Weichenstellung fürs Vergnügen

Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter

„Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“. Kaum sonstwo haben die k. u. k. Käuze ein komischeres Kompendium gefunden als in Fritz von Herzmanovskys kuriosem Drama. Um es spielbar zu machen, braucht man Können, Witz und Fantasie. Oder ganz einfach: die Familie Schwertsik-Stemberger.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. So lautet einer der berühmtesten „ersten Sätze“ der Weltliteratur. Tolstoi stellt diese Behauptung an den Anfang von tausend Seiten „Anna Karenina“.
Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich? Nein, eine Familie ist auf ihre ganz spezielle, unvergleichliche Weise glücklich: Sie findet ihr Glück darin, gemeinsam und ohne fremde Unterstützung ein Stück mit rund fünfzig Rollen musikalisch und (halb)szenisch für eine Aufführung im Musikverein einzustudieren!
Julia Stemberger schwärmt: „Es ist ein wunderbares und intensives interfamiliäres Erlebnis. Ich kenne niemanden so gut wie meine Familie und lerne sie dabei noch besser kennen. Die Probenarbeit ist natürlich nicht immer einfach. Man muss die Bälle in der Luft halten. Dabei ist viel Spaß und bleibt auch Zeit zum Blödeln.“

Kurzweilige Langversion

Vier Mitglieder der Familie Schwertsik-Stemberger – Kurt und Christa Schwertsik, Julia und Katharina Stemberger – haben den Probenprozess im Frühjahr begonnen und sich den ganzen September für die Intensivphase reserviert.
Nach  der Operette „Mikado“ und der Groteske „Abduhenendas missratene Töchter“ gilt die neueste Familienproduktion einem vielzitierten, doch selten gespielten Klassiker der österreichischen Literatur. Die Vier werden Herzmanovsky-Orlandos parodistisches Spiel in drei Akten „Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“ sprechen, singen, tanzen und musizieren.
Vor fast vierzig Jahren wurde zur 850-Jahr-Feier der Stadt Graz im Rahmen des Steirischen Herbstes erstmals die dreiaktige Originalfassung des Stückes gespielt, eingerichtet und unter der Regie von Peter Lotschak, die Musik stammte von Kurt Schwertsik. Und nun beschäftigt er sich jenseits der achtzig neuerlich mit diesem Werk: „Wir machen nicht die Torberg-Fassung, sondern die Langversion. Ich verwende die Musik von Graz, habe sie aber erweitert und manches auch völlig neu komponiert: Der Mörder kriegt eine Arie, und außerdem ist das Duett von Schnopfi und Burgl dazugekommen.“ Und Christa Schwertsik setzt nach: „Ich habe mich durchgesetzt und ein paar volksmusikalische G’stanzeln aus meiner Jugend eingebracht.“
Im Rückblick auf die Arbeit seiner Frau resümiert der Komponist: „Es hat Christa sehr viel Vergnügen bereitet, diese Zweistundenversion herzustellen – für drei und eine Person.“ Vom Harmonium liefert er bei der Aufführung Orchester und Erzählstimme, außerdem wurde ihm eine Rolle zugedacht: der königlich großbritannische Botschafter Lord Percy Fairfax Fitzroy Hobgoblin, der schlussendlich dekretiert, dass die Eisenbahn erst später in England erfunden werden soll. „Consequently is hiemit natierlich verboten the Eisenbahn in Austria.“
Alle anderen Rollen sind auf die drei Damen verteilt. Julia Stemberger: „Ich bin der Kaiser Joseph, und meine Schwester Katharina ist die Bahnwärterstochter.“ Für die komplizierte Rollenverteilung ist ihre Mutter, Christa Schwertsik, zuständig, die lange über einem großen Raster gebrütet und schließlich das aufwendige Puzzle zusammengefügt hat.

Altösterreichs Who’s who

Fritz von Herzmanovsky-Orlando hat seine überschäumende Phantasie in das schier endlose Personenverzeichnis investiert, sodass dessen Lektüre zum kauzig-köstlichen Vergnügen wird. Streng gegliedert nach ständischen Kriterien, wie es im Altwiener Volkstheater selbstverständlich war: von „Allerhöchsten Herrschaften“, deren es nur eine gibt, nämlich den Kaiser Joseph II., über den „hohen Adel“, darunter die Obersthofmeisterin Gräfin Primitiva von Paradeysser, dann die „Hofgesellschaft“, zum Beispiel den Zeremoniendirektor Dagobert Pappelberg Edlen von Kaiserhuld und zu Pappelhorst, und aus der „zweiten Gesellschaft“ Ignazette Freiin von Zirm, née Scheuchengast, aus dem Hause der Scheuchengast-Scheuchengast, fälschliche auch Eynöhrl genannt. Aus dem „ordinären Mittelstand“ kommt die beleibte Witfrau Gackermeier Leopoldine, aus dem „Volk“ der kaiserlich erbliche Bahnwärter Zwölfaxinger Alois an der Bahnstation in Wuzelwang am Wuzel mit seinen Töchtern Innozentia und Notburga.
Den Vogel schießt aber Innozentias heimlicher Verlobter Franz Teuxelsieder ab als „Hilfsheizerstellvertretersanwärtersubstitutengehilfe ohne Gebühren“ – wenn er nicht gerade, wie alle Bahnstreckenarbeiter in diesem Stück, als Wilderer Gämsen abschießt. Den Personenreigen beschließt „aus dem Abschaum“ der Räuber und Verschwörer Rinaldo Rinaldini, auf der sommerlichen Erholungsreise begriffen.
Ein Glück, dass ein erheblicher Teil davon stumme Rollen sind und die Figuren aus dem „Reich der Täuschungen“ (dabei ein k.k. Doppeladler und ein Apfelschimmel mit Federbausch) alle ausgestopft.

