Stetes Crescendo

Rudolf Buchbinder

Seine Karriere, sagt Rudolf Buchbinder, sei wie ein stetes Crescendo verlaufen. Vorläufiger Höhepunkt: sein 70. Geburtstag, den er, als Ehrenmitglied des Hauses, Anfang Dezember im Wiener Musikverein feiert. Monika Mertl sprach mit dem Jubilar über Beethoven, das Vorbild Jascha Heifetz und das Glück, nie eine Sensation gewesen zu sein.

Dass Sie Ihren Geburtstag mit Beethoven begehen, versteht sich fast von selbst – nach unzähligen Beethoven-Konzerten, nicht weniger als drei Gesamtaufnahmen der Beethoven-Klaviersonaten und einem Beethoven-Buch, das Sie 2014 veröffentlicht haben. Was für ein Lebensbegleiter ist Beethoven? 

Ich versteh mich sehr gut mit ihm. Eins meiner liebsten Bücher, „Das Schwarzspanierhaus“, stammt vom Sohn des Stephan von Breuning, der erzählt, wie er als 10-jähriger Bub mit Beethoven Hand in Hand im Park spazieren geht. Nach zwei Seiten haben Sie das Gefühl, Sie gehen selbst mit Beethoven spazieren. 

Und seine misanthropischen Seiten, auch aufgrund seiner körperlichen Gebrechen?

Er hat sich doch zeit seines Lebens nach Liebe und Wärme gesehnt! Er hatte viele Affären, aber er konnte ja nie heiraten. Die Frauen, die er liebte, waren verheiratet, oder er war für sie nicht standesgemäß. Wenn man sich seine Liebesbriefe anschaut: Mein Alles, mein Ich, ewig uns … es berührt einen schon gewaltig, wie empfindsam dieser Mensch war. Das Gebrechen mit seinem Gehör hat wahrscheinlich vieles in seinem Charakter verändert. Aber er war ein ganz großer Humanist und ein ganz großer Europäer. Er hat schon so viel vorweggenommen, denken Sie an den Text der Neunten! Das sollten sich manche Politiker anhören.

Sie haben sich über Jahrzehnte mit den 32 Sonaten beschäftigt. Was ist denn das Alleinstellungsmerkmal dieser Werke?

Ohne Bach, ohne Haydn würde es keinen Mozart, keinen Beethoven geben – aber Beethoven war der Revolutionär seiner Zeit. Der hat sich nicht gekümmert, was Haydn oder Mozart geschrieben haben, der hatte seinen Stil. Ich habe darüber auch mit Harnoncourt und mit Sawallisch gesprochen. Die beiden sind immer fuchsteufelswild geworden, wenn man sagte, die ersten Klavierkonzerte sind beeinflusst von Mozart – das ist purer Beethoven, und sonst gar nix!
Für mich war die wichtigste Zeit des Vorbereitens der Beethoven-Sonaten die Auseinandersetzung mit Haydn, als ich das komplette Klavierwerk von Haydn aufgenommen habe. Ich habe Disziplin gelernt, Artikulation, Phrasierung, das kommt mir heute zugute, auch wenn ich Brahms, Tschaikowskij oder Gershwin spiele. 

Beethoven ist es als einem der wenigen von Anfang an gelungen, ganz konsequent seine Visionen zum Ausdruck zu bringen, ohne Rücksicht auf Konventionen …

Beethoven war skrupellos. Und er hat in Extremen gelebt. Bei den dynamischen Angaben und Ausdrucksbezeichnungen gibt es vieles, was nur für ihn zutrifft. Er hat zum Beispiel das Rinforzando erfunden: ein Sforzato, das für die ganze Phrase gilt, quasi ein emotionaler Ausbruch. Beethoven ist auch der einzige, der nach einem Espressivo „a tempo“ schreibt. Man schreibt „a tempo“ sonst doch nach ritardando oder accelerando, Beethoven schreibt es nach espressivo – das heißt: espressivo war bei Beethoven nicht im Tempo. 

Das sind die vielen interpretatorische Feinheiten, auf die es bei Beethoven ganz besonders ankommt.

Naja, wer steht im Vordergrund, der Komponist oder der Interpret? Das Publikum kommt wegen dem Interpreten!

Er steht auch größer auf dem Plakat.

