Vom Ton in der Welt und bei Mahler

Semyon Bychkov

Semyon Bychkov kam 1975 als Flüchtling nach Österreich. Seine musikalische Beziehung zu Wien durchläuft derzeit eine besonders intensive Phase. Im Musikverein dirigiert er am Pult des Königlichen Concertgebouworchesters Amsterdam im November Mozart und Mahlers Fünfte Symphonie.

Wie könnte ihm die Stadt, in der, wie er sagt, sein zweites Leben begonnen hat, nicht viel bedeuten? Obwohl Semyon Bychkov seit seiner Emigration aus der Sowjetunion immer auch in Wien konzertiert hat, waren es aber bislang andere Städte, mit denen er sich künstlerisch eng verbunden hat. Paris stand lange im Fokus, es folgten Dresden und vor allem Köln, wo er als Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters große Erfolge feierte. Seit er sich dazu entschieden hat, vorläufig keinem Klangkörper mehr als ständiger Leiter vorzustehen, hat sich das Blatt zugunsten Wiens gewendet. Aktuell ist sein künstlerisches Wirken an der Donau besonders intensiv. Nach der Sommernachtsgala der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn und Festwochenkonzerten mit diesem Orchester steht nun im November im Musikverein ein Gastspiel am Pult des Concertgebouworchesters Amsterdam auf seiner Agenda – dicht gefolgt von einem philharmonischen Abonnementkonzert im Jänner sowie einer Neuproduktion von Wagners „Parsifal“ an der Staatsoper im März.

Ambivalente Gefühle

Als er 1975 seiner Heimat den Rücken kehrte, tat er dies um den Preis der Staatsbürgerschaft, nicht damit rechnen könnend, seine Familie und das Land jemals wiederzusehen. Dank Perestroika sollten sich die schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiten, aber dennoch sind Bychkovs Russland-Gefühle bis heute ambivalent oder genauer gesagt, heute ganz besonders: „Als Gorbatschow die Wende einleitete, hofften wir über eine Dekade lang, dass es Russland schaffen würde, einerseits seine Identität zu bewahren, andererseits aber den Anschluss an die Wertegemeinschaft der westlichen Welt zu finden, also gewissermaßen ein ,normales‘ Land zu werden. Unsere Erwartungen wurden aber bitter enttäuscht.“
Sehr vieles sei in den vergangenen fünfzehn Jahren in Russland besorgniserregend falsch gelaufen. Besonders beunruhigt zeigt sich Bychkov aber über die neu aufgekommene Ost-West-Spannung: „Wir leben in einer sehr dunklen und gefährlichen Welt und sind mit einem Antagonismus wie zu Zeiten des Kalten Krieges konfrontiert. Wer sich, wie ich, die Berichte im russischen Fernsehen ansieht, weiß, wie viel Hass von offizieller Seite gegenüber der westlichen Welt gestreut wird. Das stimmt mich alles sehr nachdenklich.“

Gast in der Heimat

Aber man müsse auch bereit sein, sich ernsthaft mit den russischen Befindlichkeiten zu befassen: „Russland hat eine historische Angst vor Invasionen. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Land im Mittelalter fast 200 Jahre von den Tataro-Mongolen unterdrückt wurde, später fielen Napoleon und Hitler ein. Das sitzt alles tief in der russischen Psyche. Wenn nun die Nato immer näher an Russlands Grenzen rückt, führt das zwangsläufig zu Reflexen.“ Nicht unterschätzen dürfe man jedenfalls den Stolz des russischen Volks, ein sensiblerer Umgang täte not: „Als die Sowjetunion zerfiel, war evident, wer den Kalten Krieg verloren hatte. Fatal sollte sich allerdings erweisen, dass die Sieger nicht müde wurden, sich als Gewinner zu inszenieren. Da wurde unnötig viel Öl ins Feuer gegossen.“
Obwohl Bychkov, in aller Welt als Dirigent gefeiert und seit langem Staatsbürger der USA, Russland heute nur noch als Gast besucht, hat ihn seine Heimat auf seinem Lebensweg doch auch ein großes Stück weitergebracht: „Diese Jahre waren ein sehr wichtiger Grundstein. Ich glaube fest daran, dass alles, was wir durchleben, als Bereicherung verstanden werden kann – unabhängig davon, ob es schmerz- oder freudvoll ist. Sogar die beklagenswerten Aspekte meiner Sowjetzeit waren von einem nicht zu unterschätzenden Wert. Sie lehrten mich, zwischen Positivem und Negativem zu unterscheiden."

Differenzierter Zugang

Nach seiner Ausreise über Wien baute sich Bychkov zunächst in den USA eine neue Existenz auf. Im Herbst 1979 empfahl er sich mit der Interpretation eines Werkes, das er nun auch in Wien zur Aufführung bringen wird, dem Grand Rapids Symphony Orchestra in Michigan als Musikdirektor: mit Gustav Mahlers Fünfter Symphonie. Es war überhaupt das erste Mal, dass er dieses Werk dirigierte.
Vieles habe sich seither geändert, naturgemäß auch der Zugang Bychkovs zu Mahlers Musik: „Einerseits habe ich das Werk dieses großen Komponisten in den vergangenen Jahrzehnten mit den unterschiedlichsten Orchestern interpretiert, andererseits ist es mir durch meine Karriere in Europa und den dadurch bedingten engen Kontakt mit der mitteleuropäischen Kultur vergönnt gewesen, einen differenzierteren Zugang zu Mahler zu finden.“ Dazu kam ein genaues Studium der biographischen, musikalischen und kulturhistorischen Zusammenhänge: „Damals wusste ich zum Beispiel noch nicht, dass das Adagietto ein Liebeslied Mahlers an Alma ist. In der Partitur Willem Mengelbergs, der ja ein enger Freund der beiden war, steht ein kleines Gedicht für Alma, das man sogar zu der Melodie singen kann. Ins Bild passt auch, dass es eine Adagietto-Abschrift von Almas Hand gibt.“

Mahler hören

Wie gerne hätte Bychkov Mahler dirigieren gehört! Vom anderen großen dirigierenden Komponisten am Anfang des 20. Jahrhunderts, Richard Strauss, existieren umfangreiche diskographische Selbstzeugnisse, nicht so von Mahler: „Die einzige Dokumentation, die wir von ihm haben, ist eine Klavierversion des ersten und zweiten Satzes der Fünften Symphonie sowie des Finales der Vierten Symphonie. Sie zu hören ist sehr aufschlussreich hinsichtlich der Phrasierung. Die Art, wie er spielt, ist unmöglich zu notieren. Wir können also vielfach nur erahnen, was ihm im Detail vorschwebte. Freiheit in der Phrasierung, aber gleichzeitig das Gefühl für die Linie – das scheint mir der Schlüssel zu seiner Musik zu sein. Bei jeder Aufführung muss man sich also von neuem auf die Suche nach dem richtigen Klang machen. Als Interpreten folgen wir Mahler in dieser Suche gewissermaßen nach, denn bei der Orchestrierung brachte er sehr viel Zeit dafür auf, den richtigen Klang, das richtige Tempo und die richtige Balance zu finden.“

Markus Siber
Mag. Markus Siber lebt als freier Kulturjournalist in Wien.