Brüsseler Spitze

Eugène Ysaÿe

Wer die Spitze sucht in der Geigenkunst, spielt Ysaÿe. Auch Julia Fischer setzt den Namen aufs Programm ihres nächsten Musikvereinskonzerts. Was aber weiß man schon über den geigenden Komponisten, der die Welt der Violine neu vermessen hat?

Eugène-Auguste Ysaÿe – ein französischer Name, klar – deuten darauf nicht allein schon die beiden auffallenden Pünktchen zur Betonung des „Y“ hin? Sicherlich. Der Virtuosenkomponist hinter dem Namen allerdings war aus Lüttich (Liège) und somit waschechter Belgier, noch dazu einer von großem Renommee – zeitlebens und bis heute. Damit gehört er wohl einem eher kleinen Kreis an – oder wie viele Namen weithin berühmter oder häufig gespielter belgischer Tonschöpfer kommen einem spontan noch so in den Sinn?

Belgier auf Tour

Musikaffineren sind wohl die franko-flämische Schule und damit Verbundene wie Johannes Ockeghem, Antoine Busnois, Johannes Tinctoris bzw. Jehan le Tainier, Josquin Desprez, Heinrich Isaac, Clemens non Papa, Adrian Willaert oder Cipriano de Rore und Orlando di Lasso respektive Orlande de Lassus ein Begriff. Diese wichtigen Repräsentanten der die Renaissance und frühe Neuzeit umfassenden Blütezeit der Vokalpolyphonie stellen sich bei näherem Hinsehen ebenso als gebürtige Belgier heraus, obwohl die Namen deren Herkunft auch nur partiell verraten.
Überhaupt ist es bei Komponisten ja seit jeher so eine Sache mit dem Ziehen von strengen „Landesgrenzen“. Bereits in Zeiten wie der genannten, zur Weiterentwicklung der abendländischen Musik so entscheidenden Epoche war das nicht anders. Eine Vielzahl von Komponisten verließ zu Studienzwecken temporär ihre Heimat, unternahm lange Reisen oder erwählte dauerhaft andere Länder – im vorliegenden Kontext etwa Frankreich – zum Schaffensmittelpunkt. Zuweilen schlug sich dies eben auch auf die der Wahlheimat angepasste Schreibweise der Namen nieder.

Brüssel, Paris, Berlin

Eugène-Auguste Ysaÿe aber blieb sich namentlich treu, obwohl auch er zeitlebens ein Reisender war. Er gehörte zu jener beträchtlichen Gruppe belgischer Tonschöpfer, die ab dem 19. Jahrhundert wegweisend waren. André-Ernest-Modeste Grétry, Vertreter der Opéra comique, im späten 18. Jahrhundert, folgten mehrere Musiker hohen Ansehens, darunter Charles-Auguste de Bériot, César Franck oder Jacques-Nicolas bzw. Jaak Nikolaas Lemmens, Joseph Jongen und Flor Peeters, um nur einige zu nennen.
1858 geboren, fügte sich auch Ysaÿe nahtlos in diese Reihe bedeutender belgischstämmiger Musiker ein, doch widmete er sich bekanntermaßen nicht wie die Letztgenannten der Orgel, sondern mit Leidenschaft der Violine. Nach frühkindlichem Unterricht bei seinem Vater Nicolas und am Lütticher Konservatorium begleitete er über rund drei Jahre hinweg den Vater auf europaweiten Konzertreisen und spielte in dessen Orchester. Nach weiteren Studien in Lüttich sowie an den Konservatorien von Brüssel und Paris bei Henryk Wieniawski und dem bedeutenden Repräsentanten der hoch entwickelten belgischen Violinschule, Henri Vieuxtemps, berief man ihn 1879 zum Konzertmeister des Bilse-Orchesters (den späteren Berliner Philharmonikern) in Berlin, wo bedeutende Künstler wie Joseph Joachim, Franz Liszt, Artur Rubinstein sowie Clara Schumann seinen Konzerten lauschten. Gemeinsam mit Clara Schumann hatte Ysaÿe bereits 1878 Beethovens c-Moll-Sonate in Köln aufgeführt, Rubinstein konnte ihn für eine Tournee durch Skandinavien und Russland gewinnen. Die Jahre 1883 bis 1886 verbrachte er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Théo, der ebenfalls als Komponist, Dirigent sowie als Pianist und später als Klavierprofessor am Genfer Konservatorium wirkte, in Paris.

