Metaphern für den Glanz

Hans Richter

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erlebte mit ihm ein „eisernes Zeitalter“, die Wiener Philharmoniker ein „goldenes“. Man suchte, hier wie da, Metaphern für den Glanz. Vor 100 Jahren, am 5. Dezember 1916, starb Hans Richter, der gefeierte Dirigent, in Wien.

Im Jahre 1937 prägte der Musikschriftsteller Heinrich Kralik für das vom „Parteienstreit“ um Liszt, Wagner, Bruckner und Brahms geprägte letzte Viertel des 19. Jahrhunderts einen Begriff, der zum Standard wurde: „Für die Konzertgeber war diese Periode des Kämpfens vor allem eine Periode des Erntens. Mit ihrem Beginn treten die Philharmoniker in das goldene Zeitalter ihres Unternehmens. Es ist das goldene Zeitalter Hans Richters.“
Die Aussage fordert zu kritischer Untersuchung geradezu heraus – und hält ihr stand: Uraufführungen von Bruckners Vierter und Achter Symphonie, von Brahms’ Zweiter und Dritter sowie des Violinkonzerts von Tschaikowskij im Großen Musikvereinssaal, Wiener Erstaufführungen von d’Albert, Bizet, Borodin, Dvo®ák, Glinka, Grieg, Lalo, Massenet, Saint-Saëns, Smetana und Richard Strauss, dazu die Begegnung mit den meisten dieser Komponisten – die damaligen Philharmoniker erlebten Musikgeschichte in einer Intensität, wie sie nur wenigen Nachschaffenden vergönnt ist!

Wagners Empfehlung

Hans Richter wurde am 4. April 1843 in Raab (Györ) geboren und studierte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Horn beim Philharmoniker Wilhelm Kleinecke sen. 1862 wurde er Hornist am Kärntnertortheater, aber als Richard Wagner 1866 einen Sekretär suchte, der die „Meistersinger“-Partitur zur Druckvorlage kopieren sollte, kündigte er und reiste nach Tribschen bei Luzern. Nach Beendigung der Arbeit erhielt er auf Empfehlung Wagners eine Anstellung am Hoftheater in München, wo er 1868 mit Rossinis „Wilhelm Tell“ als Dirigent debütierte. Als er sich weigerte, die von König Ludwig II. gegen Wagners Willen angeordnete Uraufführung des „Rheingold“ zu dirigieren, befahl der wütende Monarch seine Entlassung.
Nach einer vierjährigen Tätigkeit in Pest wurde Richter 1875 als Kapellmeister der Wiener Hofoper engagiert und fast gleichzeitig von den Philharmonikern zu ihrem Abonnementdirigenten gewählt. Eigentlich war er für eine andere Position im Gespräch gewesen: Nach dem Rücktritt von Brahms als „Artistischer Director“ der Gesellschaft der Musikfreunde 1875 hatte man ihm die Nachfolge angeboten und die Verhandlungen beinahe zum Abschluss gebracht, als Johann Ritter von Herbeck „seine Bereitwilligkeit erklärt[e], zu der Gesellschaft zurückzukehren, die“ – so ist es in den Musikvereinsannalen von Perger und Hirschfeld festgehalten – „die Wiege seines Ruhmes“ war. Im August 1876 wurde Richter mit einem Schlag weltberühmt, als er anlässlich der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses die Uraufführung des „Ring des Nibelungen“ leitete.

Tief begründete Vereinigung

1884 war auch für die Gesellschaft der Musikfreunde die Zeit gekommen, den Vielgefragten zum Konzertdirektor zu bestellen. „Endlich“, so die Annalen von Perger/Hirschfeld, „wurde die in der Künstlernatur Hans Richters und in der Natur der Gesellschaftskonzerte tief begründete Vereinigung des großen Dirigenten und der Gesellschaft der Musikfreunde geschaffen.“ Die Ära Richters als Konzertdirektor des Musikvereins – von Perger/Hirschfeld als „das eiserne Zeitalter der Gesellschaft“ gefeiert – dauerte bis 1890. Ein Höhepunkt dieser Ägide war die Uraufführung von Bruckners „Te Deum“ 1886 mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, dessen Leitung er ebenfalls innehatte.
Bis 1900 vertraglich an die Wiener Hofoper gebunden, baute er daneben eine große Karriere in England auf, wo die Londoner „Richter Concerts“ Kultstatus erlangten; er übernahm ferner die Musikfeste in Birmingham und war künstlerischer Leiter des Hallé Orchestra in Manchester sowie des London Symphony Orchestra. Nach beispiellosen Triumphen kehrte er auf den Kontinent zurück, um seinen Lebensabend in Bayreuth zu verbringen, wo er am 5. Dezember 1916 starb.

