Hopfen und Klang

Das Quatuor van Kuijk

Sie kennen einander seit der Kindheit. Zum Quatuor van Kuijk taten sich die vier jungen Franzosen 2012 zusammen. Noch bevor sie 2017/18 im internationalen Zyklus „Rising Stars“ in führenden Konzerthäusern Europas gastieren, geben sie bereits jetzt ihr Debüt im Musikverein.

Der Humor pulsiert wie ein Leitthema zwischen den vier jungen Musikern des Quatuor van Kuijk. Sylvain Favre-Bulle, Zweiter Geiger des Ensembles, erzählt, wie alles vor vier Jahren begann: „Wir waren Freunde, gingen gern zusammen auf ein Bier. Da haben wir uns gedacht, warum nicht auch zusammen musizieren. Wir wollten eigentlich nur Repertoire kennenlernen, zur Erholung.“ Schalk und Ernst kämpfen in der Mimik des Geigers um die Oberhand. Da fällt ihm Primarius Nicolas van Kuijk ins Wort. „Erholung ist es keine mehr, aber Freunde sind wir immer noch.“ Jetzt stimmen auch Cellist François Robin und Bratschist Grégoire Vecchioni in das Lachen mit ein. Inzwischen probt das Quartett vier bis sechs Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Der Konzertkalender ist voll. Tourneen führen das Ensemble vom Festival in Aix-en-Provence bis zum Kammermusikfestival in Oslo oder ins Schloss Esterházy in Eisenstadt.

Schicksal Musik

Musik umgarnte die vier Musiker schicksalhaft. Nicolas van Kuijks Eltern lernten einander beim Flamenco kennen: Er spielte Gitarre, sie tanzte. François Robins Mutter ist Pianistin, Grégoire Vecchionis Vater ist Zweiter Geiger im Quatuor Manfred. Und bei Sylvain Favre-Bulle fand der Traum des Vaters in den Kindern seine Erfüllung. „Mein Vater wollte Pianist werden, begann aber erst mit siebzehn zu spielen. Da war es für eine Profikarriere zu spät. Also zeugte er fünf Kinder und setzte uns alle ans Klavier.“ Der Geiger grinst. Jedes Kind durfte sich dann aber selbst für ein Instrument entscheiden. Der älteste Bruder wechselte zur Posaune. Sylvain, der Zweitgeborene, verzieht das Gesicht. „Ich wusste nur, das will ich sicher nicht.“ Er wählte die Geige. Verbindungen zu Wien hat er erstmals durch die Schwester geknüpft, die hier Flöte studierte. Der jüngere Bruder entschied sich für das Cello, wechselte aber zum Film, und die jüngste Schwester blieb beim Klavier. „Zu Weihnachten spielen wir alle zusammen.“ Sylvain Favre-Bulle kann nicht ernst bleiben. „Das Repertoire für Geige, Klavier, Flöte, Posaune und Film ist aber doch sehr begrenzt.“

Der nötige Mut

Das Repertoire für Streichquartett bietet größere Entfaltungsmöglichkeiten. Den ersten Unterricht nahm das Ensemble beim Ysaÿe Quartett in Paris. Artemis, Hagen und Belcea Quartett ergänzen die Reihe der berühmten Ensembles, die Lehrer und Vorbild zugleich sind. Bald fanden die vier in Günter Pichler, dem Gründer und Ersten Geiger des Alban Berg Quartetts, ihren Mentor. „Nach einem Jahr sagte er zu uns: ‚Ihr könntet ein professionelles Quartett werden. Ihr habt das Zeug dazu.“ Nicolas van Kuijk denkt an den Moment zurück: „Es ist total wichtig, dass einem jemand Mut macht, jemand sagt: Trau dich, versuch es.“

London nach Mitternacht

Sie haben sich getraut, sie haben es versucht. Mit Erfolg. 2015 gewann das Quatuor van Kuijk den Ersten Preis beim Streichquartettwettbewerb in der Wigmore Hall. „Dieser Wettbewerb ist ein Mythos. Wir sind voller Hoffnung, aber ohne große Erwartungen nach London gefahren“, erzählt Sylvain Favre-Bulle. Das Ensemble gewann nicht nur den Hauptbewerb, sondern auch den Sonderpreis für die beste Beethoven- und die beste Haydn-Interpretation. „Der Beethoven-Preis war eine große Überraschung. Immerhin sind wir Franzosen“, lacht Nicolas van Kuijk. Dann wird er ernst. „Wir sind mit sehr viel Scheu an Beethoven herangegangen. Er hat etwas Heiliges für uns. Wir haben sehr viele Meisterkurse speziell für Beethoven besucht.“
Der Wettbewerb war der Startschuss für die internationale Karriere. „Am nächsten Tag hatten wir ein Livekonzert im BBC-Radio“, erinnert sich Cellist François Robin. Zum Feiern blieb nicht viel Zeit. „Bis die Entscheidung der Jury bekanntgegeben wurde, war es schon sehr spät. In London bekommt man außerdem nach Mitternacht keinen Alkohol mehr. Also haben wir in der Hotellobby mit Cola angestoßen.“

Musikalische Visitkarte

In der Saison 2017/18 reist das Quartett als „Rising Star“ durch die europäischen Konzerthäuser. Dass sie davor zum ersten Mal im Musikverein auftreten, freut die jungen Musiker besonders. „Wir sind aufgeregt und stolz, dass wir in diesem Haus spielen.“ Auf der musikalischen Visitkarte stehen Werke von Joseph Haydn, Anton Webern und Claude Debussy. „Haydn zu spielen macht uns unheimlich viel Spaß. Seine Musik ist inspirierend, jedes Quartett hat seine ganz eigene Note. Wir fühlen uns mit seiner Musik einfach wohl.“ Sylvain Favre-Bulle geht noch ins Detail. „Das ,L’aurore‘-Quartett ist sehr modern für die Zeit, wirkt wie improvisiert und hat harmonisch etwas Französisches an sich. Es erinnert mich an Debussy. Die Rubati, die bei Debussy so typisch sind, waren zu Haydns Zeit eine Seltenheit. Das macht seine Musik sehr interessant.“
Auch zu Anton Weberns „Langsamem Satz für Streichquartett“ haben die Musiker ein besonderes – und erfolgreiches – Verhältnis. „Wir haben das Stück für die Vorauswahl des Wigmore-Hall-Wettbewerbs aufgenommen und eingeschickt. Wir lieben das Werk“, erzählt François Robin. „In den nächsten Jahren wollen wir das gesamte Streichquartettrepertoire von Webern einspielen. Es ist ja leider nicht sehr groß.“

Höchste Konzentration

Sollte die Nervosität vor dem Konzert im Musikverein groß werden, finden die vier Musiker im Humor ein probates Beruhigungsmittel. „Wir blödeln vor dem Konzert gern miteinander, auf der Bühne sind wir dann ganz konzentriert. Da bringt uns nichts so schnell aus der Ruhe.“ Nicht einmal gerissene Saiten. François Robin schüttelt den Kopf. „In Robert Schumanns Erstem Streichquartett ist mir in zehn Konzerten fünfmal die C-Saite gerissen. Immer in genau demselben Takt.“ Die Kollegen lachen. „Mit dem Werk sind wir fertig. Das kommt nicht mehr aufs Programm. Schon gar nicht im Wiener Musikverein.“

Petra Haiderer
Mag. Dr. Petra Haiderer ist Kulturjournalistin in Wien.