Die ersten 150

Das Ensemble Wien macht „Freude an Musik“

Bereits 150 Konzerte hat das Ensemble Wien im Musikverein gespielt, seit 1988 im eigenen Zyklus „Freude an Musik“. Auf die große Festmusik am 26. Oktober 2016 („Alles Gute zum Jubiläum“) folgt am 26. November Mozarts „Kleine Nachtmusik“ mit Preziosen von Mendelssohn, Lanner, Strauß. Programmgemäß: die pure Freude an Musik.

Freude an Musik. Das ursprüngliche und nach wie vor erfolgreiche Konzept liegt in der Buntheit der Programme, in welche sich zahlreiche Uraufführungen mischten: „Nachtstücke“ von Friedrich Cerha, „Grogos“ von Harry Pepl, das erste Streichquartette von Christian Kolonovits, ein Quartett von Robert Stiegler oder die „Möbelmusik-Klassisch“ op. 68 von Kurt Schwertsik. Auch Kirchensonaten von Mozart mit Martin Haselböck waren zu erleben. Plácido Domingo und José Carreras gelten als vertraute Partner abseits des Brahms-Saal-Zyklus.

Bassige Basis fürs elegante Spiel

Das Besondere des Ensemble Wien liegt in der Quartettbesetzung mit zwei Violinen, Bratsche und Kontrabass. Das fühlt sich „bassig“ an, schmunzelt Albena Danailova, und ergibt eine wunderbare Basis, um mit ihrem philharmonischen Kollegen Raimund Lissy darüber Melodien zu entfalten. Für spielerische Eleganz im Mittelfeld sorgt Bratschist Michael Strasser, ebenfalls Mitglied der Wiener Philharmoniker.
Kontrabassist Josef Niederhammer entscheidet von Fall zu Fall, wie er die Lagen seines Instrumentes an das klangliche Gefüge anpasst. Schon Mozarts „Lodronische Nachtmusik“ funktionierte ohne Violoncello, aber mit Kontrabass – der „Basso“ muss es sein. So entstehen die charakteristischen Ensemble-Wien-Programme; von der Frühklassik, den „Sträußen“ – wobei diese keineswegs immer Strauß heißen müssen – bis hin zu Zeitgenössischem.
Für alle Ensemblemitglieder geht es immer um die Frage, wie man „das Wienerische“ spielt, auf welchem Niveau und mit welchem Geschmack. Das ist mitunter schwierig und sehr spezifisch, dieses Wiener „Serenaden-Quartett“. Auch im Pausenfilm des kommenden Neujahrskonzertes wird es um den Dreivierteltakt gehen, und ein weltweites Millionenpublikum wird das Ensemble Wien auf dem Bildschirm erleben können. Es geht darum, dass junge Menschen animiert werden, Walzer zu tanzen. Mit derselben Begeisterung, wie sie Tango, Salsa oder Hip-Hop tanzen. Denn, so fragt sich Danailova, „soll diese wunderbare Musik nur der älteren Generation vorbehalten sein?“ Nein.

Der lebendige Moment

„Bitte nicht wienerisch spielen wollen. Bitte nicht.“ Dieser Rat vom philharmonischen Kollegen und ehemaligen ersten Geiger des Ensemble Wien, Paul Guggenberger, klingt der Konzertmeisterin der Wiener Philharmoniker noch im Ohr. Sie hat die Position im Ensemble von Vorgänger Rainer Honeck übernommen und fühlt sich mittlerweile wirklich in der Wiener Musik angekommen. Spürt, was sie empfindet, und weiß, dass das sture Befolgen etablierter Walzer-Regeln zu Herzlosigkeit und Langeweile der Walzer-Interpretation führen würde. Der lebendige Moment macht im Aufeinander-Hören den Unterschied.
Danailova schwärmt von der unglaublichen Frische und Raffinesse der Kompositionen. Im Vergleich zu den großen Orchesterfassungen der Werke muss das Ensemble Wien die DNA der Stücke mittels einer feinnervigen Ausdruckspalette bloßlegen. Die kammermusikalische Subtilität wird auch vom Zykluspublikum besonders goutiert.

