Liebeserklärung ans Wienerische

Ursula Strauss und Christian Dolezal

Vor allem aus Film und Fernsehen kennt man Ursula Strauss und Christian Dolezal. Am 1. Dezember widmen sich die beiden Schauspieler allerdings einem ganz anderen Genre: der Wiener Mundartdichtung. Mit Christine Nöstlingers „Iba de gaunz oamen Leit” führen Strauss und Dolzeal das Publikum in den Gemeindebau der 1970er und 1980er Jahre. Was die beiden so sehr an Nöstlingers Miniaturen fasziniert und welche Empfindungen bei solchen Lesungen hochkommen, sagen sie im folgenden Gespräch.

Wie sind Sie beide auf Nöstlingers „Iba de oamen Leit“ gestoßen?

Christian Dolezal: Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich in einem Gasthaus gehört, wie Christine Nöstlinger diese Mundartgedichte gelesen hat. Ich fand die Texte einfach unendlich gut. Seit damals ist es mir eine Herzensangelegenheit, dass sie nicht in Vergessenheit geraten und immer wieder ein neues Publikum sie kennenlernt.

Ursula Strauss: Christine Nöstlinger ist einfach eine Heldin unserer Zeit.

Wieso?

Strauss: Sie schreibt nicht nur großartige Literatur, sie ist auch eine starke Frau mit einer ganz klaren Geisteshaltung. Sie ist eine mutige Künstlerin, geradlinig und konsequent, das konnte jeder bei ihrer Gedenkrede im Nationalrat hören. Und zu diesen Gedichten: Sie haben eine Schönheit, eine Tiefe und gleichzeitig eine Oberflächlichkeit. Sie leben von dieser wunderschönen Wiener Sprache, die das Herz aufgehen lässt. 

Haben Sie einmal mit Christine Nöstlinger über ihre Texte gesprochen?

Dolezal: Nein, aber wir haben 2012 „Iba de gaunz oamen leit“ schon einmal im Theater am Rabenhof in einer Art Theaterfassung aufgeführt. Da saß sie an einem Abend im Publikum.

Und?

Dolezal: Als ich ein einen langen „angesoffenen“ Dialog gehabt habe, sah ich, dass sie sich nach vorbeugt und lacht. Da war ich sehr erleichtert. Nach der Aufführung ist sie noch zu uns in die Garderobe gekommen.

Und hat Ihnen gratuliert?

Dolezal: Nein, wer sie kennt, weiß, dass sie nicht um besonders viel Charme bemüht ist. Wir haben sie erwartungsvoll angeschaut. Sie hat an ihrer Zigarette gezogen und gemurmelt: „Na, i hab eh g'sagt, dass ma g’fallen hat.“ Und ich habe vor Glück rote Wangen bekommen, weil es mir so wichtig war, dass sie zufrieden ist. 

Wurde bei Ihnen zu Hause Dialekt gesprochen?

Strauss: Ich komme aus Niederösterreich, und meine Eltern haben miteinander im Dialekt gesprochen. Aber mit uns Kindern haben sie „schön“ gesprochen.

Was heißt „schön“ sprechen?

Strauss: Das heißt, sie haben mit uns nach der Schrift gesprochen, was es mir in der Schule natürlich viel leichter gemacht hat. Wenn du nur Dialekt sprechen kannst, hast du in der Schule einen klaren Nachteil. Und das wollten uns meine Eltern ersparen.

Dolezal: Ich bin im Gemeindebau, im Karl-Marx-Hof, aufgewachsen. Für mich war der Wiener Dialekt ganz normal. Nur leider ist diese schöne alte Wiener Sprache heute eben nicht mehr normal. 

Wie war es für Sie, in einem so riesigen Gemeindebau aufzuwachsen?

Dolezal: Ich hatte dort eine wunderschöne Kindheit. Die Höfe sind groß und grün, es gab sehr viele Kinder, wir waren eine richtige Gemeinschaft. Es hat auch viele Ausländer gegeben. Aber das war nie ein Problem, niemandem wurde seine Existenz abgesprochen. Der Karl-Marx-Hof war ein kleines Soziotop für sich. 

Wie empfinden Sie es, wenn jemand, der sonst nur nach der Schrift spricht, versucht, im Dialekt zu reden? Oder umgekehrt, jemand sich betont bemüht, genau nach der Schrift zu sprechen?

Dolezal: Das geht nicht, das wirkt künstlich. Im zweiten Fall hat es die Künstlichkeit einer Horvath-Sprache. Den Schriftsteller Ödon von Horvath kann man nicht gut spielen, wenn man diese Künstlichkeit nicht erkennt, bedient und zum Klingen bringt. Horvath selbst hat immer wieder gesagt, seine Sprache müsse so klingen, als sprächen Menschen, die nicht hochdeutsch sprechen können, es aber dennoch versuchen.

