Massen für die Musen

„Timotheus" vor 200 Jahren

„… einen Genuß zu verschaffen, den wahrscheinlich keine Stadt in Europa zu geben im Stande ist …“ Mit einem „Monstre“-Konzert von Händels „Alexanderfest“, deutsch gegeben unter dem Titel „Timotheus oder Die Gewalt der Musik“, setzte sich die Musikstadt Wien am 29. November 1812 groß in Szene. Er war ein Ereignis von europäischem Rang – und die Geburtsstunde der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Man zielte aufs Große und Größtmögliche – und das so sicher wie möglich –, als man im Spätjahr 1812 ein „Monstre“-Konzert in Wien zu planen begann. Kein zeitgenössischer Komponist wurde beauftragt, selbst Beethoven blieb ungefragt. Man besann sich auf jenen Komponisten, von dem allgemein bekannt war, dass er monumentale Effekte erzielen konnte: Georg Friedrich Händel. Worum war es Händel 1736 mit seinem „Alexander’s Feast or the Power of Musick“ gegangen? Um nichts weniger, als alle denkbaren Eigenschaften der Musik an und für sich auszuloten, handelt es sich doch – wie bei Händels drei Jahre später vertonter Kantate auch – um eine Ode auf die heilige Cäcilie, der Schutzpatronin der Musik, die nicht nur irrtümlich als „Erfinderin“ der Orgel, der „Königin der Instrumente“ gilt, sondern sich auch noch als Werberin für das Christentum unter den heidnischen Römern einen Namen machte: Zwei Jünglinge bekehrten sich auf ihre Initiative und gingen anno 230 mit der jungfräulichen Cäcilie in den Märtyrertod.

Mozarts Händel

Der Darbietung des „Alexanderfests“ in Wien waren nicht nur eine ganze Reihe von Aufführungen des Werkes in englischen und fast einem Dutzend deutscher Städte vorangegangen. Die deutsche Übersetzung von Karl Fridrich Ramler war bereits 1766, sieben Jahre nach Händels Tod, für eine Aufführung in Berlin entstanden. Eine Erstaufführung des „Alexanderfests“ in italienischer Sprache hat es zu Wien gemäß den Notaten des Grafen Zinzendorf bereits im März 1771 und 1772 gegeben. Den Beginn der eigentlichen Händel- Tradition in Wien aber datiert man gemeinhin mit den Aktivitäten des Barons Gottfried van Swieten und Wolfgang Amadeus Mozarts Einrichtungen, die wie beim „Messias“ u. a. in Orchestrierungsretuschen bestanden. Mozart – der sich der Bearbeitung des „Alexanderfests“ im Juli 1790 annahm – verteilte auch die bei Händel einem Sänger zugewiesenen Accompagnati auf alle Solisten: Sie singen nun immer das Rezitativ vor ihrer Arie.

Hofarchitekten und Musikstrategen

Bei den ersten sicher nachweisbaren Aufführungen von Händels Kantate in Mozarts Bearbeitung 1793 hatte van Swieten den Orgelpart in Ermangelung eines repräsentativen Instrumentes offenbar Karl Leopold Röllig mit seiner Glas-Harmonika spielen lassen. Man sollte meinen, dass man 1812 keine solchen Probleme hatte, und doch gab es auch im vorgesehenen größten Raum, über den Wien – vom Stephansdom abgesehen – damals verfügte, keine Orgel. Auch sonst waren für die Darbietung eine ganze Reihe von komplexen Problemen zu lösen. Natürlich bedurfte es eines kundigen Architekten, der die Reitschule für dieses Ereignis entsprechend mit Tribünen und Podien adaptierte: Der jüngst zum kaiserlichen Hofarchitekten ernannte Johann Aman wurde mit der Durchführung dieser Aufgabe betraut, unter Berücksichtigung optischer, aufführungspraktischer (Sichtachsen), akustischer und nicht zuletzt statischer Gesichtspunkte. Zudem war eine generalstabsmäßige Planung erforderlich, und auch disziplinarische Maßnahmen waren gefragt, falls Choristen oder Instrumentalisten Proben versäumten. Selbst der Probenplan war gedruckt worden, ein zu dieser Zeit durchaus ungewöhnliches Verfahren, das aber den Stellenwert des Konzertes und seiner Größenordung noch mehr betont. Von Montag den 26. Oktober bis Sonntag den 1. November war täglich Probe, wenn auch wechselweise für unterschiedliche Stimmen. Im November war jeden Donnerstag und jeden Sonntag Probe, darüber hinaus noch an einem Dienstag und einem Samstag „allgemeine Probe“ bzw. „Haupt-Probe“. Die Anfangszeiten waren im Oktober wechselnd 10, 11 und 12 Uhr, im November einschließlich der Aufführung stets 12 Uhr mittags.

