Balance der Extreme

Das Duo Kavakos / Wang

Gegensätze ziehen sich an. Erst recht, wenn sie von so eminenten Künstlerpersönlichkeiten kommen. Leonidas Kavakos und Yuja Wang, als „Weltstar-Duo der Superlative“ gefeiert, spielen am 17. Dezember wieder im Musikverein.

Seit 2013 spielen die beiden zusammen: der Geiger aus Griechenland und die Pianistin aus Peking, die in Amerika wurde, was sie ist, heute zu Hause in New York … Und Yuja Wang ist das Lieblingskind der PR-Branche, weil optisch wie kaum jemand ausbeutbar und „easy“ – zumal sie, sagt sie, nichts dagegen hat. Warum sollte sie auch? Man darf jedoch keine falschen Schlüsse ziehen und an der Erscheinung hängenbleiben. Alles hat nur sein Recht, weil so viel hinter der Fassade ist. Enorme Technik, virtuose Grenzenlosigkeit, stupende Versenkung, raffinierte Artistik, große Zugriffskraft – und dann ihr Darstellungswille: altersgemäß radikal. Das vielleicht noch Fehlende bei der heute Dreißigjährigen, die Dimension des „Lassens“ und Wachsens und Werdens, des Sich-Vergessens im Werk – die wird kommen, mit der Zeit …
Leonidas Kavakos dagegen, gerade fünfzig geworden, ist heute im Vollbesitz jener Dimension des Wachsens, auf die er lebenslang gebaut hat: auf vollendete Natürlichkeit bedacht, alles abgezogen vom Außen und alles in jeder Weise reflektiert bei höchster und nie zur Schau gestellter Virtuosität. Zudem: verwurzelt in seiner Herkunft, der heimat-lichen Volksmusik, dem Bildungsgut der Antike und vor allem der Poesie, deren Kraft er offenbaren will – immer spricht er vom Interpretationsvorgang als „Enthüllung“, damit der magische Moment entsteht, den Platon den „kairos“ nennt …
Welche Gegensätze. Und sie ziehen sich an.

Wie geht denn das zusammen?

Merkwürdig im wahrsten Wortsinne: die Andersartigkeit der Naturen stiftet, wenn diese Künstler zusammenkommen, die Einheit im Werk, in dem die Gegensätze zum Spannungsmoment werden; denn die Einheit, die uns entgegenströmt aus diesem Duo, hat nicht das Statische der Übereinstimmung, sondern das Prozessuale eines dialektischen Verhältnisses. Darin liegt das Faszinierende dieser Verbindung: dass die Werke durch dieses dialektische Verhältnis der Interpreten nicht sakrosankt erscheinen, sondern wie noch im Kompositionsprozess begriffen – als vollziehe man ihn mit. Für diese Musiker sind die Noten eben keine Module, sondern Motivation zum Entstehenlassen des Werkes: Kavakos introvert, grübelnd, der Atmosphärik verfallen und diese hochsinnlich entfaltend – Wang der Wirkung verschrieben, im Bann ihrer Persönlichkeit auf dem Weg von außen nach innen, am Werk demonstriert. Kavakos’ Ton eigentlich im schönsten Sinne bewusst romantisch, Wang elliptisch perfekt, radikal transparent … wie geht denn das zusammen? Des Rätsels Lösung: Sie passen sich nicht an, sondern hören nur aufeinander und bleiben, was sie sind. Hier wird nicht das berühmte Tertium als Amalgam gemeinsamer Erkenntnis gegeben, sondern werden die Gegensätze aufeinander bezogen. Das Tertium lässt man sich ereignen mit allem Risiko im Werk. Gewiss, das ist nicht jedermanns Begriff von Kammermusik, was sich da vollzieht; auch zeigen Aufnahmen, dass es keine Muster gibt, vielmehr immer viel Unabsehbares. Denn Ereignis ist’s auch, wenn beide sich nicht treffen und bei sich bleiben in gewissen Situationen des Werkes: Dann leben und zeichnen sie ihren „Abweg“, den das Werk auf so hohem Perfektionsgrad eben auch zulässt – wodurch wieder neues, lebendiges Licht auf dasselbe fällt.

