Der Prinz beim König

„Allegretto“ mit dem Singverein

Das wird richtig aufregend! Der Wiener Singverein, der schon vor Päpsten, Königen und Staatspräsidenten gesungen hat, dieser weltberühmte Chor, der mit den tollsten Dirigenten vor tausenden Leuten in Europa, Japan und den USA auftritt, singt jetzt zum ersten Mal vor dem lebhaftesten, spontansten, kritischsten Publikum des Musikvereins. Mit Johannes Prinz, seinem Chef, debütiert er bei „Allegretto“, den Kinderkonzerten im Brahms-Saal. Gastgeber: Marko Simsa.

Das gibt’s nur bei „Allegretto“: dass ein so vielgefragter und vielbeschäftigter Spitzenchor vor (und mit!) Kindern singt. Genauso einmalig: dass ein solches Konzert gleich fünfmal hintereinander vor ausverkauftem Haus stattfindet, viermal im Abonnement und einmal im Sonderkonzert, das immer notwendig ist, wenn dieser Name auf dem Programm steht: Marko Simsa.

Eigentlich einmalig

Der Simsa-Effekt! Seit sage und schreibe 1989 ist Marko Simsa dabei: Seit es die Kinderkonzerte des Musikvereins gibt, hat er pro Saison mindestens eine Produktion für die jüngsten Musikfreunde gestaltet. Inzwischen ist er – wem müsste man das noch erzählen? – international begehrt und beliebt, und nimmt man ihm bei jenem Ehrentitel, den ihm ein deutsches Fachmagazin mit Fug und Recht verpasst hat, dann singt der Singverein jetzt wieder einmal bei einem König, dem sympathischsten, der sich denken lässt, dem „König der Kinderkonzerte“. „Wirklich“, spricht dieser König alias Marko Simsa: „Dass du mit einem Kind so einen Chor erleben kannst, in so einem Setting, das ist schon einmalig. Da würde ich mich auch deutschlandweit umschauen – und kaum etwas Vergleichbares finden.“
Prinz zur Audienz beim König, nein: Johannes im freundschaftlichen Gespräch mit Marko, hört es fast mit Erschrecken. „Jetzt“, sagt er lachend, „werde ich bald wirklich nervös!“ Ja, so ist das in Wien, der Musikstadt, und erst recht im Musikverein. Wenn man sich klar macht, was das hier so Selbstverständliche eigentlich bedeutet und welchen Wert es hat, kann man nur staunen. Und auch ein bisschen nervös werden.

Wie das Kind
    vorm Christbaum

Dass man (wieder) ins Staunen kommt, gehört bei „Allegretto“ ohnehin zum Programm. Kinder bringen sie von Haus aus mit, die Fähigkeit zu staunen, und Marko Simsa hat sie sich auf schönste bewahrt. Es ist eines der Geheimnisse, warum er nach drei Jahrzehnten immer noch so begeistert wie begeisternd bei der Sache ist: weil er das Staunen nicht verlernt hat. Als Simsa vor vier Jahren – bei den „Klassik-Hits“ im Goldenen Saal – erstmals mit dem Singverein auf der Bühne stand, wurde es auf besondere Weise geweckt. „Die Wucht, die von so einem Chor kommt, das ganz Unmittelbare der menschlichen Stimme, das gehört zu den stärksten Emotionen, die ich in elf Jahren bei ,Klassik‘-Hits erlebt habe“, bekennt Simsa. „Das ureigenste Instrument des Menschen setzt dich nicht nur als Sänger in Schwingung, sondern auch als Zuhörer. Da stehe ich dann da wie das Kind vor dem Christbaum, wenn der Chor loslegt!“
Am 3. und 4. Dezember legt der Chor los, und man darf zum Beispiel darüber staunen, dass die Damen und Herrn, die da so fantastisch singen, noch vieles und ganz anderes können. Sie alle haben einen Beruf, den sie mit (meist) derselben Leidenschaft ausüben. Überhaupt sind sie begeisterungsfähige Menschen. Für das Konzertprojekt mit Marko Simsa haben sich fast so viele Sängerinnen und Sänger angemeldet wie für ein Konzert mit Riccardo Muti oder Simon Rattle. Schweren Herzens musste der Chordirektor um Verständnis dafür bitten, dass er nur fünfzig zur „Allegretto“-Premiere zulassen könne. Mehr passen einfach nicht aufs Brahms-Saal-Podium.

Zwei Animationsgroßmeister

„Let the children sing!“ heißt das Motto des Konzerts. Und darin steckt schon eine Überzeugung, die Prinz und Simsa hundertprozentig teilen. „Kinder singen grundsätzlich gern“, sagt Marko, „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Man muss sie nur lassen: singen lassen also! Die Erwachsenen dürfen da gleich mithören – und mehr noch: mitsingen. Das Singen mag vielen von ihnen abgewöhnt worden sein, verbannt aus dem Leben und versiegelt mit Geniertheit, weil es, ach, so viel „Wichtigeres“ zu tun gibt … Aber, das weiß Marko Simsa genauso wie Johannes Prinz, man muss sie nur herauslocken aus ihren Verschämtheitswinkeln, dann singen auch sie. Und wie! Am 3. und 4. Dezember – wetten wir? – werden auch die Alten singen, und das mit Begeisterung. Die Kombination lässt gar nichts anderes zu: fünfzig Sangesbegeisterte auf der Bühne, dazu die Animationsgroßmeister Simsa und Prinz. Da kann es nur heißen: Let the people sing!