Das Leichte ernst, das Ernste leicht

„Vielleicht liegt unsere Kunst überhaupt darin, dass wir die sogenannte ‚leichte Musik‘ ernst genug nehmen und mit dem ‚Ernsten‘ viel Freude vermitteln können“, philosophiert Josef Niederhammer. So ziehen sich die Fäden von den genial urkomischen Menuetten Joseph Haydns bis zu den stilisierten Tanzmusik-Adaptionen der Wiener Schule für den „Verein für musikalische Privataufführungen“. Oder das Ensemble Wien lädt sich Gäste ein, um Raritäten zu heben. Das Streichsextett Nr. 1 op. 50 des Wiener Geigenvirtuosen, Komponisten und Lehrers Joseph Mayseder zum Beispiel.
Das Ensemble Wien will auch ein Zeichen setzen und gegen das immer Lautere, Schnellere und Komplexere in unserer Welt „anspielen“. Schlicht in einfachen Dingen Freude finden. Dessen musikalische Tugenden bewusst leben. Für den „Mayseder-Freak“ Raimund Lissy ist es auch sehr, sehr wichtig, in einer angenehmen Atmosphäre zu proben und zu konzertieren, um davon künstlerisch und menschlich zu profitieren. Im Gespräch mit ihm verströmt sich der nuancierte Reiz des unaufgeregt Begeisterten, der durch das Aufwachsen in einem musikalischen Wiener Haushalt, über die Lehrer, „sein“ Orchester und nicht zuletzt die magische Kraft des Neujahrskonzertes das Musizieren als ständigen Lernprozess begreift.

Musikalische Aquarelle

Das Aufspielen zum Tanz überlässt das Ensemble Wien gerne anderen. Es sind abstrakte, stilisierte Tänze, die sich in den Köpfen der Zuhörer ereignen. Für das reale Tanzbein würde es beim Ensemble Wien viel zu viele Tempowechsel und Rubati geben – Aquarell statt Holzschnitt. Das erfordert viel Arbeit im Detail, wird aber probend projektweise „erledigt“. Man muss sich nicht mehr aneinander gewöhnen. Zuerst wird intensiv geprobt und dann ebenso gespielt. Der jüngste Tonträger aus Japan bietet Quartett-Arrangements von Mozart-Opern anonymer Zeitgenossen. Das Sangliche ist den Streichern allein durch den Dienst in der Wiener Staatsoper im Blut.
Nach dem Jubiläumskonzert geht es im November um lauschige „Nacht- und Abendmusiken“. Von Joseph Lanners „Abendsternen“ bis hin zu Carl Michael Ziehrers „In lauschiger Nacht“. Mozart und Mendelssohn reihen sich als Vertraute und gänzlich vorbehaltlos ein. Mit dem bayerischen Urmusikus und ehemaligem Mitglied der „Biermösl Blosn“, Christoph Well, mutiert das Ensemble Wien im Jänner zu „Carnevalsbotschaftern“, um im kommenden Frühjahr mit dem Orchesterkollegen Karl-Heinz Schütz Ervín Schulhoffs „Concertino für Flöte, Viola und Kontrabass“ ins Programm zu streuen. Nach Johann Sebastian Bach und vor Franz von Suppè – das Ensemble Wien spannt gewürzt dezent den Bogen.

Chopin am offenen Fenster

Margarita Gritskova und Adrian Eröd sind Gäste der im Mai die Saison abschließenden „Rossini-Opern-Gala“. Eintauchen in die Welt des Belcanto, welche schon Frédéric Chopin begeisterte. Das offene Fenster seines einstigen Zimmers am Wiener Kohlmarkt wäre so ein Bild für das Wesentliche im Tun des Ensemble Wien: das musikalisch scheinbar Gewöhnliche durch Pflege und Leidenschaft immer wieder durchlüften zu lassen. Die sprachliche Vielfalt der vorbeiziehenden Passanten aufsaugen, wodurch sich der entspannten Zuhörerin ein buntes Kontinuum erschließt.
Das war auch das Ansinnen großer Geister und Musiker wie Clemens Krauss, Herbert von Karajan oder zuletzt Nikolaus Harnoncourt, die Werke der Wiener Strauß-Familie zwischen Haydn, Schubert oder Alban Berg spazieren ließen. Selbst Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ kennt seinen „Valse de Chopin“.
Was wünscht sich das Ensemble Wien vor allem? Mehr verfügbare freie Zeit – das wäre schön! –, um noch mehr auf Tournee gehen zu können, die Ernste Musik aus dem Elfenbeinturm zu holen und die Werke von Strauß, Lanner & Co. nicht gänzlich dem Neujahrskonzert zu überlassen. Eben kammermusikalisch feinste und sehr ehrliche „Freude an Musik“ zu vermitteln. Und die kennt in ihrer Wirkung keine Grenzen.

Ursula Magnes
Mag. Ursula Magnes ist Oboistin und Musikchefin von „Radio Klassik“.