Hofmanns Erzählungen

Zwei Leben für Brahms

Die Geschichte klingt wie ein Märchen, doch sie handelt von der ganz realen Macht der Begeisterung. Aus dem Nichts haben Kurt und Renate Hofmann die wohl bedeutendste Privatsammlung zu Brahms und seinem Kreis aufgebaut. Aus dem Nichts? Nein. Ein Grundkapital war da: der pure Enthusiasmus.

„Ist auf deinem Psalter,/ Vater der Liebe, ein Ton/ Seinem Ohre vernehmlich,/ So erquicke sein Herz!“ So dichtete Goethe, Brahms schrieb die Musik dazu, und ein junger Mann erquickte sein Herz daran. Nicht genug konnte er davon kriegen. Wann immer er ins Amerikahaus Hamburg kam, stieg er in den Keller hinab und ließ sich in der Fono-Abteilung diese eine Platte auflegen: Brahms’ „Altrhapsodie“ mit Marian Anderson, dem New York Philharmonic und Fritz Busch. Es muss Anfang 1953 gewesen sein, als sich die Aufnahme erstmals über den Plattenteller drehte und Kurt Hofmann, „fast zu Tränen gerührt“, davor saß. Für den 22-jährigen Hamburger war es die erste Begegnung mit Johannes Brahms. Die aber traf ihn so tief, dass sie sein Leben bestimmte. Seinen 85. Geburtstag feierte er nun mit seiner Frau auch in Wien, im Musikverein. So nah wie möglich an Brahms.

Multiplikationsfaktor Begeisterung

Begeisterungsfähigkeit mag eine Frage des Wesens sein, des Charakters und des Naturells. Aber es braucht auch die Umstände, um sie zur Geltung zu bringen. Bei Kurt Hofmann kam alles zusammen, Inneres und Äußeres, das Persönliche und die Zeit. Der 1931 Geborene gehörte zu den Jungen, die das Grauen hart gestreift hatte. Sie waren gerade noch einmal davongekommen – um jetzt, in den frühen Nachkriegsjahren, neu aufzubrechen. Was hinter ihnen lag, sollte nicht wiederkehren können. Sie suchten den Frieden in Freiheit, in Offenheit und Internationalität. Hofmann schloss sich der europäischen Jugendbewegung an und machte aus dieser Berufung einen Beruf. Er wurde Sekretär des Bundes europäischer Jugend in Bonn und blieb, mehr als dreißig Jahre lang, in der politischen Bildungsarbeit. Deutschlands Wiedervereinigung stand noch in den Sternen, als Hofmann vor Gymnasiasten über Kultur in Weimar und Kultur in Bonn referierte.
Die Brahms-Liebe war indessen gewachsen und trug Früchte, die sich mehrten. Die Sammlung Hofmann entstand. In ihr wirkte, was seit je der stärkste Multiplikationsfaktor unter Menschen ist: die anhaltende, ansteckende Begeisterung.

Lokalpatriotische Leidenschaft 

„So erquicke sein Herz!“ Es begann, wie gesagt, mit der Brahms-Woge und -Droge im Keller des Amerikahauses. Ein Live-Erlebnis brachte die Leidenschaft endgültig zu Tage: Brahms’ Erste Symphonie mit dem NWDR-Orchester unter Ferenc Fricsay. Im Programmheft las Hofmann damals vom „unglücklichen Verhältnis“ Brahms’ zu seiner Heimatstadt. Das ließ ihm keine Ruhe. Lokalpatriotismus mengte sich in die Leidenschaft, er wollte es genauer wissen: „Wieso ist ein Schöpfer derartiger Musik in seiner Vaterstadt nicht anerkannt?“
In einem Bücherkabinett kaufte er die kleine Brahms-Monographie von La Mara. Und dann gab es hier auch noch, im Konvolut angeboten, ein Albumblatt, das Brahms und sein Freund Julius Stockhausen gemeinsam beschrieben hatten, mitsamt einem Foto des jungen Brahms. 25 Mark das Ganze. Hofmann griff zu, stotterte den Preis ab und stand wenig später in einem Antiquariat wieder vor einer Versuchung: der Klavierstimme des d-Moll-Konzerts op. 15. Er hatte den Blick für den seltenen Erstdruck und kaufte. Das war der Grundstock seiner Sammlung, und gleich mit den drei ersten Erwerbungen war auch die Richtung vorgegeben. Biographisches und Bibliographisches fanden zusammen, Hofmann interessierte sich für Lebenseindrücke so leidenschaftlich wie für Druckausgaben, er schärfte den Blick für Brahms’ verzweigten Freundeskreis und schulte das Auge für die feinen Codes der frühen Drucke.