Prägende Persönlichkeit

Es gibt in der Geschichte der Wiener Philharmoniker keinen anderen Dirigenten, der sie in diesem Maße prägte. Die eindrucksvollste Formulierung fand der Sekundgeiger und spätere Geschäftsführer Franz Heinrich mit der Feststellung, „die Mehrzahl der Philharmoniker habe an Hans Richters Hand sozusagen die Kinderschuhe im Orchester ausgetreten“. Nüchterne Zahlen belegen diese Aussage: Richter wurde 24-mal in Folge zum Abonnementdirigenten gewählt (wobei er insgesamt lediglich 18 Gegenstimmen erhielt!), dirigierte 243 Konzerte und präsidierte mit einjähriger Unterbrechung von 1875 bis 1898 dem Unternehmen.
Dennoch gab es auch im „goldenen Zeitalter“ interne Spannungen, und der Eindruck des unerschütterlichen Patriarchen täuscht. Als er von Presse, Publikum und einem Teil des Orchesters wegen seiner Programme, vor allem aber wegen seines Eintretens für Brahms heftig kritisiert wurde, legte er die Leitung der Abonnementkonzerte zurück: „Allerdings ist die [Erste] Symphonie ein Werk was nicht die Nächstbesten 4händig herableiern können“, betonte er. „Die Bemerkung die über ihn gemacht wurde, daß er sich irre, weist er entschieden zurück. Niemand hat das Recht zu sagen er irre sich und jeder gute Musiker muß sagen daß Brahms ein großes Genie ist“, wie in philharmonischen Akten nachzulesen ist.
Die Gedenkfeiern für Richard Wagner, der am 13. Februar 1883 starb, sowie die einstimmige Wiederwahl bewogen Richter zur Rückkehr als Abonnementdirigent, der er bis 1898 blieb, wobei er zur allseits bewunderten Autorität aufstieg. Als er im April 1894 nach langer Krankheit wieder mit den Philharmonikern zusammentraf, wurde er „mit stürmischen Beifall“ begrüßt und brachte in seiner Antwort die Gefühle zum Ausdruck, welche ihn an die Musikervereinigung banden: Er „habe in dieser schweren Zeit erst recht das Bedürfniß kennen gelernt mit dieser Körperschaft zu wirken und er ist zur vollen Erkenntnis gelangt, wie gern er Alle miteinander habe“.

Heimlicher Zuhörer

Den wohl höchsten Beweis seiner Loyalität erbrachte er 1898, als er, obwohl einstimmig zum Abonnementdirigenten wiedergewählt, dieses Amt niederlegte, um dem neuen Hofoperndirektor Gustav Mahler Platz zu machen. Die Vorgänge hinterließen aber doch tiefe Wunden, und längere Zeit gab es keinen Kontakt. Eine Begegnung demonstrierte schließlich die Liebe, welche ihn mit diesem Ensemble nach wie vor verband. Am 23. Jänner 1915 dirigierte Siegfried Wagner die Philharmoniker, und in einer der Proben entdeckte man einen heimlichen Zuhörer im Goldenen Saal – den 71-jährigen Hans Richter. Das Orchester erhob sich und brach in minutenlange Ovationen aus, die ihn so überwältigten, dass er seine Rührung hinter einem Scherz verbergen musste: „Silentium! Also noch immer die Störungen in den philharmonischen Proben!“ Hierauf wohnte er mit Tränen in den Augen der Probe bis zum Schluss bei und verließ dann wortlos den Saal.
Richters letzter, im Archiv der Wiener Philharmoniker überlieferter Brief war gleichsam ein Vermächtnis: „Was konnte ich mit dieser außerordentlich begabten Körperschaft alles wagen? […] ja ein gutes Orchester kann auch auf den Kapellmeister einen guten Einfluß ausüben! Wenn das nur alle einsehen würden! – Drillmeister gehören auf’s Exerzierfeld; Künstler und Kunstjünger verlangen nach einem Erzieher und Bildner. Mein Bild sollen die Herren bekommen. Ich hoffe, daß ich es im Frühjahre selbst bringen kann […]. Es soll die Herren an den erinnern, der sich niemals einbildete, als Dirigent ‚vom Himmel gefallen‘ zu sein, sondern immer stolz darauf war, aus dem Wiener Orchester hervorgegangen zu sein.“ Elf Tage später, am 5. Dezember 1916, schloss Hans Richter die Augen für immer.

Clemens Hellsberg
Prof. Dr. Clemens Hellsberg war Primgeiger der Wiener Philharmoniker und von 1997 bis 2014 deren Vorstand. Ebenfalls bis 2014 leitete er das Historische Archiv des Orchesters. Er schrieb das Standardwerk „Demokratie der Könige. Die Geschichte der Wiener Philharmoniker“ und zuletzt „Philharmonische Begegnungen. Die Welt der Wiener Philharmoniker“.