Zu Recht! Die Interpreten sind natürlich die Diener der großen Meister, und dazu braucht man das Wissen, das Fundament, um dann auf der Bühne frei zu sein. Wenn das Publikum die Fünfte hört, von Harnoncourt oder von Muti oder von Mehta – was ist der Unterschied? Gott sei Dank können wir nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Niemand hat mit Beethoven gefrühstückt. Wir können nur sagen, es gefällt mir. Wir versuchen immer, etwas hineinzuinterpretieren. Was hat sich der Komponist dabei gedacht? Gott sei dank wissen wir’s nicht! Und wir wissen bis heute nicht, wer die unsterbliche Geliebte war. Das sind die Geheimnisse, die bleiben sollen. 

Stimmt es, dass Sie nie Einzelunterricht hatten?

Das stimmt, schon von Anfang an. Ich war mit fünf Jahren Student an der Musikhochschule, die ersten sechs Jahre bei Marianne Lauda, da waren wir Kinder immer alle zusammen da. Wir haben zugehört. Wir haben ja profitiert. Man musste sich in seiner Klasse nicht nur für den Lehrer, sondern vor allem für die Mitschüler anstrengen, die waren das heikelste Publikum. Und der Lehrer gewinnt Zeit, weil er nicht über denselben Fehler zweimal reden muss. Ich selber habe auch nie Einzelunterricht gegeben. Dieser Bürokratismus: Jeder spielt eine Stunde – das ist der allergrößte Blödsinn! Ich muss doch einen Unterschied machen, ob es um eine Haydn-Sonate geht oder um ein Brahms-Konzert. 

Sie haben von Kindheit an Kammermusik gemacht – bedeutet das, dass Sie ursprünglich gar nicht so sehr auf eine solistische Karriere hingetrimmt wurden?

Das hat mit solistischer Karriere nichts zu tun. Die Kammermusik ist die wichtigste Basis, da lernt man zuhören. Ein Geiger muss sich Gedanken machen über Auf- oder Abstrich, ein Bläser lernt zu atmen. Ich sag immer, wenn wir Pianisten einmal zufällig, rein zufällig, richtig phrasieren, dann steig ma aufs Pedal, und wieder is alles hin! 

Wenn man dieses Miteinander im Musizieren gelernt hat, auch das sich Anpassen und Rücksicht nehmen, ist man dann allgemein ein konzilianter Mensch?

Nein, nein. In der Musik darf es keine Kompromisse geben. Aber das ist mit Proben nicht zu lösen. Entweder man passt zusammen, dann atmet man die Musik gemeinsam. Und wenn nicht, dann genügen zwanzig Proben nicht. Jeder soll das spielen, was er will, und das muss zusammenpassen. Das funktioniert phantastisch! Auch mit Dirigenten! Und meine Kammermusikerfahrung kommt mir heute natürlich sehr zugute, wenn ich mit Orchester spiele. 

Geben Sie in Ihrer Geburtstagssaison mehr Konzerte als üblich?

Schauen Sie, es gibt Ballungen, aber es gibt manchmal einen Monat, wo ich kein einziges Konzert gebe. Ich bin kein Vielspieler. Dieses Image ärgert mich wahnsinnig! Alicia de Larrocha hat bis zu ihrem Lebensende 170 Konzerte im Jahr gespielt. Das geht doch niemanden etwas an! Bei mir sind es an die hundert Konzerte im Jahr, also ungefähr jeden vierten Tag. Ich schlafe sieben Monate in meinem Bett. 

Ein interessanter Satz von Ihnen lautet: „Ein Glück in meinem Leben ist, dass ich noch nie eine Sensation war. Es gibt nichts Gefährlicheres.“

Weil man nicht imstande ist, eine Sensation zu wiederholen. Ich vergleiche meine Karriere mit der von Claudio Arrau. Das war ein stetes Crescendo. Mosaikstein auf Mosaikstein. Wie viele von diesen Sensationen – ich will keine Namen nennen – sind dann sehr schnell wieder verschwunden!

