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Der 45-jährige Franzose Stéphane Denève gehört zu den international meistgefragten Dirigenten seiner Generation. Dass man ihn auch in Wien erleben will, versteht sich. Nun dirigiert er, zum zweiten Mal im Musikverein, die Wiener Symphoniker.

Gebannt von „immer neuen Entdeckungen in diesem Wunder des Orgelklanges“, hatte sich Stéphane Denève als kleiner Junge des öfteren im Kirchengestühl versteckt, um heimlich dem Spiel einer Klosterfrau zu lauschen. Dann aber war es vorbei mit der Verborgenheit. Auch mit jener hinsichtlich der Begabung des Knaben. Denn als die Organistin, Lehrerin an der katholischen Schule, an der Stéphane unterrichtet wurde, den Bengel unter ihre Fittiche nahm und am Klavier unterrichtete, kam sie schnell an ihre Grenzen – und baute die Brücke ins berühmte Pariser Konservatorium. Der Trompeter widmete sich nun ganz dem Klavier, ohne freilich völlig von seiner Nebenliebe zum Kontrabass zu lassen. Und nun drängte er auch selbst nach vorne: „Ich wollte früh dirigieren“, erzählt Denève, „zu meinem 14. Geburtstag durfte ich das dann zum ersten Mal. Von da an habe ich kontinuierlich dirigiert.“ Mit 22 war der Preisträger des Konservatoriums Profi – und seitdem hat sich der Karrierebogen des 1971 im Norden von Frankreich geborenen Dirigenten immer weiter gedehnt.

Heiliges Feuer

Zunächst wieder eher im Verborgenen, denn im Hauptamt war Denève anfangs  Korrepetitor beim Chor des Orchestre de Paris, wo er Sir Georg Solti auffiel. 1996 machte Solti ihn zu seinem Assistenten bei Mozarts „Don Giovanni“ an der Pariser Oper, an der umgehend Assistenzen bei Georges Prêtre und Seiji Ozawa folgten: „Diese fünf Jahre an der Pariser Oper, in denen ich mit so vielen unglaublichen Dirigenten wie Guilini, Sawallisch, Rostropowitsch oder Collin Davis arbeiten konnte, haben mich geprägt.“ Vor allem Georg Solti: „Ich liebe Solti!“, bekennt Stéphane Denève. Und die Erinnerung an die 1997 verstorbene Pult-Legende ist pure Gegenwart: „Er war 80 und wollte es immer noch besser machen. Er konnte stundenlang mit Sängern proben, um eine ganz bestimmte Phrasierung zu entwickeln. Und er hatte diese Leidenschaft, das heilige Feuer für die Musik! Das ist ein Modell für mich. Für mein Leben, für die Musik. Diese Flamme möchte ich mit all meiner Kraft weitertragen.“
Aktuell mit rund 100 Konzerten im Jahr, nebst gelegentlichen Opernproduktionen. Denn längst ist Denève ein gefragter Gastdirigent in den großen Häusern und Sälen der Alten und der Neuen Welt. London, Paris, Wien und Barcelona, München, Berlin, Amsterdam oder Mailand beispielsweise, in Amerika mit regelmäßigen Konzertserien bei den renommierten Orchestern etwa von Boston, Cleveland, Philadelphia und San Francisco, wobei er gerne auch die erprobten, engen Beziehungen zu Solisten wie Jean-Yves Thibaudet, Frank Peter Zimmermann, Yo-Yo Ma, Nikolaj Znaider, Pinchas Zukerman, Hilary Hahn und Vadim Repin pflegt.

