Erblicke hier, betörter Mensch, erblicke deines Lebens Bild!

Über Haydns „Jahreszeiten“

Noch immer haben Haydns „Jahreszeiten“ das Nachsehen gegenüber der „Schöpfung“. Allzu harmlos seien sie, viel zu bieder, wird leichthin behauptet. Es ist, wie Sabine M. Gruber ausführt, ein großes Missverständnis. Höchste Zeit für die „Jahreszeiten“!

Bis heute sind Experten sich darüber uneins, in welche Musikgattung die „Jahreszeiten“ überhaupt einzuordnen seien. Für ein Oratorium sei das Oratorium zu weltlich, habe eben auch etwas von einem Singspiel, nur feh-le ihm dafür die Handlung, und die fehlende Handlung spräche auch dage-gen, dass das Oratorium wirklich ein Oratorium sei. Eine beliebte Lösung lautet deshalb: eigentlich ein Zyklus von vier Kantaten, denn ein solcher könnte weltlich sein und bräuchte keine Handlung. Doch was soll das überhaupt heißen: Die „Jahreszeiten“ haben keine Handlung?

Geschehnis, Handlung, Spielraum

Eine Handlung setzt Personen voraus und Geschehnisse, und natürlich ge-schieht in den „Jahreszeiten“ etwas, allerhand sogar, und Personen kom-men auch vor, drei an der Zahl, und dazu allerlei Volk in verschiedenen Gruppierungen. Trotzdem empfinden wir das Werk zunächst einmal als handlungslos. Unter einer Handlung im literarischen Sinn stellen wir uns nämlich vor, dass jemand etwas in der Hand hat oder in die Hand nimmt, und in den „Jahreszeiten“ machen das weder Simon noch Lukas noch Hanne. Wer hier handelt, ist: die Natur. In ihren ewig kreisenden Bewe-gungen zwischen Tag und Nacht, Frühling und Winter, Entstehen und Vergehen, Geborenwerden und Sterben ist sie die treibende Kraft. Men-schen spielen in diesem Natur-Schauspiel nur Nebenrollen, fügen sich or-ganisch ins Geschehen ein, und ihr Handlungsspielraum ist naturgemäß ge-ring. Unbegreiflich, für uns Heutige, dieses Sichfügen in naturimmanente Abläufe, dieses Hinnehmen des bescheidenen Spielraums. Stellt sich die große Frage: Ist der Spielraum unserer Handlungen in den letzten zwei-hundert Jahren wirklich so groß geworden? Wie auch immer. Ob eine Handlung eine Handlung ist oder nicht, ist nicht zuletzt eine Frage der Darstellung. So manches Oratorium, ja sogar so manche Oper scheint wenig oder gar keine Handlung zu haben, sondern in einer Aneinanderreihung von gesungenen Texten zu bestehen. Die Hand-lung nämlich steckt irgendwo dazwischen, mit unsichtbarer Tinte geschrieben – und bleibt solange unsichtbar, bis jemand sie sichtbar macht, in Form einer Synopsis. Nun plötzlich empfinden wir das, was uns eben noch eher seltsam aneinander gereiht erschien, als schlüssiges Ganzes, ob-wohl sich rein gar nichts geändert hat.

