Nestroy kehrt zurück

Hilde Sochor

Die Gesellschaft der Musikfreunde ist mit vielen Großen der Wiener Kulturgeschichte verbunden: auch mit Nestroy. Im Mai kehrt er in den Musikverein zurück – mit einer ganz Großen der Wiener Theatergeschichte.

Vor fast 200 Jahren, im Juni 1818, gab der sechzehnjährige Chorsänger Johann Nestroy im Bass sein Debüt bei einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde, bei Händels Oratorium „Timotheus“ („Alexanderfest“). Sein ältester erhaltener Brief – vom 17. Februar 1819 – ist „an die Comittée des großen Musickvereins“ gerichtet und enthält die krankheitsbedingte Absage für ein Konzert, zugleich auch die Versicherung: „Bey dem nächsten Gesellschafts-Conzerte können Sie zuverläßig auf meine Mitwirkung rechnen.“ Heute liegt dieser Brief im Archiv der Gesellschaft. Wenn Nestroy im Musikverein nun ein Comeback feiert, soll es etwas Besonderes sein. Daher werden die Nestroytexte im Rahmen eines Konzertes der Philharmonia Schrammeln von Hilde Sochor serviert, der Doyenne des Volkstheaters, die erst kürzlich unter großer Anteilnahme ihren 90. Geburtstag feiern konnte.

Kein Rüscherltheater

An die legendären Inszenierungen ihres Ehegatten, des langjährigen Direktors Gustav Manker, erinnert sie sich gerne: „Nestroy pur haben wir am Volkstheater gespielt. Der Manker wollte kein Rüscherltheater.“ Aber auch kein Regietheater, könnte man hinzufügen – weder Biedermeierei noch Berserkertum, weder Kitsch noch Dekonstruktion. „Wir haben auch immer die Originalmusik gespielt, die regelmäßig der Norbert Pawlicki eingerichtet hat. Samt den Quodlibets, die so wichtig für den Fortgang der Handlung sind.“ Spontan stimmt sie das Quodlibet aus dem „Talisman“ an: „Titus! Titus! D’Gartnerin ruft mich zu sich! – Sehen Sie, das kann ich heute noch!“ In der Manker-Aufführung spielte sie vor 45 Jahren die Flora Baumscheer, verwitwete Gartnerin auf Männerfang, den rothaarigen Titus Feuerfuchs gab Helmut Qualtinger. „Wie der Qualtinger in seinen abgerissenen Kleidern gemeinsam mit der Salome Pockerl vor der Mauer zum Schlossgarten gestanden ist, zwei Proleten, ausgeschlossen aus der Gesellschaft: Das hat so einen Tiefgang gehabt, das werde ich nie vergessen.“

Ein Dachdecker als Schicksalsbote

Das Gespräch mit Hilde Sochor wird zu einer faszinierenden Wanderung durch versunkene Wiener Theaterzeiten. Der Weg zur Bühne war ihr nicht vorgezeichnet. In einem – wie sie selbst sagt – kulturfernen Haushalt aufgewachsen, kam sie in den dreißiger Jahren vorwiegend deshalb ins Theater, weil ein befreundeter Dachdecker auch für die Bundestheater arbeitete und Freikarten vermittelte. „Mein Erweckungserlebnis war der ‚Macbeth‘ im Burgtheater mit Ewald Balser in der Hauptrolle und dem jungen Fred Liewehr als Malcolm. Meine Mutter hat in der Loge immer nur gesagt: ,O Gott, o Gott, o Gott, schon wieder einer tot!‘ Aber ich war ganz hingerissen. Ich habe danach den ganzen Shakespeare gelesen und wollte später unbedingt zum Theater.“ Nach der Matura wagte sie den Schritt aber doch nicht und studierte an der Universität Wien zunächst Germanistik und Zeitungswissenschaft. „Das war das Vorläuferstudium der Publizistik und mir furchtbar fad. Sobald es die Theaterwissenschaft gab, bin ich dorthin gewechselt.“ Als die Universität wegen des totalen Krieges 1944 geschlossen wurde, musste sie in einer Fabrik arbeiten. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit: das Lesen von Stücken mit verteilten Rollen in einem Freundeskreis.

