Der Komponist als Arzt, der Arzt als Komponist

Alfred Huber

Zwei Sätze, ein und dieselbe Person: 1) Dr. med. Alfred Huber ist ein gefragter Facharzt für Neurochirurgie in Kempten. 2) Alfred Huber ist ein erfolgreicher Komponist aus Oberösterreich. Vor der Uraufführung von Hubers Violinkonzert „Enigma“ im Wiener Musikverein sprach Katharina von Glasenapp mit dem Arzt und Komponisten.

Dass Ärzte und Naturwissenschaftler eine Neigung zur Musik haben, Instrumente erlernen, in Orchestern spielen, ist ja nichts Ungewöhnliches. Aber komponierende Ärzte, die sich nach einem Tag in der Praxis oder im Operationssaal abends noch an den Schreibtisch setzen und anspruchsvolle Kompositionen zu Papier bringen, sind doch wohl eher selten. Dr. Alfred Huber, gebürtiger Oberösterreicher und heute Neurochirurg in Kempten/Allgäu ist einer von ihnen, und die musikalische Ausbildung lief schon immer parallel zur medizinischen. Am 15. Juni bringt der Wiener Concert-Verein im Brahmssaal des Musikvereins sein Violinkonzert zur Uraufführung, als Auftakt zu einer Reihe von gemeinsamen Projekten, in denen Alfred Huber als Composer in residence der Saison 2014/15 vertreten ist.

Die Konsequenz des Komponierens

„Schon mit sechs Jahren habe ich gewusst, dass ich Arzt werden und Klavier spielen will!“ Ist Alfred Huber als 1962 in Linz geborener musikbegeisterter Schüler mit dem legendären Pater Augustinus Franz Kropfreiter oder mit dem nur wenig älteren Franz Welser-Möst zusammengekommen? Hat Bruckner eine Rolle gespielt? Alfred Hubers Prägung verlief anders und nicht weniger konsequent. Der Vater wollte ihn zwar nicht auf das musische Gymnasium schicken, doch die Musik hat ihn trotzdem immer begleitet. Klavier und Tonsatz lernt er bei Helmut Schiff, dem Vater des Cellisten Heinrich, und später bei Heinrich Waldek am Konservatorium. Von Linz geht es zum Medizinstudium nach Wien, dann zur Facharztausbildung wieder zurück, nach Berlin und schließlich Feldkirch. Immer wenn es in der Medizin eine Stufe weiter geht, versucht Alfred Huber, musikalisch nachzuziehen. In Feldkirch trifft er 1992 auf jenen Lehrer, der ihn über Jahre hinweg begleitet, für den er sogar noch nach der Praxiseröffnung in Kempten viele Kilometer durchs Allgäu und durchs Rheintal auf sich nimmt, um an seinen Stücken zu arbeiten: Es ist Herbert Willi, der in den 1990er Jahren seine ersten großen Orchesterwerke und die Oper „Schlafes Bruder“ komponiert und am Feldkircher Konservatorium eine kleine Kompositionsklasse hat. Mögen die beiden auch sehr verschieden wirken – Huber eher der Genießer, der zum Interview in ein edles Lindauer Restaurant einlädt, Willi der asketische Einsiedler, der sich zum Komponieren auf eine einsame Montafoner Alpe zurückzieht –, in der gemeinsamen Arbeit nähern sich die beiden einander an. Was schätzt Alfred Huber an Herbert Willi? „Ich mag ihn, wie er ist, seine Vielfalt, seine Zerbrechlichkeit, seine Klarheit: Die Konsequenz eines kompositorischen Schrittes muss unbedingt stimmen.“

„Dr. Faustus“ in einer Nacht

In diesen Jahren entsteht das Werk, das er als „Opus 1“ gelten lässt: Vier Stücke für Violine solo nach Texten von Ingeborg Bachmann. Ein Werk, das auch Hubers intensive Beziehung zur Literatur aufzeigt, die ebenfalls schon in der Jugendzeit gewachsen ist: Eine Lehrerin hatte sie gefördert, indem sie ihm für die Osterferien in der siebten Klasse den „Dr. Faustus“ gegeben hatte – in einer Nacht hat Alfred Huber das Buch verschlungen! Aber auch Musil gehört zu seinen Lieblingsautoren, Pablo Neruda (in der „Nachtmusik“ für Streichquintett und Sopran), François Villon und nochmals Ingeborg Bachmann fließen in seine Kompositionen ein. Auf gut 20 Stücke ist das Werkverzeichnis inzwischen angewachsen, stetig dem Feierabend und den Urlaubszeiten abgerungen. So richtig ruhig wird es im Hause Huber selten, denn Ehefrau Anita ist Geigerin im Symphonieorchester Vorarlberg und unterrichtet, die beiden Söhne spielen und studieren Cello und Kontrabass. Gewisse Rituale braucht Alfred Huber – eine gute Zigarre, einen feinen Cognac –, dann sitzt er meistens bis nach Mitternacht über seinen Kompositionen.

Was bewegt Musik?

