrliches Land“ hieß die Hymne, zu der Staatskanzler Karl Renner höchstpersönlich den Text schrieb; sein Freund Wilhelm Kienzl durfte sie vertonen. Weder der Text noch die Musik war schlecht, aber die Hymne ging den Österreichern einfach nicht ins Ohr. Nach einigen Jahren unpopulärer Existenz nahm man von dem glücklosen Kunstprodukt Abschied.

Eroberte Herzen

Nach Plan und auf Bestellung geht’s nun einmal nicht – so könnte man aus solchen Beispielen schließen, und meist stimmt das auch. Aber nicht immer. Es ist vom Fall einer Hymne zu berichten, die aus nüchternem Kalkül bestellt wurde, für die der Auftraggeber detaillierte Vorgaben machte, die von Textautor und Komponist pünktlich abgeliefert wurde – und dennoch von ihrem ersten Erscheinen an die Herzen der Menschen eroberte, in kürzester Zeit überaus populär wurde und mehr als ein Jahrhundert lang eines der stärksten Bindeglieder eines fragilen und schwierigen Staates darstellte.
Um so etwas zu schaffen, musste man schon Joseph Haydn heißen. Die Rede ist vom „Kaiserlied“, vom „Gott erhalte“, das zunächst als persönliches Huldigungslied für Franz II. gedacht war, allerdings von Anfang an mit der Hoffnung auf Breiteneffekt und Solidarisierungswirkung.

Das dynastische Prinzip

„Oft habe ich bedauert, daß wir nicht gleich den Engländern ein Nazionallied hatten, das geeignet wäre, die treue Anhänglichkeit des Volkes an seinen guten und gerechten Landesvater vor aller Welt kund zu thun, und in den Herzen aller guten Österreicher jenen edlen Nazionalstolz zu wecken, der zur energischen Ausführung jeder von dem Landesfürsten als nützlich erkannten Maßregel unentbehrlich ist. Dieß schien mir besonders in dem Zeitpunkte nothwendig wo die Revoluzion in Frankreich am heftigsten wüthete.“ So beschrieb im Rückblick Franz Graf Saurau, der Initiator der Hymne, seine Motivation, 1796 bei Lorenz Leopold Haschka einen Hymnentext und bei Joseph Haydn dessen Vertonung in Auftrag zu geben.
Um jegliches Risiko zu vermeiden, erhielt Haschka genaue Vorgaben: Er habe sich an das Vorbild der englischen Hymne zu halten und Strophe für Strophe die Motive des „God save the King“ auf österreichische Verhältnisse umzumünzen. Haschka tat dies, so gut er konnte; als erstklassiges Dichtungsexempel wird sein Text kaum gelten können („Ihm erblühen Lorbeerreiser, wenn er geht zum Ehrenkranz“). Mit Sicherheit dachte Saurau auch an ein anderes „Nazionallied“, das ihm aber wohl als der Inbegriff einer destruktiven Massenverführung erschien: an die Marseillaise, die die französischen Truppen zusammenschmiedete. Nicht für „la patrie“ sollten sich die Österreicher begeistern, sondern für ihren „guten und gerechten Landesvater“; das dynastische Prinzip stand unverrückbar über dem nationalen.

Ein Meisterstück

In der Vertonung musste Haydn sich an keine Vorgaben halten, und so entstand die unvergängliche Melodie des „Gott erhalte“. Viel ist über Vorbilder und Ursprünge dieser Eingebung spekuliert worden; so lässt sich etwa eine Ähnlichkeit zwischen dem Melodieduktus des gregorianischen „Pater noster“ und dem Beginn der Hymne feststellen, und es wurde auch bemerkt, dass sich in einer kroatischen Volksliedsammlung des 19. Jahrhunderts die Melodie des Kaiserliedes fast notengetreu fand – nur steht nicht fest, ob es das kroatische Lied zuerst gab, oder ob nicht umgekehrt das ungeheuer populäre „Gott erhalte“ in den Volksgesang Eingang gefunden hatte.
Haydn selbst hielt sein Kaiserlied sehr hoch, wie aus einer Bemerkung gegenüber seinem Biographen Albert Christoph Dies hervorgeht: „‘Aber kurios, wenn es mich so innerlich quälet, nichts helfen will, um die Qual los zu werden, und mir fällt nur mein Lied ein: ‚Gott erhalte Franz den Kaiser‘; dann wird mir leichter, es hilft.‘ Das wundert mich nicht, sagte ich, denn ohne Schmeicheley, ich halte das Lied für ein Meisterstück. ‚Beynahe halte ich es selbst dafür, ob ich’s gleich nicht sagen sollte.‘“

