Eine Lanze für Attila 

René Clemencic 

Für Attila, den Hunnenkönig, will René Clemencic eine Lanze brechen. Weil er findet, dass diese Schrecken erregende Herrschergestalt von der Nachwelt großteils ungerecht behandelt worden ist. Und so begibt sich der nimmermüde Jäger nach verborgenen musikalischen Schätzen mit seinem Consort auf abenteuerliche Spurensuche durch jene Lande, die einst Attilas Reich umfasste. 

„Es gibt Zeitgenossen, die als Gesandte zu Attila kamen. Ihre Berichte sind voll des Lobes, nur positiv,“ sagt René Clemencic. „Marcellinus aber, der römische Geschichtsschreiber, der ganz andere Töne anschlägt, scheint nie im Leben einen Hunnen gesehen zu haben!“ Unbestritten ist freilich, dass der Kriegsherr Attila in weniger als zwei Jahrzehnten – er starb 453 – sein Reich vom Ural bis weit nach Westeuropa ausdehnte. Über Sprache, Literatur und Musik der Hunnen sind keinerlei Dokumente und andere Quellen erhalten. Man nimmt an, dass sie sprachlich mit dem Turkvolk der Protobulgaren verwandt waren, demnach der großen altaischen Sprachfamilie angehörten. Um Rückschlüsse auf deren mündlich-literarische Traditionen und musikalische Praktiken ziehen zu können, ist Clemencic bei den Mongolen, Kasachen, Anatoliern und Magyaren fündig geworden, wo manches musikalische Volksgut auf uralte Substrate zurückzuführen ist. Wie die Hunnen waren alle diese Völkerschaften ursprünglich großteils Steppennomaden. Total mythologisch Natürlich darf in einem Konzertprogramm rund um den König Attila auch das Nibelungenlied nicht fehlen. Zwar erst um 1200 entstanden, verwendet es doch wesentlich ältere Quellen. Im zweiten Teil kommt der Hunnenkönig vor, hier unter dem Namen Etzel. „Sehen Sie, auch hier ist Etzel der Einzige, der friedlich ist, alle anderen bringen sich gegenseitig um!“ Besonders schön findet Clemencic auch eine verwandte Dichtung, „Nibelungenklage“, die das Ende Attilas besingt: „Total mythologisch, man weiß nicht, ist er verschwunden oder lebt er noch, was ist mit ihm los!“ Eberhard Kummer wird all dies in bewährter Art zum Erklingen bringen. 

Klangreise auf dem Schamanenpfad 

Die musikalische Reise durch Attilas Lande beginnt in Kasachstan: Eine Hirtenmelodie, auf zwei Tilinkó-Flöten gespielt, stellt dabei ein besonders archaisches Instrument vor. „Diese Flöten haben keine Grifflöcher, es sind nur Röhrln, sie werden von unten mit einem Finger gespielt, dazu kommen nur noch Obertöne.“ Derjenige, der dieses Instrument spielen wird, ist kein Kasache, auch kein Mongole, sondern – ein Deutscher. Alexander Horsch, erzählt Clemencic, wanderte ein Jahr lang zu Fuß durch die Mongolei und lernte dabei nicht nur diverse traditionelle Instrumente sondern auch den berühmten altaisch-mongolischen Oberund Untertongesang, „khöömij“. Bei dieser speziellen Technik produziert der Sänger zwei Töne gleichzeitig, einen tiefen Liegeton, der in der Brust oder der Kehle erzeugt wird, darüber Obertöne, mit denen er die Melodie formt, wobei mit Mund, Lippen, Nase, Zähnen und Zunge moduliert wird. „Schamanenpfad“ nennt er seine Darbietung, und Schamanismus war seit alters her im zentral- und nordasiatischen Raum wie verbreitet. Rahmentrommel und Maultrommel dienten als rituelle Instrumente. 