„Machen Sie was draus!“

Freilich: Hätte sich Hofmann nur fürs Papier interessiert, wäre die Sammlung wohl klein geblieben. Sie wurde groß, weil die Person sprach. Hofmann teilte sich mit und traf auf Menschen, die sich an ihm und seiner Begeisterung freuten. Unter ihnen: Nachfahren von Brahms-Vertrauten, deren Bekanntschaft er machte und deren Freundschaft er gewann. Bezeichnend mag die Geschichte von Eva-Marie Vischer sein. Ein renommierter Hamburger Musikologe hatte nur lässig abgewinkt, als ihm die Enkelin des Brahms-Vertrauten Richard Barth vom Erbe ihres Großvaters erzählte. Bei Hofmann war das etwas anderes. Er interessierte sich glühend dafür, sichtete den Nachlass und brachte, zum Glück für die Musikwelt, die „Erinnerungen an Johannes Brahms von Richard Barth“ gedruckt ans Licht der Öffentlichkeit. Eine Freude auch für Eva-Marie Vischer. „Sie kam dann“, erzählt Hofmann, „mit dieser Lederkassette, in der alle Briefe von Brahms und von Joachim und von Hausmann an ihren Großvater gesammelt waren, und sagte: ,Hier, das vermache ich Ihnen!‘“
Das Glück des Tüchtigen. Und das Glück eines Menschen, dessen Sammelleidenschaft nicht aufs bloße Habenwollen aus war. Nie war Hofmann ein Hüter des Horts à la Fafner („Hier lieg ich und besitze“), immer ging es ihm darum, das Gewonnene auch wirken und sprechen zu lassen. Ein Satz war bezeichnend dafür, und den hörte er oft und gern: „Hier, machen Sie was draus!“

Vom Fleck weg

Genau so sprach auch der legendäre Musikverleger Hans Schneider in Tutzing, als er Richard Heubergers Erinnerungen an Brahms herausbringen wollte. „Das geben wir mal dem Hofmann … Hier, machen Sie was draus!“ Und er machte und schaffte Famoses, weil er sich, einmal mehr, nicht bloß aufs Papier verließ. Er suchte die Menschen, spürte Heubergers Nachfahren in Innsbruck auf, gewann sie für sich und hatte bald auch das Originalmanuskript in den Händen. 1971 erschien die Veröffentlichung: eine enorm aufschlussreiche Dokumentation zur Brahms-Biographie und Hofmanns erste Buchpublikation. Vom Fleck weg hatte sich der Autodidakt in die Mitte der Brahms-Philologen katapultiert.
Für seine nächste Arbeit – die ebenfalls in ein Standardwerk münden sollte – setzte sich Hofmann ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde und sichtete Buch um Buch aus Brahms’ persönlichem Bestand. 856 Bücher listete er auf und vermerkte jeweils, ob Brahms, der leidenschaftliche Leser, seine berüchtigten Kratzspuren und Anzeichnungen hinterlassen hatte. „Die Bibliothek von Johannes Brahms“, 1974 erschienen, ist seither unverzichtbar für jeden Brahms-Forscher. Schon im Jahr darauf folgten, komplett erfasst, „Die Erstdrucke der Werke von Johannes Brahms“.
Der nächste Schritt lag nahe. Wer Brahms sagt, muss auch Schumann sagen. Dessen Erstdrucke sollten an die Reihe kommen – dazu aber war eine Fahrt in die DDR unumgänglich. Hofmann trat die Reise an. Auf dem Bahnhof Leipzig nahm ihn die Wissenschaftliche Sekretärin der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau in Empfang. Und dann? „Ich hab mich sofort in die Frau verliebt. Sofort!“