Intensität der Verinnerlichung

Unter den unzähligen Variationen und Hommagen über das „Gott erhalte“ hat Haydn 1797 selbst die bedeutendste geschrieben: Im zweiten Satz des Streichquartetts op. 76/3, des „Kaiserquartetts“, bildet es die Grundlage einer Folge von vier Variationen. Zu welcher Intensität der Verinnerlichung diese Melodie fähig ist, beweist sie in diesem Satz, der sich fernab jener Demonstrationen von Virtuosität hält, zu der Variationen oft tendieren. Ein Prinzip ist durchgängig: Stets erklingt in einem Instrument die Melodie in ihrer unveränderten Gestalt. Die Majestät ist unveränderlich, nur ihr temporäres Erscheinungsbild mag sich ändern.
Er sei „der Kaiser nur, der niemals stirbt“, sagt Rudolf in Grillparzers „König Ottokar“ und meint damit etwas sehr Ähnliches wie Haydn. Und dass Haydn in diesem Werk viel „meint“, mehr als sich beim bloßen Hören erschließt, zeigt das Hauptthema des ersten Satzes, der mit der Kaisersphäre nichts zu tun zu haben scheint. G-e-f-d-c – so lautet seine Tonfolge, die sich als Verschlüsselung von Anfangsbuchstaben entpuppt: „Gott erhalte Franz den Cäsar“ (Kaiser); das „K“ lässt sich in den Tonbezeichnungen nicht abbilden.

Musikalische Konfrontation

Bald nach dem „Kaiserquartett“ tauchte die bereits populäre Melodie in der Komposition eines prominenten Kollegen auf: Antonio Salieri verwendete sie 1799 in seiner Kantate „Der Tyroler Landsturm“. Es ging wieder um die Kriegsereignisse; die Einnahmen aus der Kantate waren karitativen Zwecken zugedacht und dienten „zum Vortheil der durch feindliche Verheerungen verunglückten Tyroler und Vorarlberger Landeseinwohner“. Salieri, der kaisertreue Hofkapellmeister, schildert musikalisch die Kämpfe zwischen französischen und österreichischen Truppen und weiß den österreichischen Triumph gebührend zu würdigen: Am Schluss stimmen die Sieger vereint „das österreichische Nazionallied ,Gott erhalte Franz den Kaiser‘“ an; es kommt hier übrigens, vermutlich erstmals, zur musikalischen Konfrontation zweier Hymnen, der ebenfalls zitierten Marseillaise und des österreichischen Kaiserliedes.

"Das wundert mich nicht, sagte ich, denn ohne Schmeicheley, ich halte das Lied für ein Meisterstück."
Joseph Haydn

Eine der populärsten Melodien

Wenn zwei Hymnen für zwei unterschiedliche Staaten und Herrschaftssysteme stehen, so sorgen sie damit für klare Symbolik. Unklarer, ja ziemlich verwirrend wird es jedoch, wenn ein und dieselbe Melodie stark divergierende Inhalte verkörpert. Das blieb der Haydn-Hymne nicht erspart. Noch im 19. Jahrhundert wurde sie vielfach instrumentalisiert – einen Urheberrechtsschutz, der solches verboten hätte, gab es noch nicht – und kurzerhand für neue Texte verwendet. So musste sie das melodische Fundament eines Liedes abgeben, das Geschichte schreiben sollte: des „Deutschlandliedes“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. „Deutschland, Deutschland über alles“ – eine Aussage, die wohl kaum Haydns Intention entsprach.
Aber danach wurde nicht gefragt; es handelte sich um eine der populärsten Melodien des deutschen Sprachraums, und von ihr getragen erlebte das „Deutschlandlied“ einen Siegeszug. Es verstand sich allerdings nicht als antiösterreichisch, und seinem Text ist zu entnehmen, dass der Dichter der „großdeutschen Lösung“ zuneigte, der Vereinigung der deutschen Länder unter Führung Österreichs: „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.“

Tränen beim „Kaiserquartett“

Als die Habsburgermonarchie nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zerfiel, sagte sich die junge Republik Österreich vom „Gott erhalte“ los, Deutschland hingegen erklärte das Deutschlandlied zur Nationalhymne. Nach dem ruhmlosen Intermezzo der Renner-Kienzl-Hymne kehrte auch Österreich 1929 zur Haydn-Hymne (mit einem Text Ottokar Kernstocks) zurück. Zwei Staaten und eine Hymnenmelodie. Das führte beim „Anschluss“ 1938 zu einer grotesken Situation: Die Melodie des „Gott erhalte“ stand für Schuschnigg-Österreich ebenso wie für Hitler-Deutschland. Als Kurt Schuschnigg im Österreichischen Rundfunk seine Abschiedsrede hielt, ließ er seinen Worten den zweiten Satz des „Kaiserquartetts“ folgen. Viele Zeitgenossen berichten von Tränen, die damals flossen.
Die schmerzvolle politische Befrachtung des „Gott erhalte“ gehört der Vergangenheit an, und es besteht Grund, dies mit Dankbarkeit zu vermerken. Wenn heute die Variationenfolge des „Kaiserquartetts“ erklingt, so ist sie das, was sie auch Haydns Intention gemäß sein soll: schwerelose, vollendete Musik.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.