Beethoven jetzt

Philippe Jordan

Philippe Jordan setzt mit einem Zyklus aller Beethoven-Symphonien einen weiteren starken Akzent seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Im Gespräch mit den „Musikfreunden“ erklärt er, worin die große Herausforderung besteht und warum der Zeitpunkt stimmt: Beethoven jetzt.

Kein anderer Komponist hat einen solchen Nimbus wie Beethoven, keine Werkgruppe eine derartige Aura wie die neun Beethoven-Symphonien. Warum ist das so?

Beethoven ist das A und O der Symphonik. Haydn hat die Symphonie entwickelt und mit Mozart gemeinsam zur ersten Blüte gebracht, aber die große klassisch-romantische Symphonie, die Symphonie mit ihrem ideellen Anspruch, die hat Beethoven geschaffen. Daran musste sich jeder messen und jeder abringen, der nach ihm Symphonien schrieb, auch noch Schostakowitsch! Das Spektrum, das sich in diesen Symphonien auftut – formal, in der Anlage, in der geistigen Konzeption – macht sie sozusagen zum Maß aller Dinge in der Klassik und die Neun zum Mythos. Aber vom Mythos einmal abgesehen: Diese Symphonien sind für jedes große Symphonieorchester das A und O, ein wirklicher Prüfstein seiner Qualität

Worin besteht die besondere Herausforderung?

Beethoven öffnet zwar das Tor zur Romantik, aber er schreibt noch klassisch. Seine Musik ist offener, durchsichtiger und durchhörbarer – und damit auch heikler als die breiter orchestrierte Romantik. Das Pure und Klare ist die große Herausforderung: dieses Maß, dass nichts zu viel und nichts zu wenig ist.
Deswegen stand für mich auch fest, als ich meine Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern für erst einmal fünf Jahre begann: Wir müssen, in unserem dritten Jahr, einen Beethoven-Zyklus angehen. Für die Arbeit mit dem Orchester ist das essenziell. Wir werden aus einem Beethoven-Zyklus qualitativ anders herausgehen, als wir hineingekommen sind.

Warum gerade im dritten Jahr?

Einen Beethoven-Zyklus kann man nicht gleich an den Anfang einer solchen Arbeitsbeziehung setzen, das ist klar. Ich habe, ganz bewusst, mit einem Schubert-Zyklus begonnen – auch schon im Hinblick auf Beethoven. Wir sind ein Wiener Orchester: Da kann der Weg zu Beethoven auch über Schubert führen, speziell über den wienerischen, schubertischen Klang und die Kultur der Phrasierung. Auch der letztjährige Zyklus mit Beethovens Klavierkonzerten und Orchesterwerken von Béla Bartók war eine wichtige Vorbereitung für den Beethoven-Symphonien-Zyklus.

Weshalb Bartók?

Das ist die Annäherung an Beethoven sozusagen von der anderen Seite, von der des 20. Jahrhunderts, mit artikuliertem, scharf profiliertem Spiel. Da stehen sich Beethoven und Bartók sehr nahe: in gewissem Sinn zwei Radikale – mit ähnlichem Sinn für Artikulation und die Arbeit mit kleinsten motivischen Zellen. Die Programmierung dieser Zyklen war schon auch strategisch gedacht, damit die Wiener Symphoniker in meinem dritten Jahr endlich wieder einen Beethoven-Zyklus spielen.

Endlich? Sind Beethovens Symphonien nicht ständig präsent bei den Wiener Symphonikern?

