Di 11. Jänner 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Andreas Ottensamer • Seong-Jin Cho

Debussy • Ravel • Brahms

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Wiener Wahlberliner

Andreas Ottensamer

Seit 2011 ist Andreas Ottensamer, Mitglied einer bekannten Wiener Musikerfamilie, Soloklarinettist bei den Berliner Philharmonikern. Im Jänner kehrt er für einen Abend im Zyklus „Große Solisten“ in den Musikverein zurück.

Muss man Andreas Ottensamer in Wien noch vorstellen? Vermutlich nicht. Wer sich für klassische Musik interessiert, kennt ihn. Und seinen Bruder Daniel. Und natürlich auch den 2017 verstorbenen Vater Ernst. Eine Klarinettisten-Musikerdynastie, dem Musikverein seit langer Zeit eng verbunden. Deshalb können wir uns zunächst guten Gewissens darauf konzentrieren, statt über seinen Lebensweg erst einmal über die beiden vergangenen Jahre zu sprechen – und natürlich über die Gegenwart.

Wie es ihm derzeit geht? „Positiv ist, dass wir in den letzten Wochen und Monaten hart dafür gearbeitet haben, alles machbar werden zu lassen, was möglich ist. Gewisse Umstände müssen wir nach wie vor hinnehmen. Aber was mich freut, ist, dass wir gerade zurückkehren zu einer Art relativer Planbarkeit.“ Relativer? Inwiefern? „In diesen Tagen hätte ich eigentlich in Japan sein sollen – aber aufgrund der Quarantänebestimmungen war das unmöglich. Auch China war nicht zu realisieren.“ Immerhin: Etwa 80 Prozent seiner Konzerte fänden mittlerweile wieder statt.
Andreas Ottensamer erzählt das alles sehr nüchtern. Kein Jammern, keine Klagen. Seine Haltung: Es ist, wie es ist. Andere Künstler sind da deutlich lauter. „Ja, ich weiß.“ Ob er die Zuhörer vermisst hat? „Das Publikum ist existenziell für jeden Künstler. Es gibt nicht nur Energie, es ist auch Teil des Konzerts“, antwortet er. „Aber im vergangenen Jahr waren andere Dinge wichtiger, als dass ich vor Leuten spiele. Ich kann auch mal ohne Auftritte sein.“
Die herausfordernde und schwierige Zeit seit März 2020 – über die sprechen wir lange und intensiv. Aber auch hier nörgelt der 32-Jährige nicht, sondern will explizit zuvörderst das Gute sehen: „In der ausgefallenen Saison hätte ich mich voll und ganz ins ‚Play and Conduct‘ hineingeworfen, also in Auftritte als Solist und Dirigent zugleich. Das fiel komplett aus. Auf einmal hatte ich sehr viel Zeit. Aber ich habe diese Monate genutzt, um mich intensiv auf das Dirigieren zu konzentrieren.“ Er habe viel studiert und gelernt und viel Zeit mit seinem Mentor Nicolás Pasquet verbracht, der als Dirigierprofessor in Weimar lebt und arbeitet. Als Dirigent sei er ja schließlich noch ganz am Anfang der Reise. Einer Reise, wie er dann noch anfügt, die allerdings kein überschaubarer Sommerurlaub sei, sondern Jahrzehnte in Anspruch nehmen werde.

Andreas Ottensamer steht mit beiden Beinen fest am Boden, das ist schon nach wenigen Minuten deutlich. Und er hat einen klaren Blick auf die eigene, privilegierte Existenz: „Ich bin seit März 2011 Soloklarinettist bei den Berliner Philharmonikern. Anders als die selbstständigen Künstler musste ich in der Pandemie keine Existenzängste haben. Diese Situation hat es mir erlaubt, die Zeit nicht nur verstreichen zu lassen, sondern produktiv nutzen zu können. Für mich war es eine Phase des Denkens und des Nachdenkens – eine Chance, um lernen und wachsen zu können.“ Und damit Auftrag und Verpflichtung zugleich. Denn er habe deutlich die große Verantwortung gespürt, sich auch wirklich entwickeln zu müssen.
Natürlich in musikalischer Hinsicht, aber auch unabhängig davon. „Meine Einstellung zum Leben, zur Umwelt hat sich verändert“, sagt er. „Kurz vor Ausbruch der Pandemie hatte ich innerhalb einer Woche auf drei Kontinenten gastiert. Heute würde ich sagen: So etwas ist unnötig. Das kann man auch nachhaltiger organisieren.“ 2019 schrieb die deutsche „BZ“ über ihn, die längste Zeit, die er in den vergangenen Jahren an einem Ort verbracht habe, seien zwölf Tage gewesen. Dieses atemlose Leben soll demnächst der Vergangenheit angehören, das hat er fest vor. Aber wie könnte die Lösung aussehen? Die Antwort kommt ohne Zögern: Verbindungen intensivieren, länger an einem Ort bleiben, mehrere Konzerte in einer Region geben. Nachgedacht hat er darüber offenbar längst. Andreas Ottensamer, der Realist. Sperenzchen machen, Sonderwünsche in die Welt hinausschreien – das mögen andere tun, seins ist das nicht.

