Wunderkinder

Faszination und Gefahr

„Der Schneemann“ bringt Winterfreuden in den Kinderzyklus „Allegretto“. Aber er sorgt auch für Gänsehaut, wenn nicht gar ein leichtes Frösteln. Wie ging es eigentlich dem Komponisten, als er das Werk schrieb, dem erst elfjährigen Erich Wolfgang Korngold? Was war – und ist – das für ein Leben: ein „Wunderkind“ zu sein? Thomas Leibnitz hat sich dazu in der Musikgeschichte umgeschaut.

Als 1823 die Familie Liszt in Paris eintrifft, hat der zwölfjährige Sohn Franz bereits die Anfangsjahre seiner kometenhaften Karriere hinter sich: In Pressburg und Wien konnte er das Publikum mit seinem Spiel begeistern, und so peilt sein ehrgeiziger Vater Adam die nächste Etappe zielstrebig an, denn Paris gilt als unbestrittener kultureller Mittelpunkt Europas. Die Anmeldung des jungen Pianisten am Pariser Konservatorium scheitert allerdings. Dessen Direktor, Luigi Cherubini, nennt als Grund für die Ablehnung das Prinzip, dass an diesem Institut nur Franzosen aufgenommen werden könnten – doch es sickert auch ein emotionales Motiv durch: Cherubini mag keine Wunderkinder.

Kann das gerecht sein?

Wunderkinder faszinieren – und irritieren. Denn die Prinzipien, die für das Erreichen hoher Ziele gelten (Beharrlichkeit, Selbstdisziplin, Reife) sind hier in manchmal bestürzender Weise außer Kraft gesetzt: Ein Neunjähriger spielt mit einer Virtuosität, die ein – durchaus begabter – Dreißigjähriger trotz beharrlichsten Übens nicht erreichen kann, ein Dreikäsehoch löst mathematische Probleme, an denen sich ein Professor des Fachs vergeblich abarbeitet. Man hat schon ein wenig Verständnis für Salieri im „Amadeus“-Film Miloš Formans, der an der spielerischen Überlegenheit des jungen Mozart leidet und Gott bittere Vorwürfe macht: Er habe seine Gaben an einen Unwürdigen verschwendet und die elementarsten Prinzipien der Gerechtigkeit missachtet. Dass Salieri daraufhin jede Gelegenheit benützt, Mozart einzuschüchtern und zu beängstigen, bis hin zum tödlichen Ende, macht die packende Dramaturgie dieses Films aus, wenn dies alles auch mit dem historisch realen Salieri nur wenig zu tun hat.

Die Instanz dahinter

Stichwort Mozart – in ihm manifestiert sich unwiederholbar der Inbegriff des Wunderkindes. Und gleichzeitig wird im Falle Mozarts ein Aspekt deutlich, der in krasser oder abgeschwächter Form bei so gut wie allen Wunderkindern musikalischer Art zu bemerken ist: Sie fallen, was ihr Erscheinen in der Öffentlichkeit betrifft, nicht geradewegs vom Himmel. Es steht jemand hinter ihnen, der sie „pusht“, der ihre Auftritte lanciert und vorbereitet, der das junge Genie nach allen Regeln der Kunst vermarktet. In den meisten Fällen ist dies der eigene Vater, und Leopold Mozart mag hier als exemplarische Fallstudie herhalten. In der Mozart-Literatur besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich bei Leopold Mozart um einen zwar nicht genialen, aber durchaus befähigten und professionellen Musiker handelte, zugleich um einen Mann, der rationales Denken mit Sinn für Lebensrealität und Interesse an Weltereignissen zu verbinden wusste. Insgesamt keine schlechten Voraussetzungen für die Betreuung eines jungen Genies.

Mut zum Bruch

Wolfgang macht in der Folge den schwierigen Prozess durch, vom Wunderkind zum eigenständigen Erwachsenen zu reifen. Dass ihm dies gelingt, dass er nach den fast spielerisch erzielten Erfolgen der Wunderkindjahre mit hervorragenden Kompositionen zu überzeugen vermag, das zählt sicherlich zu den großen Leistungen seines Lebens. Der Vater freilich scheint im groß gewordenen Wunderkind weiterhin vor allem das „Kind“ gesehen zu haben: Er überhäuft ihn mit Gängelungen und Mahnungen, und als Wolfgang es wagt, entgegen väterlicher Weisung den Salzburger Dienst zu verlassen und Constanze Weber zu heiraten, erzeugt dies einen Bruch in der Beziehung, der sich nicht mehr vollständig kitten lässt.

Schwer verkraftbarer Druck

Ein Sprung in die Gegenwart. Der Weg in das Erwachsenwerden ist für ein hochbegabtes Kind der Mozart-Zeit schwer, und für ein Kind der Gegenwart nicht minder. Daniel Radcliffe, als Darsteller des Harry Potter in den millionenfach besuchten Filmen ein Kinderstar par excellence, wird mit fortschreitender Pubertät immer schlechter mit der Tatsache des Im-Mittelpunkt-Stehens und des ständig steigenden Leistungsdrucks fertig. Schwere Alkoholprobleme, eine Existenz am Rande des Abgrunds sind die Folge, wie er selbst freimütig im Rückblick zugibt. Der Verlust der Anonymität, bereits für einen gereiften Erwachsenen ein schwer verkraftbares Phänomen, stellt an die Psyche eines Jugendlichen härteste Anforderungen.

