„Das Ohr ist unser Zugang zum Leben“

Der Cellist Friedrich Kleinhapl

„Beethoven, eine sensible Rockerseele?“, fragt Friedrich Kleinhapl beim nächsten Konzert des Jugendzyklus „capriccio!“. Der Cellist aus Graz stellt auch sonst Fragen – Fragen, die dem Spiel, der Musik, dem Leben auf den Grund gehen. Sabine M. Gruber hat solche Fragen mit ihm ausgetauscht.


Über Friedrich Kleinhapl hatte ich viel gehört. Er spiele, hieß es, ganz anders als alle anderen Cellisten auf der Welt. Das machte mich neugierig. Ich hörte mir seine CD mit Beethovens Cello-Sonaten an. Tatsächlich! Ein wirklich anderer Cello-Ton, irgendwie: entspannt. Das musste ich mir unbedingt ansehen. Und siehe da – so, wie Friedrich Kleinhapl sich anhörte, so sah er beim Spielen auch aus, entspannter nämlich als jeder Cellist, den ich bisher erlebt hatte. Wie er sein Instrument, das auf einem hohen, geknickten Dorn steht, flach hält, es sich ans Herz legt und dabei mit dem Bogen in großer Bewegung gleichsam umarmt, wirkt vollkommen organisch und ausgesprochen natürlich.


Welches Instrument, frage ich ihn, als wir im Café Dommayer in Wien Hietzing bei einem Kaffee sitzen, hätten Sie spielen können, wenn nicht das Cello?

Das Cello war immer mein Instrument. Das Klavier fasziniert mich auch, aber nicht das Klavierspielen. Was mich sonst noch interessiert, ist die Medizin. Das hat viel mit meiner Familie zu tun, einer absoluten Techniker-Familie, und mit meiner Geschichte. Ich bin nämlich im Alter von sechs Monaten schwer erkrankt. Das hat mich auf eine schiefe Bahn abwärts geworfen, bis ich ungefähr vier war. Da war ich praktisch tot, von der Schulmedizin betrachtet, die völlig versagt hat. Die massiven Hormonspritzen haben nur bewirkt, dass mein Wachstum durcheinander geraten ist. Gerettet hat mich ein Naturheilkundler, und zwar in nur wenigen Wochen. Vor 17 Jahren hatte ich dann einen ganz schweren Gehirntumor – von dem ich wieder abseits der Schulmedizin geheilt wurde. Diese massiven Erlebnisse haben mir keine andere Wahl gelassen, als zu sagen: So, jetzt nimm deine ganze bisherige Weltsicht, entrümple sie, und schau dir alles ganz von vorne an – was ist Realität, wo sind die Grenzen meiner Realität? Denn nach allem, was ich erlebt habe, muss das, was mir die Wissenschaft sagt, gar nicht wahr sein. Das hat viele Türen in mir geöffnet.


Musik und Musizieren können ja auch Teil des Heilungsprozesses sein.

Ja, ein Homöopath hat zu mir gesagt, dass das Cello für mich wahrscheinlich Heilung war. Ich glaube das auch. Die Musik macht etwas mit uns, sie harmonisiert. Ich beschäftige mich intensiv mit harmonikaler Grundlagenforschung, die versucht, Welt und Menschheit ganzheitlich zu erfassen. Eine zahlenmäßige Gesetzmäßigkeit findet sich ja überall, in den Planeten genauso wie im Aufbau der Zelle. Die Einsicht geht auf Pythagoras zurück, der gesagt hat: „Spiele den einen richtigen Ton für den einen richtigen Menschen in dem einen richtigen Moment – und er ist gesund.“ Auch die Homöopathie versucht, die richtige Schwingung im richtigen Moment zu treffen. So etwas, denke ich, ist für mich das Cello. Es gibt ja auch kein Instrument, das näher am Herzen liegt, mit dem man mehr Körperkontakt hat.