Glückspate Helmut Schmidt

Der Multiplikationsfaktor Begeisterung – er zeigte sich jetzt auf schönste. 1981 heirateten Kurt und Renate Hofmann, und es gab viele, die den Weg als Glückpaten säumten. Einer von ihnen: Bundeskanzler Helmut Schmidt, Ehrenmitglied der von Hofmann gegründeten Hamburger Brahms-Gesellschaft. Als deutscher Regierungschef setzte sich der Musikfreund höchstpersönlich dafür ein, dass diese Brahms-Schumann-Liebe nicht an innerdeutschen Grenzen scheiterte und Renate freikam aus der DDR.
Bei der Trauung stellte sich dann eine Freundin mit einem sensationellen Geschenk ein, und wieder wirkte die Begeisterungsspur, die Hofmann in der Welt der Nachfahren gelegt hatte. Aus dem Nachlass von Theodor Kirchner erhielt das Paar ein Schumann-Autograph, das „Abendlied“ (op. 85/12) als Hochzeitsgabe. Heute ist es ein Herzstück der „Sammlung Hofmann“ im Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck.
„Machen Sie was draus!“ Der Appell wurde auch zur Maxime für das Paar. Gerne hätten die Hofmanns ihre Brahms-Liebe mit dem Engagement für essenzielle Bildungsarbeit verbunden und eine Art „ländliche Akademie“ gegründet, eine „Volkshochschule für und mit Brahms“. Die Idee ließ sich nicht verwirklichen. Aber das Land Schleswig-Holstein zog nach Kräften mit und sicherte sich die Sammlung für seine Musikhochschule in Lübeck. Die Stifter wurden mit einer Leibrente abgegolten, und wieder „machten sie was draus“ und setzten sich ehrenamtlich für Pflege und Wachstum der Sammlung ein.

"Immer ging es Hofmann darum, das Gewonnene auch wirken und sprechen zu lassen. Ein Satz war bezeichnend dafür, und den hörte er oft und gern: 'Hier, machen Sie was draus!' "

Das Versteckte sprechen lassen

Doch auch die Freigiebigsten behalten sich noch gern etwas zurück – es gibt Dinge, an denen man hängt, und Kostbarkeiten, mit denen man auf Tuchfühlung bleiben will. Die Hofmanns nennen diesen Schatz ihre „Handbibliothek“. Aber auch dafür haben sie eine Bestimmung getroffen. Er soll – als ihr Geschenk – an jenen Ort kommen, an dem Brahms seinen Nachlass wissen wollte: ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Etliches ist nun schon hier, Wertvollstes von Brahms’ eigener Hand wie das Autograph des Capriccios op. 76/2, Briefe, Korrespondenzkarten und ein Albumblatt, das Johannes mit Clara gemeinsam beschrieben hat …
So schließt sich ein Kreis, und der Bogen rundet sich zwischen den Brahms-Städten Hamburg und Wien. Wie war das nun wirklich mit Brahms und seiner Vaterstadt? Die Frage, die den Brahms-Liebhaber vor sechzig Jahren zur Forschung antrieb, beantwortet er heute so: Es war, in Summe, „ein grandioses Missverständnis“, sagt Kurt Hofmann, en detail aber eine Kette von Fehleinschätzungen, uneingestandenen Erwartungen und Verdruckstheiten. In seinen Tönen konnte er sprechen – er wusste es und sagte es auch so. Aber sonst? „Es gab oft Missverständnisse“, erklärt Renate, „weil er sich nicht geben konnte, wie er fühlte.“
Es braucht, auch bei den Größten, das liebende Gegenüber, das sich einlässt, zuhört und das Versteckte sprechen lässt. So darf auch Brahms von Glück sagen. Ein Glück, dass er die Hofmanns gefunden hat. Und sie ihn.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.