„Er ist eine Kathedrale“

Riccardo Muti dirigiert Bruckner

Erstmals dirigiert Riccardo Muti Bruckners „Neunte“ in Wien. Aber nicht, wie von Bruckner vorgeschlagen, mit dessen „Te Deum“ als Finale, sondern mit Haydns g-Moll-Symphonie Hob. I:39 zu Beginn. Warum und wie Muti zu Bruckner gekommen ist, erläutert er im Gespräch mit Walter Dobner.


Maestro Muti, seit wann ist Bruckner für Sie ein Thema?

Zum ersten Mal beschäftigte ich mich mit Bruckner, als ich mir die Aufnahmen seiner Symphonien mit Eugen Jochum gekauft habe, das muss vor etwa 35 Jahren gewesen sein. Ende der 1970er Jahre hörte ich Karajan und die Berliner Philharmoniker mit der „Achten“ in London in der Royal Festival Hall, damals war ich Musikdirektor des Philharmonia Orchestra London. Es war eine fantastische Aufführung, der Idealfall von gemeinsamem Musizieren fast ohne Dirigieren. Das hat mir eine bisher nicht gekannte Welt von Bruckner eröffnet. Seitdem begann ich mich mit seinen Symphonien auseinanderzusetzen. Zuerst dirigierte ich die „Erste“ in der Linzer Fassung in Florenz. Später nahm ich die „Vierte“ und „Sechste“ mit den Berliner Philharmonikern auf. Die „Vierte“ steht diese Saison auch in Chicago auf dem Programm. Der Erste Hornist damals, in Berlin, war Norbert Hauptmann. Als ich vor wenigen Wochen für ein Konzert mit den „Berlinern“ wieder in der Stadt war, hat er mich besucht. Das hat mich sehr berührt, auch dass er sich noch so gut an diese Aufnahme erinnern konnte. Wenn man solche Freundschaft erfährt, bedeutet das, dass auch menschlich einiges gelungen ist. Das erwärmt dein Herz.


Wie ist es mit Bruckner weitergegangen?

Es folgte die „Siebente“ mit den Wiener Philharmonikern. Hier erinnere ich mich an eine Aufführung in Ravenna – da ist etwas entstanden, das ich nie vergessen werde. Während des zweiten Satzes – das Orchester spielte wundervoll – ereignete sich ein geradezu metaphysischer, magischer Moment. Ich war beeindruckt, sie spielten besser, als ich dirigierte! Was immer das ausgelöst hat: die Atmosphäre, die Energie um einen, das Publikum. Das lässt sich nicht erklären. Es war schöner, als ich es mir in meinen kühnsten Vorstellungen erträumen konnte, ein Wunder. Aber kaum hat man das erkannt, ist es schon wieder vorbei. Wahrscheinlich sind die Wiener Philharmoniker das einzige Orchester, das solche magischen Momente erschaffen kann. Und das ist ungleich mehr als nur schön, so etwas kann man nicht vorbereiten. Das bedeutet aber auch, es gibt etwas um uns, das nicht nur chemisch oder physikalisch ist.


Sehen Sie eine Verwandtschaft zwischen Bruckner und so manchen italienischen Meistern? Auch für sie hatte der Kontrapunkt ja eine große Bedeutung.

Weil Bruckner ein Organist war, kannte er nicht nur die deutschen, sondern auch die italienischen Barockkomponisten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch für die Werke von Alessandro Scarlatti, der einige Jahrzehnte vor Bach geboren wurde, zutrifft. Überhaupt hatten die großen Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts großen Einfluss auf sein Schaffen. Dass Bruckner so vieles wiederholt, er immer wieder auf bestimmte Entwicklungen insistiert, was manchem Hörer Schwierigkeiten bereitet, ist typisch für einen Organisten. Sein Stil lässt sich als romantischer Barock beschreiben, er ist ein Romantiker, kommt vom Barock, das macht seinen spezifischen Stil aus. Er ist eine Kathedrale.


Gibt es besondere Voraussetzungen für einen Bruckner-Dirigenten?

