Gottfried und Friedelind

Fast eine Liebesgeschichte

Es war zweifellos auch der große Name, der ihn anzog: Bei den Bayreuther Festspielen 1938 kam der 20-jährige Gottfried von Einem der gleichaltrigen Wagner-Enkelin Friedelind freundschaftlich nahe. Fast wäre, protegiert von den Müttern, mehr daraus geworden. Doch was fragend-zart begann, nahm merkwürdig schroffe Wendungen. Und wieder war eine Mutter mit im Spiel.

„Kummer in Bayreuth“. Die Geschichte war dem „Spiegel“ 1954 einen großen Artikel wert, und auch sonst waren die Gazetten voll davon. „Die Schmuckaffäre der Friedelind Wagner“ schlug Wellen, und mit ihr, der Wagner-Enkelin, stand eine Grande Dame der Gesellschaft (wieder einmal) im Rampenlicht: Baronin Gerta Louise von Einem, die Mutter des Komponisten. Es ging um einen Gerichtsprozess, den die damals 65-Jährige gegen Friedelind Wagner angestrengt hatte. „Baronin von Einem“, so eine andere Titelzeile, „will 20.000 DM haben.“

Fast wie im „Ring“

Worauf gründete sich die Forderung? Friedelind Wagner, wurde behauptet, habe einen ihr 1940 anvertrauten Schmuck aus dem Besitz der Familie Einem unrechtmäßig veräußert und keinen entsprechenden Ersatz geleistet. Gottfried von Einem, von seiner Mutter in den Prozess gezogen, spielte eine wichtige Rolle in den Vorgängen, die nun zu verhandeln waren. Er hatte Friedelind damals in Zürich den besagten Schmuck übergeben, damit sie ihn mit ins Exil nach Amerika nähme und so bewahrte. Das war die Lesart der Einems. Friedelind Wagner setzte dagegen, dass ihr ein Verfügungsrecht zugestanden worden sei, auf das sie in der Not – und die machte sie geltend – hätte zurückgreifen dürfen. Die Beklagte verlor den Prozess und wurde im März 1954 vom Landgericht Bayreuth zur Zahlung von 5.000 Dollar und 80 Pfund plus Zinsen verurteilt. Eine Berufung wurde kostenpflichtig zurückgewiesen und das Urteil 1955 definitiv bestätigt.
Die Tilgung der Schuld übernahmen schließlich Friedelinds Brüder Wieland und Wolfgang. Eine Zeitlang – so sieht es auch Brigitte Hamann in ihrem Buch über Friedelinds Mutter Winifred – kam den männlichen Wagners der Prozess gegen ihre Schwester durchaus gelegen, trug er doch dazu bei, Friedelind im Kampf um die Festspielleitung auf Distanz zu halten. Dann aber kauften sie – fast eine „Ring“-Geschichte – die Schwester frei. Juristisch war der Streit im März 1957 beigelegt. So endete der Prozess einer alten Dame, in der Friedelind nur mehr „die alte Schachtel“ sehen konnte.

Muche, Maus und das Goldkind

Das las sich früher ganz anders. „Meine liebe Muche“ – so schrieb Friedelind, den Kosenamen für die Baronin gebrauchend, Ende September 1938 an Gerta Louise von Einem und erzählte vertraulich von ihren Wegen zwischen Zürich und Paris. Auch das „Goldkind“ (Gottfried) ließ sie herzlich grüßen, bevor sie, des Grüßens nicht genug, noch „viele tausend herzliche Grüsse (und) einen Kuss“ anfügte, „und von Herzen Dank – von Deiner Maus.“ Noch nicht lange lag da eine Reise zurück, die sie gemeinsam unternommen hatten: Friedelind, Gottfried und seine Mutter. Man hatte einander in Zürich getroffen. Von dort ging es noch am selben Tag weiter in die Festspielstadt Luzern, wo Toscanani, Friedelinds Idol, ein Konzert dirigierte. Tags darauf reiste man weiter nach Italien. Mailand, Venedig, Verona, Piacenza und Gardone waren Stationen der Tour, bevor sich, nach acht Tagen, die Wege trennten und Mutter und Sohn Einem ohne Friedelind gen Österreich fuhren.