Nur wenige seiner Symphonien werden wirklich regelmäßig gespielt, und der letzte Beethoven-Zyklus liegt überhaupt schon 17, 18 Jahre zurück – er fand mit Vladimir Fedosejev im Konzerthaus statt. Im Musikverein müssen wir noch weiter zurückgehen, bis in die 1980er Jahre. Hier war es Georges Prêtre, der zuletzt einen Beethoven-Zyklus der Symphoniker dirigiert hat. Ich darf Ihnen verraten, dass ich damals zum ersten Mal in den Musikverein gekommen bin. Wir waren mit der Familie in Wien, über einen Feuerwehrmann durfte ich auf den Dienstplatz auf der Orgelseite. Für mich waren es lauter Premieren: zum ersten Mal erlebte ich Prêtre, zum ersten Mal die Wiener Symphoniker, zum ersten Mal live Beethovens Zweite und Achte – eine wichtige, einflussreiche Begegnung!


Gibt es andere prägende Beethoven-Begegnungen für Sie?

Als Pianist denke ich natürlich vor allem an die Sonaten. Das ist überhaupt ein ganz wichtiger Zugang zu Beethoven: Er war ja selbst Pianist und hat seinen Stil durch die Sonate entwickelt. Es ist faszinierend zu sehen, wie er in eigentlich allen drei großen Schaffensperioden bei der Klaviersonate ansetzt, dann die Innovation aufs größere Terrain der Symphonie ausweitet, um dann im Streichquartett wieder zu einer Verdichtung zu kommen.

Heißt das, dass die späten Quartette in Dimensionen gehen, die er als Symphoniker gar nicht erreicht hat?

Es setzt jedenfalls Schritte, die im Streben nach der Essenz in Extreme führen. Manche Quartette gehen ja schon in Richtung Webern: von der Radikalität der Form, von der Knappheit der Aussage, von der Intimität. Gut möglich, dass Beethoven als Symphoniekomponist nach der Grenzen sprengenden Neunten auch diesen Kurs eingeschlagen hätte. Was wir aus den Skizzen zu einer Zehnten Symphonie wissen, wäre kein Chor dabei gewesen – Beethoven wäre, lässt sich mutmaßen, auch hier zu einer bescheideneren, verdichteten Konzeption gekommen.

Der Eintritt der Singstimmen in die Symphonie, wie er sich in der Neunten vollzieht, hat ja wirklich etwas Revolutionäres. Gibt es dafür Vorboten?

Auf jeden Fall die „Missa solemnis“. Vom Geist und vom Gestus her, vom Satz, von der Behandlung des Chores – ich glaube, dieses Werk war sehr, sehr entscheidend für die Neunte Beethoven. Es finden sich ja auch ganz offenkundige Parallelen, denken wir nur an den Schluss des „Gloria“ und den Schluss der Neunten. Hier wie da diese – fast möchte ich sagen – Hysterie der Freude, der Verherrlichung.


Die Frage mag schon etwas abgegriffen wirken, die Gretchenfrage der Klassik: Wie halten Sie’s mit dem Originalklang?

Ich bin schon damit aufgewachsen. Der erste „Fidelio“, den ich gehört habe, wurde von Harnoncourt in Zürich dirigiert. Aber auch die große Klangtradition ist uns noch nahe. Und für die Symphoniker gilt: Wir sind ein Orchester mit modernen Instrumenten und mit einer gewissen Spieltradition. Ich fange deswegen nicht an, grundsätzlich senza vibrato spielen zu lassen oder historische Trompeten zu verwenden. Aber klar ist: Auch wenn wir auf modernen Instrumenten spielen, hat die Einsicht in die historische Aufführungspraxis viel gebracht. Wir spielen schlanker – außer bei der Neunten werden wir bei den Streichern nur eine 14er-Besetzung haben –, wir sind agiler, flexibler. Die Textur wird so viel klarer. Und siehe da: Mit einem solchen Zugang lassen sich auch Beethovens Metronomzahlen umsetzen, zum Großteil sind sie gut zu spielen.

