Der Klang der Persönlichkeit

Dorothea Röschmann

Ausdrucksvoll und farbenreich, von berührender Innigkeit und verinnerlichter Klarheit ist Dorothea Röschmanns Stimme. Am 6. Dezember singt die deutsche Sopranistin im Zyklus „Liederabende“ Lieder von Schubert, Mahler und Wolf.

Es ist der Klang gemeinsamen Singens, der in Dorothea Röschmann nachhallt, wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt. Die Familie sang, zu Hause wie auch im Chor. Eine Ururgroßtante mütterlicherseits war die Königliche Kammersängerin Meta Diestel, an deren 90. Geburtstag Dorothea Röschmann, jüngst selbst zur Berliner Kammersängerin ernannt, geboren wurde. „Sie hat sich bei mir wohl ein bisschen durchgesetzt“, meint die Sopranistin schmunzelnd. Väterlicherseits gab es um 1860 eine Vorfahrin, die in Hamburg Klavier studierte, ansonsten sind familiär keine professionellen Musiker auszumachen. Der Vater, ein Mozart-Fan, die Mutter und auch die ältere Schwester waren Mitglieder im Flensburger Bach-Chor. Dorothea musste warten, bis sie sechs war – dann durfte auch sie zunächst zum Kinderchor, dann zur Jugendkantorei und schließlich mit Sondergenehmigung schon als Zwölfjährige zum großen Chor. Damals noch im Alt und zweiten Sopran sang sie das gesamte Chorrepertoire rauf und runter. Im Schulchor half sie zeitweise im Tenor aus.

Sing mal vor!

In Richtung Sologesang ging es scheinbar wie von selbst. Ihr Musiklehrer in der Schule sorgte dafür, dass sie bereits mit elf Jahren Stimmbildung erhielt. „Das war schon eine sehr gute Einführung in diese Art von Konzentration und Körperarbeit an sich selber“, sagt Dorothea Röschmann rückblickend. Ihr Querflötenlehrer ging ebenfalls zu dieser Stimmbildnerin. „So konnten wir uns schön austauschen, und jedes Mal, wenn es eine heikle musikalische Phrase gab, sagte er zu mir: Sing mal vor! Es ging auch hier immer über das körperliche Musikmachen, über den Atem, das Singen.“
Als Vierzehnjährige stand sie dann in einer Kinderoper am Landestheater mit ihrer ersten richtigen Rolle auf der Bühne. Parallel zur Schule erhielt sie privaten Gesangsunterricht, und der Leiter des Bach-Chors, Matthias Janz, setzte sie solistisch in Gottesdiensten, hie und da in einer kleineren Kantate und im Jahr ihres Abiturs im „Weihnachtsoratorium“ ein.

Das individuelle Timbre

Abgesehen von zwei Jahren an der Musikhochschule Hamburg organisierte sich Dorothea Röschmann ihr Gesangsstudium auf privatem Wege. Bis nach New York reiste sie dafür und nach Tel Aviv, wo sie zweimal an den Sommerkursen des International Vocal Arts Institute teilnahm. Hier lernte sie Vera Rózsa kennen, jene Gesangspädagogin, durch deren Schule schon Kolleginnen wie Kiri Te Kanawa und Anne Sophie von Otter gegangen waren. Abseits der eigenen Stunden hörte sie zwei Wochen lang bei Vera Rózsas Unterrichtstunden zu. „Das Faszinierende war: Sie hat sich aus Respekt den anderen Lehrern gegenüber nicht wirklich in die Technik eingemischt, aber was bei der Arbeit mit ihr herauskam, war bei jedem das individuelle Timbre. Es war unglaublich, wie sie jedem ermöglicht hat, sich selber zu ,verschlichten‘ – also schlichter, schlichter, schlichter zu werden, bis man auf den Kern der Persönlichkeit kommt. Dann ist die Stimme im Einklang mit der Persönlichkeit.“ Natürlich, räumt sie ein, „das erfordert sehr viel Mut, weil man diese verschiedenen ,Behauptungsschichten‘ erst einmal loswerden muss. Aber durch ihre eigene Ehrlichkeit und durch ihr Insistieren hat es Vera geschafft, dass die Leute diesen Mut fassten. Das hat mit einer absoluten Demut vor der Musik zu tun – da kommt das schöne Wort Wahrhaftigkeit ins Spiel.“