Eine Art Mütterhilfswerk?

Was war der Zweck dieser italienischen Reise? Es habe sich, gab Gottfried von Einem später zu verstehen, um ein Verkupplungsprojekt seiner Mutter gehandelt. „Meine Mutter schickte damals alle Augenblicke ein Kammermädchen mit dem Auftrag zu uns hinauf, durch das Schlüsselloch zu spähen, ob sich etwas täte.“ Die jungen Leute hatten wohl getrennte Zimmer, aber mit offener Tür dazwischen. Es tat sich nichts, was dies anging, es blieb beim Konjunktiv. In seinen Tagebucheintragungen aber verwandelte Gottfried Frage- in Aussagesätze. „Liebe ich Maus?!“ (19. August) – „Weshalb verstehe ich nicht was Liebe ist?“ (28. August) – „Maus, ich liebe Dich doch, willst Du es nicht sehen.“ ( 29. August).
Gut möglich, dass auch Winifred Wagner nichts gegen den jungen Herrn Baron einzuwenden hatte und sie auf ihre Weise am Mütterhilfswerk beteiligt war. Für ihre schwierige Tochter hätte der Bayreuth-Assistent aus gutem Hause eine passable Partie sein können. Einem wurde jedenfalls in Augenschein genommen. Vor der Italien-Reise saß er auch privatim in Wahnfried und fand seinerseits, dass er „alle (…) um Tietjen und Frau Wagner genauestens“ kennenlerne.

„Im Traum war ich auch sehr lieb zu Dir“

Man traf einander bald darauf wieder, Anfang September 1938 in Bayreuth und dann noch in Berlin, und Gottfried von Einem glaubte mehr denn je, sich sicher zu sein. „Ich liebe Dich.“ (11. September). Und dann possessiv: „Meine Maus fährt ab.“ (12. September). Aber eben: Sie fuhr ab und schrieb ihm schon fünf Tage später aus Paris. Sie habe geträumt, berichtete sie ihm auf zartblauem Hotelbriefpapier, und „immer besonders schön! In diesem Falle habe ich von Dir geträumt, wir waren unterwegs auf einem Schiffe – ich sah Palmen, Sand, Pyramiden, blauen Himmel, grosse Hitze (…). Im Traum war ich auch sehr lieb zu Dir – dies fiel mir beim Aufwachen besonders auf!“
Hunderte Briefe von Friedelind habe er in einem Koffer aufbewahrt, erzählt Gottfried von Einem in seiner Autobiographie. Doch sie seien in den 1960er Jahren ohne sein Zutun vernichtet worden, allesamt verbrannt auf Geheiß seiner Schwiegermutter Gertrud von Bismarck. Was war es, das sie der Nachwelt vorenthalten wollte?
Briefe von Friedelind Wagner an Gottfried von Einem haben sich trotzdem erhalten – ein paar nur, die anderswo abgelegt waren. Sie sprechen eine berührend überschwängliche Sprache, schwingen seitenweise aus in funkelnder Fantasie und bersten vor Lebensdrang und Lebenshunger. Ist es nicht das Recht der Jugend, dass ihr die Welt offensteht? Die junge Frau kämpfte darum und nahm auch Gottfried hinein in ihre Vision eines freien Lebens. „Ich habe Sehnsucht + Heimweh nach London wie ein kleines Kind“, schrieb sie ihm im Oktober 1938 aus Paris. „Ob wir mal zusammen da sein werden??“

