Musik für die Königin

Xavier de Maistre

Die Harfe macht als Soloinstrument in jüngster Zeit eine steile internationale Karriere. Zu danken ist dies vor allem Xavier de Maistre, dem ehemaligen Wiener Philharmoniker, der mit Charisma, stupender Virtuosität und viel Fantasie ein weltweites Publikum begeistert. Edith Jachimowicz sprach mit dem französischen Harfenisten im Vorfeld seines Gastspiels im Musikverein.

Zusammen mit William Christie und Les Arts Florissants haben Sie ein ungewöhnliches Programm erarbeitet, das Sie nach der Premiere in Versailles auch in Wien präsentieren. Was ist die Idee hinter diesem „Concert pour Marie Antoinette“?

Wir wollten unbedingt, dass die Premiere in der Opéra Royale stattfindet, die ja zur Zeit Marie Antoinettes gebaut wurde. Es gibt einen Live-Mitschnitt, die CD erscheint im Oktober, und es wurde auch fürs Fernsehen aufgezeichnet. Ich spiele Stücke von Johann Baptist Krumpholtz und Johann David Hermann, danach folgt die Haydn-Symphonie „La Reine“, am Beginn steht Mozarts „Kleine Nachtmusik“, also alles Werke der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, rund um die Königin. Als Marie Antoinette nach Paris kam, hat sie einen Riesenboom ausgelöst, alle berühmten Virtuosen Europas sind nach Paris gekommen und für längere Zeit geblieben. Sie haben für die Königin geschrieben und gespielt. Es war auch eine Blütezeit für die Harfe. Allein in Paris gab es über 200 Harfenbauer! Alle Töchter der guten Gesellschaft wollten es der Königin nachmachen. Krumpholtz war ein berühmter böhmischer Harfenist, aber auch Hermann, den die Königin von Wien nach Paris mitgenommen hat.

Es gab damals auch wichtige technische Neuerungen an der Harfe …

Genau. Ich spiele zu ersten Mal in meiner Karriere auf einer Harfe des 18. Jahrhunderts. Die sind wirklich ganz anders, viel kleiner und haben nur den einfachen Pedalzug. Sie sind in harmonischer Hinsicht begrenzt, haben auch einen anderen Klang, filigran und klar, eher wie ein Cembalo oder eine Laute. Es ist eine riesige Herausforderung für mich, weil die Harfe so klein und die Spannung auf den Saiten viel niedriger ist, auch der Abstand zwischen den Saiten ist anders.

Wie war das mit Krumpholtz, der ein achtes Pedal einführte, dann aber den Klaviermacher Sébastien Erard bat, eine verbesserte Harfe zu bauen?

Krumpholtz wollte mit seinem achten Pedal den Klang ein bisschen verändern, das hat sich aber nicht durchgesetzt. Meine Harfe von 1780 hat das nicht. Erard hat als Erster mit Gabeln gearbeitet, nicht mit Haken. Das war besser für die Saiten, die dadurch weniger oft gerissen sind. Die große Entwicklung kam ein bisschen später, mit dem Doppelpedal. Und so hat sich die Harfe dann ab circa 1810 durchgesetzt. Das war die große Revolution für die Harfenisten!

Sie haben Ihr Repertoire durch Bearbeitungen sehr erweitert.

Ich bin jemand, der sehr gerne innovativ ist und Dinge ausprobiert. Andererseits haben wir als Harfenisten viel zu wenig Literatur von bekannten Komponisten. Als ich angefangen habe, hat niemand gedacht, dass man als Harfenist eine solche Karriere machen kann. Ich musste mir immer wieder anhören, das interessiert doch keinen Menschen! Doch dann, als ich sah, was für eine Begeisterung bei einem Konzert da ist, überlegte ich mir, dass es eigentlich allein am Repertoire liegt. Wenn ich ein publikumstaugliches Programm anbieten kann, wird sich alles ändern. Ich habe dann mit Debussy angefangen, dann kam Haydn, später das Spanische, und jetzt erkennt man, was die Harfe alles machen kann. Das hat niemand geahnt. Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, dass ich viele Projekte anbieten kann – wie derzeit das Konzert für Marie Antoinette.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an Ihre Jahre als Wiener Philharmoniker?

Als ich damals nach Wien kam, war das wie ein Kindertraum. Und es war damals im Musikverein, als ich unter Nikolaus Harnoncourt mein erstes großes Solo spielte, dann unter Pierre Boulez. Und als ich das erste Mal bei einem Abo-Konzert als Solist mit dem Ginastera-Konzert auftrat, war das wirklich der Höhepunkt meiner Wiener Zeit. Aber ich möchte auch die Oper erwähnen, denn als Harfenist finde ich die Aufgaben im Opernrepertoire spannender. Da gibt es die großen Kadenzen wie in „Lucia di Lammermoor“ oder „Tannhäuser“ 2. Akt oder im Ballett „Schwanensee“. Ich liebe die Oper, die Stimme ist für mich das schönste Instrument überhaupt. Da habe ich wirklich viel gelernt, weil jeden Abend tolle Sachen zu erleben waren. Dort habe ich auch Diana Damrau kennengelernt …

… mit der Sie häufig zusammen musizieren.

