Musik: Privat

24. April bis 20. Juni 2015

Goethe gibt das Motto vor. „Wer Musik nicht liebt, verdient nicht, ein Mensch genannt zu werden; wer sie nur liebt, ist erst ein halber Mensch; wer sie aber treibt, ist ein ganzer Mensch.“ Die Frühjahrsausstellung des Musikvereins widmet sich ihm. Dem, der musiziert – für sich, ganz privat, um als Mensch ein Stück ganzer zu sein.

Musizieren und Musik hören: Unsere Vorstellungen davon sind heute weitgehend vom Angebot und vom Konsumieren im öffentlichen Konzertleben bestimmt. Für viele unvorstellbar, dass der Klavierabend oder der Liederabend, wie wir ihn heute kennen, sich erst vor gut hundert Jahren durchgesetzt hat, dass Klaviermusik und Lieder ursprünglich musikalische Gattungen waren, die nicht für den Konzertsaal bestimmt gewesen sind.

Mehr als nur „Hausmusik“

Die Frühjahrsausstellung des Archivs – „Musik: Privat“ – will in einem großen Überblick manches zurechtrücken, ins Lot bringen, ja einfach Informationen vermitteln. Und die Ausstellungsbesucher werden über vieles zu staunen haben. Erst einmal über die vielen Gemälde und sonstigen Bilddokumente – und sicher auch darüber, was sich alles aus ihnen herauslesen lässt. Dazu kommen schriftliche und musikalische Dokumente, und wer das alles gesehen, die Erläuterungen gelesen oder in Führungen erfahren hat, wird zu einem völlig neuen Bild von Musikkonsum und Musikproduktion kommen.
Das Stichwort „Hausmusik“ greift zu kurz, um wirklich verständlich machen zu können, wie viel Musik wie lange nicht für öffentliche Darbietungen bestimmt war, wie sehr das Musikmachen ein privates Vergnügen war. Um das nachvollziehen zu können, muss man sich darüber im klaren sein, dass das Musikmachen zur eigenen Freude etwas viel Ursprünglicheres ist als das Musizieren vor Publikum. Letzteres war immer einigen wenigen vorbehalten, in der Regel solchen, die dafür in einer Anstellung oder durch freiwillige Gaben besoldet wurden.

Wovon man vielleicht  nicht träumen sollte

Vor etwa fünfhundert Jahren sind die ersten „Schulen“ zur Erlernung eines Instruments erschienen. Aber bei weitem nicht alle, die mit einer solchen Schule ein Instrument erlernt hatten, wollten – und konnten – Berufsmusiker werden, also für die Öffentlichkeit musizieren. Ein halbes Jahrtausend später darf man sich vielleicht die Bemerkung erlauben, dass es vielleicht sogar ein Fehler der heutigen höheren Musikausbildung ist, professionelle Träume zu wecken. Zumindest wenn man bedenkt, dass durch Jahrhunderte Freude an der Musik nicht das Musikhören, sondern das Musizieren war – nicht im Hinblick auf eine „Aufführung“, auf ein Publikum, auf eine öffentliche Wahrnehmung. Musizieren erfolgte zur eigenen Freude, zur Freude der Familie und/oder einer eines kleinen Freundeskreises. Noch für Arthur Schopenhauer stand 1851 der Dilettant, also der, der Musik aus Freude betreibt, über dem Professor, also demjenigen, für den Musik Berufsausübung ist. Dass der Begriff Dilettant schließlich negativ besetzt wurde, ja heute abwertend gebraucht wird, ist einer der vielen Aspekte, die in dieser Ausstellung aufzuzeigen sind. Das Bild vom Musizieren hat sich geändert. Verschwundenem ist nicht nachzuweinen, aber wissen soll man davon.

Kammermusik und Landpartien

Vielsagend ist ja dieser Begriff „Kammermusik“: Das war Musik in der Kammer, also im Zimmer, nicht zu Repräsentationszwecken, sondern zur Freude der Ausführenden. Und wenn Familienmitglieder oder Freunde zuhörten, dann war das immer noch keine Öffentlichkeit und somit keine öffentliche Darbietung.
Das Lied ist eine im 18. Jahrhundert entstandene musikalische Gattung, die im nachfolgenden Jahrhundert eine besonders populäre Form dieser musikalischen Selbst-Unterhaltung wurde. Davor und daneben hat man vokale Kammermusik mit mehrstimmigen Gesängen betrieben. Davon abgeleitet war es eine besondere Liebhaberei Antonio Salieris, bei Landpartien Rast zu machen und sich dort mit mehrstimmigen Gesängen oder Kanons zu unterhalten, auch mit solchen, die er stante pede zu Papier gebracht hat.

Macht Musik (!)

Musik als private und persönliche Unterhaltung gibt es auch heute noch. In der Schule nimmt der Musikunterricht ab – dass man Kinder ein Instrument lernen lässt, nimmt zu. Die fünfhundertjährige Tradition lebt also fort. Wer zur eigenen Freude daheim Klavier spielt, ist statistisch nicht zu erfassen, auch nicht gemeinsames häusliches Musizieren. Aber es gibt sie jedenfalls immer noch, die Musik ohne Öffentlichkeit. Auf ihre Geschichte und ihre Intentionen einmal hinzuweisen, auch Sonderformen und Seitenwegen aufzuzeigen, ihrem Wandel sowie Auf und Ab einmal nachzugehen, dazu viel zu erfahren und darüber nachdenken zu können, das ist  Ziel dieser Ausstellung. Endlich einmal, möchte man sagen.
Denn in der Geschichte wie in der Gegenwart wurde und wird nicht viel Aufhebens davon gemacht, obwohl schon Goethe das private Musizieren über jede andere Form der Musikausübung gestellt hat: „Wer Musik nicht liebt, verdient nicht, ein Mensch genannt zu werden; wer sie nur liebt, ist erst ein halber Mensch; wer sie aber treibt, ist ein ganzer Mensch.“

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.