Ins Innerste von Wien

Philippe Jordan

Bevor Philippe Jordan sein Amt als Chefdirigent der Wiener Symphoniker antritt, präsentiert er sein Pariser Orchester im Musikverein. Gastspiel des Orchestre de l’Opéra de Paris. Oder: Die Kunst der Introduktion.

Intro I

Intro. Oder: Wie fängt man am besten an? Allegro con brio wäre passend, strahlendes Dur, leuchtendes Forte. Ouvertürenglanz. Genauso könnte man beginnen, wenn man über Philippe Jordan schreibt und über den Anfang, den er nun in Wien setzt. In der kommenden Saison übernimmt der 39-Jährige die Chefposition bei den Wiener Symphonikern. Alles deutet auf eine beglückende Zeit. Man braucht sich nicht umzuhören im Orchester, um die Vorhersage zu treffen – man braucht es nur zu hören. So wie die Symphoniker zuletzt gespielt haben, so funkensprühend und inspiriert, könnten die Zeichen nicht besser stehen. Ein junges Orchester, das für die Musik glüht. Die Symphoniker präsentierten sich so im Musikverein unter Philippe Jordan, dem kommenden Mann, aber auch unter ihren Gastdirigenten, zu denen Debütanten wie Stéphane Denève ebenso zählten wie, ganz harmonisch, ihre einstigen Chefs Fabio Luisi und Vladimir Fedosejev. Man könnte schwärmerisch loslegen. Und alles spräche für ein Intro in diesem Ton: Allegro con brio, voll orchestriert.

Intro II?

Natürlich ließe sich’s auch nüchterner angehen. Irgendwie im coolen Intro-Stil, wie er üblich ist bei Neustarts im öffentlichen Leben. Kein Anfang ohne Pressekonferenz. Statements vor laufenden Kameras, so ist es üblich geworden. Positionsbestimmungen, Absichtserklärungen, Programmansagen etc., etc. Jordan, reflektiert und eloquent, würde auch in einem solchen Forum glänzend bestehen. Aber: Wäre das ein Intro, wie es wirklich passen würde? Zu ihm? Zum Orchester – und zu dem, worum es eigentlich geht? Es wäre, spürt man, unstimmig von Grund auf. Ein neu gewählter Chefdirigent ist kein Kanzler, der eine Regierungserklärung abgibt. Es geht nicht um Legislaturperioden, Gesetzesinitiativen, Wahlversprechen, abhakbare Arbeitsvorhaben … Nein, gemeint sind filigranere Dinge. Künstlerisches Leben soll sich entwickeln können und Leben erfahrbar werden in der Kunst. Kalkulierbar kann das nicht sein. Es braucht den Respekt vor dem Geheimnis – und den Mut zur Offenheit. Mut auch, den Raum, der sich füllen will, nicht zuzustellen mit voreiligem Gerede.

Intro III!

Wie also fängt man an? Den stimmigsten Beginn findet man bei Philippe Jordan selbst: als Intro auf seiner Website. Unter www.philippe-jordan.com hört man erst nur das Einstimmen eines Orchesters – den angespielten einzelnen Kammerton, ein paar ins Offene gespielte Klänge. Der Schriftzug seines Namens baut sich auf. Und dann erscheinen, noch bevor’s zu all den Daten und Fakten geht, die Sätze: „Stille ist die schönste Musik, die mächtigste und wohltuendste. Die allergrößte Musik kommt aus der Stille.“ „Für mich“, vertieft Jordan den Gedanken, „ist das etwas sehr, sehr Wesentliches: dass dieStille die Basis aller Musik ist. Wenn die Stille einmal etabliert ist, kann man jedes großes Forte erreichen. Umgekehrt ist das nicht möglich. Die großen Einfälle kommen immer aus der Stille, da bin ich mir ganz sicher. Und: Wer einmal große Stille erleben durfte, der weiß, wie klingend solch eine Stille sein kann. Welten tun sich auf! Im Grunde ist ein Symphoniekonzert nichts anderes als die Materialisierung dessen, was in dieser Stille passiert.“

Was sich auftun kann

Dass alles aus der Stille kommt – das ist der Satz, aus dem sich alles auffächern lässt, was jetzt gesagt werden kann zu Jordans neuer Tätigkeit in Wien, seiner Zusammenarbeit mit den Symphonikern, seinem Programm … Schubert wird ein Schwerpunkt seiner ersten Saison sein. Ein Komponist, bei dem die Stille so intensiv hörbar wird wie bei kaum einem anderen – Schubert, dessen Musik aufbricht ins Geheimnis aus dem Wechsel von Stille und Fülle. „Wenn sie ganz auf dem Punkt ist, wenn sie ganz im Eigentlichen ankommt, dann“, sagt Jordan, „ist diese Musik die vielleicht sphärischste, die vielleicht himmlischste und perfekteste.“ Und das „obwohl das Material weniger perfekt zusammengefügt ist als bei Mozart.“ Obwohl. Und weil! Dass diese Musik „so transzendieren kann“, folgt aus der Offenheit ihrer Faktur. Feine Haarrisse gibt es in ihr, die sich auftun ins Unendiche. Und auch: „Extreme Brüche, in denen die charmante Fassade aufklafft über einer Todessehnsucht. Ich finde“, sagt Jordan, „bei Schubert ist die Todesnähe eigentlich in all seinen Werken zu spüren – besonders vielleicht in den scheinbar heitersten. Und das ist bestimmt etwas sehr Wienerisches.“