Ein Wunderhirsch im Brahms-Saal 

Auch die Magyaren, ursprünglich in den Steppen und Wäldern östlich der Wolga beheimatet, brachten schamanistische Traditionen mit nach Europa, bevor sie christianisiert wurden. Besonders interessant: ein Gesang mit dem Titel „Der Wunderhirsch“, da hier unter dem Schamanismus ein noch älteres Substrat durchschimmert. Noch vor den Schamanen waren es nämlich bestimmte Waldtiere, denen man eine mediale Verbindung zur Geisterwelt zuschrieb. Manche dieser Schamanengesänge, so Clemencic, sind fast litaneiartig, haben keine Melodie und werden auf einen Ton gesungen. Auch in den „Regöles“, Zauberliedern, die zur Wintersonnenwende von halbwüchsigen Burschen mit Tiermasken gesungen werden, lebt altes schamanistisches Gedankengut fort. 

Herzschmerz aus Kasachstan 

Die Ära Attilas und auch die Jahrhunderte danach waren keine friedlichen, schon gar nicht im asiatischen Raum. Um tapfere Kämpfer und Kriegshelden bildeten sich Legenden, die in langen Epen besungen wurden, meist von halbprofessionellen Barden, die bei Festen und zeremoniellen Feiern auftraten. Aus Kasachstan kommt das Heldenepos „Kyz-Zhibek“, im 16. Jahrhundert entstanden, das jedoch auf Ereignisse der kasachischen Vergangenheit Bezug nimmt: eine Liebesgeschichte vor kriegerischem Hintergrund. Der tapfere Krieger Tolegen liebt die schöne Zhibek, Tochter des gegnerischen Khans. Er wird von Bekejan, Gefolgsmann des Khans und Rivalen um das Mädchen, meuchlings ermordet. Dieses Epos ist in Kasachstan sehr bekannt, wurde sogar verfilmt und zu einer Oper verarbeitet. Wenn es wie in alten Zeiten von einem Barden vorgetragen wird, dient als Begleitinstrument die Dombra, eine Art Leier, oder der Topschur, ein Saiteninstrument mit zwei Saiten in Quartenstimmung. 

Dichter, Sänger, Magier 

Auf die Vorfahren der anatolischen Türken, die Oghusen, die aus ihren Gebieten am Orchon- Fluss in der Mongolei ab dem 8. Jahrhundert Richtung Westen zogen, verweisen die türkischen Erzählungen und Heldenlieder um die Gestalt des Dede Korkut. Die Geschichten dürften im 15. Jahrhundert von einem unbekannten Autor gesammelt worden sein. Sie basieren auf sehr alten mündlichen Überlieferungen, die bis auf oghusische Erzähltraditionen zurückgehen. Im Mittelpunkt die enigmatische Gestalt des Dede Korkut – Dichter, Sänger, Magier, Weiser. Er vermittelt zwischen gegnerischen Lagern, erteilt Ratschläge, findet Lösungen, bringt eine Geschichte zum glücklichen Ende, musiziert und singt. Für vergleichende Kulturhistoriker ein klassisches Beispiel für das, was mit dem technischen Terminus Trickster bezeichnet wird. So populär sind diese Erzählungen auch heute noch im turksprachlichen Raum, dass sogar die Unesco 1999 zum „Dede-Korkut-Jahr“ ausrief, mit zahlreichen Feiern und kulturellen Veranstaltungen. Im Konzert wird das Epos von Tamás Kiss gesungen, der sich auf der archaischen Kopuz, einer Art Stachelgeige, begleitet. 

Entzündete Fantasie 

Attila und seine Hunnen sind trotz ihrer Geschichtsträchtigkeit ein Enigma geblieben: So schnell sie ins Blickfeld Europas rückten, so schnell verschwanden sie von der historischen Bildfläche. Hatten sie Heldenlieder? Tanzlieder? Zaubergesänge? Schamanismus? Wir wissen es nicht, wir können es höchstens vermuten. Am Musizieren des Clemencic-Consort aber lässt sich die Fantasie entzünden, die uns in des Hunnenkönigs versunkene Welt zu entführen vermag. 

Edith Jachimowicz 

Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin in Wien und Salzburg.