Genau. Das ist ein Projekt, das sehr gut funktioniert. Ich verehre Diana, und es gab dann die Überraschung, dass Lieder, zum Beispiel von Strauss oder Smetana, verblüffend gut klingen, weil die Harfe orchestral wirkt, gleichzeitig aber auch sehr transparent. Diese Partnerschaft liegt mir besonders am Herzen, weil mich das immer an meine Zeit im Orchestergraben erinnert.

Wie steht es um neue Kompositionen für die Harfe?

Ich glaube, sehr oft haben die Komponisten Angst, weil sie das Instrument nicht so gut kennen, es ist sehr komplex. Jetzt bin ich in einer Situation, wo ich vielleicht mehr Leute ermutigen kann, mit ihnen auch arbeite. Penderecki hat für mich geschrieben, und jetzt arbeite ich mit Kaija Saariaho an einem neuen Stück. Bei der Harfe ist es ein viel größerer Aufwand, ein Stück zu schreiben, deshalb ist es viel schwieriger, jemanden zu überzeugen. Für solche Instrumente brauchen Sie jemanden, der das trägt, und ich versuche, dazu beizutragen.

Wie groß ist das Interesse junger Musiker an der Harfe?

Sie wollen natürlich alle Solisten werden, was ein Problem ist. Ich bin vermutlich der Einzige, der international unterwegs ist und gut davon leben kann. Auch im Orchester unterzukommen ist schwierig, weil die Konkurrenz riesengroß ist. Für jede Orchesterstelle, egal wo, gibt es über hundert Bewerbungen. Einerseits ist es beängstigend, wie alle diese jungen begabten Menschen davon leben wollen, andererseits gibt es heute doch auch viel mehr Möglichkeiten. Man muss nur den Mut haben, neue Wege zu suchen, und mit dem Repertoire erfinderisch sein.

Wo führen Sie Ihre Auftritte in nächster Zeit hin?

In Österreich bin ich nächstes Jahr in Graz und Salzburg. Für Wien gibt es Pläne, die sind aber noch nicht konkret. Mit dem Saariaho-Konzert werde ich in den nächsten zwei Saisonen mit verschiedenen Orchestern auftreten. Auch das Versailles-Programm werden wir weiter spielen, in New York, der Hamburger Elbphilharmonie, in Moskau, …

Sie haben einen sehr interessanten familiären Hintergrund. Zwei Ihrer Vorfahren, beide ursprünglich Militärs, zog es Ende des 18. Jahrhunderts nach Russland. Xavier, der Jüngere der Brüder, war nebenbei ein bekannter Schriftsteller, verkehrte im Salon von Puschkins Mutter und heiratete schließlich eine Tante von Puschkins Ehefrau. Wie lebendig ist diese Erinnerung in Ihrer Familie?

Sehr. Ich selbst stamme in direkter Linie von Xaviers älterem Bruder Joseph ab. Xavier hatte keine Kinder. Joseph ist in Frankreich noch bekannter wegen seiner theoretischen Schriften, zum Beispiel gegen die Revolution. Klar wurde ich immer wieder darauf angesprochen, und in Savoyen, aber auch in Turin sind Straßen nach Xavier und Joseph benannt, wurden Statuen errichtet. Xavier wurde in jüngster Zeit neu entdeckt und gilt als Vorreiter von Proust: An kleinen Objekten werden Erinnerungen geweckt, stilistisch ist es auch sehr schön geschrieben. Auch Joseph schreibt wunderbar. Was er schreibt, ist freilich eine andere Geschichte, aber der Stil ist sehr bewundernswert. – Ich bin ziemlich stolz auf meine Vorfahren!

Das Gespräch führte Edith Jachimowicz.
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.

Xavier de Maistre,

1973 in Toulon geboren, absolvierte sein Harfenstudium am Konservatorium seiner Heimatstadt und später in Paris bei Jacqueline Borot und Catherine Michel. Parallel dazu studierte er politische Wissenschaften in Paris und London. Nach einer frühen Tätigkeit als Soloharfenist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wurde de Maistre mit 24 Jahren bei den Wiener Philharmonikern engagiert. 2010 verließ er das Orchester, um sich ausschließlich auf seine internationale solistische Karriere zu konzentrieren. Als Exklusivkünstler eines führenden Labels hat er mehrere CDs veröffentlicht und wurde mit dem Echo Klassik in der Kategorie „Instrumentalist des Jahres“ ausgezeichnet. Xavier de Maistre ist Professor an der Musikhochschule Hamburg und gibt regelmäßig Meisterkurse in London, New York und Tokio.