Mut Macht Musik

Cecilia Bartoli und „Händel Heroines“

Mut vor allem braucht man zur „Heroine“. Und Mut hat sie: Cecilia Bartoli. In den Musikverein kommt sie nun mit ihrem neuen Programm „Händel Heroines“.

La Bartoli: Koloraturmezzo und Primadonna assoluta durch ein Vierteljahrhundert – wobei das Absolute sich nicht zuletzt darin zeigt, dass es mit Hilfe von Kunstkriterien allein nicht zu fassen ist. Cecilia Bartoli steht für sich selbst, weil sie eine Mission fühlt. Das schon ist in der heutigen kommerzgeknechten Kultur der Schritt ins „Heroische“, weil immer noch zutrifft, was Hegel von den Helden sagt: „selbstbewusste Menschen, die ihr Recht und ihren Zweck, die Macht und den Willen ihrer Bestimmtheit wissen und zu sagen wissen“. Und er nennt sie, sage und schreibe, „Künstler, die das innere Wesen äußern“.

Stimme und Mensch

„Bestimmtheit“ ist das Stichwort: Cecilia Bartoli hat mit stupender Natürlichkeit Fremdbestimmung abgestoßen, sie war immer nur sie, und sie hat sich nicht gewandelt, allein die Rollen haben sich ihr anverwandelt und die Taktiken des Marktes sich diesem Naturereignis entweder angepasst oder davor kapituliert – was sich ausnahmsweise künstlerisch wie kommerziell brillant bewährt hat: allein durch die Naturgewalt von Cecilia Bartolis Persönlichkeit, ohne die ihre Stimme mit aller virtuosen Kunst nicht dergestalt transportfähig wäre. Bartoli, die Römerin, verrät nie den Glauben an ihre Natur wie jene Tradition, in die sie sich geboren fühlt, die des wahren Belcanto, den ihr, wie man weiß, niemand anderer ganz natürlich beigebracht hat als ihre Mutter, die Sängerin Silvana Bazzoni.
Und so hat sie sich von Jugend an auch ganz natürlich zunächst in uns hineingesungen als Stimme und Mensch, sodass uns gewisse Idealverkörperungen der wichtigsten Opernrollen ihres Faches entstanden: allen voran als Rossinis Rosina im „Barbiere“, dann als Inbegriff von dessen Cenerentola; sie wächst den Mozart-Frauen zu, erst den schlauen wie Despina, dann den liebenden in ihrer Seelenarbeit. Sie bleibt stets bei ihrem Kern: Belcanto. Legt den Akzent auf die barocke Tradition aus dem Geist der „Arie antiche“, begibt sich in die Arme Vivaldis, Händels und diejenigen des progressiven Gluck; sie frönt ihrem klassischen Leitstern Rossini und öffnet sich ins Romantische zu Bellinis „ewiger Melodie“ als seine Somnambula und Norma. Zürich wird ihr Lebenszentrum, die Oper dort oft Forum ihrer Experimente, weil ihre Entdeckerlust enorm ist. Exzellente Gesamtaufnahmen in Ton und Bild entstehen, die Diskographie bietet mehr und mehr Überraschungen durch Rara. Dabei spielt Harnoncourt eine wesentliche Rolle mit seiner Konzentration aufs Original in Klangbild und Klangrede. Mit ihm entdeckt sie etwa den Opernkomponisten Haydn und schenkt uns Vergessenes zurück: „Orfeo“ und „Armida“.