Treibende Kraft

Hinzu kommen Chefposten: von 2005 bis 2012 als Music Director des Royal Scottish National Orchestra, von 2011 bis zum Ende der vergangenen Saison in der Nachfolge von Sir Roger Norrington als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. Seit dieser Saison ist Denève Chefdirigent des Brussels Philharmonic: in enger Verknüpfung mit seiner Funktion als Gründungsdirektor des Centre for Future Orchestral Repertoire. Eine ambitionierte Aufgabe, mit der Denève selbst zum Entdecker werden und dem angestammten Repertoire „Meisterwerke des 21. Jahrhunderts“ hinzufügen will.
Ob das alles nicht eventuell ein bisschen viel sei? Denève lacht: „Nein, ich liebe diese Orchester. Es ist hart für mich, nein zusagen. Es ist viel Arbeit. Aber Dirigieren ist auch ein Vergnügen! Ich kann das jeden Tag machen.“ Sein Pensum würde er nur reduzieren, wenn er nicht mehr sicherstellen könnte, dass er „immer sehr gut vorbereitet“ sei: „Das ist entscheidend für mich.“ Und das bestimmt seinen Alltag: „Ich habe immer eine Partitur bei mir.“ So war es wohl mehr als nur ein hübscher Zufall, ihn in Stuttgart einmal in der Stadtbahn mit einer Partitur auf dem Schoss angetroffen zu haben: kurz vor Mitternacht, nach einem Konzert mit seinem Orchester.

Stéphane Denève
© Drew Farell

Stéphane Denève 

Wiener Symphoniker

Stéphane Denève, Dirigent
Jasminka Sančul

Guillaume Connesson
Maslenitsa
Camille Saint - Saëns
Klavierkonzert Nr. 2 g - Moll, op. 22
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 5 e - Moll, op. 64

Samstag, 03. Dezember 2016, 19.30 Uhr

Großer Saal
© Wolf-Dieter Grabner

Großer Saal 

Wiener Symphoniker

Stéphane Denève, Dirigent
Jasminka Sančul

Guillaume Connesson
Maslenitsa
Camille Saint - Saëns
Klavierkonzert Nr. 2 g - Moll, op. 22
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 5 e - Moll, op. 64

Sonntag, 04. Dezember 2016, 19.30 Uhr

Nie im Urlaub

Der Dirigent als Workaholic? „Das ist meine Leidenschaft für die Musik. Meine Frau sagt, ich sei nie in Urlaub, denn ich habe immer eine Liste von Partituren zu studieren, zu lernen. Aber ich liebe mein Leben! Es ist ein Privileg, so als Musiker zu leben.“ Zugleich preist er die vier Jahre als Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein, in Düsseldorf: „Die vielen Programme, das war ein wunderbarer Kursus. Da habe ich endgültig gelernt, jede große Partitur fürs Klavier zu setzen. Ich spiele jedes Stück am Klavier. Es ist die einzige Möglichkeit, ein Stück tief zu durchdringen. Nach dem ersten Studium der Partitur, dem Gesetzbuch jeder Aufführung, ist das Klavier für mich wie eine neue Brille, ein Röntgenapparat zur Erforschung der Details. Das ist für mich der Weg, nicht zu imitieren, sondern aus der Partitur heraus selbst etwas zu kreieren, um so im Konzert die Suggestionskraft der Musik neu zu  entfalten.“
Selbst wenn Denève hier nur von seiner Arbeitsweise spricht, ist etwas von der Leidenschaftlichkeit, von seiner eigenen Suggestionskraft zu spüren, die er am Pult zu entfalten vermag: in einer Mischung aus dem Ideal der Genauigkeit und jenem vital-schöpferischen Feuer, in dem ein Orchester ein Konzert zum Ereignis machen kann: „Natürlich müssen wir ganz genau sein. Aber Musik ist keine Mathematik, Musik muss atmen, muss lebendig werden, denn Musik ist der kürzeste Weg von einem Herzen zum anderen.“

