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„Wir müssen die Brücke bauen!“

Lorenzo Viotti, 1990 geboren, gehört in Oper und Konzert zu den meistgefragten Dirigenten seiner Generation. Ihm selbst geht es freilich weniger darum, gefragt zu sein, als vielmehr die richtigen Fragen zu stellen: Fragen, die wesentlich für die Zukunft der klassischen Musik sind. Die Porträtreihe, die Lorenzo Viotti 2022/23 für den Musikverein gestaltet, zeigt, mit welcher Leidenschaft er sich diesen Herausforderungen stellt.

Unser Gespräch findet zu einer Zeit statt, in der es europaweit wieder starke gesundheitspolitisch begründete Einschränkungen des Kulturlebens gibt. Natürlich hoffen wir, dass solche Maßnahmen 2022/23 der Vergangenheit angehören. Aber was haben diese Zeiten der Pandemie gezeigt? Was lesen Sie daraus?
Wir merken, dass die Kultur von den Regierungen nachrangig behandelt wird. Man hat gesehen, dass die Fußballstadien vor den Konzertsälen und den Museen wieder offen waren. Wir in der Kultur sind meist unter den Letzten, das ist ein Signal.
Das Zweite ist: Covid hat uns unsere Realität schneller vor Augen geführt. Auch wenn die Säle nach den Schließungen wieder 100 Prozent Kapazität haben durften, ist es schwierig geworden, sie wieder zur Gänze zu füllen. Das zeigt auch: Von welchem Publikum reden wir? Wir reden von einem Publikum, das in vielen Konzerten vom Alter her ein Risikopublikum für diese Pandemie ist. Und wo ist die neue Generation? Es ist eine sehr brutale Realität. Aber ein ganz wichtiger Moment. Wir sind jetzt in einer Zeit, in der Kreativität und Verantwortlichkeit enorm gefordert sind, gerade auch für uns Dirigenten: Es genügt nicht mehr, nur einen Frack anzuziehen und eine schöne Beethoven Dritte zu dirigieren. Ich glaube, wir sind viel mehr und müssen viel mehr sein heute. We are the voice of classical music! Wir müssen die Brücke bauen!

Welche Möglichkeiten sehen Sie konkret, um neues Publikum für klassische Musik zu gewinnen und zu begeistern?
Ah, offene Proben, drei Stunden mit Mikrofon, mit vollem Orchester, vollem Publikum, Reden, Einblicke geben, die Menschen mitnehmen ins Entstehen von Musik und das Erlebnis teilen. Also: die Leute hereinholen – und hinausgehen: vor Studierenden sprechen, an anderen Orten spielen. Es gibt viele Möglichkeiten, Nähe zu schaffen. Aber am Schluss muss man immer mit einer tiefen Qualität kommen. Das ist entscheidend! Dann wird auch das junge Publikum gewonnen, wenn es diese Erfahrung gemacht hat: Wir werden jetzt zwei Stunden eine ganz besondere Emotion erleben.

„Wir sind jetzt in einer Zeit, in der Kreativität und Verantwortlichkeit enorm gefordert sind, gerade auch für uns Dirigenten: Es genügt nicht mehr, nur einen Frack anzuziehen und eine schöne Beethoven Dritte zu dirigieren.“

Doch auch dem muss ja etwas vorausgehen, Menschen kommen nicht von allein in die Probe eines Symphoniekonzerts – wie interessiert man sie dafür?
Marketing finde ich sehr wichtig. Social Media, Instagram … Ich nütze meine eigenen Social-Media-Aktivitäten nur als Instrument, um die Leute nah an meine Kunst zu bringen. Um zu zeigen: klassische Musik ist nicht nur etwas für ältere Menschen, sondern genauso für die jungen. Klassische Musik ist eine sehr wichtige Kunst. Wir brauchen sie! Und wenn ich sehe, dass es Institutionen gibt, die diese Möglichkeit auslassen, also kein Social Media, kein Instagram haben, dann finde ich das erschreckend. Ich war in den vergangenen Monaten – ich nenne keinen Namen, es geht ums Exemplarische – in einer sehr wichtigen Institution, der Konzertsaal ist da nur fünf Meter von einer der größten Universitäten entfernt. Und im Konzert saß das älteste Publikum, das ich je gesehen habe, und kein einziger junger Mensch! Das ist wirklich ein Alarm.