Vor allem muss man sich gut auf Kontrapunkt verstehen. Ich habe zehn Jahre Komposition studiert, war in dieser Disziplin einer der besten Studenten. Das ist zwar noch kein Pass, um ein guter Bruckner-Dirigent zu sein, aber ich weiß, wie man ein acht- oder zwölfstimmiges Chorwerk komponiert oder eine Fuge – und das ist wichtig, wenn man Bruckner aufführt. So begreift man auch, weshalb er plötzlich von einem vollen Orchester zu einer einzelnen Flöte wechselt. Das versteht man nur, wenn man mit einer bestimmten Art von Musik vertraut ist und auch das Bild desOrganisten Bruckner in St. Florian vor Augen hat, der hier die unglaublichsten Töne schafft, aber auch eine Musik in der Kirche, welche die Zeit aufzuhalten scheint. Ich hatte einmal eine heftige Diskussion mit einem amerikanischen Musiker, einem Mahler-Dirigenten, der mit Bruckner nichts anzufangen wusste. Sein Argument: Bei Bruckner fänden sich zu viele Brücken. Ich antwortete launig, dass es so viele Brücken in New York gibt, sogar eine Verrazano-Brücke. Aber sagen Sie dem Bürgermeister, Verrazzano schreibt sich nicht mit einem, sondern mit zwei z.


Warum jetzt die „Neunte“?

Sie und die „Achte“ sind besondere Symphonien, vor allem der letzte Satz der „Neunten“. Wir wissen um seine Schönheit, er bildet aber auch eine Brücke in eine andere Welt. Er ist schwierig aufzuführen, auch für das Orchester, vor allem von den Hörnern, die lange Töne zu spielen haben, wird viel verlangt. Es bedarf nicht nur einer guten Interpretation, sondern auch viel Glück. Trotzdem habe ich mich entschieden, sie aufzuführen. Zuerst in Chicago, wovon auch ein Live-Mitschnitt herausgekommen ist, und ich bin glücklich, sie nun in Wien zu machen. Ich habe bewusst gewartet, bis ich Erfahrungen mit anderen Bruckner-Symphonien hatte, darunter auch mit der „Zweiten“, die erst kürzlich als Mitschnitt von den Salzburger Festspielen herausgekommen ist. Die „Neunte“ ist nun in meinem Repertoire – aber es gibt Werke, die ich niemals dirigieren werde, wie Beethovens „Missa solemnis“.


Trifft das auch für die noch fehlenden Bruckner-Symphonien zu, etwa die „Achte“?

Nein, ich habe vor, nach und nach alle Bruckner-Symphonien zu dirigieren.


Kehren wir zur „Neunten“ zurück: Was macht sie so speziell für Sie? Dass sie mit einem Adagio endet, dass sie eine unvollendete Symphonie ist?

Ich denke, manche Symphonien sind deshalb unvollendet, weil sie bereits perfekt sind. Kann man sich etwa nach den beiden Sätzen von Schuberts „Unvollendeter“ einen dritten oder vierten Satz vorstellen? Auch nach diesem Adagio von Bruckners „Neunter“, finde ich, soll die Musik schweigen. Denn nach einer solchen Schönheit und Tiefe könnte alles trivial klingen, jedenfalls nicht notwendig.


Bruckner hatte eine andere Vorstellung: Er wollte als letzten Satz seiner „Neunten“, da er das Finale nicht mehr fertigstellen konnte, sein „Te Deum“.

Unglücklicherweise war Bruckner ein sehr unsicherer Mensch, er war daher sehr beeinflussbar durch Kollegen, Dirigenten, Schüler, Freunde. Deswegen liegen von manchen seiner Symphonien so viele Fassungen vor. Ich verwende die Nowak-Fassung der „Neunten“, denn seine Fassungen gehen auf den Punkt, er hat eine tolle Arbeit geleistet. Bruckner hat die „Neunte“ als Geschenk an Gott gedacht, und aus diesem Respekt heraus sollte sie gespielt werden.


Warum kombinieren Sie bei Ihren Wiener Konzerten mit den Philharmonikern Bruckner mit einer Haydn-Symphonie?

Manche spielen diese „Neunte“ alleine, denn sie ist lang genug. Aber Haydn, auch Mozart oder Schubert bieten eine ideale Einbegleitung in diese Welt.

Das Gespräch führte Walter Dobner.
Prof. Dr. Walter Dobner arbeitet seit mehr als vier Jahrzehnten als Musikpublizist und Kritiker, ist Autor mehrerer Bücher und Direktor der Wiener Hofmusikkapelle.