„Wir verstehen uns instinktiv“

Khatia und Gvantsa Buniatishvili

Eine intensive Probe im Konzerthaus Dortmund, die sich bis nach Mitternacht hinzieht: Khatia und Gvantsa Buniatishvili bereiten sich gewissenhaft auf den Auftritt am folgenden Tag vor – finden aber zwischendurch Zeit für ein Interview für die „Musikfreunde“ in Wien. Hier geben sie am 18. Juni einen Duo-Abend im Musikverein.


Wann haben Sie das erste Mal zusammen gespielt?

Khatia Buniatishvili: Das erste Mal spielten wir in unserer Heimat Georgien gemeinsam einen Tanzsatz von Bach, der eigentlich für Flöte geschrieben wurde (summt die „Badinerie“ aus der Orchestersuite Nr. 2 in h-Moll). Gvantsa war damals elf und ich zehn Jahre alt. Eigentlich sollte Gvantsa das Stück zusammen mit einem anderen Pianisten üben, aber aus Spaß haben wir es zu Hause schon mal probiert.

Gvantsa Buniatishvili: Das setzten wir dann mit Brahms’ „Ungarischen Tänzen“ und Transkriptionen für vier Hände fort, ein Jahr später begannen wir, professionell vor Publikum aufzutreten.

Warum sind die meisten berühmten Klavierduos entweder Geschwister oder verheiratet?

Khatia Buniatishvili: Bei einem Klavierduo ist Vertrautheit noch wichtiger als bei Kammermusik: Kammermusik ist freundschaftlich, aber gemeinsames Klavierspiel ist intim, denn es muss wie ein Instrument klingen. Dass man seinen Partner beim Spielen fühlt, ist wichtig, und das tun wir nicht nur beim Musizieren stark. Vom Charakter her sind meine Schwester und ich zwar sehr verschieden, aber genau das ergibt eine interessante Synthese, denn dadurch bekommt unser Spiel eine besondere Intensität.


Gibt es einen Unterschied zwischen dem Vierhändigspielen an einem Instrument und dem Spiel an zwei Klavieren?

Gvantsa Buniatishvili: Sicher, sogar große Unterschiede. Vierhändig zu spielen ist begrenzter, du hast weniger Platz am Klavier und fühlst, dass du nicht alleine bist. Beim Spiel an zwei Klavieren könnte man manchmal den Partner vergessen. Dabei ist entscheidend, mit wem du agierst: mit Khatia zusammen fühlt es sich für mich ähnlich an wie mit einem ganzen Orchester.

Khatia Buniatishvili: Bei einem großen Saal ist das Repertoire für zwei Klaviere vielleicht aufregender, auch weil man zum Beispiel kraftvoller spielen kann. Vierhändig dagegen hat mehr mit unseren Familienerinnerungen zu tun …

… weil man zu einem Musiker verschmilzt.

Khatia Buniatishvili: … ja.

Viele Pianisten empfinden das Spiel an zwei Klavieren in puncto Synchronität als schwieriger.

Khatia Buniatishvili: Für mich gilt das nicht. Zusammen zu spielen bedeutet ja weniger ein sich Anschauen oder ein Metrum zu zählen, sondern mehr ein gemeinsames Empfinden, auch von Details: Zu horchen, wann zum Beispiel ein Ton ausklingt oder sich eine neue Klangfarbe oder Phrasierung anbietet.

Haben Sie beim Vierhändigspielen eine feste Einteilung, wer rechts und wer links sitzt?

Gvantsa Buniatishvili: Meistens spiele ich den Secondo Part, also Bass und mittleres Register. Dies bedeutet zugleich, dass Khatia näher zum Publikum sitzt, sodass ich mich sicherer fühle.


Aber Sie schaffen als Secondo doch für Ihre Schwester das rhythmische und harmonische Fundament, außerdem übernehmen Sie die Fußpedale.

Gvansta Buniatishvili: Ja, aber manchmal übernimmt sie das Pedal.

Khatia Buniatishvili: Das tue ich aber nur, wenn ich improvisiere, zum Beispiel bei Astor Piazzollas „Libertango“. Bei Schuberts f-Moll-Fantasie machst du das.

Gvantsa, ist es für Sie als Klavierduo problematisch, dass sich Ihre Schwester schwerpunktmäßig auf Ihre Solokarriere konzentriert?

Gvantsa Buniatishvili: Nein, es ist einfacher für mich, denn so konzertieren wir in großen Häusern.

Khatia Buniatishvili: (Schaut zweifelnd.)

Gvantsa Buniatishvili: Okay, wenn das nicht so wäre, hätten wir mehr Zeit zum gemeinsamen Proben. Andererseits verstehen wir uns so schnell und instinktiv, dass es für mich in Ordnung ist.

Khatia Buniatishvili: Meine Schwester ist zu bescheiden, um über sich selbst gute Dinge zu sagen. Einerseits ist es zwar wahr, dass es für sie neben mir in gewisser Weise leicht ist. Aber ich würde nie mit jemanden zusammen spielen – selbst wenn es sich um Familie oder Freunde handelt –, den ich nicht musikalisch interessant finde. In unserem Duo bietet sie mir Wurzeln, wenn ich Luft bin, dann ist sie die Erde. Natürlich bereichern mich auch andere musikalische Partner, aber gemeinsam mit meiner Schwester fühle ich mich am harmonischsten, am meisten so, wie ich wirklich bin.


Mit Ausnahme von Schuberts f-Moll-Fantasie ist Ihr aktuelles Programm geprägt durch sehr virtuos-effektvolle Stücke.

