Wahre Liebe

Alison Balsom und die Trompete

Solistische Trompeter sind in der klassischen Musikszene äußerst rar, Trompeterinnen erst recht. Seit eineinhalb Jahrzehnten mischt eine Engländerin in der höchsten Solistenliga mit: Alison Balsom. Mitte November gibt sie mit dem Trompetenkonzert von Johann Nepomuk Hummel ihr Musikvereinsdebüt.

Mitte der 1980er Jahre, die hohe Politik war sich des Wertes von Kunst- und insbesondere von Musikunterricht an Schulen noch bewusst, kam es in der Grundschule von Royston, Hertfordshire, nördlich von London zu einem Ereignis, das für eine siebenjährige Schülerin richtungweisend werden und in weiterer Folge für die Klassikszene Bedeutung haben sollte: Alison Balsom verliebte sich in die Trompete.
Wie alle anderen Schulkinder durfte auch sie sich ein Instrument aussuchen, das sie spielen wollte. Die Trompete – Aussehen und Klang gleichermaßen – zog das Mädchen unwillkürlich in Bann. Keine Frage: Die Trompete musste es sein.

Erwünschte Nebenwirkungen

„Ich habe mich mit der Trompete sofort als Einheit empfunden, und in all den Jahren habe ich nie an diesem Instrument gezweifelt“, sagt Alison Balsom. Sie stammt nicht aus einer musikaffinen oder gar einer Musikerfamilie. „Wäre ich einige Jahre später geboren worden, gäbe es mich nicht als Trompeterin“, ist sie überzeugt. Denn mittlerweile wurden in England, wie in vielen anderen Ländern auch, die Musikstunden an Schulen auf ein Minimum reduziert oder ganz gestrichen.
Nicht zuletzt ihrer eigenen Geschichte wegen erhebt Alison Balsom ihre Stimme, wann immer es um die Bedeutung von Musik und Musikunterricht für Kinder geht, auch wenn freilich nicht aus jedem ein Berufsmusiker werden muss. „Da geht es um Selbstdisziplin, Selbstbewusstsein, den Umgang mit anderen Menschen, darum, wie man sich selbst ausdrückt, um Konzentration, auch darum, wie man sich in anderen Bereichen konzentrieren kann, zum Beispiel in Mathematik. Der Gedanke, dass musikalische Bildung nicht unmittelbar zu einem Job führt und daher nicht wichtig sei, ist sehr kurzsichtig gedacht. Letztendlich ist Musik mindestens gleich wichtig, wenn nicht wichtiger.“

Wirkliches Glück

Doch zurück zur Siebenjährigen Alison in der Grundschule von Royston, Hertfordshire. Die Trompete wurde ihr ständiger Begleiter. Sie spielte bald in der Town Band, organisierte sich in der örtlichen Bibliothek Platten mit Trompetenmusik, auch mit Jazzmusikern wie Dizzy Gillespie. Die Eltern unterstützten sie nach Kräften, chauffierten sie im Laufe der Jahre tausende Kilometer zu Proben, Auftritten und Unterricht. Als Alison zehn war, fuhren sie mit ihr nach London, wo Håkan Hardenberger im Barbican Centre das Hummel-Konzert spielte. „Wir hatten wirklich Glück“, verriet Balsom einem Journalisten, „denn wir wussten nicht, dass wir den besten Musiker der Welt hören würden.“ Hardenberger wurde – neben dem berühmten Maurice André – zum großen Vorbild, und nach diesem Konzert wusste sie: Sie wollte Trompeterin werden, und zwar nicht Orchestermusikerin wie andere, sondern Solistin wie Hardenberger.
Drei Jahre später schon studierte sie am Junior Department der Guildhall School of Music and Drama. Über John Miller, ihren langjährigen Lehrer, sagte sie einmal, er habe ihr „alles beigebracht, was man wissen muss über Klangerzeugung und die Zen-Kunst, damit sich dieses körperlich so fordernde Instrument wie Yoga anfühlt“.

Der schönste Klang

Alison Balsom setzte ihr Studium später am Pariser Conservatoire fort, an dem die Ausbildung noch stärker auf das Solistische fokussiert war, und schloss mit höchsten Auszeichnungen ab. In Unterricht bei Hakan Hardenberger holte sie sich den letzten Schliff. Es versteht sich von selbst, dass Balsom zahlreiche Wettbewerbe gewonnen hat. Ihr Sieg in der Kategorie Blechbläser des BBC Young Musician Competition 1998 veränderte gewissermaßen ihr Leben. „Es war wie ein Traum, und das Konzertfinale war meine Feuertaufe. Ich spielte zum ersten Mal ein Solo mit Orchester. Diese Erfahrung hat mich ermutigt, mein Ziel, eine Solistenlaufbahn, tatsächlich weiter anzustreben.“
Als New Generation Artist von BBC Radio 3 machte sie eine breitere Öffentlichkeit auf sich aufmerksam, und im Jahr 2001, in dem sie beim Maurice-André-Trompetenwettbewerb für den „Most Beautiful Sound“ ausgezeichnet und von einem der Major Labels unter Vertrag genommen wurde, begann ihr stetiger internationaler Aufstieg.