Wiener Klang und Entwicklungen en famille

So begibt sich Philippe Jordan gleich in seiner ersten Saison als Symphoniker-Chef ins Allerinnerste von Wien. Seelenabgründe und -aufschwünge, wie sie wohl nur hier, in Wien, zu Musik werden konnten. Man spürt, wie sehr sich Jordan faszinieren lässt von Flair und Fluidum dieser Stadt. „Mich interessiert“, sagt er, „dieser Wiener Klang!“ Für einen Künstler mit Lust am Philosophischen meint das weit mehr als nur Instrumentenbeschaffenheit und Spielweise. „Es ist“, sagt er lächelnd, „etwas, das man einerseits irgendwie definieren kann – und andererseits wieder nicht. Ein Doppelbödiges, das eben etwas Wienerisches ist.“ Wie aus der Stille das größte Forte entfaltet werden kann, so lässt sich auch Schuberts frühe Symphonik mit Werken von spätromantischer Opulenz verbinden. In Jordans Musikvereinskonzerten gibt es in der kommenden Saison aparte Kombinationen – etwa von Schuberts „Tragischer“ mit Strauss’ „Heldenleben“ oder von der „kleinen“ C-Dur-Symphonie mit Mahlers Vierter. Überhaupt, erklärt Jordan, soll es nun jede Saison solche Schwerpunkte geben – mit einem speziellen Augenmerk auf den (viel zu selten gespielten) Wiener Klassikern. Es sei wichtig, betont er, sich vertiefend mit dem Idiom einzelner Komponisten zu beschäftigen und in abgestimmten Projekten über einen längeren Zeitraum wirkliche Entwicklungen zu erleben. Das soll auch gemeinsam mit den Gastdirigenten geschehen, aus denen Jordan und die Symphoniker durchaus eine Art „Familie“ bilden wollen. Kollegialität ist großgeschrieben. Auch Solisten sollen, als Artists-in-Residence, in einen noch engeren, inspirierenden Dialog mit dem Orchester eintreten.

Intro IV

Bevor Philippe Jordan noch sein erstes Konzert als offizieller Symphoniker-Chef im Musikverein leitet, hat ihn die Gesellschaft der Musikfreunde mit dem Orchestre de l’Opéra deParis nach Wien eingeladen. Seit der Spielzeit 2009/10 ist Jordan Musikdirektor der Pariser Oper – und das avec beaucoup de succès! Sein Vertrag wurde vorerst bis 2018 verlängert … Ein weiteres Intro also, auf das man sich freuen darf – zum ersten Mal in seiner jahrhundertelangen Geschichte spielt dieses Spitzenorchester nun in Wien. Für welche Visitenkarten hat man sich entschieden? Selbstverständlich, sagt Jordan, müsse ein Hauptwerk des französischen Repertoires auf dem Programm stehen – ein Chef d’oeuvre also wie Berlioz’ „Symphonie fantastique“, zu hören im ersten der beiden Konzerte. Dass „das Orchester fantastisch Wagner und Strauss spielt“, sollen Wiens Musikfreunde ebenfalls genießen dürfen – mit der „Tannhäuser“-Ouvertüre (einem Werk mit pikanter Paris-Assonanz) und vokalen Glanzstücken von Richard Strauss, präsentiert von Thomas Hampson und Anja Harteros. Ganz wichtig schließlich: Ballett als Pariser Prestigeprojekt, auch musikalisch. Ballettdirigate sind in Frankreichs Hauptstadt nicht Probestücke für Korrepetitoren, sondern Chefsache. Wien kommt so in den Genuss von Ravels beiden „Daphnis et Chloé“-Suiten, dirigiert von Directeur musical Philippe Jordan.

Nicht Kompromiss, sondern Synthese

Paris – Wien. Jordan verbindet dirigierend zwei Traumstädte. Zur Poesie kommt, nicht unwesentlich, die Prosa. Die Wiener Symphoniker dürfen einen jungen Chef erwarten, der schon reichlich Führungserfahrung gesammelt hat, und das in einem hochkomplexen Unternehmen wie dem Opernhaus einer Weltmetropole. Was zählt dabei vor allem? „Für mich ist es entscheidend“, sagt Jordan, „die Synthese aus den Gegebenheiten zu finden. Ich sage nicht Kompromisse – sondern ganz bewusst Synthese.“ Im Grunde also ein tiefmusikalisches Prinzip: aus den Stimmen, die gegeben sind, ein stimmiges Ganzes entstehen zu lassen. „Genau das ist es“, bestätigt Jordan. „Wir sind zusammengekommen, um gemeinsam Musik zu machen. Mit all unseren Besonderheiten, unseren Eigentümlichkeiten und Verschiedenheiten …“

Woraus man schöpft

Der Dirigent, der so spricht, war und ist auch: Pianist, Kammermusiker, Liedbegleiter. Alle diese Begabungen hat er entfaltet, und er pflegt sie weiterhin. Wiens Musikfreunden gab er vor ein paar Jahren noch einen anderen Einblick – da ging die Tür einen Spalt auf, um den Komponisten Philippe Jordan zu zeigen: mit Liedern, die er auf japanische Haikus geschrieben hat. Wenn er am Klavier sitze, improvisiere und notiere, dann, erzählt er, seien das Erkundungen wie in einem Steinbruch. Material werde entdeckt, gehoben und freigelegt: „spannend zu sehen, was in mir steckt und welche Seiten ich in mir entdecke!“ Keine Sache (noch) für die große Öffentlichkeit. Aber, sagt Jordan, „ein ganz intimer, für mich sehr wichtiger Prozess“. Es ist schon so: Alle Kraft kommt aus der Stille. Die mächtigste und wohltuendste Musik entsteht aus ihr. Wien freut sich auf einen Künstler, der daraus schöpft.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.