Die innere Stimme

Luca Pisaroni

Mit sorgfältig ausgewähltem Repertoire ist Luca Pisaroni seit eineinhalb Jahrzehnten ein begehrter Gast auf den internationalen Opern- und Konzertbühnen. Am 17. Mai gibt der italienische Bassbariton seinen ersten Liederabend im Musikverein.

Als Kind hatte Luca Pisaroni einen Wunsch: nie mehr Fußball spielen. „Mit zehn Jahren bin ich auf dem Weg zum Training vom Fahrrad gestürzt. Die Narbe an meinem Kinn erinnert mich heute noch daran. Ich war im Sport eine echte Null, im fußballvernarrten Italien eine mittelschwere Katastrophe.“ Heute kann Luca Pisaroni darüber lachen. Der 38-jährige Bassbariton sieht umwerfend gut aus und könnte locker auch als Profisportler durchgehen. Das ist kein Nachteil, denn schließlich entspricht er ziemlich genau dem Wunschbild der Musikindustrie – tolles Aussehen und tolle Stimme. Luca Pisaroni kümmert das wenig. „Ich möchte zuerst als Künstler wahrgenommen werden, das Aussehen kann als Bonus gewertet werden, aber nicht als allererstes Kriterium.“ Wir sprechen ohnehin lieber über den Künstler Pisaroni.

Barock statt Bellini

Luca Pisaroni wurde in Venezuela geboren und wuchs im italienischen Busseto auf, in jener schmucken Kleinstadt, in der auch Giuseppe Verdi das Licht der Welt erblickte. Pisaronis Mutter war Lehrerin, sein Vater hatte eine Autoreparaturwerkstatt. Anstatt sich mit seinen Mitschülern auf dem Bolzplatz zu tummeln, hörte Luca Verdi und Puccini, durchstöberte die Schallplattensammlung seines Großvaters und fuhr schon als Jugendlicher mit dem Zug nach Mailand in die Scala. Mit elf Jahren schlich er sich zum ersten Mal in die Meisterklassen, die Carlo Bergonzi regelmäßig in Busseto gab. Er wollte Sänger werden, ein Tenor, wie sein großes Idol Luciano Pavarotti. „Meine Eltern hatten wohl einen anderen Weg für mich vorgesehen, aber ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Während meines Gesangsstudium am Mailänder Konservatorium habe ich mich bei meinen Kollegen unbeliebt gemacht, weil ich lieber Barockmusik singen wollte als ,I Puritani‘. Ich bin eben kein typischer italienischer Sänger.“ Irgendwann wurde es ihm in Mailand ohnehin zu eng, und er ging zuerst nach Buenos Aires und dann nach New York, ehe er in Wien seine Wahlheimat fand.

Folgenreiches Engagement

2002, ein Jahr nach seinem Operndebüt als Figaro in Klagenfurt, lud Nikolaus Harnoncourt den damals 26-Jährigen nach Salzburg ein und besetzte ihn als Masetto in Mozarts „Don Giovanni“. Ein Engagement mit Folgen: Nicht nur, dass Pisaronis Karriere ordentlich in Schwung kam und ihn an die großen Häuser von Paris bis New York führte; er lernte dort Thomas Hampson kennen und verliebte sich in dessen Stieftochter Catherine, mit der er heute verheiratet ist. Mit ihr und den Hunden Lenny und Tristan (die beiden haben übrigens ihre eigene Facebook-Seite) reist Luca Pisaroni quer über den Globus, ein echtes Glück, wenn man bedenkt, dass er zehn Monate im Jahr im Dienste der Musik unterwegs ist. Im Mittelpunkt stand stets Mozart, zunächst als Figaro, dann als Graf – und „jetzt warten alle auf den Don Giovanni“. Doch wenn es nach Luca Pisaroni geht, soll das auch noch ein Weilchen so bleiben. Er will seiner Stimme Zeit geben zu reifen, purer Luxus im heutigen Opernbetrieb. „Ich beobachte, dass sich die Dinge deutlich verändert haben. Den jungen Sängern bleibt immer weniger Zeit, sich auf die Entwicklung der Stimme zu konzentrieren. Harnoncourt hat mich stets ermutigt, meine ,innere Stimme‘ zu finden. Auf der Suche danach muss man kämpfen und bereit sein, Risiken auf sich zu nehmen.“