Khatia Buniatishvili: Im Unterschied zu meinen Solo-Recitals geht es uns auch um die Freude am Zusammenspiel. Deshalb haben wir Stücke ausgewählt, die Spaß machen. Die Fantasie über Gershwins „Porgy and Bess“ zum Beispiel ist sehr jazzig, hat einen freien Geist. „La Valse“ von Ravel ist nicht fröhlich, aber sehr aufregend. Zusammen mit meiner Schwester habe ich ungeheuren Spaß daran, mit extremen Emotionen zu experimentieren. Nach Messiaens ekstatischen „Visions de l’Amen“ zum Beispiel fühlst du dich entweder tot oder wiedergeboren. Wir haben beide ein großes Temperament und wollen dieses dem Publikum zeigen.

Wer von Ihnen beiden ist temperamentvoller?

Khatia Buniatishvili: Es scheint zwar so, als wäre ich das, aber in Gvantsa versteckt sich ein Tiger, der erschrecken kann. Sie kann das zwar kontrollieren, aber auf der Bühne hoffentlich nicht …

Gvantsa Buniatishvili: (lacht)

Wo liegen die Schwierigkeiten in Ihrem aktuellen Repertoire?

Gvantsa Buniatishvili: Mir fällt nichts ein.

Khatia Buniatishvili: Also keine Probleme?

Gvantsa Buniatishvili: Nein (lacht). Vielleicht, den letzten Akkord bei „La Valse“ zum Abschluss exakt zusammenzuspielen.

Khatia Buniatishvili: Stimmt, die schwerste Stelle kommt am Ende des Konzerts.


Gvantsa, Sie sind ein Jahr älter als Khatia: Fühlen Sie sich auch als ältere Schwester?

Gvantsa Buniatishvili: Vielleicht, als ich zwei Jahre alt war, aber heute fühle ich mich jünger, weil sie 20 Jahre mehr Erfahrung hat als ich. Khatia war ganz anders als die übrigen Kinder. Ich hatte einen Freund, und das war sie, und ich wollte auch nie einen anderen haben, denn sie hatte mir mehr zu sagen als andere Kinder und auch besondere Dinge zu teilen. Zum Beispiel öffnete sie mir die Tür zur Literatur, indem sie mir Bücher vorgelesen hat – wegen ihr lese ich gerne. Ähnlich war es mit der Musik. Ich entdeckte meine Liebe dazu, als ich ihrem Spiel lauschte, und das ist der Grund dafür, warum auch ich Musikerin werden wollte. Aber manchmal zupft sie wie ein Baby an mir, und dann verstehe ich, dass sie jünger ist (lacht). Diese Extreme gibt es oft bei uns.

Khatia, Sie haben während des Klavierstudiums vier Jahre in Wien gelebt: Was bleiben für Erinnerungen?

Khatia Buniatishvili: Wien hat eine besondere Bedeutung für mich. Es ist eine schöne Stadt, in der ich sehr wichtige Jahre meines Lebens verbracht habe. So ein Studium ist für viele Menschen eine der wichtigsten Perioden. Das sind die Jahre, in denen man das erste mal unabhängig wird und bestimmte Dinge alleine schaffen muss, weit weg von zu Hause: Klavier üben, Vorlesungen besuchen, neue Freunde finden, besondere Professoren und Maestros treffen. Natürlich ist Georgien meine Heimat, aber jedes Mal, wenn ich in Wien bin, habe ich ein anderes Gefühl als in sämtlichen übrigen Ländern. Ich erinnere mich daran, dass ich mal Studentin war, manchmal zwar etwas verrückt, aber auch sehr fleißig. Diese Jahre sind sehr wertvoll für mich.


Vom Musikverein und dem Konzerthaus Wien wurden Sie in der Saison 2011/12 zum „Rising Star“ nominiert. Inwieweit hat das Ihrer Karriere geholfen?

Khatia Buniatishvili: Zunächst einmal war das eine große Ehre für mich, da beide Säle eine sehr große Bedeutung haben. Geholfen hat es insofern, als ich interessante Länder besuchen und in wichtigen Städten auftreten konnte. Das war nicht nur gut für meine Karriere, sondern hat mir auch geholfen, die akustischen Details in verschiedenen Sälen besser kennenzulernen. Und natürlich hat mich das mit Wien verbunden, weil es zeigte, dass ich ein Teil dieser Stadt bin – man hätte ja auch einen Österreicher nominieren können. Es ist nicht zuletzt diese kosmopolitische Haltung von Wien, die mir so gefällt.

Das Gespräch führte Andreas Kunz.

Andreas Kunz
Mag. Andreas Kunz ist Redakteur der Zeitschriften „Fono Forum“ und „Stereo“.


Khatia und Gvantsa Buniatishvili,
in Georgien geboren, fanden durch ihre Mutter, eine passionierte Musikliebhaberin, zum Klavier. Seit ihrer Kindheit geben die Geschwister Konzerte. Gvantsa Buniatishvili studierte ab 2004 am staatlichen Konservatorium in Tiflis, Konzerte führten sie u. a. nach Innsbruck und zum Klavier-Festival Ruhr. Khatia Buniatishvili studierte ebenfalls am Konservatorium Tiflis und später bei Oleg Maisenberg an der Musikuniversität Wien. Sie ist Preisträgerin u. a. des Horowitz-Wettbewerbs, des Elizabeth Leonskaja Scholarship, des Arthur-Rubinstein- Wettbewerbs und des Borletti-Buitoni Trust Award. Seit ihrem Debüt 2008 gastiert sie mit bedeutenden musikalischen Partnern in aller Welt. 2014 erscheint unter dem Titel „Motherland“ ihre dritte Solo-CD.