Versöhnung durch Musik 

Das Israel Philharmonic Orchestra 

Das Israel Philharmonic Orchestra war schon immer mehr als ein Orchester, das lediglich Brahms, Bruckner oder Beethoven zu Gehör bringen wollte. Seine Musiker haben zur Staatsgründung gespielt, in Sanddünen, vor Soldaten, in Krankenhäusern und unter Raketenbeschuss. Im Oktober ist das Orchester mit Zubin Mehta wieder im Großen Musikvereinssaal zu Gast. 

Es hätte ein ganz normales Konzert werden sollen: Am 23. Februar 1991 sollte das Israel Philharmonic Orchestra in Jerusalem den mittlerweile verstorbenen Geiger Isaac Stern (1920–2001) begleiten. Doch es kam anders. Und wird seitdem weltweit als Beispiel für Mut und musikalische Zivilcourage weitererzählt. Denn plötzlich, der Abend hatte bereits begonnen, ertönte Bombenalarm – Israel befand sich damals mitten im erste Golfkrieg. Saddam Hussein hatte seine Raketen losgeschickt. 

Kein normales Orchester 

„Ich wusste, dass zwischen der ersten Warnung und dem Augenblick, wo die irakischen Scud- Missiles einschlugen, zwischen vier und sieben Minuten vergingen“, erzählte Stern später in seiner Biographie. „Ich ging ohne Gasmaske auf die Bühne, machte ein paar beruhigende Gesten, sagte: ‚Hört zu‘ und fing an, die Sarabande aus Bachs d-moll-Partita zu spielen. Alles wurde ruhig. Es war gespenstisch und vollkommen bizarr, das Publikum in Gasmasken dasitzen zu sehen und zu spüren, wie die Leute unter der Wirkung der Musik allmählich ruhig wurden, während alle auf das Rumsen des Raketeneinschlags warteten. Es war einer der beklemmendsten Augenblicke meines Lebens. Aber ich spielte trotzdem immer weiter.“ Eine Anekdote, die vor allem eines zeigt: Das Israel Philharmonic Orchestra war nie ein normales Orchester. Und wegen der nach wie vor ungelösten Konflikte im Nahen Osten wird es das vermutlich auch noch lange Zeit nicht sein. Bis heute werden seine Tourneen von Personenschützern begleitet: breitschultrige junge Männer in gut geschnittenen schwarzen Anzügen und mit Funkverbindung im Ohr, die das Geschehen vor der Bühne und dahinter aufmerksam beobachten. „Wir reisen immer mit Sicherheitsleuten“, sagt Orchestermanager Avi Shoshani. „Für uns Israelis sind Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich. Denn für Terroristen gibt es immer einen Anlass, Israel anzugreifen.“ Für die 115 Musiker ist der Ausnahmezustand Normalität. Doch das hat seinen Grund, schließlich spiegelt sich im Israel Philharmonic Orchestra beispielhaft die gesamte jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts – angefangen beim Zionismus Theodor Herzls über die Schoah und die Gründung des Staates Israel bis hin zum Antisemitismus unserer Tage. 

Mit vereinten Kräften 

Schon 1933 hatte der damals weltberühmte jüdische Geiger Bronislaw Huberman – geboren 1882 in Polen und bereits als Kind Schüler Joseph Joachims – die nationalsozialistische Katastrophe heraufziehen sehen. Als er im Juni des gleichen Jahres von Wilhelm Furtwängler zu einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern eingeladen wurde, antwortete er mit einem offenen Brief, in dem es zur Lage in Deutschland unter anderem hieß: „In Wirklichkeit ist es keine Frage von Violinkonzerten oder der Juden; das Thema ist die Bewahrung der Dinge, die unsere Väter mit Blut und Opfern erreicht haben, der elementaren Voraussetzungen unserer europäischen Kultur, der Freiheit des Individuums und seiner bedingungslosen Eigenverantwortung, unbehindert durch Fesseln von Kaste oder Rasse.“ Eine Entgegnung, die Folgen hatte. So findet sich in der „Wiener Zeitung“ vom 2. August 1935 auf Seite 8 folgende Notiz: „Der deutsche Pianist Siegfried Schulze, der seit zwölf Jahren Bronislaw Huberman auf seinen internationalen Konzertreisen begleitet, erhielt dieser Tage von der Reichsmusikkammer die Aufforderung, die künstlerische Verbindung zu lösen.“ Als zeitgleich in Deutschland die letzten jüdischen Orchestermusiker entlassen wurden, überredete Huberman 75 von ihnen, mit ihm in das unter britischem Mandat stehende Palästina zu gehen, um dort das erste professionelle Symphonieorchester des Landes aufzubauen. Das Geld für die Überfahrt sammelte der Geiger mit Hilfe Albert Einsteins. 

