Was das Herz schlagen lässt

Robin Ticciati

Vor knapp drei Jahren gab Robin Ticciati mit dem Scottish Chamber Orchestra sein fulminantes Musikvereinsdebüt. Am Pult des London Philharmonic Orchestra und mit Anne-Sophie Mutter als Solistin kehrt er nun in den Goldenen Saal zurück.

„Wien! Diese Stadt ist wunderbar, sie versetzt einen in Staunen“, sagt Robin Ticciati strahlend. „Ich bin sehr glücklich darüber, hier zu Gast zu sein. Wenn man als Musiker durch die Straßen geht, spürt man so vieles mitschwingen, da ist man unwillkürlich berührt von all den musikalischen Bezügen in die Vergangenheit.“ In Gedanken beim Musikverein, fügt er hinzu: „Egal wie oft man in diesem Saal Musik macht: Es fühlt sich jedes Mal neu und besonders an.“

Mit ausgebreiteten Armen

Ticciati, 33 Jahre jung, blickt mit großer Vorfreude seinem nächsten Musikvereinsgastspiel entgegen. Das Lächeln des in London Geborenen und in Cambridge Ausgebildeten ist breit wie die Themse. Sein italienischer Name geht übrigens auf den Großvater zurück, der ebenfalls Dirigent war. Was Ticciati über Wien sagt, lässt sich leicht auf ihn selbst münzen. Mit seinen wunderbaren Interpretationen versetzt er die Musikwelt seit mehreren Jahren in Staunen. Er hat auch etwas von dem ansteckenden, charismatischen Enthusiasmus Sir Simon Rattles, eines seiner Mentoren; ein anderer war der späte Sir Colin Davis.
„Ich bin in der glücklichen Lage, von zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten gelernt zu haben, von zwei großartigen Menschen“, begeistert sich Ticciati. Auf Sir Colin traf er in der letzten Schaffensphase des großen Maestro. „Er hat mich gelehrt, was es bedeutet, dass der Dirigent selbst keinen Klang erzeugt. Deshalb ist Vertrauen so wichtig. Es geht darum, die Arme auszubreiten als Einladung an die Orchestermusiker, in die Musik all ihr Können und ihre Überzeugungen hineinlegen zu lassen. Simon wiederum ist ein akribischer Ergründer der Partitur mit einer geradezu unstillbaren Freude an Konversation und an Verbundenheit mit dem Rest der Welt. Er scheint zu vermitteln, dass Musik dazu da ist, gegen jegliche Zwänge oder Gewalt anzutreten.“

Tägliches Brot

Obwohl Robin Ticciati keine professionellen Musiker als Eltern hat, erlebte er eine Kindheit, in der die Musik allgegenwärtig war. „Sie war ein natürlicher Teil des Lebens, ein tägliches Brot“, erinnert er sich. „Und irgendwann fand ich mich mit einer Geige unterm Kinn wieder.“ Auch sein Bruder studierte Violine und ist heute ein erfolgreicher Solist. Die Schwester lernte Violoncello und Klavier.
Robin Ticciati war 13 Jahre alt und spielte im National Youth Orchestra of Great Britain, als er zum ersten Mal das Verlangen verspürte zu dirigieren. „Mir wurde klar, dass ich mit der Geige allein nicht so nah an die Musik herankommen kann, wie ich es mir wünschte. Ich will die großen Geschichten erzählen, ich will Menschen führen, ich will für die Musiker meine Arme öffnen und sie hineinlegen lassen, was sie musikalisch geben können. Das Dirigieren wurde damals zu einem festen Wunschziel, das ich mit Konsequenz und Hingabe erreichen wollte.“

Entscheidende Schritte

Als Student des Clare College in Cambridge begann Ticciati, studentische Gelegenheitsformationen zu dirigieren. Eine größere Herausforderung ließ allerdings nicht lange auf sich warten: „Während meines ersten Jahres – ich war 18 – kam jemand auf mich zu und fragte mich, ob ich ,Così fan tutte‘ dirigieren möchte.“ Seine Studienjahre, sagt Ticciati, waren „eine fantastische Zeit“, in der er in Ruhe und mit aller Freiheit experimentieren konnte. Von der Möglichkeit, sich in Konzerten zu erproben und die Dynamik von Aufführungen zu ergründen, ohne Beurteilungen ausgesetzt zu sein, profitierte er beträchtlich.
Entscheidende Schritte auf seinem Weg nach oben waren ein Einspringen für Charles Dutoit bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Jahr 2005, die Berufung zum Music Director beim Scottish Chamber Orchestra 2009 und im vergangenen Jahr beim prestigeträchtigen Glyndebourne Opera Festival, dessen Touring Company er bereits zuvor geleitet hatte. Inzwischen ist Robin Ticciati auch designierter Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, bei dem er beginnend mit der Saison 2017/18 die Nachfolge von Tugan Sokhiev antreten wird.
Auch in Wien ist Ticciati längst kein Unbekannter mehr. Er hat hier unter anderem mit seinem schottischen Orchester und dem Mahler Chamber Orchestra konzertiert und die Wiener Symphoniker dirigiert. Sein kommendes Gastspiel im Musikverein ist Teil seiner ersten Konzerttournee mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Residenzorchester in Glyndebourne, Solistin ist keine Geringere als Anne-Sophie Mutter. Und das Programm verspricht musikalische Höhepunkte des 19. Jahrhunderts: Schumanns Ouvertüre „Manfred“, Mendelssohns Violinkonzert und Dvo®áks Symphonie „Aus der Neuen Welt“.

