Konkurrenz belebt die Musik

Von Duetten und Duellen

Nur eine bisschen muss man an den Buchstaben drehen – und schon wird aus dem „Duett“ das „Duell“. Die Varianten der Zweisamkeit liegen auch sonst nicht so weit voneinander entfernt, wie jetzt Cecilia Bartoli und Sol Gabetta zeigen. In ihrem Programm „Dolce Duello“ fliegen die Fetzen auf süßeste Weise.

Die Einigkeit ist auch da, die Harmonia, die Harmoniaaaa …“ Ja, sie wird oft bemüht und gern besungen: die Harmonie, die sich nirgends so hold aufs Menschenherz legt wie in der Musik. Chorsänger haben’s in der Kehle, die Musikliebenden in der Seele: Frau Musica, so heißt es, verscheucht den Zwist und stellt die Eintracht her. Es stimmt. Und stimmt auch nicht. Mehr als 120.000 Klicks fand jüngst ein Youtube-Clip aus der Wiener Staatsoper. Ein sehr berühmter Tenor ist hier zu sehen, der soeben eine sehr berühmte Arie vor einem sehr begeisterten Publikum wiederholt hat und nun auf seine irgendwie auch sehr berühmte Kollegin wartet, um wieder partiturgemäß in den Zwiegesang einzustimmen. Allein, er bleibt allein – die Dame erscheint nicht, und unter dem launigen Satz des Tenors „Non abbiamo soprano“ muss erst einmal abgebrochen werden. Was war da los? Ein Missgeschick des Inspizienten? Oder eine Missfallenskundgebung der Sopranistin – eine Art Kriegserklärung an den tenoralen Helden, der sich den Beifall gleich doppelt abgeholt hat? Wiens Publikum neigte zur zweiten Lesart. Gut verständlich: Denn ist nicht dies erst die Würze der Wonne? Dass unterm Wohlklang der Zwist sich rührt – und in der himmlischen Lust der menschlich.

Bedauerliche Differenzen

Die Geschichte der göttlichen Kunst ist voll von solchen Einwürfen des Menschlich-Allzumenschlichen. An der Metropolitan Opera New York, um ein bisschen davon zu erzählen, wurde das Duett zum Duell, als der Bariton Enzo Sordello seine Chance witterte, Maria Callas auszustechen. Der Diva ging auf einem Spitzenton der „Lucia“ die Luft aus, weshalb sie ihren Partner mit einem sanften Zupfen am Ärmel gebeten haben soll, seinerseits kürzerzutreten. Sordello dachte nicht daran und drehte jetzt erst so richtig auf. Wenige Tage später schickte ihm Operndirektor Rudolf Bing die Kündigung ins Haus – wegen „bedauerlicher Differenzen“.
Etwas anders gelagert war der Fall bei Puccinis „Turandot“, wieder an der Met. Hier ging die Sopranistin (Birgit Nilsson) daran, den Tenorissimo (Franco Corelli) mit einem gnadenlos ausgehaltenen Spitzenton niederzuschmettern. Corelli klaubte, was ihm an Ego geblieben war, zusammen und ging wütend von der Bühne ab. Hinter den Kulissen musste Bing jetzt alles aufbieten, um den Tobenden wieder auf Kurs zu bringen. Er schlug ihm vor, sich in der Liebeszene des nächsten Akts zu rächen, indem er sie ins Ohr beiße. „Das“, so Bing, „hob seine Laune ganz beträchtlich; die Idee gefiel ihm so gut, dass er Frau Nilsson davon erzählte, und das verschaffte ihm die gleiche Befriedigung, als ob er sie tatsächlich gebissen hätte, was Gott sei Dank nicht geschah.“ Ob Biss oder „bis“, gefletschte Zähne oder wiederholte Arie: Im Liebreiz des Gesangs steckt das Beziehungsdrama.

Die Lust am Match

Nichts unterhaltsamer, könnte man meinen, als ein Zweikampf: vor allem dann, wenn man nicht selbst im Ring steht. Das gilt für unabsichtlich eskalierende Zwistigkeiten ebenso wie fürs arrangierte Match. Die Lust daran durchzieht die Musikgeschichte. Gewiefte Opernimpresarios und geschäftstüchtige Konzertunternehmer bedienten sie ebenso wie höchste Herrschaften, die den Gästen in ihren Salons mit musikalischen Ringkämpfen aufwarteten. „A vous, allez-y!“ Mit diesem Ruf gab Kaiser Joseph II. 1781 selbst den Start zu einem Duell, bei dem Mozart und Clementi klavieristisch aufeinandertrafen. Die beiden, weiß die Geschichte, verstanden es spielerisch zu nehmen und lizitiertensich im Gleichklang hoch. Auf der Strecke blieb keiner. Etwas aus der Fasson geriet hingegen ein Kräftemessen, das ein italienischer Opernunternehmer zwischen dem Kastraten Farinelli und einem berühmten Trompeter arrangierte. Eine Arie mit obligatem Instrument bot den Stoff für das sich aufschaukelnde Virtuosenstechen. „Dieser Streit“, so eine zeitgenössische Quelle, „schien anfangs freundschaftlich und bloß scherzhaft, bis die Zuschauer anfingen, teil daran zu nehmen und sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.“ Szenen aus dem 18. Jahrhundert, in dem das Duell als Performanceform groß in Mode kam.

