Ohne die vierte Wand

Das Saxophonquintett „Five Sax“

Sie kommen aus Italien, Chile, Polen, Belgien und den USA – zueinander gefunden haben sie in Wien. Von dort starten die Fünf jetzt zu einer turbulenten Reise. Five Sax im Jugendzyklus „capriccio!“

Vier Herren um die 30 spielen auf der Bühne gepflegt ihre Saxophone. Aber was ist das? Ein fünfter Mann eilt auf die Bühne, Instrumentenkoffer unterm Arm, halb fröhlich, halb gestresst mit dem Mobiltelefon hantierend? Später steht einer quasi auf dem Kopf und musiziert einfach so weiter, interessant verknotet mit seinem Kollegen. Wild um sich boxend setzt einer sein Opfer doch tatsächlich (oder scheinbar?) außer Gefecht. Und wo kommt eigentlich auf einmal die goldblonde junge Dame her?

Freude am Experiment

Das Saxophonquintett Five Sax besteht aus dem Italiener Damiano Grandesso (das ist der, der kopfüber spielt), dem Chilenen Alvaro Collao (der ständig verspätete Mann mit Mobiltelefon), dem Polen Michal Knot (der mit dem goldigen Alter Ego), dem Amerikaner Joel Diegert (der ständig den Chef spielen muss) und dem Belgier Pieter Pellens (dem Boxer). Ist diese internationale Fünfergruppe – wie beispielsweise das Klassik-Pop-Gesangsquartett Il Divo – etwa „gecastet“ worden? Ganz und gar nicht. Gewissermaßen sind sie alle Wiener: Sie lernten sich als Studenten der Saxophonklasse von Lars Mlekusch an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien kennen. Dort habe eine ungewöhnlich kooperative Atmosphäre geherrscht, erzählt Joel, in der nicht die mit Blick aufs harte Musikgeschäft unvermeidliche Konkurrenzsituation im Vordergrund gestanden habe, sondern die Freude am Experiment.

Raus auf die Straße

Dazu gehörte auch, auf die Straße zu gehen. In der Kärntnerstraße, wo die Fünf gerne, regelmäßig und erfolgreich spielten, schlug die Geburtsstunde für Five Sax und das, was seit einigen Jahren die Spezialität der Truppe ist: Die zahlreichen Zuhörer dieser extravaganten Straßenmusik wurden nicht nur durch virtuose Töne, sondern auch durch theatralische Einlagen unterhalten. Besucht man Five Sax auf ihrem Youtube-Kanal, kann man in dem – allerdings in Berlin entstandenen – Video „Working the Streets“ eine Ahnung davon erhalten, wie locker die fünf Musiker, hier mal verkleidet als Bauarbeiter, ihre Sache nehmen.
Ihre Experimentierfreudigkeit haben Damiano, Alvaro, Michal, Joel und Pieter auch im Konzertgeschehen bewahrt – nur die Formen sind, den Erfordernissen des Konzertbetriebs entsprechend, etwas fester gefügt. „SaxVoyage“ heißt ihr 2013 gestartetes Bühnenprogramm, „At the Movies“ ihre erste CD; in naher Zukunft sollen weitere Ideen auf dem Podium und im Studio verwirklicht werden.

Der Turbo der Ironie

Die Interaktion mit den Hörern, das Musizieren ohne die „vierte Wand“, also ohne Barriere zwischen Publikum und Bühne, zeichnet Five Sax auch bei ihren Auftritten mit „Sax Voyage“ auf den Konzertpodien von Österreich bis Taiwan aus. Zunächst haben sie ein Jahr lang zu fünft daran gearbeitet, aus den auf der Straße entstandenen Ideen ein Bühnenprogramm zu entwickeln, dann zogen sie einen Choreographen und einen Regisseur hinzu. Wobei die ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten der fünf Musiker immer die Basis geblieben sind und nur ein wenig überzeichnet werden. Mit diesen Unterschieden spielt Five Sax durchaus ironisch auch bei der Selbstpräsentation: Joel wird für sein lichtes Haupthaar verspottet, Pieter bekommt wegen seiner Verehrung von Elvis Presley und Ninja Turtles sein Fett ab, Alvaro – „der Kleinste, aber der Gefährlichste“ – wird natürlich zum Latin Lover stilisiert, Michal für romantische und feminine Anflüge gelobt. Über Damiano heißt es, er ließe sich nur von seiner „Mamma“ frisieren – wobei dieser beim letzten Besuch des „figlio“ offenbar die Schere ausgerutscht ist, denn der Jüngste im Bunde, mit kräftigem Haarwuchs gesegnet, kehrte mit einer Glatze zurück.