Für die Menschlichkeit 

Tel Aviv, ein Vorort der antiken Hafenstadt Jaffa, war damals kaum mehr als eine junge Siedlung im Wüstensand. Gegründet 1909 von 60 Familien, hatte sie erst 1921 eine eigene städtische Verwaltung bekommen. Die ersten Einwohner waren vornehmlich Flüchtlinge aus osteuropäischen oder russischen Schtetln gewesen; ab 1933 wurde die Stadt aufgrund der wachsenden Zahl deutscher und österreichischer Juden aus dem Großbürgertum zunehmend mitteleuropäischer. Doch nicht nur Professoren, Ärzte, Schriftsteller und Musiker fanden dort ein neues Zuhause. Auch eine Hundertschaft Architekten, die am Bauhaus in Weimar und Dessau, in Berlin, Wien, Brüssel und Paris bei den Großmeistern der Klassischen Moderne studiert hatten, traf in Palästina ein: Schüler von Erich Mendelsohn beispielsweise, Le Corbusier und Walter Gropius. Bis heute ist ihr städtebauliches Erbe unübersehbar, umfasst es doch etwa 4.000 weiße Häuser – die übrigens seit 2003 zum Unesco-Welterbe gehören. Für das Eröffnungskonzert des damaligen „Palestine Orchestra“ am 26. Dezember 1936 in der Levant Fair Hall in Tel Aviv konnte der unermüdliche Huberman Arturo Toscanini gewinnen; auf dem Programm standen die 2. Symphonie von Johannes Brahms und die „Oberon“-Ouvertüre von Carl Maria von Weber. Auf eine Gage hatte der Italiener verzichtet: „Ich tue das für die Menschlichkeit!“, sagte der 69-Jährige beim Betreten des Pults – der von Mussolinis Faschisten verfolgte Dirigent wollte ein weltweit sichtbares Zeichen der Solidarität setzen. 

Hinter der romantischen Patina 

Doch der Alltag im Tel Aviv der dreißiger Jahre war für die deutschen, tschechischen und österreichischen Musiker deprimierend. In seinem Roman „Rosendorf-Quartett“ aus dem Jahr 1987 beschreibt der Schriftsteller Nathan Shaham mit großer Zärtlichkeit diese ersten „Jeckes“, die mit ihren Instrumenten, abgegriffenen Partituren und Notenständern im Gepäck in Palästina an Land gingen „und sich daran machten, ihre geistige Welt nach dem Muster der in Berlin, Heilbronn, Linz oder Prag verlassenen Häuslichkeit wieder aufzubauen“. Den Cellisten Bernard Litovsky etwa lässt er voller Trauer sagen: „Gäbe es Hitler nicht, säße ich jetzt in einem deutschen Orchester und würde mich unermüdlich um eine Karriere als Solist bemühen.“ Denn trotz aller romantischen Patina, die sich um solche Gründermythen bildet – letztlich waren die Musiker Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Nicht nur, dass sie allen Besitz in Europa hatten zurücklassen müssen. Oft waren sie auch nur knapp ihrer physischen Vernichtung entgangen. 84 Konzerte gaben die Männer in ihrer ersten Saison. Sie fuhren in kleine Siedlungen, traten aber auch in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa, Nathanya oder Herzlya auf; sie spielten Arbeiterkonzerte, Abonnentenkonzerte und Soldatenkonzerte. Der frühe Klang? Warm und sanft, aber zugleich ein wenig g’schlampert, wie Zuhörer von damals berichten. Der Grund dafür: Vor allem die Streicher kamen vornehmlich aus Wien und hatten die sinnliche Tradition der österreichischen Schule im Gepäck, nicht etwa den schneidend klaren, preußisch disziplinierten Klang der Kollegen aus Berlin. 

