In den Mänteln waren drei Männer und in den Männern drei Kugeln 

Westernhelden

Die Schwingtüren eines Saloons werden fehlen, aber der Fantasie stehen die Türen offen, wenn Michael Köhlmeier, begleitet von Gitarrist Hans Theesink, im Gläsernen Saal von Westernhelden erzählt. In dem Gerne steckt ein unendliches Arsenal an Geschichten. Sabine M. Gruber geht mit ihren eigenen voran.

Wenn ich an Westernhelden denke, taucht in mir als erstes ein Bild auf – oder vielmehr: ein Film. Ein kleines Mädchen steht vor einem Wohnzimmer, hält das Ohr an die Tür und lauscht angestrengt. Drinnen hört es jemanden erbärmlich heulen. Es ist ihr jüngster Bruder; der ältere hält ihn offenbar in Schach; vielleicht hat er ihn gefesselt; oder er kniet über ihm und drückt seine Arme zu Boden, was allein schon einer Folter gleichkommt, auf dem groben kratzigen Boden, der sein graues Noppenmuster in die nackte Haut bohrt, doch das eigentliche Folterwerkzeug des Älteren ist: eine Langspielplatte. Der kleine Bub liegt rücklings auf dem Boden, zwischen zwei großen Lautsprecherboxen, über ihm sein Bruder, daneben eine Stereoanlage mit einem Plattenteller, auf dem sich unerbittlich eine LP dreht. Winnetou 1 oder 2 oder Old Shatterhand oder Old Surehand. Der Ältere spielt dem Jüngeren schon zum zweiten Mal die Stelle vor, an der das Bleichgesicht am Marterpfahl gefoltert wird, um gleich darauf skalpiert zu werden. Ins Schmerz- und Indianergeheul aus den Boxen mischt sich das Angstgeheul des jüngeren Buben und das Triumphgeheul seines Bruders. Da, endlich – Pferdegewieher, Hufgetrappel und Schüsse, gleich werden andere Bleichgesichter den Gemarterten vom Pfahl befreien – doch nein. Wieder ist es dem einen Buben gelungen, die Folternadel an der richtigen Stelle der Vinyl-Rille zu platzieren, und von neuem beginnt das Geheul des anderen.

Cowboys im Feigenkaffee

All das könnte sich so oder so ähnlich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts zugetragen haben, genau zu der Zeit also, als der Wilde Westen in Europa seine absolute Hochblüte erlebte, die in den 50ern begonnen hatte und Mitte der 70er enden sollte. In jedem Mann steckte ein potenzieller Held, und kleine Mädchen schauten ebenso ehrfurchtsvoll wie kritiklos zu ihren großen Brüdern auf. Im Fernsehen lief im einzig verfügbaren Programm allwöchentlich „Bonanza“, und Radiolegende Günther Schifter begrüßte die Ö3-Hörer mit einem kräftigen „Howdy“ zu seiner Sendung „Western-Saloon“, in der er eigentlich Countrymusik spielte. Kinder warteten ungeduldig, bis ihre Mütter eine Packung „Linde“ oder „Titze Gold“ aufgebraucht hatten, sodass eine der begehrten Plastikfiguren zum Vorschein kam, die vom Hersteller listig im Feigenkaffe vergraben worden waren: lassoschwingende Cowboys, mit Tomahawk bewaffnete Rothäute. Brave Buben verkleideten sich als Westernhelden, den Revolver, den sie am Kirtag erstanden hatten, stets schussbereit mit Platzpatronen geladen. Genau so wie die Helden aus den (bei gebildeten Eltern verpönten) Bastei-Comic-Schundromanen, die sie mit glühenden Ohren unter der Bettdecke lasen. Zum Beispiel: Die Abenteuer von Buffalo Bill.

