Damenflor und Frauenchor

Johannes Brahms, umringt

Dass Anhänger(innen) Anhänger tragen, weiß man. Aber noch schöner, wenn solche Anhängerschaft wieder sichtbar wird – wie jetzt: Ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gelangte ein kostbares Abzeichen seiner weiblichen Anhängerschaft. Zarte Erinnerung an den Hamburger Frauenchor.

Es gibt viele Facetten in der Persönlichkeit und in der Lebensgeschichte von Johannes Brahms, die nicht dem gängigen, tradierten und stereotypen Brahms-Bild entsprechen. Wie bei nur wenigen Komponisten müssen wir uns bei Brahms die Fragen nach der Kongruenz oder Diskrepanz stellen, wie wir ihn – beeinflusst von einer Flut von Klischees – sehen und wie er tatsächlich war: als Künstler, als Mensch, privat und öffentlich.

Hahn im Korb

Dass der junge Brahms einen Frauenchor gegründet hat und von den durchwegs jungen Mitgliedern dieses Chores verehrt, ja angehimmelt wurde, ja bei ihnen Hahn im Korb war, ist ein solches Detail, das so gar nicht üblichen Klischees entspricht. Noch weniger, dass er in ein angesehenes Hamburger Bürgerhaus von der Tochter des Hauses eingeführt wurde. Das kam so: Die älteste Tochter des Auktionators Hermann Wagner, Friedchen Wagner, erhielt von ihrem Vetter Georg Dietrich Otten höheren Klavierunterricht und sonstige musikalische Bildung vermittelt. Otten war Chorleiter sowie Kapellmeister und mit Brahms befreundet, der zeitweise bei ihm wohnte. Deshalb konnte der 22-jährige Brahms 1855 im Nebenzimmer zuhören, als Otten mit Friedchen Wagner eines von Franz Schuberts Divertissements für Klavier zu vier Händen spielte. Brahms trat ins Zimmer, spielte das Stück nochmals mit ihr und begleitete sie anschließend – nach Hause. Auf dem Weg sagte er ihr auf ihre Bitte zu, ihr fortan Unterricht zu erteilen. Umgehend hat sie nun Brahms im Elternhaus als ihren Klavierlehrer eingeführt.

Heimat HFC

Am 6. Juni 1859 fanden sich dort 28 Damen zu einer Chorprobe unter Brahms’ Leitung zusammen, womit der Hamburger Frauenchor gegründet war, den Brahms bis 1861 leitete, für den er komponierte, mit dem er in Gottesdiensten und in Konzerten an die Öffentlichkeit trat. Der bisher nur als Pianist bekannte und anerkannte Brahms konnte sich hier als Komponist und Dirigent verwirklichen. Am wichtigsten aber: Der Hamburger Frauenchor – kurz: HFC – bedeutete Brahms so etwas wie Heimat. Dort fühlte er sich wohl, dort lag das Zentrum seiner Interessen in seiner Heimatstadt, obwohl oder gerade weil er bis Anfang des Jahres 1860 noch in Detmold engagiert war, ebenfalls als Chorleiter, aber das war Beruf – der Hamburger Frauenchor war Neigung. Detmold war eine kleine Residenzstadt ohne Ausstrahlung. In Hamburg lohnte es sich hingegen, etwas zu sein – noch dazu, wenn man dort als Sohn eines Musikers geboren war.

Ein B auf rotem Grund

Am 30. April 1860 verfasste Brahms in einem altertümelnden Deutsch mit spaßigen Formulierungen die Statuten für den HFC. Die Mitglieder waren ihm, wie ein Augen- und Ohrenzeuge berichtet, mit „mehr oder weniger schwärmerischer Ergebenheit“ verbunden. Diese wurde auch mit einem Abzeichen zum Ausdruck gebracht, das die Damen trugen. Es wurde in einem 1902 erschienenen Erinnerungsbuch von Walter Hübbe als ein dreiblättriges Kleeblatt mit einem Kreis in der Mitte beschrieben: „Dieser zeigte ein B auf einem roten Grunde, die drei umgebenden Felder die Buchstaben H. F. C. auf blauem Grunde.“ Die Mitglieder haben es entwerfen und anfertigen lassen, selbst getragen und eines auch Brahms geschenkt. Dieses ist verloren gegangen oder in seinem Nachlass nicht beachtet worden, auch anderswo war kein Exemplar erhalten, kurz, dieses Abzeichen war nur durch die Beschreibung aus dem Jahr 1902 bekannt.

Verein(t) mit Brahms

Als nunmehr der Restnachlass von Friedchen Wagner aus dem Besitz ihrer Hamburger Nachfahren für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien übernommen werden konnte, war darunter auch dieses Abzeichen, das eigentlich kein Abzeichen ist, sondern ein an einer Halskette zu tragender Anhänger aus Weißmetall. Ob es ein Kleeblatt darstellt oder einen Dreipass, darüber mag man diskutieren, und die 1902 als blau beschriebenen Felder sind nachgedunkelt und jetzt schwarz. Das B auf rotem Grund dominiert heute wie damals: Die Damen scharten sich eben um den verehrten Brahms – ihren Schwarm. Er hat das genossen. Noch mehr genossen hätte Brahms, wenn er den kleinen beiliegenden Zettel gelesen hätte, auf dem das schöne Stück gar als kleiner Orden bezeichnet wird, „für die Mitglieder des Brahms Verein“. Der von Brahms dirigierte Chor ist also umgangssprachlich gleich zum Brahms-Verein geworden.

Heinrich von Kleist und das Friedchen von Hamburg

Was Friedchen Wagner (später verehelichte Sauermann) Brahms bedeutet hat, wusste vielleicht nur sie – und vielleicht auch Clara Schumann, die bis in ihre letzten Lebensjahre mit Friedchen Wagner-Sauermann und ihrem Mann in freundschaftlichem Kontakt blieb. Wir erkennen es aber vielleicht aus einem Brief von Brahms, mit dem er dem „werthen Fräulein“ „Kleist’s Werke“ und eine Photographie übersandte, mit der Bitte, „dies kleine Zeichen meiner herzlichen Gesinnung für Sie“ anzunehmen. Warum gerade Kleist? Das verrät der Restnachlass Friedchen Wagners nicht. Und ob das Buch, das sie auf einem Alters-Foto in Händen hält, vielleicht gar ein Band dieser Kleist- Ausgabe ist, bleibt auch ein Geheimnis.

Otto Biba
Prof. Dr. Otto Biba ist Direktor von Archiv • Bibliothek • Sammlungen der Gesellscahft der Musikfreunde in Wien.