Feuer entfachen für die Musik

Agathes Wunderkoffer

„Agathes Wunderkoffer“, eine der Konzertreihen für Kinder von drei bis sechs im Musikverein, wird zehn Jahre alt. Ein Gespräch mit Veronika Mandl, der künstlerischen Leiterin und Darstellerin der Agathe.

Frau Mandl, Agathe ist mit ihren zehn Jahren schon eine kleine Berühmtheit. Aber wann und unter welchen Umständen wurde sie eigentlich geboren?

Agathe ist in der Nacht auf die Welt gekommen. Da ist man am kreativsten, glaube ich. Ich hatte schon lange eine Figur gesucht, die mit dem Publikum in die Welt der Musik eintauchen sollte. Plötzlich bin ich aufgewacht, und sie war da. Sie hatte einen Rock an und ähnelte ein bisschen Mary Poppins. Und sie hat sich in zehn Jahren noch ziemlich entwickelt.

Ist sie in dieser Zeit auch reifer geworden?

Nein, eigentlich im Gegenteil. Sie ist eine naive Figur. Das heißt, sie weiß des Öfteren weniger als die Kinder, ist aber überzeugt davon, dass sie sehr gescheit ist. Ihr Wissen holt sich Agathe vom Publikum, das sie dann sehr gescheit an die Musikerinnen und Musiker weitergibt. Sie ist altklug. Sie wird älter, aber altklüger – sozusagen.

Was sieht sie im Publikum, und was braucht sie von ihm?

Agathe braucht das Publikum dringend! Ohne das Publikum funktioniere ich als Agathe  nicht so gut. In Probensituationen sind manche Musikerinnen und Musiker, die mich noch nicht kennen, skeptisch, ob es im Konzert funktionieren wird. Es klappt, weil Agathe mit dem Publikum interagiert. Es ist eine Gratwanderung, die Rahmenhandlung zu verfolgen und das, was von den Kindern kommt, aufzunehmen und damit weiterzuarbeiten. Es ist Improvisation nach Plan.

Wir sind jetzt automatisch vom Wesen der Figur zu den dahinterstehenden Überlegungen gekommen. Was soll das Projekt didaktisch, pädagogisch, inhaltlich leisten?

Ich habe das große Glück, dass ich drei Berufsfelder vereine: Durch mein Unterrichten an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien von Kindern ab zweieinhalb Jahren bis zu Studierenden habe ich wöchentlich Kontakt zur Zielgruppe der „Agathe“-Konzerte. Aus meiner Arbeit als CliniClown schöpfe ich die naive Figur, die Agathe ist. Der Clown improvisiert ständig und sucht den Kontakt und Austausch mit den Menschen. Was mir in der Konzertsituation nicht vordergründig wichtig ist, ist ein bewusstes didaktisches Konzept. Denn Konzerte sind in erster Linie ein künstlerisches Unterfangen! Pädagogische und methodische Gedanken fließen mit ein.

Können Sie, wenn Sie sich schon didaktisch nicht festlegen wollen, wenigstens das Ziel Ihrer Programme umreißen?

Ich bin ein bisschen allergisch gegen die Frage, was Kinder bei den Konzerten lernen sollen. Sie lernen ganz viel und nehmen viel mit. Aber ich will nicht mit ihnen einen Lernzielkatalog abarbeiten. Mir ist es wichtig, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und das, was sie sagen, zu respektieren. Die Konzeption von „Agathes Wunderkoffer“ betrifft freilich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, denn Kinder in diesem Alter besuchen ein Konzert nie allein. Die Reihe „Agathes Wunderkoffer“ schließt Kinder wie Erwachsene mit ein – eben ein junges Publikum ab drei Jahren. In den Rahmenhandlungen gibt es daher auch Informationen für die Erwachsenen. Manche Kinder saugen diese Informationen ebenfalls auf, andere nicht.
Mir ist es außerdem wichtig, immer wieder auch unbekanntere Instrumente einzusetzen, zum Beispiel ein Baryton, ein Gambenconsort, einen Zink usw. Ich bezeichne die Konzertreihe „Agathes Wunderkoffer“ als „Beziehungskunst“, in der es darum geht, die Verbindung Mensch und Musik nachhaltig zu vertiefen.

Es fällt auf, dass Sie die Formulierung „für Kinder von drei bis sechs“ meiden – haben Sie eine treffendere?