Buffolo Bill’s billiger Trumpf

Der echte Buffalo Bill stammt aus Kansas, hieß mit bürgerlichem Namen William Frederick Cody und jagte hauptberuflich Bisons, also Indianerbüffel, kurz Büffel genannt, amerikanisch: Buffalo. (Hierzulande hätte er womöglich den weniger coolen Spitznamen „Bison-Willi“ bekommen.) Bis zu sechzig Buffalos soll Bill erlegt haben. Pro Tag. Das war keine so große Kunst, wie man meinen möchte, weil unser Held vom Zug aus mit einem Gewehr auf die wehrlosen Tiere zielte. Diese Jagdmethode entwickelte sich zum Volkssport Nr. 1, als endlich die Eisenbahn in und durch den Wilden Westen fuhr. Der Wilde Westen – das ist, geographisch betrachtet, das Gebiet westlich des Mississippi, ungefähr, und historisch ein Zeitabschnitt im 19. Jahrhundert: vom Ende des Sezessionskriegs 1865 etwa bis zur letzten großen Schlacht der U.S. Army gegen die Indianer im Jahr 1890, beim Wounded Knee Creek in South Dakota.

Zug um Zug

Die Eisenbahn – die wurde erstens auf Kosten der Bisons gebaut, die als Nahrung für die Tausenden Bauarbeiter herhalten mussten. Zweitens auf Kosten der Cowboys, die ausgedient hatten, in ihrer Eigenschaft als Treiber der Viehherden, die nun viel einfacher und billiger transportiert werden konnten. Und drittens auf Kosten der Indianer, die endgültig vertrieben, enteignet und in Reservate gezwungen wurden, man könnte auch sagen: in Ghettos, während man ihnen zugleich bewusst die Lebensgrundlage entzog, nämlich die Bisons, die den Ureinwohnern Amerikas jahrtausendelang alles geliefert hatten, was sie zum Leben brauchten, Nahrung, Kleidung, Behausung, Werkzeug, Schmuck. Die Weißen machten so lange Soldatenstiefel aus ihnen, bis sie beinahe ausgerottet waren. Millionen Felle wurden abgezogen, die verendeten Tiere ließ man verrotten.

Heilige Berge, unheilige Kriege

William Frederick Cody, reale Vorlage für unseren Helden aus den Bastei-Comics, war jedoch nicht nur Jäger. Die U.S. Army heuerte ihn als Scout an, man könnte auch sagen: als Spion. Gegen die Indianer, die sich ausnahmsweise erfolgreich verteidigt und den Weißen eine schwere Niederlage verpasst hatten, von der sich diese womöglich bis heute nicht ganz erholt haben. Und das kam so: Der Stamm der Lakota-Sioux sollte zum Verkauf der Black Hills „bewegt“ werden. Zum Verkauf ihrer Heiligen Berge an die Vereinigten Staaten. Was uns nicht weiter verwundert. Denn kurz zuvor war in diesen Heiligen Bergen Gold gefunden worden. Die Verhandlungen scheiterten, und auch das verwundert uns kaum. Der ehrgeizige Befehlshaber des 7. Kavallerie-Regiments George Armstrong Custer verbreitete flugs die frohe Nachricht, sodass ein wahrer Goldrausch unter den weißen Siedlern ausbrach, die damit positiv auf einen Kriegseinsatz eingestimmt wurden. Zugleich lieferte der Indianer-Inspektor Watson (sic!) einen offiziellen Bericht ab, wonach „einige hundert Indianer den Vereinigten Staaten von Amerika feindlich gesinnt seien“. Eigentlich nicht viel mehr als ein Gerücht, doch Anlass genug für einen Angriffskrieg, damals wie heute. Custer war wohl etwas zu siegessicher, man könnte auch sagen: arrogant. Er unterschätzte die Indianer, verfolgte eine vollkommen falsche Strategie und wurde von den Indianern, angeführt von den Sitting Bull und Crazy Horse, vernichtend geschlagen. Auch er selbst fiel am 25. Juni 1876 in der berühmten Schlacht am Little Big Horn. Ein beispielloser Rachefeldzug der U.S. Army war die Folge dieser Demütigung einer ganzen Nation.