Der Sound der Vielfalt

Auswendig müssen sie ihre Musik von Händel bis Hollywood spielen, auf ihre Mimik achten, sich für die akrobatischen Einlagen fit halten und nicht zuletzt, wie man auf Youtube erfährt, „ihren Gleichgewichtssinn trainieren“ (sowie ein bisschen Chinesisch lernen – das zeigt ein besonders schönes, im Park von Schloss Belvedere gefilmtes Video). Anfangs probten die Mitglieder von Five Sax an vier oder fünf Tagen pro Woche jeweils sechs Stunden, inzwischen haben sie ihr Programm „SaxVoyage“ rund fünfzig Mal aufgeführt und treffen sich in der Regel für eine kurze, konzentrierte Probenphase unmittelbar vor den Konzerten. Die Projekte von Five Sax beanspruchen etwa die Hälfte ihres Pensums, alle fünf widmen sich sonst ganz unterschiedlichen Dingen: Joel beispielsweise promoviert in Graz über elektronische Musik, Michal geht mit einem Akkordeonisten als Duo Aliada auf Tour, Pieter spielt mit Orchestern in Brüssel und unterrichtet an einer Musikschule, Alvaro und Damiano organisieren Festivals in ihren Heimatländern Chile und Italien. Mit diesen Erfahrungen kehren sie jeweils zum Quintettspiel zurück, und gerade aus den Unterschieden der Herkunft und Persönlichkeit speist sich der besondere Charakter von Five Sax. Die Idee, ihr breites Repertoire, für fünf Saxophone aufbereitet, als musikalische Weltreise zu präsentieren, die in Wien beginnt, durch Europa führt und via Südamerika in Hollywood endet – diese Idee basiert auf der Vielfalt im Ensemble selbst.

Music comes first

So bildet sich auch das Dasein von jungen Musikern in der heutigen Zeit durch Five Sax ab: Man tanzt auf vielen Hochzeiten und trägt das Risiko oft allein: ein buntes Leben, dessen Ausnahmecharakter den Musikern bewusst ist. Dass er von der Musik leben könne, empfinde er als Privileg, sagt Joel: „Das ist ein wahr gewordener Traum“.
Gerne kehren die Musiker von Five Sax hin und wieder zur Straßenmusik zurück, machen Werbung für ihre Konzerte, indem sie bewusst Probenraum und Konzertsaal verlassen. Vom bereits erwähnten Youtube-Kanal über die ansprechend gestalteten Internetseiten bis hin zum erfolgreichen Crowdfunding für CD- und DVD-Projekte spielen sie auf der Klaviatur der neuen Medien, suchen nach ungewöhnlichen Aufführungsorten wie umgemodelten Fabrikhallen und bringen mit ihrer musikalischen Weltreise ihre Kunst ganz nah ans Publikum heran. Denn unter dem inoffiziellen Motto „Music comes first“ ist auch dies die Mission von Five Sax: Hemmschwellen sollen abgebaut, klassische und zeitgenössische Musik mithilfe der theatralischen Zutaten auch für die junge Generation zugänglich gemacht werden. So wurde„SaxVoyage“ von Kindern und Jugendlichen genauso bejubelt wie vom typischen Klassikpublikum.
Was Five Sax sich derart fantasievoll ausgedacht haben ist – so gesehen – ein weiterer Teil des gesellschaftlichen Experiments, dessen Ausgang durchaus nicht gewiss ist: Wie kann man große Musik aller Epochen und Kontinente, wie kann man das dazugehörige Können für die Zukunft retten? Eine musikalische Weltreise mit exzellenten Instrumentalisten und einem vergnügten Publikum ist dafür gewiss nicht der schlechteste Weg.

Jürgen Hartmann
Jürgen Hartmann lebt als freier Journalist und Dramaturg in Wiesbaden.