Musik als Notwendigkeit 

Mit der Staatsgründung erhielt das Orchester seinen heutigen Namen, und bei der Feier der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 im Museum von Tel Aviv spielte es zum Abschluss die israelische Nationalhymne „Hatikwa“, Hoffnung. Im November desselben Jahres gaben die Musiker, mitten im ersten arabisch-israelischen Krieg, ein Open-Air-Konzert vor 5.000 Soldaten der israelischen Armee in den gerade eingenommenen Dünen von Beersheba. Am Pult stand übrigens der 30-jährige, damals noch weithin unbekannte Leonard Bernstein. Auf seine erste Tournee fuhr das Orchester in gepanzerten Fahrzeugen, man spielte in Militärkrankenhäusern und zum Klang der Bombeneinschläge – und oft vor einem Publikum, das seine Gasmasken bei sich trug. Musik, die nicht nur gehört, sondern auch gebraucht wurde: Musik als Lebenselixir. Als 1967 der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, hatte der aufstrebende indische Dirigent Zubin Mehta bereits sechs Jahre lang regelmäßig das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Doch nachdem er hörte, dass ein anstehendes Konzert wegen der angespannten politischen Lage auszufallen drohte – der ursprünglich vorgesehene Dirigent war ängstlich abgereist –, flog er spontan in einem mit Munition beladenen Armeeflieger nach Israel ein. Um Solidarität zu zeigen und den Abend zu retten. „Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man Verantwortung übernehmen. Ich bin nicht wie Tosca – jemand, der nur für die Kunst lebt“, hat er einmal gesagt. Auch während der beiden Golfkriege reiste Mehta demonstrativ zu seinem Orchester. Für diese mannigfachen Zeichen der Loyalität und Freundschaft verehren ihn die Israelis bis heute, 1981 wurde er des Orchesters Musikdirektor auf Lebenszeit. 

Im Wandel der Zeit 

Doch der Krisenherd Nahost kam nicht zur Ruhe: Gab es 1993 noch ein Konzert, in dem 500 palästinensische und israelische Kinder gemeinsam Beethovens Siebter Symphonie lauschen konnten, machte die zweite Intifada (2000–2005) den begonnenen Ausgleichsbemühungen vorerst wieder ein Ende. Heute hat das Orchester etwa 25.000 Abonnenten und wird im Land nach wie vor als nationales Kulturgut betrachtet – aber mit rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr nur noch zu zwölf Prozent vom Staat finanziert. Vergleichbar den Opernhäusern und Orchestern in den USA muss es mittlerweile den größten Teil seines Etats durch Tourneen, Fundraising und Spenden aus aller Welt aufbringen. Und noch etwas hat sich seit den Gründungsjahren verändert: Kamen die ersten Musiker aus dem alten Europa, stammen heute 35 Prozent aus der früheren Sowjetunion und 15 Prozent aus Nordamerika – und bereits die Hälfte ist im Land selbst geboren. Die neue Generation im Israel Philharmonic Orchestra, vor allem die russischen Kollegen, gilt als technisch exzellent ausgebildet. Viele von ihnen betrachten sich als Weltbürger und erst in zweiter Linie als jüdisch. Für sie ist vor allem die musikalische Qualität wichtig, weniger die Politik. Kurzum: Die alte Einheit des Orchesters ist zwar noch vorhanden, aber sie ist vielschichtiger als früher. Denn auch Deutsch als die alle verbindende Sprache ist längst Vergangenheit. Heute spricht man Hebräisch, Russisch oder Englisch miteinander. Das einstige „Jeckes“-Orchester ist ein hochprofessioneller, multilingualer Klangkörper geworden. 

Margot Weber

Margot Weber lebt als Journalistin in München.