Gewalt im Kinderzimmer

Wunderkindpathos und Alkoholprobleme – unter diesen Auspizien stehen auch die Jugendjahre Ludwig van Beethovens, und die schwierige Psyche des großen Komponisten mag davon nicht unbeeinflusst geblieben sein. Die Alkoholprobleme betreffen allerdings nicht Beethoven selbst, sondern seinen Vater Johann, gegen den sich Leopold Mozart fast als Lichtgestalt ausnimmt. Unter Anwendung brutaler Gewalt macht Johann van Beethoven seinen Sohn zum Wunderkind, prinzipiell nennt er – aus Reklamegründen – ein niedrigeres Alter des Knaben als das tatsächliche. 1787 wird Johann van Beethoven wegen fortschreitender Trunksucht entmündigt, und sein sechzehnjähriger Sohn muss die Obsorge für die zahlreichen Geschwister übernehmen. Vom Wunderkind zum Familienerhalter – leicht war die Jugend Ludwig van Beethovens nicht.

Korngolds Knabenstücke

Unter den musikalischen Wunderkindern des 20. Jahrhunderts fallen dem Betrachter Namen wie Yehudi Menuhin oder Anne-Sophie Mutter ein, aber auch kompositorische Frühbegabungen wie Erich Wolfgang Korngold, bei dem das „Vater-Syndrom“ abermals eine wichtige Rolle spielt. Erich Wolfgangs Vater, der einflussreiche und scharfzüngige Musikkritiker Julius Korngold, erkennt das herausragende Kompositionstalent seines Sohnes und setzt sofort seine zahlreichen Verbindungen ein; der Knabe darf Gustav Mahler vorspielen, den Unterricht erteilt Alexander Zemlinsky. Einige Werke des Zwölfjährigen, die Pantomime „Der Schneemann“, die Klaviersonate op. 2 und sechs Charakterstücke zu „Don Quichote“ werden auf Wunsch des Vaters gedruckt und an hochrangige Komponisten und Dirigenten zum Zwecke der Qualitätsbewertung verschickt; es gehe nur um den „Zweck einer Feststellung“, doch wird ausdrücklich betont: „Sie sind von einem Knaben zum Teil mit elf, zum Teil mit zwölf Jahren komponiert.“ Die Adressaten, unter ihnen Richard Strauss, Arthur Nikisch und Hermann Kretzschmar, zeigen sich tief beeindruckt, und Strauss – selbst eine außerordentliche kompositorische Frühbegabung – schreibt in seiner Antwort: „Das erste Gefühl, das einen überkommt, wenn man hört, daß dies von einem elfjährigen Jungen geschrieben wurde, ist Schrecken und Furcht, daß ein solch frühreifes Genie auch die normale Entwicklung nehmen möge, die ihm so innig zu wünschen wäre. Diese Sicherheit im Stil, diese Beherrschung der Form, diese Eigenheit des Ausdrucks in der Sonate, diese Harmonik – es ist wirklich staunenswert.“

Das Glück der Normalität

Dass bei aller unzweifelhaften Begabung die Umtriebigkeit des einflussreichen Vaters bei Erich Wolfgang Korngolds frühen Erfolgen eine Rolle spielt, bleibt den zeitgenössischen Musikern nicht verborgen, und so machen in Wien bald Anekdoten die Runde, etwa die folgende: Zwei Musiker unterhalten sich über die Werke des Wunderkindes: „Ich höre, Sie spielen die Sonate des jungen Korngold – ist sie dankbar?“ „Die Sonate nicht, aber der Vater!“
Ist für Außenstehende das Auftreten eines Wunderkinds vorrangig ein sensationelles Ereignis, so überkommen einen Richard Strauss, der die Situation aus eigenem Erleben kennt, zunächst „Schrecken und Furcht“. Er weiß, dass Hochbegabung ebenso Geschenk ist wie Hypothek, ebenso Glück wie Gefahr. Sicherlich: Nicht jeder, den „die Götter lieben“, ist von Scheitern und frühem Tod bedroht. Es gibt auch glückliche Wunderkinder. Doch allen ist, den Worten Strauss’ zufolge, das wachsame Auge zu wünschen, das den Hochbegabten ein geglücktes Leben inmitten der bunten „Normalwelt“ ermöglicht.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien.

Der Schneemann im Brahms-Saal

Rückschau auf die Produktion von Walter Samuel Bartussek für unsere Allegretto-Kinder: Pierrot, ein armer Musiker, liebt Columbine, die von ihrem eifersüchtigen Vormund Pantalone so streng bewacht wird, dass die beiden jungen Leute kaum je zusammen kommen können. Da ergreift ein Schneemann die Initiative und beschließt zu helfen.

11 Jahre jung war Erich Wolfgang Korngold, als er die zauberhafte Geschichte verfasste und in Musik setzte, zur erfolgreichen Uraufführung in der Hofoper erschien auch Kaiser Franz Joseph. Zum 120. Geburtstag von Korngold wurden die Abenteuer des unternehmungslustigen Schneemanns neu aufgerollt.