Wie klingt der Satz des Pythagoras?

Alain Altinoglu

„Ich bin sehr glücklich, in den Wiener Musikverein zurückzukehren!“ Alain Altinoglu, im vorigen Jahr mit dem RSO Wien erstmals Gast bei der Gesellschaft der Musikfreunde, dirigiert nun die Wiener Symphoniker.

Ein perfekter Beherrscher seines Metiers, ein Könner, der sein Handwerk von der Pieke auf gelernt hat, das ist Alain Altinoglu. Als Sohn einer armenisch-stämmigen Familie, die von Istanbul nach Frankreich übersiedelte, wurde er 1975 in Paris geboren. Dort lebt er bis heute, wenn er nicht gerade in Sachen Oper und Konzert weltweit unterwegs ist. Sprich: In Paris trifft man Altinoglu maximal einen Monat pro Jahr an. Seine Frau und den kleinen Sohn sieht er berufsbedingt oft wochenlang nicht. Denn die Karriere des Jungdirigenten bewegt sich beständig und steil nach oben.

Keine einzige Dirigierstunde

Sie basiert auf stabilen, tragfähigen Fundamenten: Altinoglu studierte in seiner Heimatstadt am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse und war dort bereits im zarten Alter von sechzehn Jahren ein gesuchter Coach für Sänger. Nach seinem Abschluss am Konservatorium wechselte er sofort vom Schüler- ins Professorenfach. Zehn Jahre lang unterrichtete er Gesang-Ensembleklassen und korrepetierte. Dabei entwickelte sich ein besonderes Naheverhältnis – einerseits zum Klavier, andererseits zur menschlichen Stimme. Altinoglu trat als Konzertpianist auf und begleitete seine spätere Ehefrau, die Mezzosopranistin Nora Gubisch, bei Liedprogrammen. So entstand auch eine seiner ersten CD-Aufnahmen, die die beiden Künstler Henri Duparc gewidmet haben. Altinoglu bekennt: „Ich liebe Stimmen.“ Für seine Rolle, als Dirigent auch Sänger zu begleiten und sie zu unterstützen, sei seine Tätigkeit als Korrepetitor die beste Schule gewesen, denn: „Der Korrepetitor ersetzt ja in der Probenphase das ganze Orchester.“ Solche Erfahrungen sind für das spätere Leiten eines „wirklichen“ Orchesters kaum hoch genug zu schätzen. Altinoglu hat übrigens nicht eine einzige Dirigierstunde gehabt („Pierre Boulez auch nicht“, scherzt er), dennoch ist er an den großen Opernhäusern von der New Yorker Metropolitan Opera über die Lyric Opera Chicago bis zu den Opernhäusern in Paris, Berlin und Wien heute einer der gefragtesten Jung-Maestri.

Klavier, Mathe und die Wurzel aus beiden

Dass es Momente gab, in denen der Musikfanatiker schwankte, ob er nicht doch einen anderen Berufsweg einschlagen sollte, ist heute schwer vorstellbar. Vor allem, was die Alternative für ihn gewesen wäre, mag manche erstaunen: die Mathematik. Altinoglu erklärt: „Meine Mutter war Klavier-Professorin. Sie hat mich gelehrt, Noten und Partituren zu entziffern, noch bevor ich Buchstaben lesen konnte. Meine ersten musikalischen Erinnerungen sind mit meiner Mutter verbunden. Ich weiß noch gut, wie wir gemeinsam am Klavier saßen … Leider verstarb meine Mutter, als ich zwölf Jahre alt war.“ Die zweite Faszination seiner Jugend galt der Mathematik: „Mein Vater war Mathe-Professor. Ich war immer schon sehr an Naturwissenschaften und Technik interessiert und auf diesen Gebieten neugierig.“ Es drängt sich die immer wieder gestellte Frage auf, ob es denn zwischen der Musik und der MathematikGemeinsamkeiten gebe? Vielleicht die Fähigkeit des Analysieren? Altinoglu bejaht: „Ganz sicher gibt es diese Verbindungen. Pythagoras war wahrscheinlich der erste Wissenschaftler, der auch die Musik in einer wissenschaftlichen Weise studiert hatte, vor allem die Verhältnisse der Tonfrequenzen und der Obertöne.“ Altinoglu nennt noch mehr Beispiele: „Mozart liebte die Algebra, und in der Musik Bachs gibt es eine architektonische Konstruktion, quasi eine Mathematik der Musik. Zeitlich näher stehen uns heute all die Musiker nach 1950, die die Mathematik ja richtiggehend als Mittel ihrer Komposition verwendet haben, beispielsweise Iannis Xenakis.“