Alle Schattierungen

Mit dem London Philharmonic Orchestra verbindet Ticciati mittlerweile eine enge Beziehung durch die gemeinsame Opernarbeit in Glyndebourne. „Nach vierzehn Aufführungen des ,Rosenkavalier‘ kennt man einander wirklich“, hält er fest. „Das Orchester hat Freude, Ekstase, das Weiße meiner Augen und alles, was dazwischenliegt, gesehen – höchst konzentriert und komprimiert.“
Die Verbindung unterschiedlicher Einflüsse im Orchester begeistert ihn. „Sie verkörpern für mich diesen reichen, mitteleuropäischen Klang, der zwischen den Noten so dunkel und so ,espressivo‘ sein kann. Wenn der Streicherklang so richtig aufgeht, ist das absolut faszinierend. Bei den Blechbläsern verbindet sich die britische Bläsertradition mit den dunkleren Schattierungen des eher mitteleuropäischen Klangs. Und dann die Holzbläser: Ich erlebe hier eine Balance aus Präzision, großem Ensemble und Kammermusik – sie spielen wie eine Stimme, bewahren und zeigen dabei aber auch ihre individuellen, solistischen Qualitäten.“

Worum es gehen kann

Im Wiener Programm ist Robin Ticciati Dvo®áks Neunte Symphonie ein besonderes Herzensanliegen. „In diesem Werk liegt eine solche Dunkelheit“, erklärt er. „Es ist durchdrungen von einer geradezu dämonischen Dunkelheit – fast opernhaft im Wechselspiel von Licht und Schatten.“ Er suche, sagt Ticciati, eine unverwechselbare Klangwelt für jedes Werk, stets im Bewusstsein um die Einflüsse, die auf den Komponisten einwirkten, aber auch jene, die zwischen den Komponisten wirkten. „Für mich ist es spannend herauszufinden, wie die Komponisten in Verbindung standen und welche oft gänzlich unterschiedlichen Wege sie einschlugen. Das Wiener Programm besteht aus zentralen Werken des 19. Jahrhunderts, ihre Welten könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein.“
„Etwas, worüber ich viel nachgedacht habe“, fügt er hinzu, „ist die Frage, weshalb wir das machen: weshalb wir bestimmte Musik spielen und kombinieren. Weshalb bringen wir in einem Programm drei Komponisten zusammen? Es dient nicht allein der Unterhaltung, und es hat nicht nur den Zweck, Menschen mit Musik zu berühren. Es geht auch darum, herauszufinden, wo wir heute in der Welt stehen, wer wir als Menschen durch diese Musik sind. Die großen Komponisten und die großen Werke, Proben und Aufführungen, die Wechselwirkung zwischen Publikum und Ausführenden – all dies kann vielleicht hilfreich sein beim Versuch, ein Gespür für das Befinden der Menschheit zu erlangen.“

"Die großen Komponisten und die großen Werke, Proben und Aufführungen, die Wechselwirkung zwischen Publikum und Ausführenden – all dies kann vielleicht hilfreich sein beim Versuch, ein Gespür für das Befinden der Menschheit zu erlangen."
Robin Ticciati

Erkenntnis und Erleichterung

Wenn Ticciati als reflektierter Mensch erscheint, der sich in seinem künstlerischen Wirken auch mit existenziellen Fragestellungen auseinandersetzt, ist das kein Zufall. Anfang des Jahres erlitt er während Proben in München einen Bandscheibenvorfall und musste sich einer Operation unterziehen. In der Folge war er gezwungen, eine Reihe von Engagements abzusagen, auch die gesamte Festivalsaison in Glyndebourne. Erst Ende August konnte er nach langsamer Genesung wieder aufs Podium zurückkehren. Während dieser für ihn schwierigen Zeit hatte er auch die Chance, sich neu auf seine Kunst einzulassen, zu überdenken, wo er steht, wo er stehen möchte und wie er seine weitere musikalische Reise angehen will. Immerhin befindet er sich noch in einem frühen Stadium seiner Laufbahn.
Nun, bei einem Gespräch in einem Café im Südwesten Londons, wo er wohnt, wirkt er bereit und begierig, sich einzulassen auf das, was im Leben und in der Kunst auf ihn zukommt – mit grundlegend überdachten Visionen. „Getting back in the saddle“ oder „getting back on the horse“ – Wendungen wie diese würden, überlegt Robin Ticciati, allzu gern bemüht. „Ich habe bald erkannt, dass es zuallererst ein anderes Pferd sein muss. Und dann muss ich ein anderer Reiter sein. Das ist eine erschütternde Erkenntnis und bedarf einer ebensolchen Veränderung. Jetzt empfinde ich unsagbar große Dankbarkeit und Erleichterung, dass ich wieder Musik machen darf. Denn das ist es, was mein Herz schlagen lässt.“

Jessica Duchen
Jessica Duchen, Musikpublizistin und Autorin in London, schreibt für die Tageszeitung „The Independent“. Sie veröffentlichte Bücher über Gabriel Fauré und Erich Wolfgang Korngold und eine Reihe von Romanen.