Zum Beispiel: Frühling

Ein Dorf in einem sanft hügeligen Landstrich Niederösterreichs. Auf einem Bauernhof. Simon, Hanne, Lukas. Männer und Frauen aus dem Dorf. Der Pächter Simon, seine Tochter Hanne und sein Schwiegersohn in spe, der fesche Jungbauer Lukas, beobachten angstvoll, wie der strenge Winter samt grässlichem Gefolge (Sturm & Schnee) gerade heulend zum Nordpol flieht, vor wem, wird nicht direkt ausgesprochen, es kann aber nur der Frühling sein, der sich bereits im Anflug befindet, auf einem lauen Süd-wind daherwehend. Zur Sicherheit und weil das mit dem Winter allen schon zu lange dauert, formiert sich das ganze Dorf zu einem Chor und versucht, die Sache ein wenig zu beschleunigen, durch kollektive Anrufung des Himmels, das hilft ja meistens. Wobei Frauen und Männer doch recht unterschiedlich an die Aufgabe herangehen. Die Frauen sind eher optimis-tisch und haben eine Menge Vorstellungsvermögen, sie tun einfach so, als wäre der Lenz überhaupt schon da! Die Männer ihrerseits unken ihrer Art gemäß und warnen und beschreiben ganz drastisch, wie der Winter wieder zurückkehren und mit seinem Frost alles ruinieren wird. Der Himmel er-hört überraschenderweise – die Frauen! Er lässt den Frühling unverzüglich im Dorf landen. Simon tut so, als hätte er es immer schon gewusst und analysiert minuziös, wie die Sonne alle störenden Winterreste beseitigt. Rasch holt er den Pflug aus dem Schuppen und eilt aufs Feld, wo er mit Hilfe einer sehr eingängigen Melodie sich und seine Arbeit in den höchsten Tönen auslobt: ein fescher Landmann in den besten Jahren, weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln auf muskulösem Oberkörper, streut schwungvoll pfeifend Samen aus. Lukas bewundert ihn gebührend und regt an, den Himmel nun um Regen zu bitten. Die drei Protagonisten, ver-eint mit dem ganzen Dorf, beten singend um Regen (und zwischendurch ein wenig Sonnenschein, für alle Fälle) und erbringen wieder einmal den Be-weis: Kooperation bringt am Ende immer die besten Ergebnisse. Von Wes-ten her kommt prompt der ersehnte Regen! Perfekt. Alle freuen sich von Herzen und können sich gar nicht satt sehen an den bunten Fluren, den grünen Hainen, den Gewässern – und den darin sich jeweils tummelnden Tieren! Lämmer, Fische, Vögel. Und natürlich Bienen. Womit wir bei den eigentlichen, den menschlichen Frühlingsgefühlen angelangt wären, die zwar nur in einem Nebensatz erwähnt werden, aber – alle deutet darauf hin, dass Hanne und Lukas einander näher kommen werden. Simon mahnt, nicht zu vergessen, wem wir Nahrung und sonstige Freuden ver-danken, nämlich: Gott, der nun ausführlich und kollektiv gepriesen wird. Ja, und so könnte man die Handlung der Jahreszeiten unschwer fortsetzen – bis zum Winter.

Engel gegen Bauern?

Joseph Haydn lebt längst schon im Winter seines Lebens, als er den Früh-ling komponiert. Bei der Uraufführung der Jahreszeiten im Jahre 1801 ist er beinahe siebzig. Zwei Jahre Mühsal liegen hinter ihm, Komponieren in einem psychischen und physischen Grenzzustand, Stunden, Tage, Wo-chen, Monate unter höchstem Erfolgsdruck, im Bewusstsein, seine ruhm-reiche „Schöpfung“ nicht nur erreichen, sondern womöglich noch übertref-fen zu müssen. Dazu die intensive, bisweilen aufreibende Auseinanderset-zung mit Gottfried van Swieten, Freund, Librettist und Financier in Perso-nalunion. Schließlich die anstrengende Vorbereitung der Premiere. Und dann: fast ein Flop. Die „Jahreszeiten“ sind keine zweite „Schöpfung“, soll Haydn gesagt ha-ben, weil: in dem einen singen die Engel und in dem anderen die Bauern. Das berichtet uns Giuseppe Carpani in seiner posthum verfassten Haydn-Biographie (1812). Und weil es ein so plakativer und einleuchtender Satz ist, stützt er bis zum heutigen Tag die These, Haydn selbst habe seine „Jahreszeiten“ nicht so toll gefunden wie seine „Schöpfung“. Ich halte Haydns Äußerung (so er sie denn in dieser Form wirklich ge-macht hat) eher für einen Versuch, den vergleichsweise mäßigen Erfolg der „Jahreszeiten“ zu erklären und seiner Enttäuschung darüber Ausdruck zu verleihen.