Größte Empfindungsstärke, höchste Virtuosität

Der groß gewachsene Eugène mit wallender Künstlermähne genoss in Paris rasch – und in der Folge nicht nur dort – hohes Ansehen, müssen doch Klang und Technik seiner Darbietungen überwältigende Wirkung ausgeübt haben, sogar auf den kritischen, noch heute durch sein „Skalensystem“ bei Violinstudenten berühmt-berüchtigten Carl Flesch. „Sein Ton war von edler Größe, modulationsfähig in höchstem Maße, innerlichen Impulsen gehorchend wie das Pferd dem geübten Reiter, das Vibrato von gefühlsgeschwängerter Unmittelbarkeit, die Portamenti neuartig bezaubernd, Fingerfertigkeit und Intonation von Sarasate’scher Vollendung. Seine Vortragsart verriet den impulsiven Romantiker (… ). Er war ein Meister des fantasievoll-belebten Rubato (…)“, skizzierte dieser in seinen „Erinnerungen eines Geigers“ anschaulich einige Charakteristika des einzigartigen Ysaÿe’schen Spiels. So verwundert es nicht, dass der größte Empfindungsstärke mit höchster Virtuosität vereinende Belgier bald nahezu sämtliche französische Komponisten von Rang und Namen zu neuen Kompositionen anregte und mehrfach auserkoren war, ihm gewidmete Werke zur Uraufführung zu bringen. Darunter etwa Ernest Chaussons „Poème symphonique“, mit dem er später auch das Wiener Publikum in seinen Bann zog, Gabriel Faurés Klavierquartett Nr. 1 sowie 1886 César Francks A-Dur-Sonate – das Hochzeitsgeschenk Francks an Ysaÿe. Mit seinem eigenen, in den späten 1880er Jahren gegründeten Ysaÿe Quartett hob er 1893 Claude Debussys Streichquartett g-Moll, op. 10, aus der Taufe.

Auf Bachs Spuren

„Er zeigte mir den Weg, er öffnete mir die Augen und das Herz“, so tat Ysaÿe Jahre später noch seine Dankbarkeit für seinen Lehrer Vieuxtemps kund, als er bereits weltweit konzertierte, u. a. mit renommierten Pianisten wie Isaac Albéniz, Ferrucio Busoni, Enrique Granados, Vincent d’Indy, Sergej Rachmaninow, Clara Haskil, mit seinem Bruder Théo und Raoul Pugno, sowie solistisch, 1894 mit Beethovens Violinkonzert und dem New York Philharmonic auch erstmals in den USA. Während seiner Professuren am Brüsseler Konservatorium 1886–1898, an dem u. a. Mathieu Crickboom, William Primrose und Ernest Bloch seine Schüler waren, und später in Cincinnati ließ er seine Auftrittstätigkeit nicht ruhen, gründete 1895 ein eigenes Orchester – die sich insbesondere zeitgenössischer französischer Musik annehmende Société Symphonique des Concerts Ysaÿe, und widmete sich dem Dirigieren und Komponieren.
Als leidenschaftlicher Interpret Bach’scher Violinsoli hegte er den Wunsch, einen eigenen, am großen Vorbild orientierten Solosonatenzyklus zu schaffen. Mit seinen „Six sonates pour violon seul“, op. 27, gelang dem kompositorischen Autodidaktein genau dies – und ein großer Wurf, avancierten sie doch zum Opus magnum Ysaÿes. Wie bei Bach besteht die Zusammenstellung aus sechs Sonaten, eine Anzahl, die im Barock quasi Standard wurde. Auch die Tonartenfolge beider Zyklen stimmt nahezu überein, die ersten vier Sonaten sind in Moll, die letzten beiden in Dur gehalten, beide Sonatensammlungen beginnen in g-Moll und schließen in E-Dur.

Die Spitze schlechthin

In der e-Moll-Sonate (Nr. 4) ist der Bezug auch durch die untrennbar mit der barocken und speziell der Suite Bach’scher Prägung verbundenen Bezeichnungen Allemande und Sarabande gegeben. Durch ihre Widmung an Fritz Kreisler für ein Konzert in Wien prädestiniert, steht sie in Julia Fischers Musikvereins-Recital im Verbund mit Werken, die zumindest durch ihre allesamt kurz oder auch länger in Wien lebenden Schöpfer Bezug zur Stadt besitzen. Stets dem musikalischen Ausdruck und nicht reinem Selbstzweck dienend, vereinte Ysaÿe in den Soli höchsten technischen Anspruch, enorme Virtuosität mit großer Ausdruckskraft. Damit nicht genug, bereicherte er diese nationenübergreifend für spätere Geigergenerationen wegweisenden Elemente in besonderer Weise auch in der vierten Sonate etwa durch die Mehrstimmigkeit Bach’schen Violinstils (sogar im Pizzicato), wodurch sie zu etwas Einzigartigem, zu einem – nach Quantz’scher Diktion – Werk „vermischten Stils“ schönster Gestalt wurde. Auf Augenhöhe mit Bach: In der Musik ist das die Spitze schlechthin.

Viola Lutgen
Dr. Viola Lutgen ist Musikwissenschaftlerin in Wien.