Aber nur, weil Sie das Instrument so spielen, wie Sie es eben spielen – Cellisten wirken auf mich sonst eher angespannt, auch durch ihre spezielle Körperhaltung.

Ich hatte schon in Graz Unterricht bei Philippe Muller und bin später zu ihm nach Paris gekommen. „Alles wunderbar“, hat er gesagt, „aber – du schaust zu viel auf den Boden.“ Aufgrund meiner physischen Gegebenheiten schien es mir unmöglich, das zu ändern. Ich war völlig deprimiert. Zu Hause übe ich in meinem Zimmer, da kommt mein Techniker-Bruder herein und sagt: Warum sitzen Cellisten eigentlich nicht auf einem Stuhl wie ganz normale Menschen!? Doch es gab keinen passenden Stuhl für mich – bis mein Vater auf der TU mit einem Feinmechaniker einen zerlegbaren Stuhl entwickelte. Zugleich hatte ich die Vision, das Cello ganz flach zu halten, endlich diesen Druck vom Zwerchfell wegzubekommen und bin draufgekommen: Aha, so kann ich ja die Schwerkraft viel besser ausnützen! Wenn ich die Bewegung von meiner Körpermitte her ausführe, wird sie leichter und lässt sich besser steuern. Und eigentlich sagen ja alle, die sich mit Körper und Bewegung auseinandersetzen: Jede Bewegung muss aus dem Zentrum kommen. Wenn ich die Hand in der herkömmlichen steilen Haltung auf das Griffbrett lege, muss ich die Hand unangenehm verdrehen, das verspannt meinen Unterarm. Wenn ich die Hand natürlich positioniere, liegen die Fingerspitzen so über der Saite, dass jeder Finger den gleichen Weg hat. Das wirkt ja nicht unlogisch. Aber es gab Riesenproteste von allen Cellisten: Der Kleinhapl ist ja völlig verrückt geworden! Doch für mich war das total überzeugend, gefühlsmäßig. Zufällig bin ich auf einen Anatomen gestoßen, der auch Biomechaniker ist. Biomechanisch, hat er gesagt, ist das, was Sie machen, völlig logisch. So konnte ich auch mein Hirn befriedigen. Mein Lehrer in Paris sagte: Sieht zwar eigenwillig aus – klingt aber fantastisch! Ich bin kein Missionar und will niemanden überzeugen. Ich möchte nur meins machen, und das tue ich.


Auch Ihre Bogentechnik sieht ganz anders aus.

Manche sind entsetzt. Wie kannst du nur so den Bogen halten! Ich finde, man muss den Dingen wieder mehr Luft und Spielraum geben. Ich bin ja total analytisch, aber in der Musik überhaupt nicht. Unsere Gesellschaft hat eine so emotionale Sache wie Musik total verhirnt. Deshalb suche ich in der Klassik neue Wege, andere Konzertformen, damit die Musik wieder ihre Kraft ausspielen kann und mehr zu dem wird, was sie ursprünglich war. Das Gehör ist ja unsere wichtigste Form der Wahrnehmung. Es ist das erste Organ, das sich vollkommen fertig ausbildet, schon im vierten Schwangerschaftsmonat, und es stirbt als letztes. Aus der Anlage des Ohres wird das ganze Gehirn entwickelt. Unser Gehirn verwendet 90% der sinnesverarbeitenden Energie für akustische Reize. Die Chinesen haben schon vor 1000 Jahren gesagt: Das Ohr ist unser Zugang zum Leben. Wir aber leben heute in einer vollkommen visuellen Welt.


Ganz im Gegensatz zu den Yanomami im brasilianischen Urwald – für sie ist das Gehör immer noch das wichtigste Sinnesorgan: Wenn man den Jaguar sieht, ist man schon tot.