Die Schöpfung, an der Wirklichkeit gemessen

Die „Schöpfung“, nach ihrer privaten Uraufführung am 29. April 1798 mit Lob überschüttet, erlangt Kultstatus bei Fachwelt und Publikum. Die „Jah-reszeiten“ hingegen werden bei ihrer privaten Uraufführung am 24. April 1803 im Palais Schwarzenberg gut aufgenommen, aber zwiespältig. Und Zwiespalt begleitet sie bis heute. Die „Jahreszeiten“, so ein Vorwurf, den intellektuelle Kreise damals aufgebracht haben, seien eine einzige Idylle, eine unzulässig romantisierende Idealisierung, ja Verharmlosung der Welt – im Gegensatz zur „Schöpfung“, die über jeden derartigen Verdacht erha-ben zu sein scheint. Dabei liegt der Fall genau umgekehrt! Die „Schöpfung“ ist es, die eine idealtypische Welt vor uns ausbreitet, uns in der trügerischen Geborgenheit paradiesischer Zustände wiegt. Die „Jah-reszeiten“ hingegen sind: die auf die Wirklichkeit angewandte „Schöp-fung“, mit all ihren Höhen und Tiefen, wenngleich die Tiefen oft weniger im Textbuch von van Swieten ihren Niederschlag finden als in dem, was Joseph Haydn daraus gemacht hat. Haydn füllt den von der Sprache des Librettos geschaffenen Spiel- Raum mit echten Gefühlen, mit körperlich spürbaren Empfindungen, mit Sinnlichkeit, mit Humor und mit Geist, konfrontiert uns gnadenlos mit all dem, woraus das wirkliche Leben besteht – welches uns Heutigen langsam aber sicher abhanden kommt, nicht ohne eine geheime Sehnsucht in uns zurückzulassen.

Zum Beispiel: Winter

Beißende Kälte im krassen Gegensatz zum Feuer, in dessen Nähe unsere Gliedmaßen, vor Kälte schier ertaubt, schmerzhaft kribbelnd zu neuem Le-ben erwachen. Immer seltener reizen wir unsere Sinne zum äußersten. Eis-zapfen in den Händen, Flocken im Gesicht, gefrierendes Knirschen unter den Stiefeln? Offenes Feuer, jähe Hitze, Rauch, Knistern von Holz, das sich wehrt, zu Asche zu verbrennen? Durch einen finsteren eiskalten Keller auf steinernem Boden in eine Waschküche tappen, wo im grünen, brenn-heißen Badeofen Wasser für ein dampfendes Bad siedet? Wir meiden alles, was dies- oder jenseits des wohligen Mittelmaßes liegt und lassen unsere Sinne lieber in gemäßigte Zonen flüchten: streng kontrolliertes So-tunals- Ob, von den Heutigen Wellness genannt, ersetzt die schroff gegensätzlichen Sinnesreize, die das wirkliche Leben uns bieten würde.

Endlich und übers Endliche hinaus

„Erblicke hier, betörter Mensch, erblicke deines Lebens Bild! Verblühet ist dein kurzer Lenz, erschöpfet deines Sommers Kraft. Schon welkt dein Herbst dem Alter zu; schon naht der bleiche Winter sich und zeiget dir das offne Grab.“ In seinen „Jahreszeiten“ zeigt Haydn uns die Natur auch von ihrer uner-bittlichen Seite und führt uns unsere eigene Endlichkeit vor Augen. Trotzdem belohnen uns die Jahreszeiten mit einer Art Happyend. „Ein ewger Frühling herrscht, und grenzenlose Seligkeit wird der Gerech-ten Lohn. Auch uns werd einst ein solcher Lohn: Lasst uns wirken, lasst uns streben, lasst uns kämpfen, lasst uns harren, zu erringen diesen Preis. Uns leite deine Hand, o Gott, verleih uns Stärk und Mut! Dann siegen wir, dann gehn wir ein in deines Reiches Herrlichkeit. Amen.“

Sabine M. Gruber
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Zu ihren Buchveröffentlichungen zählen „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“, „Mit einem Fuß in der Frühlingswiese: Ein Spaziergang durch Haydns Jahreszeiten mit Sprachbildern von Nikolaus Harnoncourt“, der Erzählband „Kurzparkzone“ und der Roman „Beziehungsreise“.