Wenn Musik und Medizin bei ihm immer parallel liefen, so heißt das auch heute noch, dass beide Bereiche einander oft berühren, anregen, ergänzen. Wie kann man mit Musik bewegen, Emotionen wecken, was erzeugt Gänsehaut beim Hörer, was löst Emotionen aus und sind diese für jeden gleich? Als Neurochirurg ist Huber natürlich nahe an der Hirnforschung, an den Fragen der Wirkung von Musik auf den Menschen. In Feldkirch, später auch in Kempten hat er die Festivals „Zeitklänge“ mitveranstaltet, bei denen es nicht um eine Anhäufung von Uraufführungen ging, sondern um eine andere Art der Vermittlung und Hinführung an die Musik. Zum Festival „Emotion and meaning in music“ (der Titel bezieht sich auf die Erkenntnisse, die Leonard B. Meyer bereits 1957 in seinem gleichnamigen Buch dargelegt hatte) lud er 2009 renommierte Wissenschaftler wie den deutschen Neurologen und Musiktherapeuten Eckart Altenmüller, seinen Kollegen Rudolf Koelsch oder den britischen Spezialisten John Sloboda zu Vorträgen ein. Sie alle erforschen die „thrills and chills“, die Gänsehauteffekte, die Musik hervorbringen kann, das Spiel mit den Erwartungen und dem „Strukturbruch“, den ein ungewöhnlicher Harmoniewechsel, ein scharfer Akzent oder ein unerwarteter Melodieverlauf mit sich bringen können. Solche Strukturbrüche lösen Emotionswechsel aus, als Grundlage aller Emotionen gilt die Angst.

Wie komponiert man Emotionen?

Ein anderes großes Thema in Hubers Wirken und Denken ist die Redundanz beziehungsweise wie man sie vermeidet und welche Emotionen Redundanz wecken kann. So hat Huber 2012 für die Europäischen Wochen Passau mit „Vychod“ ein groß angelegtes Stück über die Donau komponiert: gekoppelt mit der geographischen Achse von den Quellen bis zur Mündung und einer Zeitachse 1918–1989 sind Texte und zwölf emotionale Zustände wie Zufriedenheit, Stolz, Eifersucht, Wut oder ganz zum Schluss überhöhend mit Chor und großer Steigerung die Liebe. Wenn Huber die Emotion Wut darstellt, dann fügt er über gute sieben Minuten „endlose Redundanzen“ aneinander, damit im Hörer Wut entsteht. Auch „Ekel“ ist bei diesen klingenden Emotionen vertreten, dergestalt, dass da die süßlichen Klänge der volkstümlichen Musik einfließen. Ob er aber in jedem Hörer die gleichen Emotionen weckt? Vielleicht ließe sich darüber eine wissenschaftliche Untersuchung anstellen …

Theoretische Informatik und sinnliche Musik

Bei „Vychod“ und den Europäischen Wochen Passau wirkte auch der Wiener Concert-Verein mit. Ebenso hat das Orchester sein „Primus inter pares“ für Viola und Kammerorchester, ein aus einer Bratschensonate hervorgegangenes Werk, uraufgeführt. War dieses Stück nicht ganz ein Solokonzert, so folgt jetzt mit dem Violinkonzert „Enigma“ doch ein „richtiges“ für die Geigerin Elena Denisova. Wieder gibt es einen Hintergrund aus der Naturwissenschaft, denn Huber bezieht sich auf Alan Turing, den Mathematiker, der im Zweiten Weltkrieg den Verschlüsselungscode der deutschen Funker, genannt Enigma (Rätsel), geknackt hatte und damit entscheidende Wendungen im Kriegsverlauf bewirken half. Mit der nach dem Krieg entwickelten Turing-Maschine war er ein Pionier der theoretischen Informatik. Alfred Huber nun nimmt diese Turing-Maschine als Denkmodell auf verschiedenen Ebenen der kompositorischen Arbeit, spricht von musikalischer Reihe, Redundanz, Metaebene und Informationssprung, der jeweils durch das Schlagwerk betont wird. Doch keine Angst: Selbst wenn das jetzt konstruiert und theoretisch wirkt, wird es doch nicht theoretisch klingen. Hubers Musik ist lebendig bewegt, farbenreich, musikantisch, nicht spröde, instrumententypisch gesetzt und sowohl für den Interpreten wie für den Hörer nachvollziehbar. Auf die Balance zwischen Konstruktion und Hörbarkeit legt der Komponist großen Wert, denn schließlich sollen seine Werke ja gespielt und gehört werden. Inzwischen fühlt er sich wohl und akzeptiert in der „Szene“, auch wenn er sich von den Zentren und Zirkeln der musikalischen Avantgarde eher fern hält: „Es muss einfach gut sein. Ich schreibe meine Musik aus Begeisterung, zum Erkenntnisgewinn, wo ich hin kann, wo die Grenzen sind.“ Alfred Huber kennt auch keine Identitätsprobleme als Arzt und Komponist: „Man sieht sich von einer anderen Ebene, und bei beiden kommt es darauf an, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Der Patient ist wie der Zuhörer in der Musik!“

Katharina von Glasenapp
Katharina von Glasenapp ist als Musikjournalistin im Bodenseeraum tätig.