Musikalische Dehnungsübungen

Dreizehn Jahre lang, von 1992 bis 2005, reiste Dorothea Röschmann nach London zu Vera Rózsa, so oft sie konnte und „ganz so, wie ich es mir immer gewünscht hatte: dass man zu einem Meister geht und über ein, zwei Wochen hinweg jeden Tag Unterricht hat“. In diese Zeit fielen ihre Jahre als Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper Unter den Linden wie auch jenes Engagement, das ihre internationale Laufbahn auslöste: ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen 1995 als Susanna unter Nikolaus Harnoncourt, mit dem sie in der Folge eine enge und intensive Zusammenarbeit verband.
An der Linden-Oper, an der damals René Jacobs parallel zu Daniel Barenboim tätig war, sang sie zunächst viel Barockoper. Parallel dazu erarbeitete sie sich ein mögliches Repertoire für später und baute auch ihr Lied-Repertoire auf. „Etwa Bergs ,Sieben frühe Lieder‘ zu singen in einer Zeit, in der ich noch viel Barockmusik gemacht habe, war für mich ein richtig guter Stretch. Diese Lieder verlangen ein ganz anderes Farbuniversum, eine andere Linie, auch einen anderen Geschmack und ein anderes Umgehen mit der Stimme. So habe ich versucht, mir vorsichtig eine Bandbreite zu erarbeiten und dann zu sehen, wohin die Stimme will.“

Wohin die Stimme will

Um die Jahrtausendwende kristallisierte sich eine Richtung heraus. 1999 sang Dorothea Röschmann in der Berliner Neuproduktion von Reinhard Keisers „Croesus“ – „ein riesiges Koloraturfeuerwerk rauf und runter“. Im Jahr darauf stand die Scarlatti-Oper „Griselda“ auf dem Spielplan, in der sie als Tochter besetzt war, wegen des Abspringens einer Kollegin allerdings als Griselda nachrutschte. „Die ist schon ein durchaus dramatischer Charakter. Und da habe ich gemerkt: In diese Richtung möchte ich gehen; diese Figuren mit Narben, mit Geschichte, die interessieren mich. Das war eine Weichenstellung.“
„Mozart ist der Herzschlag meiner Karriere“, sagte Dorothea Röschmann vor Jahren in einem Interview – und das hat bis heute Gültigkeit. Zur Zeit des Gesprächs stehen in Berlin die Donna Elvira und in Wien die Contessa Almaviva in ihrem Terminplan. In Wien sang sie im vergangenen Frühjahr die Marschallin und kurz zuvor erstmals die Jenufa. Neu in ihrem Repertiore ist auch die Desdemona, die nach dem Rollendebüt bei den Salzburger Osterfestspielen 2016 unter Christian Thielemann in Dresden wieder auf sie zukommt.

Geschichten erzählen

Freude an der Sprache und am Ausdruck hat Dorothea Röschmann früh zum Liedgesang hingezogen. „Ich wollte ja früher immer die Evangelisten-Partien singen und fand es sehr schade, dass sie den Tenören vorbehalten sind. Diese Art des Erzählens, des Spannungsaufbaus – das hat mich schon als Kind fasziniert. Man kennt die Geschichte und brennt darauf zu hören, wie sie weitergeht. Und wer gerne Geschichten erzählt, ist auch beim Liedgesang sehr gut aufgehoben.“
Als Liedsängerin hat sich die Sopranistin zuletzt eingehend mit den Mignon-Liedern von Franz Schubert und Hugo Wolf beschäftigt und sie auch auf CD aufgenommen. Diese Lieder sind es auch, die sie in ihrem Wiener Liederabend gegenüberstellt. Während ihrer Londoner Studienjahre war Dorothea Röschmann Stammgast in der National Portrait Gallery und wie gebannt von der Wandelbarkeit der gemalten Persönlichkeiten, die doch stets unverändert an der Wand hängen. „Sie sind immer auch ein Spiegelbild von einem selber“, sagt die Sängerin.
Unter diesem starken Eindruck reifte in ihr die Idee heran, musikalische Porträts von Schubert und Wolf zu zeichnen, die gerade in deren so kontrastreichen Vertonungen der Goethe’schen Mignon-Texte zum Ausdruck kommen. „Hier Schubert, der ja der Maßstab aller Dinge ist im Liedgesang, bei dem es – da spreche ich wieder mit Vera Rózsa – wirklich auf die Essenz ankommt, auf die Schlichtheit, auf die totale Demut und Innigkeit, und da Wolf, der Zerrissene, das gehetzte Wesen, für das man hofft, dass es doch einmal zur Ruhe komme.“ Persönlichkeiten, festgehalten im Klang.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.