Singen als Lebensform

Schon früh kursiert bei Cecilia der Begriff der Heroine: „Rossini Heroines“ heißt  ein frühes Album – ja, „Album“: Der aus der Pop-Welt bekannte, auf den Star zentrierte Begriff taucht auch für Bartolis Aufnahmen auf. Sie stürmt die „Charts“. Doch diese Art von Popularität genügt ihr nicht. Früh erfasst sie, dass klassisches Singen heißt, aus dem Privileg des Talents eine Lebensform zu entfalten, weil es eine Mission in sich trägt: Die Klassik muss mit ihrer Botschaft und Wahrheit mehr als eine Schicht Menschen erfassen, muss – wie Roland Barthes es nennen würde – „dem Herdenhaften“ der Gemeinschaft dienen; denn heute, sagt er, ist die neue Natur „das absolute Soziale“. Als die sensorische Mitte dessen sieht Barthes die Stimme an und – das Singen.
Im Blick auf das Soziale bedarf hier die Kunstvermittlung eines neuen Ansatzes: Sie braucht Distanz zu ihren tradierten Inhalten, das normale klassische Operngeschäft kann allein die Form der Zukunft nicht mehr sein, nicht mehr das – wie immer auch vom „Regisseurstheater“, so Gerhard Stadelmaier, aufgeweicht – einzige probate Gefäß. Dafür geht Bartoli neben den konventionellen neue Wege.

Das Positive und das Heroische

Mission ist nie ohne Implikationen. Bartolis Naturell bietet zwar brillante Voraussetzungen, weil sie mit uns kommunizieren will und nicht nur abgelöst Artefakt sein, Kunstfigur wie die Legende Callas, in deren Aura sie 1988 beim Pariser Gedächtniskonzert über Nacht berühmt wurde. Der große Unterschied aber: La Bartoli ist einfach keine Tragische wie die Callas, sie ist ein positives Phänomen, das gewinnt, nicht verliert. Man leihe nur kurz der berühmten Rosina-Arie („Una voce poco fa“) das Ohr, die bei Callas zum tragischen Abgrund wird, während bei Bartoli die siegreiche Komödiantin triumphiert, obwohl jenes „Uneigentliche“ der Musik Rossinis, das Carl Dahlhaus „Reflektierheit“ nennt, auch die Kehrseite zulässt.
Die „Heroine“ kommt aus der griechischen Tragödie und ist im klassischen Sinn per se tragisch, ob als Heldin edel oder gar verrucht, und wir erleben sie durch Identifikation, sprich „Furcht und Mitleid“. Wie aber geht nun eine von Scheitel bis zur Sohle „Positive“ mit der klassischen Erblast des „Heros“ im Blick auf die Opern-Heroinen um? Die tragischen Rollen bleiben bei Bartoli nämlich „Rollen“, weil Cecilia sie automatisch mit der Positivität ihrer Person versetzt.
Den mentalen Zwiespalt überbrückt Cecilia ganz aus dem Geiste jener Musik, die sie promoviert. Auch hier ist Rossini der Pate mit seiner Dimension der „Uneigentlichkeit“. Von Dahlhaus haben wir gelernt, dass dieser Komponist die Scheidung zwischen dem Tragischen und Komischen überspielt und das eine in das andere umschlagen lässt. Rossini schafft mit Kunst Distanz zum Stoff. Dahlhaus spricht von „Musik über Musik.“ So entsteht in Rossinis Opern, gerade denen, die „Heroinen“ gewidmet sind, so etwas wie eine „untragische Heroine“, die durch Distanz zur Parabel wird. Der Sympathieträger Bartoli zwingt uns durch ihre „Verfremdung“ nicht mehr zur emotionalen Identifikation mit der „Heroine“, sondern führt uns darüber hinaus ins Allgemeine.