Frau Doktors Schauspielleidenschaft

Nach Kriegsende kehrte sie an die Universität zurück. Dort hing ein Plakat des Kulturreferates der Hochschülerschaft „Wer hat Interesse am Theaterspielen?“ Die Studentin der Theaterwissenschaft hatte Interesse und meldete sich. „Das war das Studio der Hochschulen in der Kolingasse, wo Studenten Theater spielten – keineswegs nur angehende Schauspieler.“ Sochor erinnert sich an ihre Rolle als Rautendelein in Gerhart Hauptmanns Märchendrama „Die versunkene Glocke“. „Mein Partner war mein späterer Zahnarzt. Es war eine herrliche Zeit, Sie können sich das heute alles gar nicht mehr vorstellen.“ Es scheint tatsächlich wie eine andere Epoche. Lebensmittelmarken überall, daher Zufriedenheit, wenn man sich in der Kantine als Privileg die zweite Portion Erbsen holen konnte. Und daneben die unbändige Lust, zu lernen und Theater zu spielen. „Wir haben sogar Stücke in der Originalsprache gespielt, ich etwa in dem Einakter ‚Un Caprice‘ von Alfred de Musset. Und daneben schrieb ich an meiner Dissertation.“ Heute noch ist sie stolz, dass das Thema ihre eigene Idee war: ,Der Einfluss des Films auf die Zeitgestaltung in der modernen Dramatik‘, eingereicht bei dem Nestor der Germanistik Eduard Castle.

Parforce ins Theaterleben

Die Aufnahme am Reinhardt-Seminar hatte sie nicht geschafft, aber in einem privaten Konservatorium erhielt sie das technische Rüstzeug für den Schauspielerberuf. Nach der Abschlussprüfung sprach Frau Dr. Sochor am Volkstheater vor. „Ich habe mir für das Vorsprechen was Besonderes ausgesucht, einen Monolog von der Paula Preradovic, ,Das Mädchen vor dem Lotteriegewölbe‘, nach einem Bild von Peter Fendi. Weil das niemand kannte, hat man mich auch nicht gleich unterbrochen, wie bei einem Gretchenmonolog.“ Es reichte trotzdem nicht: „Wir haben in Ihrem Fach ja die Inge Konradi.“ Also musste sie den Umweg über die Kammerspiele wählen. Hier wurde die Dienstmädel- Antrittsrolle in Alexander Lernet-Holenias Komödie „Parforce“ zum Sensationserfolg und zum Eintrittsbillet in ihr künftiges Stammhaus. „Beinahe wäre ich aber bei den Kammerspielen hängen geblieben, denn der Direktor bot mir gleich einen längeren Vertrag an. Da stupst mich der Manker, der damals das Bühnenbild machte, von hinten an und flüstert mir zu: ‚Nicht unterschreiben, das Theater geht pleite!‘ So bin ich dem Angebot ans Volkstheater gefolgt.“

Nestroy pur

Aus dem Weg-Weiser sollte der Lebens-Begleiter werden. In vielen Nestroy-Inszenierungen stand sie unter Gustav Mankers Regie auf der Bühne. „In einer Zeit, wo man vorwiegend den ,Jux‘ und den ,Lumpazivagabundus‘ aufführte, gab es am Volkstheater auch unbekannte Stücke, meist gespielt von denselben Schauspielern, und das war herrlich.“ Kein Wunder, dass sie ihrem Theater treu blieb und lediglich ein einziges Mal auswärts eine Gastrolle annahm – unter der Regie von Gustaf Gründgens an seinem Düsseldorfer Schauspielhaus mit Fritz Kortner als Partner das schnippische Stubenmädchen Lischen im „Alpenkönig und Menschenfeind“. Wie es in den fünfziger Jahren das Mozart-Ensemble der Staatsoper gab, entwickelte sich in den sechziger Jahren ein Nestroy-Ensemble am Volkstheater: Herbert Probst, Heinz Petters, Rudolf Strobl, Walter Langer, Brigitte Swoboda, Dolores Schmidinger und eben Hilde Sochor. „Wir haben uns blind verstanden. Wir waren so aufeinander eingespielt, dass wir mit vier Wochen Probenzeit auskamen. Der Manker hat immer gesagt: Wo ich bei anderen Theatern als Regisseur aufhör, fang ich bei euch an; da kann ich ganz andere Ansprüche stellen.“ Nestroy pur gibt es auch im Musikverein: Nur auf die Sprache gestellt, ohne Kostüm- und Bühnenzauber, dargeboten von einer Schauspielerin, die aus fast 70 Jahren Bühnenerfahrung und einer einzigartigen Vertrautheit mit dem wienerischen Aristophanes schöpfen kann. So kehrt Nestroy dorthin zurück, wo seine künstlerischen Anfänge liegen.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.