Ich sage gerne: Konzerte für junges Publikum ab drei Jahren. Manchmal erfahre ich, dass sich die Eltern streiten, wer mit den Kindern ins Konzert gehen darf. Und kürzlich war eine Oma da, die meinte: Heute sind die Enkel leider krank, da bin ich allein gekommen. Das ist für mich das schönste Kompliment!

Können Sie, wenn Sie sich schon didaktisch nicht festlegen wollen, wenigstens das Ziel Ihrer Programme umreißen?

Ich bin ein bisschen allergisch gegen die Frage, was Kinder bei den Konzerten lernen sollen. Sie lernen ganz viel und nehmen viel mit. Aber ich will nicht mit ihnen einen Lernzielkatalog abarbeiten. Mir ist es wichtig, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und das, was sie sagen, zu respektieren. Die Konzeption von „Agathes Wunderkoffer“ betrifft freilich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene, denn Kinder in diesem Alter besuchen ein Konzert nie allein. Die Reihe „Agathes Wunderkoffer“ schließt Kinder wie Erwachsene mit ein – eben ein junges Publikum ab drei Jahren. In den Rahmenhandlungen gibt es daher auch Informationen für die Erwachsenen. Manche Kinder saugen diese Informationen ebenfalls auf, andere nicht.
Mir ist es außerdem wichtig, immer wieder auch unbekanntere Instrumente einzusetzen, zum Beispiel ein Baryton, ein Gambenconsort, einen Zink usw. Ich bezeichne die Konzertreihe „Agathes Wunderkoffer“ als „Beziehungskunst“, in der es darum geht, die Verbindung Mensch und Musik nachhaltig zu vertiefen.

Es fällt auf, dass Sie die Formulierung „für Kinder von drei bis sechs“ meiden – haben Sie eine treffendere?

Ich sage gerne: Konzerte für junges Publikum ab drei Jahren. Manchmal erfahre ich, dass sich die Eltern streiten, wer mit den Kindern ins Konzert gehen darf. Und kürzlich war eine Oma da, die meinte: Heute sind die Enkel leider krank, da bin ich allein gekommen. Das ist für mich das schönste Kompliment!

Könnten Sie bitte einmal hineinschauen? Kann es sein, dass versehentlich noch etwas aus einem der letzten Konzerte drin ist?

Moment – ach ja, wirklich! Im Herbst gab es einen Wunderkoffer im Wunderkoffer, und darin waren Briefe von Agathes Großvater an Agathe. In den Texten waren Telemann-Zitate versteckt, was Agathe erst ganz zum Schluss verriet. Das war auch für manche Erwachsene ein Aha-Erlebnis. Dann … war einmal ein norwegisches Märchenbuch drin, als es um norwegische Volksmusik ging und um die Hardanger-Fiedel – ein Instrument, das für viele neu war. Und einmal steckte auch Amanda drin, eine Quasseltante, die sehr viel gesprochen hat. Sie wusste, wie der Jazz entstanden ist, und hielt sich mit diesem Wissen wahrlich nicht zurück.
Amanda: Ja, genau! Wir sind dann vom Ragtime bis zum Modern Jazz gewandert. Und bei diesem Konzert waren ganz viele Väter.
Veronika Mandl: Ja, das fand ich auch interessant.
Amanda: Bin ich gut drauf auf dem Foto?
Fotograf Wolf-Dieter Grabner: Ja, wunderschön!

Was sagt Agathe oder Veronika zu Eltern, die ihre Kindern zum Musizieren bringen wollen?

Da kann ich als Veronika sagen: Kinder lernen durch Nachahmung. Das bedeutet, je mehr Eltern zu Hause selbst Musik machen, umso mehr werden dies auch ihre Kinder tun. Und dann finde ich es vor allem wesentlich, dass Kinder ihre Wünsche selber äußern. Wenn sie ein Instrument lernen wollen, dann melden sie sich und tun ihren Instrumentenwunsch kund. Dazu können Konzerte ein Anknüpfungspunkt sein oder auch die Gitarre spielende Kindergartenpädagogin. Das A und O ist, dass der Impuls von den Kindern kommt. Die Aufgabe der Erwachsenen – Agathe miteingeschlossen – ist es, die eigene Faszination zu leben. Wenn ich für Musik brenne, dann bin ich imstande, dieses Feuer auch bei anderen zu entfachen und weiterzugeben.

Das Gespräch führte Daniel Ender.
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrt an der Musikuniversität Wien sowie an der Universität Klagenfurt und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“.