Das Erwachen in der Realität

Es hätte mehr werden können aus dieser Geschichte. Im Traum deutete es sich an, da „war ich auch sehr lieb zu Dir (…)“. Das Aufwachen stellte sich dagegen. Und mehr noch: das Erwachen in der Realität. Die Welt stand ihnen nicht wirklich offen. Wenn sie hinausgingen, so wie Friedelind, zahlten sie einen hohen Preis. Friedelind brach mit ihrem Elternhaus und schnitt sich den Rückzug in die Heimat ab, als sie über England den Weg nach Amerika in die Emigration antrat. Von einer „Naziüberzeugten“ hatte sie sich, so ihre Biographin Eva Rieger, „in eine dezidierte Nazigegnerin“ gewandelt. 1945 dokumentierte sie es vor aller Welt mit ihrem Buch „Heritage of fire“ (auf Deutsch: „Nacht über Bayreuth“).
Gottfried blieb. Kurz nach der Italien-Reise war seine Mutter in Gestapo-Haft genommen worden. Während ihr Schicksal ungewiss blieb, begann Einem seine Berufslaufbahn an der Berliner Staatsoper. Heinz Tietjen, Generalintendant der Preußischen Staatstheater und Künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele, war hier sein Mentor und Lehrmeister. Einems Mutter hatte das Arrangement eingefädelt.

„This world is highly dramatic – and there is little time for anything lyric – in art nor in life.“Friedelind Wagner

„Forget about Rilke“

Aus der Ferne nahm Friedelind feinfühlig Anteil an Gottfrieds Geschicken, auch an seinem künstlerischen. Im Frühjahr 1939 kam sogar die Idee einer gemeinsamen Oper auf. Sie sei entschlossen, ein Libretto zu schreiben, und am liebsten, fuhr sie typisch wagnerisch fort, würde sie auch gleich die Musik dazu komponieren, „aber ich suche ganz bescheiden nach jemand Würdigen und genug Begabten, um das zu vollbringen!! Wie steht’s?? (…) Ich werde jedenfalls mein Kunstwerk erst dir vorlegen. Aber es wird dramatisch – mit einigen lyrischen Stellen, aber sie sind nicht rilkehaft-dominierend!“ Auch von dieser Seite packte sie ihn. Er stecke, meinte sie, zu tief in den Spuren von Rilke, sei zu sehr aufs Lyrische fixiert. Wie problematisch das sein könne, zeige ihr Vater Siegfried. „Als Du mir vorspieltest, erinnerte mich so vieles an die Musik meines Vaters, der durch und durch Lyriker war + nie in dem rauen Zeitalter sich durchsetzen wird.“ Die Zeit brauche anderes. Davon war Friedelind voll überzeugt. „Just pull yourself together and forget about Rilke and your other idols“, rief sie ihm 1940 aus London zu. „This world is highly dramatic – and there is little time for anything lyric – in art nor in life.“

Friedelinds Intuition

Mit der Oper „Dantons Tod“ löste Gottfried ein, was Friedelind intuitiv in ihm vermutete und klug befördern wollte. Als die Oper 1947 zur Uraufführung kam, stand sie in den USA bereit, ihn und sein Werk dort zu bewerben und zu vermarkten. Ihre Pläne in diesen Dingen reichten stets weiter als ihr Realisierungsvermögen, aber klar ist: Die Verbindung zwischen Friedelind Wagner und Gottfried von Einem war durch den Krieg nicht abgerissen. 1953 trafen sie einander in den Festspielstädten Salzburg und Bayreuth. Ein Foto zeigt die beiden strahlend bei den Bayreuther Festspielen. Sie reiste zu seinem „Prozess“, der Aufführung seiner zweiten Oper, nach Salzburg. Und dann kam ihr Prozess: der von Gerta Louise von Einem. Am Heiligabend 1953 ließ sie Friedelind die Klageschrift zustellen. Jetzt ging’s ums Geld. Was galt da noch die zarte Spekulation von einst?

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber, Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“, ist Autor eines Buchs über Gottfried von Einem, das im November 2017 erscheint: „Gottfried von Einem. Komponist der Stunde null“.