„Ich schreibe die Dämonen an die Wand“

Erika Pluhar

Im Musikverein präsentiert Erika Pluhar ihren „Lebensweg in Liedern“. Über Stationen dieses Wegs sprach sie mit Monika Mertl.

Wer sich jemals für Erika Pluhar interessiert hat – und wer hätte das nicht? –, der weiß von jenem verwunschenen Haus in Grinzing, in dem sie seit mehr als fünf Jahrzehnten lebt, hat vom Wintergarten und von der weißen Sitzgarnitur gehört oder gelesen, kennt vielleicht auch die Geschichte, wie die Bewohnerin von der Mieterin der ersten Etage zur Eigentümerin des Ganzen wurde. Nun bin ich also zum Interview dorthin eingeladen, „auf einen Tee“, wie es hieß, und die unkomplizierte Art, in der diese Verabredung ganz kurzfristig, in einem persönlichen Telefonat, getroffen wurde, stand in wohltuendem Gegensatz zu den zeitraubenden Ritualen, mit denen Stars im Vorfeld zuweilen die eigene Bedeutung unterstreichen. Diese Art von Eitelkeit ist Erika Pluhars Sache nicht, so wie sie auch aus ihrem Alter nie ein Geheimnis gemacht hat. Dennoch beschleicht mich angesichts ihrer freundlichen Einladung leises Unbehagen. Nicht nur, weil das Setting, in das ich mich begebe, haargenau jenem in Pluhars jüngstem Buch entspricht, in dem sie einem fiktiven Journalisten, mit dem ich nicht die geringste Ähnlichkeit verspüre, bei Tee und Zigaretten ihre Geschichte erzählt. „Die öffentliche Frau“, erschienen 2013, ist bereits das siebzehnte Werk, in dem die mittlerweile 75-jährige Schauspielerin, Sängerin und Autorin ihre Erfahrungen mit dem Leben und dem Tod, der Liebe und dem Erfolg verarbeitet. Was kann ich Erika Pluhar, die jede Frage zu ihrer Person im Grunde schon mehrfach selbst beantwortet hat, überhaupt noch fragen, ohne sie zu langweilen oder eine Blöße zu riskieren, weil ich meine Hausaufgaben nicht gut genug gemacht habe?

Heutiges tun

Das Haus ist schon von weitem unverkennbar. Pluhar, in bequemer Alltagskleidung, öffnet selbst und bittet mich herein, nicht aufs weiße Sofa im Parterre, sondern in den ersten Stock, in ein großes, dunkles Zimmer mit breiten alten Holzdielen, wo sie mir einen Platz an einem runden, mit einer Mineraliensammlung vollgeräumten Tisch zuweist. Vor den Fenstern bildet der fast schon baumstarke Efeu, der die Fassade überwuchert, eine Art zweite Wand. Pluhar zündet zwei Kerzen an, ehe sie sich um den Tee kümmert … „Es ist ein bissel anstrengend, ständig zurückzuschauen auf die eigene Geschichte“, sagt sie. Zu ihrem 75. Geburtstag ist der eineinhalbstündige Dokumentarfilm „Trotzdem“ entstanden, „die Dreherei hat mich sehr hergenommen. Ich glaub, ich lass es jetzt mit meiner Lebensrückschau ein bissel bleiben und versuche, mich im Gegenwärtigen aufzuhalten: ans Meer zu fahren und es mir noch einmal gut anzuschauen, mein Haus auszukosten, aus meinen Büchern zu lesen und möglichst noch zu musizieren, mit dem Klaus Trabitsch und meiner Gruppe – eben Heutiges zu tun.“ Auch ihren biographischen Büchern möchte sie nach der „Öffentlichen Frau“ nichts mehr hinzufügen. „Wenn man so lang lebt wie ich, sind manche Dinge schon Geschichte, die kann ich dann ganz klar erzählen, wie ich es hier getan habe. Die Zeit relativiert so viel.“