Aufregende Kombinationen

Das Wiener Programm gehört vielleicht zu den aufregendsten Kombinationen, die das Duo weltweit bietet. Wie wirkt sich dabei nun der prozessuale Bonus der Interpreten aus aufs jeweilige Werk, vor allem, wenn dieses „Paar“ der Gegensätze noch mit radikal differierenden musikalischen Mentalitäten umzugehen hat und nationalen Stilen? Kavakos und Wang treten diese Farben nicht aus, sondern objektivieren sie geradezu; aber eben nicht akademisch, sondern durch Leidenschaft. Sie verschreiben sich der Botschaft, nicht so sehr der Stimmung: So sind es die emotionalen Höhepunkte, ja Krisenmomente der Werke, die sie mit ganz persönlichem Zugriff ausreizen. Janácˇek: Emotion, Struktur, Signale statt Kolorit. Debussy: durchaus entzärtlicht, aber klangsinnlich gestaltet, doch strukturbesessen. Bartók: das ungarische Idiom von Kavakos auf der Geige spiritualisiert, gemeinsam aber auf Explosion des Expressiven zielend. Und dann Schubert, die späte Geigenfantasie. Wie denn geht das Duo endlich um mit intimster Bekenntnismusik?

Bekenntnis und Meta-Ebene

Was also – auch so kann man hier fragen –, wenn inhaltlich die heikelstmögliche Musik einer der Naturen, hier Kavakos’, explizit kongruent ist? Hier ist es das Balanceprinzip, das durch die Klugheit beider Künstler siegt, und ihr Rezept: Sie geben weder sich auf noch gleichen sie sich an, sondern der eine hört auf das Eigene des anderen und integriert es, besser: kommentiert es mit seiner Andersart. Und so wird zur reflexiven Ebene etwa der Brahms’schen Geigensonaten, dieser hochkomplex lebensgeschichtlich beladenen Bekenntnismusiken, eine Meta-Ebene hinzugewonnen in Gestalt eines innermusikalischen Dialoges der Interpreten in ihrer jeweils offenbarten „Meinung“ zur musikalischen Figur und Aussage. Vielleicht macht das die Brahms-Sonaten, mit denen die beiden um die Welt zogen und die nun in hochgelobten Aufnahmen vorliegen, so „magisch“ … Brahms’ „Nachklang“-Gestik, seine unerhörte Distanz, die Gedankenfracht – Kavakos löst sie ein, Wang aktualisiert sie und übersetzt sie gewissermaßen auf uns heute.

Kollision und Konklusion

Noch eine Stufe delikater aber eben Schubert, und am gefährlichsten jene große Geigenfantasie. Hier geht es, und das expressis verbis, ums Lied als Zelle – dieses unsagbare Rückert’sche „Oh du Entrissne mir und meinem Kusse“, das thematisiert, variiert und als tragische Sphäre umspielt wird. Schon in den Brahms-Sonaten sind es Lieder des unüberwindbaren Liebesverlustes, allerdings verschwiegene, die das musikalische Geschehen ausmachen, bei Schubert direktes Zitat der verzweifelten Wahrheit. Die Interpretation der beiden „Naturen“ – so ist zu spekulieren – kann nur ein aufregendes Ereignis der Kollision werden: weil Kavakos diesen ganzen Hintergrund gleichsam „de profundis“ spielen wird und Wang ihn emotional kommentieren dürfte am Klavier, an Schuberts Instrument – denn er war doch auch „Pianist“. Einen Vorgeschmack bieten da Wangs Interpretationen von Liszt-Bearbeitungen Schubert’scher Lieder, drei finden wir in Aufnahmen: „Erlkönig“, „Auf dem Wasser zu singen“, „Gretchen am Spinnrad“. Wir müssen nur das Letztere hören: Wang spielt die Deutung des Liedes durch Liszt, eine romantische Aktualisierung durchaus, und offenbart dabei virtuos die Totalität der Emotion, die Liszt ins Dämonische steigert; das Lied bleibt für sie Material, Inspirator – und ist damit irgendwie „vorbei“ –, seine Armut vorbei, seine tragische Bescheidenheit, sein Innerstes; vorbei auch gewissermaßen der Dichter, immerhin Goethe. Wang wird ihn irgendwann wieder zurückholen: „zurück zu Goethe“ …
Ja, nun kommen diese Ansätze aus zwei Welten also zusammen in der Schubert’schen „Fantasie“. Was da bevorsteht, kann nur eines sein: Abenteuer! Und so muss Musik sein, „live“, unkonserviert. Kurzum: wahr! „Hier wird’s Ereignis“ – wer sagte das gleich? Beim selben Klassikgründer lesen wir: „Sind es zwei, die sich erlesen/ Dass man sie als Eines kennt?“

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.