Dabei ist ja die eigene Sprache, der eigene Dialekt nichts, was man verleugnen müsste.

Strauss: Stimmt. Ich glaube nur, dass man in der Lage sein muss, sich auch sprachlich auf verschiedenen Tanzflächen zu bewegen. Die Sprache ist etwas Lebendiges, sie verändert sich im Laufe der Zeit, sie ist stark englischen Einflüssen unterworfen. So ist halt die Entwicklung. Gleichzeitig gehen dabei viele Sprachschätze verloren, die wir bewahren sollten. Denn die Wiener Mundart hat etwas sehr Gerades, Geerdetes und Fantasievolles.

Dolezal: Und das Wienerische ist ein Konglomerat aus vielen europäischen Sprachen. Das verwundert nicht, wenn wir uns unsere Geschichte anschauen. Sehr viele Worte wie Trottoir, Lavoir oder Necessaire kommen aus dem Französischen. Doch kaum jemand kennt sie noch. Fragen sie einen 15-jährigen, was ein Necessaire ist. Der weiß das nicht. Der sagt womöglich Kulturbeutel dazu. Genau deshalb freue ich mich auch, Nöstlingers Gedichte wieder lesen zu können. Viellicht tragen Uschi und ich dazu bei, dass diese Sprache ein bisschen weniger in Vergessenheit gerät.

Kann auch jemand die Texte verstehen, dem der Wiener Dialekt völlig fremd ist?

Strauss: Die Texte handeln von Menschen, die im Leben nicht auf die Butterseite gefallen sind. Sie drücken Gefühle aus, etwa das Gefühl der Einsamkeit. Und genau das ist der Punkt. Dieses Gefühl packt jeden, und zwar auf der emotionalen Ebene. Einsamkeit fühlt sich nämlich für den Armen genauso an wie für den Reichen. Da gibt es keinen Unterschied.

Dolezal: Aber es gibt auch sehr viel zu lachen, die Szenen sind teils unglaublich lustig.

Strauss: Ja, man amüsiert sich, und gleichzeitig bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Es ist so wie bei einem Heurigentanz, wenn schon alle ein paar Achterl getrunken haben, die Schrammeln spielen und man dazu zum Tanzen beginnt. 

Wieso sind Sie Schauspieler geworden, Herr Dolezal?

Dolezal: Na, weil ich eine narzisstische Störung habe. Ich wollte mich halt großartig fühlen, beklatscht werden und etwas Besonderes sein. Die Ehe meiner Eltern war von Spannung getragen, von ausgelebten und nicht ausgelebten Aggressionen. Mit sieben Jahren habe ich dann das erste Mal die Rolling Stones gehört und Mick Jagger singen gesehen. Da habe ich mir gedacht: Ich will so sein wie der und nicht wie alle anderen im Gemeindebau. Ich habe nämlich begriffen, dass man aus dem Ganzen raus kann, indem man sich ausdrückt, extrovertiert, etwas Arges macht. Und zwar auf eine positive Art.

Wenn Sie Mick Jagger so inspiriert hat, wieso sind Sie dann nicht Rockstar geworden?

Dolezal: Ich habe viel Musik gemacht und mache das immer noch. Aber zum Rockstar hat es nicht gereicht. Und ich habe dann für mich das Schauspiel entdeckt, das ist wieder eine ganz andere Art, sich auszudrücken.

Frau Strauss, Sie drücken sich vor allem vor der Kamera aus. Fehlt Ihnen die Bühne?

Strauss: Für mich sind Abende wie die kommende Lesung sehr wichtig, weil ich eigentlich vom Theater komme. Es hat schon einen besonderen Zauber vor der Vorstellung nervös hinter der Bühne auf und ab zu gehen. Und wenn du sie betrittst, spürst du sofort, ob das Publikum bei dir ist oder nicht. Jedes Mal musst du versuchen, ihre Herzen zu erreichen. Kein Abend ist gleich, die Leute sind jeden Tag anders. Das hat schon einen besonderen Zauber.

Sie klingen ganz begeistert. Wieso sehen wir Sie nicht mehr auf der Bühne?

Strauss: Das Problem ist, ich komme derzeit nicht zum Theaterspielen. Ich habe dafür einfach keine Zeit. Das macht aber nichts, ich liebe das Drehen genauso.

Das Gespräch führte Judith Hecht.
Mag. Judith Hecht ist Redakteurin für Wirtschaft in der Tageszeitung „Die Presse“.