Wahrheit und Wachheit

Um nun nicht „vielleicht auf eine banale Ebene des schlichten Gefühls“ zu geraten, erläutert Denève eine Quelle seiner Denkweise: „Ich liebe den Philosophen Schopenhauer. Für ihn ist die Musik die höchste der Künste, eine Art Superarzt der Kunst. Er hat gesagt, dass keine Kunst so direkt und tief auf den Menschen wirkt wie die Musik und uns dabei unserem innersten Wesen, unseren Ängsten, unserer Sehnsucht, unserem Menschsein nahe bringt.“ Einer „Medizin“, der wir dringend bedürften: „In unserer Welt gehen die Leute in ihren Bildschirmen verloren. Sie denken, sie kommunizieren mehr, wenn sie in Social Media unterwegs sind. Aber das ist eine Selbsttäuschung. Musik aber ist Wahrheit. Eine Wahrheit, die wir brauchen wie die Luft zum Atmen. Im Konzert können wir mit Musik eine gemeinsame spirituelle Erfahrung machen, eine besondere Kommunikation in einer universalen Sprache, in einer eigenen Welt, die wir tatsächlich haben können. Dann spüren wir, warum wir sind da und warum wir lieben können. Das ist das Wunder von Musik.“
Und wenn Stéphane Denève für sein Denken Schopenhauer als Inspirationsquelle erwähnt, so führt er nun mit Vladimir Nabokov einen Dichter ins Feld, um zu verdeutlichen, worauf es ihm als Orchesterleiter im Konzert ankommt: „Sein Ideal war eine absolute Wachheit. Er hat alles Trübe gehasst, selbst den Schlaf hat er gehasst. Diese absolute Konzentration, diese Helligkeit des Bewusstsein, die ich bei ihm finde, die gibt uns eine elementare Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit. Und das möchte ich in jedem Konzert wecken.“

„Voilà, ich bin Franzose!“

Im Programm, das er mit den Wiener Symphonikern im Musikverein präsentiert, gibt Denève mit Saint-Saëns’ Zweitem Klavierkonzert ein Beispiel für seine spezielle Verankerung im französischen Repertoire: „Berlioz, César Franck, Debussy, Ravel, Poulenc oder Albert Roussell. Das ist meine ,héritage‘, mein Erbe. Ich liebe die Differenz! Den Esprit, die Clairté, den Geschmack und die Sinnlichkeit der Farben. Voilà, ich bin Franzose! Ich könnte auch sagen: Ich liebe die Menschen, das Leben, die Musik in allen Schattierungen.“
Und er mag es auch, dabei den französischen Tonschöpfern russische zur Seite zu stellen: „Ich liebe russische Musik. Sie spiegelt in Eleganz und Leidenschaftlichkeit, Farbe und Gefühl eine interessante Verbindung zwischen Frankreich und Russland. Tchaikowskijs Symphonie Nr. 5 ist sehr raffinierte und delikate Musik mit unglaublichen Orchesterfarben. Da ist wirklich eine Verwandtschaft.“
Zugleich will er das Auditorium dazu verlocken, „Neugierde für Entdeckungen zu haben“: mit einem Werk des Zeitgenossen Guillaume Connesson. Und auch hier folgt ein Liebesbekenntnis. „Ich liebe Neue Musik“, sagt Denève, wobei ihm das Neue aber kein Wert an sich ist: „Ich liebe Neue Musik, die eine Grammatik hat. Eine Sprache, der unser Kopf folgen kann. Connessons ,Maslenitsa‘ ist kompliziert gemachte, zeitgenössische Musik. Ein bisschen verrückt, aber mit einer kultivierten, reichen musikalischen Sprache.“ So gibt er in Wien auch eine Kostprobe seiner Brüsseler Mission: „Mit Meisterwerken unserer Zeit das Publikum der Zukunft zu gewinnen. Ich will nicht sagen, sie müssen das lieben, weil es neu ist. Nein, nein! Ich liebe dieses Stück, und ich will im Konzert diese Liebe teilen. Es ist tolle Musik, die uns etwas sagen kann. So einfach ist das.“

Georg Linsenmann
Georg Linsenmann arbeitet als freier Journalist in Süddeutschland. 

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Dezember 2016


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