Auf den Kopf gestellt

Die Zeiten waren danach. Noch genügte ein Wink von oben, und die Musikanten hatten aufeinander loszugehen. Mit Beethoven änderte sich das. Er hegte, wie sein Biograph Jan Cayers schreibt, „einen ausgeprägten Widerwillen gegen diese Art von Zweikämpfen und versuchte sie möglichst zu vermeiden“. Der Kampf, den er im Jahr 1800 gegen den Berliner Pianisten Daniel Steibelt auszufechten hatte, markiert da einen zornig gesetzten Endpunkt. Es war, um es salopp zu sagen, Schluss mit lustig. Steibelt, der mit einer launigen Improvisation à la Beethoven ins Treffen gegangen war, musste sich’s gefallen lassen, dass Beethoven einfach die Cellostimme eines Steibelt-Werks vom Pult riss, sie verkehrt aufs Klavier-Notenpult legte und mit brachialer Genialität losimprovisierte. Steibelt, auf den Kopf gestellt wie vor den Kopf gestoßen, verzieh ihm das nie.
Mit Beethoven – das zeigt sich auch an dieser Episode – zog ein neuer Geist ein und damit ein neues künstlerisches Selbstverständnis. Ein Genius wie er ließ sich nicht mehr vorführen. Seine Nachfolger nahmen sich ein Beispiel daran. Undenkbar, dass sich ein Schumann oder Brahms zur Publikumslustbarkeit ins Duell begeben hätte. Nur die Virtuosen liebten noch den Kick. 1837 kam es in Paris zum Kampf der Klaviertitanen: Franz Liszt gegen Sigismund Thalberg. Die entzückte Zuhörerschaft, sagten viele, habe Thalberg den Sieg zuerkannt. Ein Bonmot gab der Geschichte dann eine andere Wendung. „Thalberg ist der erste Pianist der Welt.“ So weit, so gut. Und Franz Liszt? „Liszt – das ist der einzige.“

Ballernde Ehe- und Ehrenmänner

Was die Welt draußen, außerhalb der Musiksalons anging, brauchte es noch ziemlich lange, bis das Duell aus Männerhirnen verbannt war. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts schickten sich gehörnte höhere Herren an, ihre „Ehre“ mit Waffengewalt wiederherstellen zu wollen. Das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 nahm Rücksicht darauf und belegte den „Zweikampf mit tödlichen Waffen“ als Sondertatbestand mit geringerer Strafandrohung. Erst bei der deutschen Strafrechtsreform 1969 verschwand die Schonung ballernder Ehe- und Ehrenmänner aus dem Paragraphenwerk. Unglaublich eigentlich, denkt sich noch heute jeder, der mit Beklommenheit in Schnitzlers „Weitem Land“ sitzt – unglaublich, wie sich ein so bornierter Männercodex derart lange halten konnte …
Ist das Duell, auch in der Musik, ein Männerwerk? Ja und nein. Ja: weil sich im Länger-können-haben-Wollen Männerdenken spiegelt und weil zur Macho-Heldenepik eben auch das Siegenmüssen zählt. Und nein: weil es doch um anderes geht, wenn nicht das Blut strömt, sondern die Töne und die Klangkaskaden. Auf diesem Terrain mischen auch die Frauen munter mit. Selbst ein Zickenkrieg wird da zum Wohlgesang, wenn Madame Herz und Mademoiselle Silberklang zusammenprallen. Mozart zeigt es in seinem „Schauspieldirektor“.

Süß zur Sache

Im Musikverein tritt nun Cecilia Bartoli gegen Sol Gabetta an, der Mezzo- gegen den Violoncello-Star. „Dolce Duello“ nennen die beiden ihr Programm – augenzwinkernd genug, um gleich klarzumachen, dass es süß zur Sache geht. Wie sollte es auch anders sein? Hier treffen zwei Musikerinnen aufeinander, die ihr Können mit der großen Kunst der Kommunikation verbinden. Nicht egoistisch, sondern dialogisch. Beide, Cecilia Bartoli wie Sol Gabetta, sind Meisterinnen der Mitteilung. Freilich: Was man zu sagen hat, muss auch geschärft werden – am anderen! Der Widerspruch bringt weiter. Konkurrenz belebt die Musik. Und die spannendsten Duette sind wohl die, in denen das Duell steckt.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.