Bei Ihrer Porträt-Reihe im Musikverein möchten Sie sich vor jedem Konzert kurz ans Publikum wenden. Worum geht’s dabei?
Ich mache nichts Neues, ich versuche das zu machen, was ich von Nikolaus Harnoncourt im Musikverein gelernt habe – eigentlich etwas ganz Normales, dass wir als Dirigenten einfach ein paar Worte über das Programm sprechen, mit den Menschen im Saal Kontakt aufnehmen und sie einladen, sich auf diese oder jene Anregung einzulassen, sie mitzunehmen auf einer gemeinsamen Reise. Und das ist das Wichtigste. Es gibt immer wieder so eine Art Wand zwischen dem Orchester und dem Publikum, und die möchte ich wegnehmen. Das verändert total die Atmosphäre.

Wenn es sich bei Ihren Konzerten explizit um ein Porträt handelt – welche Charakteristika von Ihnen kann man darin erkennen?
Oh, das ist schwer zu sagen. Es gibt keinen Komponisten oder Stil, von dem man sagen könnte: Das ist Viotti … Das interessiert auch nicht mehr, das ist auch nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist zu sagen: Ich kämpfe für meine Kunst, vor dem Konzert, nach dem Konzert und natürlich im Konzert, weil ich immer versuche, das musikalisch Beste zu ermöglichen. Mir war es ganz wichtig, mit Orchestern zu kommen, mit denen ich etwas geschaffen habe, also auch mit dem Gulbenkian Orchestra Lissabon, bei dem ich 2018 meine erste Chefdirigentenstelle antreten durfte, und mit dem Netherlands Philharmonic, das ich seit 2021 leiten darf. Es macht mir keine Freude, nur irgendwo hinzureisen, um einfach ein Konzert nach dem Schema Ouvertüre, Instrumentalkonzert, Symphonie zu dirigieren. Es geht um mehr. Und daher bin ich mir sicher, wenn wir die Reihe mit dem Gulbenkian-Orchester und -Chor beginnen und für das Publikum in Wien spielen und singen, wird es ein unvergessliches Erlebnis sein.

Was ist das für ein Chor, den Sie da aus Lissabon mit nach Wien bringen?
Der Chor von Gulbenkian ist vergleichbar mit dem Singverein: ein nicht bezahlter Chor, ein Amateurchor … Und: Die singen mit solch einem Herz, das ist unglaublich, das ist phänomenal! Ich habe sehr viel mit diesem Chor gearbeitet, auch in A-cappella-Konzerten, die wir spontan angesetzt haben, weil andere Konzerte abgesagt werden mussten. Beim „Nachklang“ nach dem ersten Konzert wird dieser Chor auch mit Fado, Musik aus seiner Heimat, zu hören sein.

Im zweiten Porträt-Konzert ist dann der Singverein dabei …
Selbstverständlich. Das Poulenc-„Gloria“ mit dem Singverein: Das ist schon ein großer Dank von meinem Herzen, denn das ist, wenn ich so sagen darf, einfach „mein“ Chor! Überhaupt zeigt dieses Porträt auch etwas von meiner Reise in Wien. In meiner Wiener Studienzeit konnte ich im Singverein singen, ich habe als Schlagzeuger in großen Orchestern substituiert. Und ich habe viele, viele Proben hier gehört – mit Georges Prêtre etwa im Musikverein.

Die Konzerte, die Sie im Rahmen der Porträt-Reihe mit den Wiener Symphonikern geben, spiegeln wohl auch etwas von dieser Geschichte wider …
Oh ja, die Wiener Symphoniker sind sozusagen meine erste große Liebe. Als Student habe ich oftmals das Kammerorchester der Symphoniker dirigiert, den Wiener Concert-Verein, und so kannte ich viele Leute aus dem Orchester, als ich 2016 gefragt wurde, bei den Symphonikern einzuspringen. Es hat mir enorm viel Sicherheit gegeben, auf dem Podium schon so viele vertraute Gesichter zu sehen. Das war dann wirklich eine Art Liebesgeschichte.

Was verbindet Sie mit den Münchner Philharmonikern, mit denen Sie ebenfalls in dieser Porträt-Reihe auftreten?
Man kann als Dirigent nie voraussagen, warum es bei einem Orchester sofort klick macht – und bei den Münchner Philharmonikern war es so, es hat gleich klick gemacht, und das war umso überraschender und schöner für mich, als es das erste namhafte große deutsche Orchester war, das ich dirigieren durfte. Seitdem bemühe ich mich, jede Saison mit den Münchner Philharmonikern zusammenzuarbeiten.