Die eigene Stimme

Der Klang der Trompete, der so vielseitig sein kann, fasziniert Alison Balsom seit der ersten Begegnung mit dem Instrument. Inspiriert von den großen Trompetern unterschiedlicher Genres, hat sie ihren eigenen Klang gesucht und gefunden. „Ein jeder spielt anders“, sagt sie. „So musste und wollte auch ich meine eigene Stimme finden. Mit der Trompete kann man seine ganze Persönlichkeit zeigen. Dadurch wird das Instrument gewissermaßen zur Erweiterung der eigenen Persönlichkeit. Und je ,runder‘ diese ist, desto interessanter wird man auch als Musiker.“
Man darf also davon ausgehen, dass Alison Balsom eine äußerst „runde“ Persönlichkeit ist. Seit eineinhalb Jahrzehnten zählt sie – mit einem wenig gängigen Soloinstrument – zu den begehrtesten Instrumentalisten ihrer Generation. Ihr herausragendes musikalisches Wirken wurde auch mit bedeutenden Auszeichnungen gewürdigt: etwa mit drei Classical Brit Awards, zwei davon als „Female Artist of the Year“, ebenso drei Echo-Klassik-Preisen und zuletzt mit dem Gramophone Award als „Artist of the Year“. Ihr Bestreben, den Menschen das ungeahnte Klangspektrum von heroisch bis zart und samten zu erschließen, sie die Trompete als Soloinstrument lieben zu lehren, trägt Früchte.

Herausforderung und Chance

„Mein größtes Ziel ist es stets, Musik zu spielen, die ich liebe“, sagt Alison Balsom. Angesichts des vergleichsweise eingeschränkten Repertoires für Solotrompete ist dies durchaus eine Herausforderung, kann jedoch gleichzeitig auch eine Chance sein – wenn man es wie Balsom als solche erkennt. „Die Trompete ist sehr vielseitig. Wenn man Ideen hat, kann man im Grunde in jede Richtung gehen“, sagt sie. Balsom ist mit Musikerkollegen verschiedener Genres aufgetreten und arbeitet in letzter Zeit verstärkt mit Komponisten zusammen, die neue Werke für sie schreiben. Sie hat auch, nach Alben etwa mit Werken für Trompete und Orgel und den Konzerten von Haydn und Hummel, CDs vorgelegt, für die sie Musik für Trompete adaptiert oder arrangiert hat – von Bach beispielsweise oder auch von Paganinis 24. Caprice und Stücken Piazzollas.
Auf dem Album „Italian Concertos“, dem Bestseller 2010 ihres Labels, spielt sie barocke Konzerte, die im Original für Violine oder Oboe komponiert wurden. „Das ist technisch natürlich eine große Herausforderung“, räumt sie ein. „Doch das Wichtigste für mich ist, der musikalischen Intention des Komponisten keinen Schaden zuzufügen. Manchmal wähle ich Stücke aus, die ich unbedingt spielen möchte, und muss dann doch feststellen, dass es ihnen nicht guttut. Dann lasse ich es sein. Ich bin sehr vorsichtig, und ich nehme auf keinen Fall Veränderungen um der technischen Vereinfachung willen vor.“

„Mein größtes Ziel ist es stets, Musik zu spielen, die ich liebe.“
Alison Balsom

Willkommener Kontrapunkt

Wie konsequent Alison Balsom ihre vielfältigen Ideen verfolgt, zeigt ein Projekt, das sie 2013 in Shakespeares Globe Theatre auf die Bühne brachte. Ausgangspunkt war ein Aufnahmeprojekt mit Werken von Purcell und Händel, die sie auch vor Publikum spielen wollte. Wegen des durchwegs dramatischen Charakters der Musik schien ihr das Globe Theatre der am besten geeignete Ort. Dessen Direktor war begeistert von der Idee, schlug eine Verbindung der Musik mit Schauspiel vor und stellte sein Ensemble zur Verfügung. So entstand „Gabriel“, eine Musik-Theater-Produktion ähnlich einer Semi-Oper Purcells.
Wenn Alison Balsom nicht gerade irgendwo in der Welt konzertiert, zieht sie sich – als Kontrapunkt zum betriebsamen Tourneeleben – gerne aufs Land zurück. In ihrer Heimatstadt Royston, Hertfordshire, wurde der großen Tochter mittlerweile sogar ein Denkmal gesetzt. Zu Weihnachten, sagte sie immer wieder in Interviews, mische sie sich gerne unter die Kollegen der Town Band. Eine Nostalgie vielleicht, in Erinnerung daran, wie alles anfing, damals vor dreißig Jahren in der Grundschule, als sie ihre große Liebe fand.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.