„… aus allen Ständen“

Wie stolz man auf die Darbietung 1812 war, lässt sich an den raumgreifenden Würdigungen in renommierten zeitgenössischen Periodika ebenso ablesen wie an der Publikation der Grundrisse der Orchesteraufstellung, die in mehreren unterschiedlich detaillierten Varianten erschienen, etwa in der als Separatdruck herausgegebenen „Nachricht über die erste Aufführung des großen Oratoriums Die Gewalt der Musik von Haendl vom 29t 9ber und 3t Xber 812 in der kk Reitschule, – als erste Veranlassung zur Gründung des Vereins, – nebst dem Orchester-Plan.“ Der Dirigent und der Konzertmeister hatten die Pläne zur Aufstellung der Massen gemeinsam entworfen. Vom Dirigenten, Ignaz von Mosel, haben sich (eigenhändig) noch mehr zusätzliche Instrumentalstimmen, als Mozart sie vorsah, erhalten: „trbne I., II., et trbne. basso, tamb. grande“ („Instrumenta flatu sonantia in modum partiturae iuncta sunt; accedunt: trgl. piatti.“). Wer wirkte nun in den Kollektiven mit? Und waren es wirklich nur Amateure? Auch zu dieser Frage gibt es detaillierte Angaben, so in den „Vaterländischen Blättern“ vom Dezember 1812: Die Chöre (280 Mitglieder) wurden „sowohl aus dem Adel, als dem Mittelstande, ausgeführt“. Das Orchester „war aus 299 Personen gebildet, worunter ebenfalls sehr viele vom Adel, der größere Theil aber aus allen Ständen, wie auch 82 bezahlte Künstler für die meisten Blase- Instrumente und Contrabässe, für Pauken u. s. f. gegenwärtig waren.“

Massen im Zeitmaß

Bloßer Liebhaber, aber als Komponist erfahren, war auch der Hofkonzipist Ignaz von Mosel (1772–1844). Er wurde – wenn es sich da nicht um eine verdrehte Darstellung der Tatsachen handelt – erst recht knapp vor dem Ereignis dafür gewonnen, die Gesamtleitung zu übernehmen, und hätte sie eigener Auskunft gemäß durchaus gern anderen überlassen. Umständlich werden in den „Vaterländischen Blättern“ die ganz speziellen Umstände einer solchen Großveranstaltung erläutert: „Da der Raum für das Orchester […] der Tiefe nach etwas zu ausgebreitet war, als daß jene Tonkünstler, welche im Hintergrunde ihren Platz einnahmen, den Anführer hinlänglich im Auge haben können; wurde beschlossen, dahin einen Anführers-Gehülfen zu stellen, dessen Geschäft es war, die Partitur nachzulesen, und in den Momenten, wo die Aufführung bey den ihm zunächst befindlichen Instrumenten etwa wanken sollte, das von dem Anführer angegebene Zeitmaß aufzunehmen und einige Tacte hindurch mit anzugeben.“