Bewirkt diese Entwicklung bei Ihnen vielleicht, dass Sie ziemlich gelassen mit Konzertsituationen umgehen …

Ich habe sehr gute Nerven. Aber ich bin sehr nervös. Ich werde von Konzert zu Konzert nervöser. Weil man sich selbst die Latte immer höher setzt. Es ist sehr schwer, die eigenen Erwartungen zu erfüllen. Es genügt ja nicht, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Die muss man übertreffen. Und indem man die eigenen Erwartungen höher schraubt, übertrifft man automatisch die des Publikums. 

Sie betreiben eine kluge Art von Selbstmanagement, um unnötigen Stress zu vermeiden. Der Konzerttag beginnt für Sie grundsätzlich erst nach dem Mittagessen, vorher ist es normaler Alltag …

Ganz richtig, da kann ich viele Strapazen auf mich nehmen. Es gibt keine Regeln – außer der, dass ich schlafe, das ist das Wichtigste: der kurze Schlaf vor dem Konzert. Es gibt Künstler, die sich vor dem Konzert stundenlang einspielen. 

Wenn Sie jetzt siebzig werden, merken Sie nichts davon, dass man sich die Kraft anders einteilen muss?

Ich habe kein Problem mit meinem Geburtstag. Je älter ich werde, desto leichter fällt mir das Klavierspielen, desto weniger technische Probleme habe ich. Aus einem einfachen Grund: Ich habe meine eigene, persönliche Art des Übens …

So wenig wie möglich…

Vollkommen richtig. Ein Hochleistungssportler hört mit dreißig auf. Unsere Finger sind Hochleistungssportler. Wenn man die unnötig strapaziert … Es kann mir auch kein Mensch weismachen, dass man imstande ist, sechs Stunden am Tag konzentriert zu üben. Ich setz mich nur zum Klavier, wenn ich weiß, ich bin hundert Prozent dabei, mein Körper, mein Geist, mein Herz. Ich arbeite sehr viel mit dem Kopf.

Das Studium ist für Sie also wichtiger als das Manuelle, und auf das Manuelle verlassen Sie sich?

Ja, das funktioniert. Mein Idol als Instrumentalist ist Jascha Heifetz. Es gibt keinen, der sein Instrument so beherrscht hat: dass die Finger das machen, was er will. Rubati bei Heifetz sind dort, wo er will, und nicht bei einer schweren Stelle, wo man automatisch langsamer werden würde. Wenn ich auf der Bühne sitze, und ich muss aufpassen, wann die schwere Stelle kommt, bin ich ja nicht imstand, Musik zu machen.
Ich habe auch mindestens zwei, drei Perioden im Jahr, wo ich zwei Wochen lang das Klavier nicht anrühre, obwohl ich zu Hause bin. Das ist wie ein Drogenentzug, man ist ja verrückt danach! 

Und die Finger sind dann nicht eingerostet?

Im Gegenteil. Das ist alles Hysterie. Aber jeder hat sein eigenes System, mit dem er glücklich werden muss. Ich will kein Klaviertiger sein! Ich habe zu viele Hobbys: Malerei, Bildende Kunst, Literatur. Ich gehe lieber in ein Museum, als dass ich stundenlang übe.

"Indem man die eigenen Erwartungen höher schraubt, übertrifft man automatisch die des Publikums."
Rudolf Buchbinder

Deswegen macht Ihnen das Klavierspielen nach 65 Jahren immer noch so viel Freude?

Ja. Ich hab eigentlich erwartet, dass Sie sagen, dass es mir leicht fällt. Es ist mir nie leicht gefallen. Ich habe natürlich viele Geschenke von oben bekommen. Und wenn man Talent hat, gehört als Verpflichtung auch Disziplin dazu. Aber die Freude … Es ist ein Teil meines Lebens. 

Wenn Sie jetzt 70 werden, was muss denn unbedingt noch sein, was wäre ein Wunsch, bei dem nicht sicher ist, ob er sich erfüllen wird?

Es gibt so viele Steigerungsmöglichkeiten. Meine Pläne gehen bis 2020, auch ein großes Beethoven-Jahr … Kyung-wha Chung hat mir einmal gesagt: Man soll sich nicht mit anderen vergleichen, sondern einmal die eigene Leiter zurückschauen, dann ist man plötzlich sehr glücklich. Man soll nie hinaufschauen. Es gibt eine ewige Entwicklung und Steigerung. Wenn ich einmal nicht mehr bin, werde ich nie erfahren, wie weit es noch gegangen wäre.

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).