Was ist das Reizvolle an der Aufgabe, die Sie im Herbst 2021 als Chefdirigent der Oper in Amsterdam und des Netherlands Philharmonic Orchestra übernommen haben?
Besonders reizvoll ist, dass ich ein Orchester in zwei Institutionen habe: in der Oper und im Konzert, das gibt auch programmatisch großartige Möglichkeiten. Und wir haben wunderbar begonnen: in der Oper mit Zemlinskys „Der Zwerg“ und einer Haydn-Messe, die wir szenisch in einem Projekt aufgeführt haben, das alle Künste an unserem Haus verbindet. Das ist sehr wichtig! Wir können nicht von Diversität und dem Dialog der gesellschaftlichen Gruppen reden, wenn wir an unserem eigenen Haus diese Verbindung nicht schaffen. Üblicherweise ist es ja so, dass das Ballett sein eigenes Orchester hat und seine eigenen Dirigenten, den Chefdirigenten sehen die nie – dem haben wir hier entgegengearbeitet. Das war phänomenal: diese Offenheit zu schaffen. Und so hat sich in diesen wenigen Monaten gezeigt: Die Menschen, mit denen ich hier arbeiten darf, haben totales Vertrauen zu mir, ich habe das totale Vertrauen zu ihnen. Jetzt können wir weiter träumen.

Ihren Weg haben auch große Dirigenten der Vergangenheit geprägt, darunter der kürzlich verstorbene Bernard Haitink. Mit welchen Gefühlen denken Sie an diese Generation, die Sie noch kennenlernen konnten?
Der Tod von Bernard Haitink hat mich sehr traurig gemacht – es war noch gar nicht so lange her, dass ich mit ihm telefoniert hatte, und dann erreichte mich diese Nachricht in Amsterdam, seiner Heimat. Aber es war auch ein Lächeln der Dankbarkeit möglich. Denn sein Lächeln vergesse ich nie, diese generöse Liebe. Es ist ein Teil von unserer Realität, dass diese Leute nicht mehr da sind. Und die Frage ist nicht: Wer kommt jetzt? Sondern: Was kommt? Diese Mentoren, diese Legenden waren Teil einer anderen Zeit, einer Zeit, in der man zum Beispiel zig Aufnahmen einer Bruckner-Symphonie machen konnte, weil alles noch so selbstverständlich und gesichert schien. Diese Zeit gibt es nicht mehr. Individualität am Pult ist nicht mehr genug. Denn die klassische Musik ist in Gefahr. Und wir müssen mit allem, was wir haben, mit Herz und Seele, für sie kämpfen.

Das Gespräch führte Joachim Reiber.

Musikverein Wien, Innenaufnahme, Grosser Saal, Goldener Saal, Architektur, Orgel, Sitzreihen, Bestuhlung, Deckengemälde

Jewgenij Kissin

In seinen Porträtkonzerten, die Jewgenij Kissin 2022/23 für die Gesellschaft der Musikfreunde gestaltet, legt der Meisterpianist ein leidenschaftliches Bekenntnis für Sergej Rachmaninow ab. Starke Emotionen, die nach den Phasen der Stille umso tiefer wirken.

Musikverein Wien, Innenaufnahme, Grosser Saal, Goldener Saal, Architektur, Orgel, Sitzreihen, Bestuhlung, Deckengemälde

Isabelle Faust

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien widmet Isabelle Faust ein Porträt, in dem sich die deutsche Geigerin in fünf Programmen höchst facettenreich präsentiert: als Solistin mit Orchestern der modernen und der historischen Praxis, als Kammermusikerin, in einem Konzert für Geige und Gesang und in einen Soloabend mit der Barockgeige.

Musikverein Wien, roter Teppich, Stiegenaufgang zum Grossen Saal und Brahmssaal

Igor Levit

Nach dem starken Akzent, den Igor Levit im Musikverein Festival 2022 setzt, widmet ihm die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 2022/23 ein umfassendes Porträt.

Musikverein Wien, roter Teppich, Stiegenaufgang zum Grossen Saal und Brahmssaal

Elim Chan

Ein neues Gesicht im Goldenen Saal: Die hochgelobte Dirigentin Elim Chan aus Hongkong steht in ihrem Musikvereinsporträt unter anderem am Pult des ORF RSO Wien und der Wiener Symphoniker.