An diesem Punkt müssen wir vielleicht doch kurz auf seine Biographie zu sprechen kommen, denn geformt und geprägt hat ihn natürlich das Elternhaus: Vater Ernst, der Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker bis zu seinem überraschenden Tod vor dreieinhalb Jahren, und Mutter Cecilia, Celloprofessorin an der Musik und Kunst Privatuniversität. Der legendäre Musikkritiker Eduard Hanslick sprach von Wien einmal als „Stapelplatz für musikalische Wunderkinder“ – und was die Familie Ottensamer betrifft, lag er damit goldrichtig. Der erste Besuch des kleinen Andreas im Goldenen Saal? „Oh, da war ich zwei.“ Was es allerdings befördert habe: „Als Kind haben wir praktisch um die Ecke gewohnt. Hier in Berlin würde man sagen: Der Musikverein – das war mein Kiez.“
Musik zu machen sei für ihn so normal gewesen wie zu essen oder zu schlafen. „Erst in der Schule habe ich entdeckt, dass es Familien gibt, in denen nicht musiziert wird.“ Zunächst lernt er Klavier, mit zehn greift er zum Cello, dem Instrument der Mutter, mit zwölf zur Klarinette, dem Instrument des Vaters. Mit 19 fasst er den Entschluss, Profimusiker zu werden, mit 21 ist er Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Seit seinem frühen Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 2006 ist er regelmäßig im Musikverein zu Gast („es gibt keine größere Ehre, als dort aufzutreten“).

Eine atemberaubende Karriere. Aber eine, die in den kommenden Monaten und Jahren vermutlich noch weiter an Fahrt aufnehmen wird. Denn Andreas Ottensamer hat viel vor. „Play and Conduct“ natürlich, das wird weitergehen, aber auch spannende Soloabende mit seinem neuen Duopartner, dem jungen koreanischen Pianisten Seong-Jin Cho, der, wie er, ebenfalls in Berlin lebt. „Menschlich wie künstlerisch passt es einfach zwischen uns.“ Der öffentliche Startpunkt wird das Konzert im Musikverein sein: „Ja, in der Tat: Unser Debüt geben wir im Goldenen Saal“, lacht er. „Wenn schon, dann richtig.“
Auf dem Programm in seinem – wie er es nennt – „Wohnzimmer“ stehen im ersten Teil Debussys „Première Rhapsodie für Klarinette und Klavier“ sowie Francis Poulencs Sonate. „Beide Werke habe ich schon oft gespielt“, erzählt er. Aufregend finde er sie. Ihre Farben, ihre Leichtigkeit, ihre Nuancen – all das reizt ihn. Im zweiten Teil dann unter anderem „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy – in einer selbst erstellten Bearbeitung. „Weil ich es mir nur auf diese Art und Weise wirklich auf den Leib schreiben konnte. Gibt man so eine Aufgabe an einen Arrangeur, taucht zwar er tief ein – aber man selbst bleibt an der Oberfläche.“

Wir nähern uns dem Ende des Gesprächs. Der vierte Komponist des Konzerts muss gleichwohl noch erwähnt werden: Johannes Brahms. Seine hochemotionale Sonate für Klarinette und Klavier f-Moll, op.120/1, bildet den Abschluss des Abends. 1894, drei Jahre vor seinem Tod, hat er sie komponiert: für seinen Freund, den Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld (1856–1907), und das „Fräulein Klarinette“, wie er das Instrument launig nannte. „In seiner Sonate bringt er ihre schönsten Seiten zum Vorschein“, sagt Ottensamer. Bis ins kleinste Detail spüre man Brahms’ Kennerschaft, was die Klarinette betreffe.
Die obligatorische Frage zum Abschluss: Gibt es einen Lieblingskomponisten? Das nicht, antwortet Andreas Ottensamer. Aber Brahms – der sei ihm, aus obigen Gründen, womöglich am nächsten.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

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