Leuchtzeichen auf dunklem Grund

Auf die Gelegenheit kommt’s an. Nicht vergessen darf man, dass die Gelegenheiten, wenn man sich nur umschaut, immer geringer werden. In den Schulen wird immer weniger gesungen, die Schulstunden in den musischen Fächern werden reduziert, das Bundesjugendsingen, an dem rund 200.000 Kinder und Jugendliche aktiv beteiligt sind, konnte nur nach massiven Protesten vor dem ministeriell geplanten Aus bewahrt werden und, und, und …
Das „Allegretto“-Projekt ist ein leuchtendes Fanal auf dunklem Grund. Johannes Prinz, der als Chorleitungsprofessor in Graz auch angehende Musikpädagogen ausbildet, weiß es genauso wie Marko Simsa: An der Basis – dort, wo’s wirklich darauf ankommt – hat das Musische einen schweren Stand im Kulturland Österreich. „Die Ansprüche an alle Lehrerinnen und Lehrer werden immer größer“, sagt Marko Simsa. „Ich möcht’s nicht einmal Probleme nennen, sondern Herausforderungen.“ Migration, Mehrsprachigkeit in der Klasse, vieles mehr, „und dann sollst du“, so Simsa über eines der pädagogischen Gebote heute, „irgendwelchen Pisa-Normen entsprechen. Die Pisa-Norm wird aber nicht im Gesang eines Liedes oder im Spielen eines Gitarrenakkords gemessen, sondern in Schreiben, Lesen, Rechnen. Und deshalb wundert’s mich kaum, dass die Musik wie der Sport – der ist für mich genauso wichtig! – in den Hintergrund tritt.“
Dem muss man entgegenwirken, so oft und so gut es geht. Am besten im Geist von „Allegretto“. Simsa, Prinz und der Singverein haben mehr im Sinn als nur ein sprühend-amüsantes Wochenendkonzert. Sie wollen – und sie werden – etwas bewegen: weil sie wissen, dass es kaum Bewegenderes gibt im Leben als den Gesang.

Aus dem Häuschen

Es braucht die Gelegenheit fürs Singen. Und auch die Ermutigung. Gerade weil es so nah an den tiefsten Seelenfasern liegt, legt sich leicht Scheu darüber. Was Gesang werden könnte, ja müsste, kann sich verkapseln. Und die Stimme, dieser herrlichste aller Ausdrucksträger, bleibt drinnen, wenn die Tür zu bleibt. Woody Allen hat dafür ein treffendes Bild gefunden. In seinem Film „To Rome with Love“ lässt er einen gesangsbegnadeter Italiener auftreten, der nur unter der Brause singen kann. Vor dem Duschvorhang versagt er. Will man ihn auf die Bühne bringen, muss die Kabine dableiben – so passiert es dann auch, als Gag, im Film.
„Allegretto“ will solche Kapseln, Kabinen und Kabäuschen erst gar nicht entstehen lassen. Wer singt, muss aus dem Häuschen geraten! Marko und Johannes sind sich da völlig eins. Sie werden die Türen öffnen und die Riegel knacken, die Kehlen lockern und die Stimmen lösen. Dazu darf man, dazu muss man kindisch sein. Kurz überlegen die zwei, ob man nicht lieber „kindlich“ sagen sollte. Das wäre in jedem Fall richtig. Aber das andere stimmt auch, ganz unbedingt. Ja, kindisch muss man sein – indem man Hemmungen ablegt, Verrücktheiten zulässt (die oft nichts anderes sind als ein Abrücken vom Festgefahrenen), aus sich rausgeht und aufmacht.
Auch das wird in diesem „Allegretto“-Konzert zu erleben sein: Im ehrenwerten Singverein steckt enorm viel Verrücktheit. Man muss, um so schön singen zu können, auch ganz schön crazy sein.

"Fünfzig Sangesbegeisterte auf der Bühne, dazu die Animationsgroßmeister Simsa und Prinz. Da kann es nur heißen: Let the people sing!"

Ist Singen cool?

Let the children, let the people sing! Vielleicht ist es gar nicht so entscheidend, was gesungen wird, sondern wie. Wie herzhaft, wie innig, wie begeistert … Johannes Prinz bringt Singmusik in bunter Mischung mit. Munter kommen an diesem Musikvereinsmittag die musikalischen M’s zusammen: „Von Händels ,Messias‘ zur ,Tante aus Marokko‘“ (so der Untertitel des Programms). Dass Beethovens „Neunte“, die Ode an die Freude, nicht fehlen darf, versteht sich beim Singverein von selbst. Klar doch: Auch bei „Allegretto“ werden die Freude-Götterfunken stieben!
Frage noch einer, ob Singen cool sei. Nein: Singen ist nicht cool. Wenn solche Funken fliegen, kann nur das Gegenteil wahr sein. Singen ist heiß.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.