Über allem die große Trommel

Die Aufführungsberichte und Orchesterpläne verzeichnen Mosel als „Anführer“ bzw. „Director des Ganzen“, den jungen Leipziger Komponisten Carl Steinacker als „Partitur-Nachleser oder Anführersgehülfen“ bzw. „Subdirector“, Johann Tost als „Violinendirector“ und in der Continuo-Gruppe den eigentlichen Initiator des Konzerts, den Pianisten und Klavierbauer Andreas Streicher, am „Forte-Piano“ sowie schließlich Vinzenz Hauschka am "Violoncello Imo". Drei weibliche und fünf männliche Solosänger waren ganz im Vordergrund zwischen den Holzbläsern und einigen tiefen Streichern positioniert, Mosel wendete ihnen den Rücken zu. Jeweils hintereinander standen links vom Hauptdirigenten die Alt- und Bassstimmen, zu seiner Rechten die Soprane und Tenöre. Hinter dem Riesenchor war dann das Riesenorchester platziert, hintereinander die Violinen, Bratschen, Celli, Hörner, Blechbläser und Bässe. In der Mitte oben gab es drei Paukisten und Trompetengruppen, und über allem thronte in einsamer Höhe die große Trommel.

„Zuströhmende Musickfreunde“

Auf dem „Plan des Orchesters Zur Aufführung der großen Cantate von Händl“, der der Theaterzeitschrift „Thalia“ beilag, heißt es ausdrücklich: „Die Anzahl aller singenden und spielenden Personen belief sich bey der General-Probe ungefähr auf 617 und bei der ersten Aufführung ungefähr auf 630–640.“ Höchsten Eifer legten einige Dilettanten im Orchester an den Tag: „Die Zahl der Violoncelli ist zwar auf 33 bestimmt gewesen, aber der herrliche Eifer der Zuströhmenden Musickfreunde vermehrte dieselbe.“ Bei der Wiederholung am 3. Dezember stellte sich unter den Gesangssolisten als Stellvertreter Sonnleithers auch „Sr. Durchl. der regierende Fürst Joseph v. Lobkowitz ein.“ Vor der Aufführung soll der Hof angeblich durch 5000 Anwesende mit „dreymahligem Vivat“ empfangen worden sein. Der Hoftheatersekretär Joseph Sonnleithner ergriff die Gelegenheit, unter den Teilnehmern des Ereignisses seinen in 45 Paragrafen gegliederten, gedruckten Plan zur Gründung eines Vereins von Musikfreunden zu verteilen, der die Bildung einer „Singübungsanstalt“, einer „Anstalt zur Übung der Instrumentalmusik“ und die Aufführung größerer und kleinere Konzerte bezweckte. Die beträchtlichen Einnahmen wurden aber keineswegs als Grundkapital für den zu begründenden Musik-Verein verplant, sondern in der Tradition der „Gesellschaft Adelicher Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen“ für wohltätige Zwecke verwendet. Empfänger waren die vom Krieg mit Napoleon besonders geschädigten Bewohner von Aspern und Opfer von Bränden in Baden.

Berechtigter Stolz

Man rühmte sich 1812 verschiedenenorts, die Anzahl der Mitwirkenden in London 1784 bei den denkwürdigen Konzerten zu Händels Andenken – an denen lediglich Berufsmusiker mitgewirkt haben sollen – um ungefähr 50 überboten sowie die Organisation durch eine einzige Person – Joseph von Sonnleithner – effizienter bewältigt zu haben und dergleichen mehr. Was auch immer man von solchen Angaben halten mag – aus ihnen spricht eine ins Höchste gesteigerte Ambition und ein Stolz, der dann doch, im Blick aufs Folgende, vollauf gerechtfertigt war: Die Erfolgsgeschichte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien begann vor 200 Jahren mit diesem „Timotheus“.

Till Gerrit Waidelich
Dr. Till Gerrit Waidelich, in erster Linie als Schubert- und Opernforscher aktiv, ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Mitglied des Wiener Singvereins.