Bei sich sein, gelassen sein

Mit dem Altwerden hat sich Erika Pluhar schon früh auseinandergesetzt, etwa als sie, knapp jenseits der vierzig, Lieder wie „Mehr denn je“ und „Was heißt das nur, ich werde alt“ schrieb. „Wenn ich das jetzt singe oder in Lesungen rezitiere, merke ich, wie diese Texte beim Publikum reingehen; da habe ich etwas kapiert, das gültig ist.“ Dreißig Jahre später, in ihrem „Späten Tagebuch“, hat sie dann eine zentrale Einsicht formuliert: „Jugend bedeutet, Zukunft zu haben.“ Und „das Schrumpfen der Zukunft, das von diesem schmerzlichen Begriff ‚nie mehr’ begleitet ist“, wird ihr nun ganz deutlich bewusst: „Das sind die Ingredienzien des Altwerdens. Wenn ich etwas tun will, muss ich es jetzt tun.“ Auf der Habenseite des Alters steht für Pluhar eine neue Lebensqualität: „Wenn ich jetzt Konzerte und Lesungen mache, habe ich mehr Energie als früher, weil ich vollkommen angstfrei bin. Wenn man jung ist, ist man seinen Ängsten und seiner Nervosität ausgeliefert, so dass man viel Energie braucht, bis man sich überhaupt konzentrieren kann.“ Heute kann sie die Bühne mit Gelassenheit betreten. „Ich habe keine Furcht mehr vor den Menschen. Wenn man bei sich ist, gehen sie mit. Was ich da mache, ist ja keine Show, sondern beruht auf Konzentration und eigener Freude an der Sache.“

Das wichtige „Als ob“

Sie hat ihre öffentliche Existenz ausgiebig genug reflektiert, um zu wissen, dass sie auch dann am Leben ist, wenn grade niemand zuschaut: „Manchmal bleibe ich ein paar Tage ganz allein, weil mein Büro still ist und weder mein Enkelsohn noch meine Haushälterin da sind, und da beobachte ich mich, ob ich das gut aushalte – aus-halte, er-trage. Das geht. Das sage ich natürlich im Hinblick auf einen intakten Körper, der treppauf, treppab und im Wald spazieren gehen kann.“ Die Kontinuität ihrer Tage entsteht im Schreiben. Im konsequenten Tagebuch-Ritual nach dem Frühstückskaffee, wenn sie den vergangenen Tag Revue passieren lässt und versucht, „im Dialog mit mir selber alles zu notieren, was mir an Gedanken dazu kommt. Und in den Nachmittagsstunden schreibe ich immer ein bisschen was Fiktives – ohne an Veröffentlichung zu denken. Ich schreibe ziellos, aber ich muss an etwas dran sein. Das ist immer mit dem eigenen Leben verbunden, aber das Erfinden ist dabei ganz wichtig. Und wenn ich dann abends einen schönen Film im Fernsehen sehe und später im Bett noch in einem Buch lese und danach gut einschlafe, war ich in drei erfundenen Lebenssituationen. Ohne dieses ‚Als ob’ könnte ich nicht existieren.“

Von einer Schauspielerin zur Schriftstellerin

Das Schreiben begleitet Erika Pluhar seit ihrer Kindheit. „Mein erster schauerlicher Lebenseindruck war ja der Krieg. Und sobald ich schreiben konnte, habe ich G’schichterln erfunden und illustriert. Später kam diese ganze Schauspiel-Zeit, da bin ich Angela Praesent vom Rowohlt-Verlag begegnet, die mir vorgeschlagen hat, Authentisches aus meinen Tagebüchern herauszugeben. Sie hat mich zum professionellen Schreiben gebracht, da war ich um die vierzig. Und es ist mir wirklich gelungen, von einer Schauspielerin zu einer Schriftstellerin zu werden“, sagt sie mit Nachdruck: „Ich bin nicht eine Schauspielerin, die halt ein Buch oder ihre Biographie schreibt. Unter meinen Lesern sind mittlerweile jüngere Menschen, für die die Schauspielerin Erika Pluhar gar nicht mehr wesentlich ist.“