Postkakanische Parallelaktion

Und wie spielt man das zu viert? „Wahrscheinlich werden wir es mit Requisiten und Hüten verdeutlichen“, meint Julia Stemberger. Der Komponist beruhigt: „Ich stelle alle Personen vor. Das Publikum wird sich schon auskennen.“
Ähnlich komplex wie die Personalstruktur ist die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Groteske, die ihre Abstammung von der Altwiener Posse mit Gesang nicht leugnen kann. Die Aussagen Herzmanovsky-Orlandos dazu sind widersprüchlich. Das Burgtheater habe ihn in den dreißiger Jahren um ein humoristisches Zugstück für die populäre Alma Seidler gebeten. Raoul Aslan habe sich dann für die Rolle des Kaisers interessiert. Ein Aufführungstermin fand sich nicht. Daher bot der Autor das Stück parallel verschiedenen Theatern und Verlagen an und erntete höflich formulierte Absagen. „Messerscharfe Ironien würzen das lustige Ragout, aber der Dialog ist da ein Millionär, die dramatische Handlung ein Bettelmann“, hieß es vom Münchner Schauspielhaus. Der Lektor des Langen-Müller Verlages befand nach einem Lob über den Humor des Stückes: „Das eigentliche Thema im Ganzen reicht doch nicht aus, um drei lange Akte mit immer gleich bleibender Frische zu füllen. So scheint mir ein größerer Teil des dritten Aktes eigentlich das vorher Angeschlagene ohne eigentlich Steigerung zu variieren. Erst die glänzende Schlusspointe des dritten Aktes bringt etwas Neues.“

Verschlossene Burg, geöffneter Blick

1937 kam das fünfaktige Drama „Kaiser Joseph II.“ von Rudolf Henz mit Aslan in der Titelrolle auf den Spielplan des Burgtheaters. In den Worten des gekränkten Herzmanovsky-Orlando: „Da wurde von Oben ein frommes Josefstück mit Sterbeszene vorgeschrieben, und mein heiterer Josef wurde zurückgeschoben.“ Nach dem Krieg gab er abwechselnd dem Ständestaat und dem Nationalsozialismus die Schuld an der zu seinen Lebzeiten nicht zustandegekommenen Burg-Uraufführung.
Bis zu seinem Tod 1953 hatte Herzmanovsky-Orlando mit der Verwertung seines schriftstellerischen Werkes wenig Glück. Das Blatt wendete sich schließlich durch die Bekanntschaft mit Friedrich Torberg, von dem auch die beste Charakteristik stammt: „Fritz von Herzmanovsky-Orlando, väterlicherseits von wienerischer und mährischer Abstammung, mütterlicherseits von italienischer und byzantinischer, war schon in früher Jugend den schönen Künsten  verfallen – was den Kindern österreichischer Beamtenfamilien nicht selten widerfährt und ihnen manchmal die aussichtsreichsten Karrieren verpatzt. Er war ein Amateur im edelsten und ursprünglichen Verstand des Wortes, ein Liebhaber nicht aus Neigung, sondern aus Phantasie.“

Der Kaiserhof
im Gläsernen Saal

Posthum verhalf der Theaterkritiker und -praktiker dem Amateur zum Erfolg: Er bearbeitete die dramatischen Werke aus dem Nachlass für Druck und Bühne. Die dreiaktige Groteske wurde zum parodistischen Spiel mit Musik in einem Akt und kam im Jänner 1957 an den Münchner Kammerspielen zur Uraufführung (mit Fritz Eckhardt als Bahnwärter und Otto Schenk als Hilfsheizerzstellvertreter usw.), die nächste Inszenierung folgte nur einen Monat später im Wiener Akademietheater mit Josef Meinrad und Inge Konradi in den Titelrollen.
Erst zwanzig Jahre später gelangte, wie schon erwähnt, die dreiaktige Original-Fassung in Graz auf die Bühne. Durch den Komponisten Kurt Schwertsik – 1977 wie 2016 – schließt sich der Kreis zur bevorstehenden Premiere im Gläsernen Saal.
1935 hieß es im ablehnenden Schreiben des Münchner Schauspielhauses: „Es bedürfte, um das Spiel in seiner ästhetischen Spannung und mozartischen Närrischkeit auf der Bühne zu verwirklichen, einer kostümlichen, tänzerischen decorativen musikalischen! Ausstattung, die sich eigentlich nur ein den Musen geneigter Kaiserhof leisten könnte.“
Am 4. November wird  die tänzerisch-musikalische Seite nichts zu wünschen übrig lassen, und wenn das geneigte Auditorium die kostümlich-dekorative Ausstattung in seiner Phantasie ergänzt, wird das Vergnügen daran ein wahrhaft kaiserliches sein.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.