Geheime Leitfigur

Den Schritt ins Populäre begann die Bartoli konsequent, indem sie sich zunächst auf dem „Audio“-Markt etablierte, sozusagen insinuativ durch die Jahrzehnte ihr Publikum thematisch mit „Alben“ beschickend, die im wahrsten Wortsinne ins Herz treffen konnten, weil sie Intima berühren in Editionen wie „Sospiri“ oder „The Impatient Lover“. Dazu benutzt sie das Erbe der Opernmusik wie des Liedguts, ob bekannte Werke oder vergessene, um Menschliches musikalisch vollziehbar zu machen. Der Markt gibt ihr Recht: Die Arien-Anthologien werden populär, weil sie den Umstand des Bühnendramas hinter sich lassen und auf das Wesentliche kommen, auf das, was unaussprechlich in uns vorgeht, durch Musik jedoch direkt wahrnehmbar wird für jedermann. Tolle Beispiele aus Bartolis Programmen, vielfach mit höchst ungewöhnlichem historischen Konnex – und in der Audio-Vermarktung dennoch oft genug „oben in den Charts“: etwa „Sacrificium“, eine Edition von Musik, die für Kastraten geschrieben wurde und das namenlose Leid dieser Kreaturen im Dienste der Schönheit spiegelt; oder „Opera Proibita“, eine Anthologie, die eine Gegen-Kunst präsentiert, nämlich das „Melodramma sacro“, das mit aller dramatischen Kraft als Reaktion auf die kirchliche Unterdrückung der weltlichen Oper in Rom nach 1700 erblühte. Und dann das Identifikations-Opus der Bartoli: „Maria“, eine Hommage an Maria Malibran, geborene Garcia, in Ton und Bild, eine Belcanto-Legende, Diva und Kultur-Ikone zu Beginn des 19.Jahrhunderts, gewiss geheimes Vorbild und Leitfigur der Cecilia Bartoli.

Kraft ihrer Person

Cecilia tut den Schritt in die größere Dimension: Neben den, nie gegen die offiziellen Kulturbetriebe entfaltet sie mit großer wie rarer Klassik eine neuartige Populärschiene im Eigenunternehmen oder in Co-Produktion mit den Instituten. Kraft ihrer Person bildet sie verschworene Gemeinschaften und verbündet sich mit Gruppen und Ensembles, die gewissenhaft Schätze der Tradition aktualisieren und musikalisch auf historisch entsprechendem Instrumentarium realisieren. So gelingt es ihr, nicht nur Kenner anzuziehen, sondern breites Interesse zu wecken – plötzlich kennen so manche Steffani und Salieri! Der Erfolg dieser Aufbauarbeit liegt in der konzertanten Revue als Ersatzoper in Eigenproduktion, entweder als thematisches Konzert oder konzertante Gesamt-Realisation von zumeist wenig gängigen Opernwerken, und das auf Tour durch die Lande, endlich dokumentiert auf Bild- und Tonträger. Das alles sichert Bartoli ab durch eine Musik-Stiftung, die ihre Ideen mitträgt. Nun ist’s Händel, den sie diese Saison ins Zentrum ihrer Aktivität rückt: „Händel Heroines“ …

"Sie benutzt das Erbe der Opernmusik wie des Liedguts, ob bekannte Werke oder vergessene, um Menschliches musikalisch vollziehbar zu machen."

Das innere Wesen

Ein grandioseres Material als Händels mehr als vierzig Opern wie dreißig Oratorien, die immer wieder auch Frauen, große aus Mythos und Geschichte, zum Zentrum haben, hätte Cecilia Bartoli, La Bartoli, nicht finden können. Und diese Musik vermittelt sie nun neu unter den oben gezeigten Prämissen in lustvoll-heutigem Umgang mit dem „Heroischen“: weil Händel als Opernkomponist nichts als der Ahne Rossinis ist durch jene Dimension des „Uneigentlichen“, mit dem er bei seinen in Opernhandlungen verpackten Arien Stück für Stück musikalisch auf den humanen Punkt kommt. Trotz intensiver Händel-Erfahrung aus Bühnenproduktionen – ihrer Mission entspricht mehr, die weibliche Seele weg von der Bühnen-Heroine zum Humanum zu führen, das die Musik meist viel schneller und klarer erfasst als unser klügelnder Verstand. Bartoli kann somit die musikalische Wahrheit im Kostüm der „Heroine“ mit einem verfremdenden Augenzwinkern offenbaren.
Und wir dürfen, übers „Klassische“ und „Heroische“, auf uns selber schließen Helden, so nochmals Hegel, sind „Künstler, die das innere Wesen äußern“.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.