Schreiben, um sich zu wehren

Das war einmal ganz anders. Als attraktives Aushängeschild des Burgtheaters und scheinbar selbstbewusste Frau mit spektakulären Männerbeziehungen, die sich überdies lautstark in politischen Debatten wie der Abtreibungsfrage zu Wort meldete und feministische Positionen bezog, hat Pluhar gelernt, das Schreiben als Strategie einzusetzen; als Waffe im Umgang mit dem, was sie „die Journaille“ nennt, als Antwort auf spekulative Berichterstattung. „Der Voyeurismus war schon sehr schlimm“, erinnert sie sich an den bewegten Lebensabschnitt, als sie die Partnerschaft mit Peter Vogel einging, während ihr Mann André Heller Gefährte von dessen Frau Gertraud Jesserer wurde. „Partnertausch“, sagt Pluhar wegwerfend; „im Erleben ist so etwas doch ganz anders, als es medial ausschaut.“ Und als sie nach Peter Vogels Selbstmord beim Begräbnis neben Gertraud Jesserer im Blitzlichtgewitter der Fotografen stand, beschloss sie, kein Opfer der Boulevardpresse mehr zu sein. „Ich habe mir gesagt: Ich verbitte mir diesen Blick durchs Schlüsselloch. Was ich offenlegen kann, lege ich selber offen. Das hat auch genützt. Ab einem gewissen Punkt konnte ich unbehelligt leben.“

„I gib net auf“

Auch nachdem ihre Tochter Anna im Herbst 1999 mit siebenunddreißig an einem Asthmaanfall gestorben war, hat sich Pluhar vorsätzlich der Öffentlichkeit gestellt. Ein halbes Jahr zuvor, an ihrem 60. Geburtstag, hatte sie nach vier Jahrzehnten ihren Abschied vom Burgtheater gefeiert. „Ich war so erleichtert! Ich hatte keine Lust und Freude mehr daran, Rollen zu spielen, das war irgendwann ausgeschöpft. Ich hatte ja schon in den siebziger und achtziger Jahren mit meinen Liedern und meinen Büchern angefangen. Ich wollte dann nur noch meine eigenen Inhalte vertreten. Anna hat hier im Haus ein strahlendes Fest ausgerichtet, ich hab die ganze Nacht getanzt, zu dem Song ‚I will survive’, der gefiel mir so, dass ich daraus mein Lied ‚I gib net auf’ gemacht habe. Und mit dieser Platte war ich im Studio beschäftigt, als die schreckliche Nachricht kam. – Das ist natürlich ein Segen, dass wir sowas vorher nicht wissen.“ Nach diesem Schicksalsschlag hat sich Erika Pluhar einen Auftritt in der Talkshow von Alfred Biolek zugemutet. „Der war ein sensibler Befrager, da konnte ich mich zusammennehmen und darüber sprechen. Danach hat keiner mehr versucht, mich irgendwo in Tränen aufgelöst zu sehen.“

Von Zumutung und Mut

In den Anfang der achtziger Jahre publizierten Tagebuch-Auszügen findet sich eine Schlüsselstelle: „Anna, die mich skeptisch fragt, ob ich den Menschen ‚alles zeigen’ will, antworte ich, dass mir das eigenartigerweise mehr und mehr als meine Aufgabe erscheint, obwohl ein anderer Teil von mir sich in eine Klosterzelle zurückziehen möchte“, heißt es da. Welche „Aufgabe“ ist gemeint? „Ich glaube an die Mitteilung“, sagt Erika Pluhar. „Da steckt das Wort ‚teilen’ drin. Ich habe selber immer davon profitiert, wenn Menschen mir etwas mitgeteilt haben, und ich glaube, ich bin nicht auf der Welt, um Schauspielerin zu sein, sondern um kraft einer gewissen Begabung vom Leben zu erzählen. Das bestätigt sich auch oft in den Reaktionen der Menschen, die mir dankbar sind, dass ich sie zu etwas ermutige: zum Frausein, zum Älterwerden – am Schönsten: zum Menschsein. Diese Aufgabe zu erfüllen, wenn ich schon ‚öffentlich’ bin, war mir wichtig.“ Zurück in der „Klosterzelle“, in ihrem Haus, ist auch sie „einfach ein Menschenwesen, das die Unzumutbarkeiten des Lebens ertragen muss. Ich bin in den letzten Jahren sehr zu der Ansicht gekommen, dass das Leben eine Zumutung ist – wobei das Wort ‚Mut’ darin steckt. Ich bin ein bissel eine Agnostikerin, und in keiner Weise esoterisch gepolt. In meinen schmerzvollsten, schrecklichsten Zeiten erschien mir das Nichts wunderbar. Also denke ich mir, dass ‚danach’ nichts ist, und das ist auch ganz schön, gemessen an dem, wie leidvoll das Leben sein kann. Aber ich behellige mich wenig mit diesen Jenseitsgedanken. Ich mache es eher wie die Höhlenmenschen: In meinen Geschichten schreibe ich meine Dämonen an die Wand!“

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).