Zeit für Neues

Luca Pisaroni hat gelernt, auf seine „innere Stimme“ zu hören. Dazu gehören Mut, Geduld und Verantwortung. Aber auch Neugierde und die Lust, Neues zu entdecken. „Bisher kannte man mich vorrangig als Barock- und Mozart-Interpret. Jetzt spüre ich, dass es an der Zeit ist, mit der Barockmusik aufzuhören. ,The Echanted Island‘ an der New Yorker Met ist die letzte Produktion, die ich in diese Richtung mache, weil sich meine Stimme innerhalb dieses Repertoires nicht mehr weiterentwickelt. Außerdem finde ich es langweilig, immer nur fünf, sechs Partien zu singen.“ Kein Radamisto, kein Rinaldo und kein Ariodante mehr. Stattdessen mussten schwerere Geschütze aufgefahren werden. Zuletzt stand Pisaroni als frauenmordender Heinrich VIII. in Donizettis „Anna Bolena“ auf der Bühne der Wiener Staatsoper und tastete sich vorsichtig an Verdi heran, um den er bislang einen großen Bogen gemacht hatte. In einer konzertanten Aufführung von „Simon Boccanegra“ sang er den Fiesling Paolo mit Thomas Hampson in der Titelrolle und interpretierte im Zuge ihrer gemeinsamen Konzertreise „No Tenors Allowed“ das Duett von Filippo und Rodrigo aus „Don Carlo“. Bevor er sich an die ganze Oper heranwagt, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. „Die gelegentlich zu singenden Spitzentöne sind das eine, aber als Sänger muss ich wissen, ob ich die heikle Tessitura des Titelhelden meistern kann, ohne meine Stimme zu ruinieren. Ich wachse immer mehr in diese Musik hinein, aber bis ich reif dafür bin, wartet noch eine Menge Repertoire auf mich. Verdi braucht Zeit.“

Ohne Kostüm und ohne Maske

In der Zwischenzeit widmet sich Luca Pisaroni seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Liedgesang. „Der Liederabend ist ein sehr inniges und sehr persönliches Erlebnis; ohne Kostüm, ohne Maske, ohne große Bühne. Hat man in der Oper drei Stunden Zeit zu brillieren, sind es bei einem Lied nur wenige Minuten. Die Musik entsteht aus dem Augenblick heraus mit dem Sänger, dem Pianisten und den Menschen im Publikum. Wir entdecken sie immer wieder neu, und sie ist jedes Mal ein bisschen anders.“ Mit einem Programm, das einige Entdeckungen bereithält, gibt Luca Pisaroni nun seinen ersten Liederabend im Musikverein. Auf der Suche nach Liedern in seiner Muttersprache stieß er auf einen für ihn bis dahin unbekannten Protagonisten der „Berliner Liederschule“: Johann Friedrich Reichardt. 1752 geboren, galt er als Wunderknabe, der schon als Kind mit seiner Violine das Publikum begeisterte. „Im Laufe seines Lebens komponierte er an die 1500 Lieder, darunter einige wunderbare Vertonungen von Francesco Petrarca. Sein Einfluss auf Schubert ist unüberhörbar, vor allem im Klavierpart.“ Als Brücke zwischen Beethoven und Reichardt stehen Johannes Brahms’ „Fünf Gesänge“ op. 72, „schwer melancholisch und mit einer gewissen Lust am Leid“. Auch Franz Liszts Liedschaffen bedarf, so Pisaroni, nach wie vor einer Wiederentdeckung: „Hier entstehen kleine Dramolette, die sich von der Gattung Lied abzulösen scheinen, aber doch Lieder sind. Dabei hat Liszt nie eine Oper komponiert.“ Liszt erscheint in dieser kleinen Form als Neuerer und eigensinniger Sucher zwischen Melancholie, Todessehnsucht und Träumerei.

Tiefen der Seele

„Lieder“ sagt Luca Pisaroni, „sind wie Opern en miniature. Manchmal erzählt ein Lied in zwei Minuten das ganze Leben, manchmal muss man verschiedene Rollen darin spielen. Wenn ich auf der Opernbühne stehe, verwandle ich mich in die Rolle, die ich singe, und am Ende der Vorstellung streife ich sie wieder ab. Es ist wie ein Mantel, den man vorübergehend in den Schrank hängt. Das geht beim Lied nicht so einfach. Wenn man so unmittelbar in die Tiefen der menschlichen Seele eintaucht, braucht es Zeit, um wieder in den Alltag zurückzukehren.“

Miriam Damev
Mag. Miriam Damev studierte Konzertfach Klavier und Klavierpädagogik an der Konservatorium Wien Privatuniversität sowie Japanologie. Sie lebt als freie Musik- und Kulturpublizistin in Wien.