Do 17. November 2022

10:00 Pfeilerhalle, Albertina

Musikverein Perspektiven Georg Baselitz

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Konzept: Marino Formenti.

 

Aug und Ohr fürs Hier und Jetzt

Georg Baselitz in den „Musikverein Perspektiven“

Seine Bilder stehen Kopf. Georg Baselitz wurde als Maler, Grafiker und Bildhauer berühmt. Dass er eine starke Verbindung zur zeitgenössischen Musik hat, wussten bislang nur wenige. Im Musikverein hat man Baselitz nun für die Reihe „Musikverein Perspektiven“ gewonnen, bei der man Künstlerpersönlichkeiten aus anderen Genres zum Dialog einlädt, um neue Blicke auf die Musik zu eröffnen. Schon im Vorjahr war der Schwerpunkt zu Georg Baselitz geplant – jetzt kann er endlich stattfinden, vom 14. bis 17. November 2022. In Kooperation mit dem Festival Wien Modern und der Albertina wurden vier Konzerttage kuratiert, deren Programm Georg Baselitz mitgestaltet hat.

Für ihn mache den Reiz der heutigen Musik eben gerade das „Dis-“ aus, beschreibt Baselitz im Interview: „Das Angebot in der zeitgenössischen Musik ist ja nicht der Wohlklang, der Gleichklang, die Harmonie, sondern das ganze Gegenteil, das ,Dis-‘, der Fehlklang und so weiter. Darin liegt die Bereicherung. Nur so geht es weiter. Das ist die Tür, die man öffnen muss.“

Der Künstler, dessen Werke jüngst beispielsweise in einer Retrospektive im Pariser Centre Pompidou zu sehen waren, blickt selbst auf eine lange Vergangenheit im Umgang mit zeitgenössischer Musik zurück. An deren Anfang stand der Einfluss von französischen Studienkolleginnen und -kollegen, die Boulez, Stockhausen und Schnittke hörten. Dabei habe er, so Baselitz „das Revolutionäre, das Neue, das Verrückte bei Schnittke stark empfunden“. Er entwickelte dabei eine große Leidenschaft für das Expressive. Gleichzeitig wurde die moderne und zeitgenössische Musik für ihn „immer wohlklingender, sie wurde immer harmonischer, hörbarer und immer reicher. Sie wurde so reich, dass für mich plötzlich Bach etwas sehr Holpriges war, etwas sehr Ursprüngliches, fast Archaisches. Das ist bis heute so geblieben.“ Gleichzeitig hänge er am Bach’schen Vokabular, wie Baselitz ausführt: „Wenig Töne, einfache Töne.“ Gewaltiges sei ihm – in der Musik wie in der Bildenden Kunst – „ungeheuer und ich mochte das nicht. Ich wollte eine einfache Weise. Natürlich gibt es in der Neuen Musik auch sehr dramatische Klänge, aber das Beste sind für mich die Streichquartette.“

Da ihn besonders fragile Klänge und Kammerformationen ansprechen, liegt es nahe, dass Olga Neuwirth für eine Uraufführung bei den „Perspektiven“ ein Werk „für Streichquartett und Zuspielung“ komponiert hat. Dieses kommt am 14. November erstmals auf die Konzertbühne, es spielt das Quatuor Diotima. Das Auftragswerk von Musikverein und Wien Modern baut auf einem Text von Baselitz auf, den er selbst eingesprochen hat, einen, wie er es selbst beschreibt, „Nonsense-Text, der verneint und Ja sagt“.

Dieser Baselitz-Text wird auch bei der Uraufführung eines Werks von Elisabeth Harnik zu hören sein – am 15. November unter dem Titel „Bein im Sprung“. Harnik hat es für Bass-Solo, vier Frauenstimmen und vier Instrumente komponiert. Am selben Abend kommt „Akusmata“ von Beat Furrer zur Uraufführung. Zudem gibt es „For Franz Kline“ von Morton Feldman zu hören. Am Pult des Ensembles Kontrapunkte steht bei diesem Konzert Cordula Bürgi, es singen Cantando Admont sowie Friederike Kühl. Ein Streichquartett Beat Furrers sowie eines von Rebecca Saunders („Unbreathed“) und Arnold Schönberg Streichquartett Nr. 2 fis-Moll stehen am 16. November auf dem Programm, wenn das Quatuor Diotima abermals auftritt, nun gemeinsam mit Sopranistin Juliane Banse. Im anschließenden Gespräch mit Georg Baselitz („Auf ein Glas mit …“) wird es auch um Schönbergs Lust am Perspektivenwechsel gehen: Bekanntlich war der Komponist auch Maler.

Dass am 14. November neben Neuwirths Uraufführung und Streichquartetten von Sivan Eldar und Beat Furrer auch jenes mit Nummer 11 von Georg Friedrich Haas gespielt wird – und das in vollkommener Dunkelheit –, spricht Baselitz an: „Sie kennen doch ganz viele Hörer, die im Publikum sitzen mit geschlossenen Augen. Das ist eigentlich fast eine Voraussetzung für Hören. In meiner Arbeit mache ich eine Pause, dann höre ich Musik an und weiß, die Musik geht eine dreiviertel Stunde oder eine Stunde pro CD. Dann fange ich an, bewusst zu hören, dann schlafe ich fünf Minuten, dann bin ich wach – und ich habe alles kapiert. Das ist wunderbar.“

Naturgemäß wird ein Schwerpunkt auf Baselitz auch ermöglichen, Bilder von ihm zu sehen. Dafür ist man eine Kooperation mit der Albertina eingegangen. Jedoch wird das Betrachten der Arbeiten in der Pfeilerhalle mit einem Brückenschlag zur Musik kombiniert. 13 Stunden lang spielen Marino Formenti, Matteo Cesari und Björn Wilker dort Musik von Morton Feldman als Loop. Ein Zutritt ist jederzeit möglich. Feldman hat sich in seinen Kompositionen ja vielfach auf Malerei und Maler wie Jackson Pollock, Mark Rothko und Willem De Kooning bezogen, weshalb hier gleich auf mehrere Arten eine Begegnung zweier Kunstformen möglich gemacht werden soll.

Einen Rat hat Baselitz jedenfalls für jene, die der zeitgenössischen Musik kritisch bis skeptisch gegenüberstehen: „Man darf auf keinen Fall mit Vorurteilen darangehen. Man darf nicht sagen, das ist Unsinn, das ist zerstörerisch, das bringt mich durcheinander, dieser Krach, dieses Wirrwarr, diese Unordnung ... so kann man nicht darangehen. Das muss man überwinden und versuchen, wie man eine neue Sprache lernt, diese Musik zu lernen, und das muss man trainieren. Das ist keine Belustigung, aber enorm bereichernd.“

Theresa Steininger
Dr. Theresa Steininger arbeitet als Kulturjournalistin für „Die Presse“. Der abgedruckte Text erschien auch in der „Presse“-Beilage zur Musikvereinssaison 2022/23.

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