Vom Glück des Suchens

Sol Gabetta

Eine gute Bekannte im Musikverein, eine Starsolistin – und eine Musikerin, die pausenlos auf der Suche ist nach neuen musikalischen Erfahrungen. Eines dieser Experimentierfelder ist die Alte Musik: Nach Wien kommt die argentinisch-schweizerische Cellistin im Dezember mit der von ihr und ihrem Bruder gegründeten Cappella Gabetta.

„Keine Scherze mehr mit ihrem Vornamen, versprochen!“ Eine deutsche Zeitung hatte schon 2010 heilige Eide geschworen, den Vornamen der Cellistin Sol Gabetta nicht mehr länger in blumige Sprachbilder umzumünzen. Sol, die Sonne, es passt aber einfach auch zu gut zu dieser blonden, hellen, leuchtenden Musikerin aus Argentinien. Strahlend der Ton, sonnig das Wesen – da konnte es im Laufe der mittlerweile zwölf Jahre, die ihre internationale Karriere nun andauert, schon zu einer Art „Sonnen-Allergie“ kommen bei Sol Gabetta. In einem Interview hatte sie jedenfalls bereits früh angedeutet, dass sie das nervt. Dass Sol aber auch eine der mittelalterlichen Solmisationssilben ist, im Italienischen für die Note „g“ steht und damit viel näher der Musik, wurde kaum thematisiert. Die Ursprünge ihres Namens liegen tiefer in der Geschichte ihrer Familie, erklärt Sol Gabetta. „Der Grund, warum ich Sol heiße, hat nichts mit Musik oder der Bedeutung ,Sonne‘ zu tun. Meine Mutter gab mir den Namen, weil sie zu der Zeit Schwieriges durchstehen musste. Bevor ich geboren wurde, hätte meine Mutter eigentlich schon Zwillinge bekommen sollen, die jedoch nicht überlebt haben. Es war eine sehr traurige Zeit für sie. Als ich dann geboren wurde, gab sie mir den Namen Sol als Zeichen ihrer inneren Sonne.“

So komplett wie möglich

Regelmäßig ist die in der Schweiz lebende Cellistin im Musikverein zu Gast. Im Dezember nun kommt sie erneut, diesmal als Barockcellistin und als Solistin jener Cappella Gabetta, die sie 2010 zusammen mit ihrem älteren Bruder Andrés gegründet hat. „Ich habe das große Glück Teil einer Generation zu sein, die von dem profitieren darf, was Pioniere der Alten Musik wie zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt erarbeitet haben.“ Wer sich heute überhaupt nicht mit Barockmusik befasse, gelte „schon fast als unkultiviert oder als unkompletter Musiker“, sagt sie. Als sie 2007 ihre erste CD auf einem mit Darmsaiten bestückten Cello aufnahm, sei der Umgang mit Alter Musik allerdings noch nicht so selbstverständlich gewesen – „so war ich zum Beispiel beinahe die einzige in meiner Celloklasse, die damals so ein Projekt gemacht hat, während heute Barockmusik absolut modern ist. Dies haben wir vor allen großen Künstlern wie Harnoncourt, Giovanni Antonini oder Christopher Hogwood zu verdanken.“
Die Barockmusik kam zu ihr, nicht sie zur Barockmusik: „Ich hatte eine Konzertanfrage des Barockensembles I Sonatori de la Gioiosa Marca. Die Musiker schlugen mir vor, Cello-Konzerte von Vivaldi auf Darmsaiten zu spielen – und ich fand es eine aufregende Idee. Damals gehörte Barock eben nicht so zum normalen Repertoire eines Studenten, und für mich war es eine tolle Herausforderung.“

Stachelloses Spiel

Bis vor kurzem spielte sie ihr darmbesaitetes Cello noch mit Stachel auf dem Boden, was eigentlich nicht der hohen Schule der historisch informierten Aufführungspraxis entspricht. „Ich war noch nicht so weit, dass ich das Instrument ohne Stachel festhalten und so beherrschen konnte, wie ich es wollte, und mich dabei musikalisch frei fühlte. Ohne Stachel hätte ich mich eingeschränkt gefühlt. Es brauchte Zeit, es war ein Entwicklungsprozess.“
Und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Gerade in großen Sälen empfindet sie das stachellose Spiel auf Darmsaiten als ein Risiko – „denn diese Art von Musik wurde nicht für einen großen Saal geschrieben. In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal in großen Sälen als Solistin mit Darmsaiten gespielt. Aber ich finde das Ergebnis nicht optimal, besonders für das Violoncello. Da bin ich einfach noch nicht 100 Prozent überzeugt. Das Lernen und Suchen ist aber noch lange nicht beendet, es geht noch weiter.“

Die musikalische Familie

Lernen, Suchen, der Alten Musik und ihrer besonderen Klangrede auf die Spur kommen: Zwei Ensembles der historischen Interpretationspraxis sind da besonders regelmäßige und hilfreiche Partner für Sol Gabetta. Zum einen Il Giardino Armonico, die Altmeister unter den italienischen Barockorchestern, die 1985 begannen, Vivaldi und Co. auf eine völlig neue Temperamentsstufe zu stellen. Zum anderen die erst 2010 gegründete Cappella Gabetta, in der Sols Bruder Andrés als Konzertmeister fungiert und in dem ausgewiesene Barockspezialisten aus dem schweizerisch-italienischen Raum musizieren. „Jedes Ensemble hat seine eigenen Farben“, erläutert Sol Gabetta die Unterschiede dieser beiden Klangkörper. „Il Giardino Armonico, mit denen ich sehr vertraut bin, ist ein unglaublich raffiniertes und großartiges Ensemble. Es hat eine lange Tradition und viel, viel Erfahrung. Die Musiker haben das gleiche Verständnis dafür, diese Musik zu denken. Die Cappella Gabetta dagegen ist im Vergleich deutlich jünger, wir spielen zusammen erst seit fünf, sechs Jahren. Aber das Ensemble entwickelt sich hervorragend. Mein Bruder und ich haben die Cappella gegründet, weil wir gemeinsam etwas aufbauen und entwickeln wollen, sozusagen unsere gemeinsame musikalische Familie.“

Was wirklich zählt

Für die Musiker der Cappella Gabetta ist die Alte Musik das tägliche Brot. Für Sol Gabetta dagegen ist die Musikgeschichte noch etliche Jahrhunderte reicher. Sie spielt heute Schostakowitsch und morgen Elgar und übermorgen Vasks. Muss also jedes Mal sich neu aufs Alte besinnen, auf Darmsaiten, den fehlenden Stachel, das druck- und vibratolose Spiel.  Eine provokante Frage: Sieht sie sich denn ernst genommen im Zirkel der Alten Musik? Als Gelegenheits-Barockmusikerin? „In erster Linie spiele ich für mich und nicht, um von außen Respekt zu bekommen“, erklärt sie. „Wahrscheinlich werde ich nicht ernst genommen – oder vermutlich doch? Es ist mir jedenfalls viel wichtiger, dass ich mich selbst ernst nehmen kann. Ich bin nicht auf dieser Suche, um eine Spezialistin zu werden, sondern um mich musikalisch immer wieder zu entwickeln, zu bereichern.“

Stefan Schickhaus
Stefan Schickhaus lebt als freier Musikjournalist in Wiesbaden und schreibt regelmäßig für die „Frankfurter Rundschau“.