Bonne chance à trois

Das Trio Atanassov

Das Trio Atanassov feiert sein zehnjähriges Bestehen mit einem Debüt am besonderen Ort. Erstmals spielt das Ensemble im Musikverein. Zu feiern sind: zehn Jahre Veränderung, Freundschaft und musikalische Höhenflüge.

Ein Musiker ist ein Mensch ist ein Musiker ist ein Mensch. Oft vergessen wir als Zuhörer, dass der- oder diejenige, die gerade auf der Bühne steht, nicht nur Erzeuger des musikalischen Erlebnisses ist und nicht nur künstlerische Persönlichkeit, sondern schlicht, einfach und komplex: Mensch.
Ganz besonders nimmt das bei Ensembles Einfluss aufs Zusammenspiel, da jede musikalische Entscheidung, jede programmatische Zusammenstellung gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden muss Mehr als in jeder anderen Konstellation muss man sich hier auf menschlicher Ebene zusammenfinden, um zu einem musikalisch überzeugenden Ergebnis zu kommen.

Ein Vertrauensdreieck

Bernhard Neuhoff schrieb zur Auflösung des Alban Berg Quartetts den treffenden Satz: „Ein Streichquartett ist eben nicht nur eine musikalische Zweckgemeinschaft, sondern auch ein kompliziertes soziales Beziehungsgeflecht, in dem es menschelt wie in einer langjährigen Ehe.“ Eben dieser Satz trifft genauso, wenn nicht noch mehr, auf die Konstellation des Trios zu – umso beeindruckender also, wenn sich drei Musiker im Alter von 19 bis 24 Jahren auf das Wagnis einlassen, sich menschlich wie musikalisch aneinander zu binden und sich auch durch Anfangsschwierigkeiten davon nicht abbringen lassen. „In unserer Anfangszeit kam es etwa nicht selten vor, dass wir uns stundenlang gegenseitig davon zu überzeugen versuchten, dass der Kollege seine Stimme so zu spielen hätte, wie es der jeweils eigenen Vorstellung entsprach. In Wahrheit hat uns das damals oft paralysiert und natürlich manchmal auch zu Spannungen während der Probenarbeit geführt“, so Pierre-Kaloyan Atanassov, Pianist des nach ihm benannten Trio Atanassov. Violinist Perceval Gilles ergänzt: „Während dieser vielen Jahre der intensiven Zusammenarbeit in unserer Vorbereitung auf zahlreiche Konzerte und Wettbewerbe haben wir aber vor allem auch gelernt, Vertrauen zu haben: Vertrauen in unsere Stärke als Klaviertrio und Vertrauen in uns selbst. Wir haben uns kennen und als Freunde für unsere Unterschiede schätzen gelernt. Ich denke, das macht die Qualität unseres Ensembles aus, und man kann unsere Einigkeit auf der Bühne spüren.“

Der Weg zur eigenen Sprache

Von dieser Qualität ist nicht nur das Ensemble selbst überzeugt – es wurde ihm auch von außen bestätigt, und das gleich von Beginn weg. Nach nur einjährigem Bestehen wurde das Trio in die European Chamber Music Academy aufgenommen, wo es nach eigener Aussage besonders von Hatto Beyerle, dem langjährigen Bratschisten des Alban Berg Quartetts, profitierte und wo ihm bei interpretatorischen Uneinigkeiten Ansprechpartner und „Schlichter“ zur Seite standen. Doch nicht nur der Mensch, auch ein Ensemble kommt in die Phase, in dem der Wunsch nach Eigenständigkeit drängender wird und das emanzipatorische Bedürfnis überwiegt. 2013 war es dann so weit: „Wir haben damals beschlossen, unsere erste CD-Einspielung mit Werken von Smetana und Dvo®ák ganz alleine und ohne Rat oder Einfluss von außen zu verwirklichen. An den für die CD ausgewählten Werke haben wir nie mit jemanden gearbeitet, wir mussten einfach für uns selbst herausfinden, wie weit wir alleine kommen können.“ So beschreibt Atanassov den Weg, den das Trio mit dieser Einspielung einschlug. Das Ergebnis ist ein menschlich und musikalisch gereiftes Ensemble, das seine eigene musikalische Sprache gefunden hat.
Auch in den Proben spricht es sich anders seit diesem ersten CD-Projekt. Cellistin Sarah Sultan formuliert es so: „Wir teilen heute auch ein stärkeres Bewusstsein für die technischen Methoden, die uns erlauben, unsere Ideen zu verwirklichen, und das gemeinsame Vokabular, um uns so zu verständigen, dass jeder Kollege weiß, wovon der andere spricht.“

Französischer Schwerpunkt

Gekrönt wurde dieser gemeinsame Weg schließlich mit der Auszeichnung Diapason d’Or, die dem Ensemble für seine erste CD-Einspielung verliehen wurde. Mit seiner eigenen Sprache, die natürlich einer permanenten Weiterentwicklung unterliegt, begeistert das Trio Atanassov das Publikum wie auch gestrenge Jurys bei internationalen Wettbewerben. So erhielt es – neben vielen weiteren Auszeichnungen – im Februar 2015 den Zweiten Preis (ein Erster Preis wurde nicht vergeben) und den Sonderpreis für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werkes beim Internationalen Wettbewerb „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ in Graz: ein Erfolg, der unter anderem den Ausschlag für das Debütkonzert im Wiener Musikverein gab. Ein besonderes Anliegen war es dem Trio, dafür ein Programm mit französischem Schwerpunkt zu wählen, denn „trotz des bulgarischen Namens und unserer Ausbildung, die prinzipiell der deutschen Tradition gefolgt ist, sind wir französisch“, hält Sarah Sultan fest.

Neues wagen

Mit dem Rückhalt der eigenen Wurzeln lässt sich auch mutig Neues wagen und ausprobieren. So ist es für das Trio besonders wichtig, neue Werke und Klänge zu entdecken, was sich auch im Programm für den Musikverein widerspiegelt: Da steht ein experimentelles Werk der zeitgenössischen estnischen Komponistin Helena Tulve neben Werken von Ravel, Debussy und Hersant – und so kommen zugleich Verwurzelung wie Neugierde und Offenheit zum Ausdruck.
Zehn Jahre Entwicklung, zehn Jahre Veränderung, zehn Jahre Freundschaft – eine menschliche und musikalische Leistung, die das Trio Atanassov mit seinem Debütkonzert im Musikverein krönt. Vorläufig. Denn von diesem jungen Trio ist noch viel zu erwarten.

Maria Födisch
Maria Födisch, BA, ist Musikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.