Farben, Rhythmus, Freiheit

Dass ein Naheverhältnis zur Mathematik nicht gleichbedeutend mit reiner Regeltreue sein muss, sondern viel mehr mit klug kalkulierter Dynamik zu tun hat, das beweist eine weitere Passion des Dirigenten: die für den Jazz. Man lausche nur im Internet (auf Youtube) seiner Gershwin-Bizet-Improvisation während eines Konzertes in Montpellier, wo Altinoglu als Erster Gastdirigent des Orchestre National (seit 2007) eine flotte Verbindungsnummer zwischen Gershwins „Rhapsody in Blue“ und Bizets „Carmen“ aus den Tasten zaubert – und dafür Ovationen erntet. Was fasziniert den Klassik-Dirigenten so sehr am Jazz? Ist es die dort übliche Freiheit der Improvisation? Altinoglu: „Ich liebe den Jazz aus mehreren Gründen: Einerseits sind es die dort herrschenden Harmonien. Es gibt im Jazz bestimmte Klangfarben, die man beispielsweise auch bei Maurice Ravel findet. Mich fasziniert der Rhythmus und natürlich auch die Improvisation – aber die kann man ja auch bei Mozart praktizieren …“

Forever young

Da ist sie wieder, die Kunst des Analysierens – über die Epochen hinweg. Wir sind bei Mozart und damit bei der Oper angelangt. Was wünscht sich ein begehrter Operndirigent wie Altinoglu für dieses Genre? „Dass die Musikgeschichte weiterhin ihren Weg nimmt und sich entwickelt. Dass man die Oper nicht nur als alterndes Genre sieht. Man muss sie immer wieder neu erfinden, das schon – aber das gilt doch für alle musikalischen Formen zu jeder Zeit! Dass Beethoven in seine Neunte einen Chor integriert hat – das war eine Revolution und gleichzeitig eine Evolution im Rahmen der Symphonie! Dass man Elektronik in die Musik integriert – das ist genauso eine Evolution. Auch die Opernstoffe und Libretti unterliegen stetigen Änderungen – und spiegeln aktuelle Entwicklungen wider.“ Im Idealfall, so Altinoglu, sei die Oper „nach wie vor die gelungene Vereinigung aller Künste. Es gibt die Sänger, die Orchestermusiker, das Bühnenbild, die Regie, die Kostüme – und jeder Komponist und auch Librettist muss und musste stets seinen eigenen Weg finden …“ Das ist dann nicht so einfach, wenn man von vornherein „etikettiert“ wird, sei es, dass man von einem italienischen Komponisten südliche Klänge erwartet. Oder eben von einem französischen Dirigenten französisches Repertoire. Ist dem so? Altinoglu: „Sechzig Prozent der Opern, die man mir anbietet, stammen tatsächlich aus der Feder französischer Meister. Aber ich dirigiere tatsächlich ebenso viel und so gerne Richard Wagner und Richard Strauss.“ Altinoglu ist aber auch stets für Werke von Zeitgenossen aufgeschlossen: Als Erster Gastdirigent des Orchestre National de Montpellier hat er Kompositionen von so unterschiedlichen Meistern wie Gorecki, Tanguy oder Pascal Dusapin aufgenommen.

Emotion und Kontrolle

„Dirigieren ist eine sehr spezielle Tätigkeit. Man erzeugt einen Klang, berührt aber dabei nicht unmittelbar ein Musikinstrument“, beschreibt Altinoglu die Interaktion mit einer Vielzahl von Individualisten. Wobei natürlich jeder Orchestermusiker seine eigenen Interpretationsvorstellungen habe, ähnlich „wie beim Lesen eines Gedichtes. Es gibt viele Lese-Arten …“ Und wie entwickelt eine Dirigent seine Lesart, ja wie entwickelt er sich generell weiter? Die Antwort scheint simpel. Man muss immer noch mehr arbeiten. Sich verbessern. Lernen. Manchmal auch, Distanz zu halten zwischen der Emotion, die die Musik gerade verströmt, und dem emotionalen Eindruck, den der Dirigent seinem Publikum vermittelt. Denn zeige man zuviel von diesen Sentiments, dann laufe man Gefahr, die technische Kontrolle zu verlieren. Und Kontrollverlust, das kann sich weder der Techniker noch der Musiker leisten.

Michaela Schlögl
Dr. Michaela Schlögl, Kulturpublizistin in Wien, schrieb u. a. das Musikvereins-Jubiläumsbuch „200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“.