Mit den Symphonikern haben Sie ja auch wieder eine Bach-Pflege begonnen, es gab bislang Aufführungen der „Matthäuspassion“ und der h-Moll-Messe mit Ihnen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Sicher gäbe es auch hier viel über Details zu sagen, über Besetzung, Klang, Phrasierung – aber was auffällt: Man redet immer über Stil bei Bach. Und kaum einmal über den Inhalt! Aber worum geht es denn in der „Matthäuspassion“? Da geht’s um Drama, Aussage, Botschaft. Was sagt uns diese Arie, dieser Chor? Ich vergleiche das immer mit einer Inszenierung in der Oper: Mir ist es im Grunde egal, ob eine Inszenierung auf historische oder moderne Kostüme setzt, wenn sie inhaltlich geführt ist. Und so verhält es sich in der Musik bei der Frage, welchen Klang man benützt. Der Klang ist eigentlich nur ein Kostüm. Das ist weniger erheblich, als wofür man ihn benutzt.


Wie lässt sich diese Überlegung auf einen Beethoven-Zyklus heute anwenden?

Ich finde, die Originalklangbewegung hat etwas ganz Entscheidendes bewirkt: Unsere Sichtweise auf die klassischen Werke hat sich grundlegend verändert. Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms sind keine Monumente mehr, keine in Marmor gemeißelten Idole, sondern in erster Linie und vor allem: Menschen.
Nikolaus Harnoncourt hat einen ganz wunderbaren Satz gesagt, der mich sehr beeindruckt hat. Es ging um die „Eroica“, eine Stelle am Schluss des ersten Satzes, in der die Trompete das Hauptthema nicht, wie man es zuvor gehört hat, nach oben führt, sondern überraschend nach unten. Spieltechnisch wäre es auch damals möglich gewesen, dass sie die obere Region erreicht, aber Beethoven leitet sie in die Tiefe. Und dazu sagte Harnoncourt: „Was mich interessiert beim Helden ist nicht das Siegen, sondern das Scheitern.“ Das war ein ganz toller Satz. Kurz vor der Zielgeraden schafft es der Mensch nicht, es geht nicht. Was sagt uns der Trauermarsch gleich danach? Und da wird Beethoven interessant, da wird er zutiefst menschlich. Und wenn jemand in diesem Sinn Mensch war, dann war es Beethoven: ein „Prometheus“ ja, aber kein Gott, kein Held. Sondern der ewig Zweifelnde, ewig Sich-Überwerfende, ewig Schaffende, ewig Suchende. Das macht ihn modern, das macht ihn zeitlos. Das ist der Beethoven, der uns heute anspricht.

Das Gespräch führte Joachim Reiber.
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

"Beethovens Musik ist offener, durchsichtiger und durchhörbarer – und damit auch heikler als die breiter orchestrierte Romantik. Das Pure und Klare ist die große Herausforderung: dieses Maß, dass nichts zu viel und nichts zu wenig ist."
Philippe Jordan

Philippe Jordan,

Chefdirigent der Wiener Symphoniker und Musikdirektor der Pariser Oper, zählt zu den bedeutendsten Dirigenten seiner Generation. 1974 in Zürich geboren, begann Jordan seine Ausbildung als Pianist, die er später mit einem kompletten Studium abschloss. Am Zürcher Konservatorium studierte er außerdem Musiktheorie und Komposition. Als 20-Jähriger trat er am Stadttheater Ulm seine erste Stelle als Kapellmeister an. Vier Jahre später wurde er Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, an die er – nach drei Jahren als Chefdirigent der Grazer Oper – als Erster Gastdirigent zurückkehrte. Heute leitet Jordan Spitzenorchester in aller Welt und dirigiert an Opernhäusern wie der Mailänder Scala, dem Royal Opera House Covent Garden London und der Metropolitan Opera New York. Zu den Bayreuther Festspielen kehrt er 2017 mit einer Neuproduktion der „Meistersinger von Nürnberg“ zurück. Der Beethoven-Zyklus, den Jordan nun mit den Wiener Symphonikern beginnt, wird auch auf CD festgehalten: Es ist die erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Symphonien in der Geschichte der Wiener Symphoniker.