Ja, das Auge öffnen wir bewusst, das Ohr ist immer offen und nimmt alles umfassend auf. Sehen ist linear, Hören kybernetisch, also vernetzt. Wir haben uns von vernetzten Menschen zu linearen entwickelt. Vielleicht tritt jetzt, wo unser ganzes System an seine Grenzen stößt, wieder das Akustische, Vernetzte in den Vordergrund? So hat vielleicht auch wieder die Musik eine Chance, mit all ihren Emotionen und Energien zu uns vorzudringen. Durch das Ohr können wir wieder an unsere Urquelle andocken. Man weiß ja, dass sie die Pulsfrequenzen, die Herzfrequenzen der Zuhörer im Laufe eines gelungenen Konzerts aneinander angleichen. Wenn 2000 Menschen gleich pulsieren, entsteht eine ungeheure Kraft. Das wäre mein Wunsch: Zuhörer und Musiker aus ihren ausgefahrenen Alltagsgleisen bringen. Die Dominanz der linken Gehirnhälfte war eine Zeit lang berechtigt – doch die Aufklärung hat auch viele Beschränkungen mit sich gebracht.


Sie hat die Wirklichkeit: beschnitten.

Genau, ich habe da das Bild eines Kürbis: Hier wurde etwas weggeschnitten und dort etwas, weil dieses kann man nicht beweisen und jenes auch nicht. Am Ende bleibt ein kleines Würferl Fruchtfleisch – das soll nun der Kürbis sein?!? Ich bin sehr demütig geworden, und ich finde, es ist ein schönes Wort. Ich bin stolz auf meine Fähigkeiten, aber ich ordne mich einem größeren Ganzen unter, was auch immer das ist.


Bei Musik geht es um physische Energien …

… und um Bewegung. Wenn der Herzschlag so regelmäßig wird wie das Tropfen von Wasser, sagen die Chinesen, stirbt der Mensch innerhalb von vier Tagen. Sobald etwas erstarrt, ist es nicht mehr lebensfähig. Ein großer Teil unserer zivilisierten Welt ist erstarrt, schwingt nicht mehr. Hier setzt für mich die Bedeutung von Musik ein –sie versetzt uns in Schwingungen.


Mit Ihrem Klavier-Partner Andreas Woyke schwingen Sie. Ich höre wunderbares Timing. Und Gleichklang – das Cello imitiert ein Klavier und das Klavier ein Cello.

Schön, dass Sie das hören! Wir sind beide Experimentierer, ein bisschen offroad, und arbeiten seit zehn Jahren zusammen. Die Beethoven-Sonaten waren für uns ein Knackpunkt – ich hatte sie bis dahin nie verstanden. Dann hab ich Unmengen gelesen und bin draufgekommen: Beethoven war ja viel, viel extremer als in meiner Vorstellung! Wir haben das alte Beethoven- Bild völlig fallen gelassen. Wir haben geschaut, was wirklich in den Noten steht und uns getraut, es radikal umzusetzen. In den Musik-Magazinen stand dann: Wie kann es sein, dass man Beethoven so neu interpretieren kann? Damit verletzt man natürlich die Tradition. Aber was ist das? Tradition ist nicht die Verehrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Das ist für mich das Wesentliche.

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber.



Friedrich Kleinhapl,
1965 geboren, studierte Violoncello in seiner Heimatstadt Graz und in Paris. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 2007 mit dem Mariinsky-Orchester St. Petersburg unter Valery Gergiev. Kleinhapl konzertiert weltweit als Solist und Kammermusiker. Er hat etliche zeitgenössische Werke zur Uraufführung gebracht und CDs eingespielt, die international prämiert wurden. Für seine Aufnahme der Beethoven-Cellosonaten mit dem Pianisten Andreas Woyke erhielt er den Excellentia Award.


Sabine M. Gruber
Sabine M. Gruber ist Schriftstellerin, Musikpublizistin und Übersetzerin. Zu ihren Buchveröffentlichungen zählen „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“, der Erzählband „Kurzparkzone“ und der kürzlich erschienene Roman „Beziehungsreise“.