Skalps und Shows

Hier tritt wieder unser Buffalo Bill auf den Plan. In einem eher unbedeutenden Gefecht gelingt es ihm, Häuptling Yellow Hand zu töten und zu skalpieren. Mit dem Satz „Das erste Skalp für Custer!“ begründet er seinen Weltruhm. Ein Journalist wird auf ihn aufmerksam und beginnt, in Groschenheften Bills reichlich übertriebene Abenteuer zu veröffentlichen, die den Grundstein für die heute noch gültigen Klischees über den Wilden Westen legen. Unser Held tut ein übriges, indem er seine eigene Buffalo Bill’s Wild West Show gründet, für die er berühmte Westernhelden (und -heldinnen) als Mitwirkende gewinnt – sogar Sitting Bull, der berühmte Hunkpapa-Lakota-Sioux-Häuptling, lässt sich breitschlagen. Gegen Ende des Jahrhunderts exportiert Buffalo Bill seine Show nach Deutschland, und so kann sich der Mythos vom glorreichen Wilden Westen ungehindert in ganz Europa ausbreiten. So wie Buffalo Bill werden auch andere Helden ihrem eigenen Mythos nicht gerecht, wenn man ihre Lebensgeschichte genauer betrachtet. Wyatt Earp, Billy the Kid, Doc Holliday oder Jesse James zum Beispiel – sie alle sind nichts anderes als Banditen. Gescheiterte, wie so viele Männer ihrer Generation. Ehemalige Soldaten, vom Krieg gezeichnet, entwurzelt, durch Eisenbahn und Industrialisierung ihrer Identität und ihrer Arbeit beraubt, haben sie die Wahl: Sheriff oder Bandit. Zwei Seiten einer Medaille.

Kulissen für die Illusion

Kapital aus der jenseits des Mythos wenig glorreichen, problematischen Geschichte Amerikas in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts schlug in der Mitte des zwanzigsten die Film- und Fernsehindustrie. Zunächst in Hollywood, doch bald sprang auch der europäische Film auf den Zug auf, mit dem sogenannten Italowestern. Und im Film verschwimmen erst recht die Grenzen zwischen historischen Fakten, Legenden und freier Erfindung, Illusion und Wirklichkeit. Schon die Schauplätze sind oft nicht die, die zu sein sie vorgeben. Sämtliche Karl- May-Filme sind gleich über der Grenze gedreht worden, in Kroatien – und erzeugen doch die perfekte Illusion eines Wilden Westens. Auch die meisten Drehorte des vielleicht besten Italowestern, der zugleich als einer der besten Filme aller Zeiten gilt, liegen: in Spanien. Once upon a time in the West. Spiel mir das Lied vom Tod.

Was ein Mann eben tun muss …

Der Kultfilm von Sergio Leone, in dem Charles Bronson als Mundharmonikamann, Henry Ford als eiskalter Killer Frank, Claudia Cardinale als Jill McBain und, nicht zu vergessen, Ennio Morricones genialer Soundtrack die tragenden Rollen spielen, hat alles, was einen perfekten Western ausmacht. Eine Geschichte von Rache und Vergeltung vor dem Hintergrund der endlosen Weite der Prärie, belebt durch Massenszenen beim Bau der Eisenbahn. Ein quietschendes Windrad, ein Saloon, eine schöne, schutzlose Frau und vor allem: richtige Männer, die nur das Allernötigste sprechen („Du sagst es, Mädchen“) und zum Ausgleich ebenso schnell reiten wie schießen, in Hemden, die man über den Kopf zieht, in Cowboy- Stiefeln und mit Hosenträgern, in großen Hüten und langen Mänteln. Die Geschichte beginnt damit, dass in den Mänteln drei Männer sind und in den Männern drei Kugeln, und sie endet damit, dass die Westerngerechtigkeit siegt und der Held tut, was ein Mann eben tun muss. Er unterdrückt seine Gefühle, reitet davon, bis er langsam am Horizont verschwindet, und lässt die schöne Frau zurück.

… und ein Mädchen tun kann

Was die Geschichte mit dem kleinen Buben betrifft – keine Sorge, er ist schließlich von seiner Folter erlöst worden. Das kleine Mädchen nämlich hatte die glorreiche Idee, die Stöckelschuhe ihrer Mutter anzuziehen und damit vor dem Wohnzimmer auf- und abzuklappern. Unüberhörbar! Happy End.

Sabine M. Gruber
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und mehrere Romane.