Fr 02. Dezember 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Wiener Symphoniker

Kent Nagano | Liszt • Bartók • Strauss

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Bemerkungen

Patricia Kopatchinskaja mußte krankheitsbedingt ihre Teilnahme an dem Konzert absagen. Dankenswerterweise erklärte sich Gidon Kremer bereit, den Violinpart in Bartoks Violinkonzert zu übernehmen.

 

„Ich gehe auf die Bühne, um meine Wunden zu zeigen“

Patricia Kopatchinskaja

Man weiß nie, wie ein Abend enden wird, sagt Patricia Kopatchinskaja. Alles durchgeplant zu haben ist der Geigerin ein Greuel. Vielmehr will sie ihr Publikum überraschen und eine Geschichte erzählen, die nur sie erzählen kann. Patricia Kopatchinskaja im Interview mit Judith Hecht.

Sie sind in Chișinău im heutigen Moldawien geboren und vor allem bei Ihren Großeltern auf dem Land aufgewachsen, weil Ihre Eltern immer unterwegs waren. Erzählen Sie uns, wie das für Sie war?
Ich komme aus einer richtigen Musikerfamilie. Meine Eltern hatten jedes Jahr um die 300 Konzerte. Sie reisten in der gesamten ehemaligen Sowjetunion umher. Sie haben auf den ganz großen Bühnen gespielt, aber genauso in Fabriken und Gefängnissen. Und wie Sie sagen, die meiste Zeit verbrachte ich bei meinen Großeltern. Aber mein Vater und meine Mutter haben mich auch immer wieder mitgenommen, und dabei habe ich viel von der Welt gesehen. Wir waren reisende Künstler, das bin ich heute noch. Manchmal komme ich mir wie eine Figur der Commedia dell’Arte vor, so wie ein Pierrot, der dauernd unterwegs ist und alles um sich wie ein Schwamm aufsaugt. Und all die Eindrücke, die ich sammle, fließen in das ein, was ich darzubieten habe.

Immer unterwegs zu sein, zu reisen, ist das Nahrung für Ihre Kreativität?
Es geht nicht nur um das Reisen. Johann Sebastian Bach war fast immer zu Hause. Gut, damals ist man auch nicht so viel herumgekommen. Ich denke, es geht eher um die innere Welt, und die braucht immer Futter. Woher das kommt, ist bei jedem Menschen anders, manche sind schon genetisch gut versorgt. Aber ich bin ein Flüchtlingskind. Ich bin mit meinen Eltern von Moldawien nach Wien geflüchtet, als ich zwölf Jahre alt war. Vielleicht bin ich ein Beispiel dafür, dass es gutgehen kann.

Dafür sind Sie mit Sicherheit ein Beispiel. Wenngleich so eine Flucht sicher Schrammen hinterlässt.
Ja, diese Schrammen gibt es. Und diese Wunden gehen immer wieder von Neuem auf, sie schmerzen immer wieder. Aber um Musik machen zu können, muss ich Schmerz empfinden können. In wenigen Tagen spiele ich das Violinkonzert von Robert Schumann. Da fließt aus allen meinen Wunden Blut, und das muss ich aushalten. Also, ich gehe nicht auf die Bühne, um mein Können zu beweisen, sondern um meine Wunden zu zeigen. Das tut weh, aber darum geht es.

Wussten Sie schon als Kind, dass Sie Musikerin werden wollen?
Es ist nicht so, dass ich es wollte. Es war einfach so. Zur Musik hat es keine Alternative gegeben. Was ich wollte, war zu leben – immer, bis heute: Ich will leben.

Leben im Sinne von „sich lebendig fühlen“.
Ich kann nicht leben, ohne mich dauernd lebendig zu fühlen.

Man fühlt sich doch nicht in jedem Moment gleich lebendig. Fühlen Sie sich lebendig, wenn Sie vor einem Regal im Supermarkt stehen?
Doch! Im Supermarkt ist es sehr interessant. Ich habe einmal versucht, all die Klänge, die es in einem Supermarkt gibt, in einer Partitur festzuhalten und zu instrumentieren. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, welches Schlagzeug könnte diese Kassa da sein. Mit welchem Megafon müsste man im Saal herumgehen, um einen Supermarkt akustisch darzustellen. Ich glaube, alles, jedes Objekt, jeden Zustand, jede Situation kann man in eine kreative Form gießen. Man muss nur zuhören und durchlässig sein.

Zur Musik gab es keine Alternative, sagten Sie vorhin. Den Traum, einmal auf der Bühne vor vielen bzw. für viele Menschen zu spielen, gab es den?
Ich wollte Musik machen, ob in einer Garage, in der Carnegie Hall oder im Musikvereinssaal war und ist mir egal. Ich spiele Musik. Das hat für mich einen Wert, auch wenn ich nur für eine einzige Person spiele. Es geht mir darum, Geschichten zu erzählen, etwas zu vermitteln, was nur ich in diesem Stück sehe und erlebe. Was man schon kennt, ist nicht interessant. Wenn man Konserviertes hören will, kann man eine CD kaufen. Nur was lebendig und sehr persönlich ist, zählt. Ich gehe nur deswegen in ein Konzert: um die Stimme eines Menschen in einem bestimmten Stück zu hören, andernfalls könnte ich mir gleich die Partitur anschauen. Es gibt nicht nur eine einzige richtige Interpretation eines Werkes. Nicht einmal der Komponist besitzt sein Stück. Es ist wie mit einem Kind, das man in die Welt setzt. Es beginnt zu leben, hat seine Eindrücke, macht seine Erfahrungen und wird zu einem eigenständigen Menschen. Und dieses Kind erzählt ganz unterschiedliche Sachen, je nachdem, mit wem es einen Dialog führt oder wer ihm zuhört. So ist es auch mit der Musik. Vielleicht klingt Beethoven in Japan ganz anders als in Wien.

Und wenn Sie ein Violinkonzert von Béla Bartók spielen, klingt das heute anders als in einem Jahr.
Schon morgen klingt es anders, weil mein Spiel Ausdruck einer ständigen Konversation mit jemandem ist, der in meiner Vorstellung lebt und spricht.

Musik als inneren Dialog zu begreifen, als Ausdruck der eigenen Verwundbarkeit, haben Ihnen das schon Ihre Lehrer vermittelt?
Ich meine das jetzt nicht despektierlich: Ich hatte sehr gute Professoren. Sie haben mir ein solides Handwerk beigebracht und eine Art zu denken mitgegeben, die aber auf bestimmte Weise eingegrenzt war.

Das heißt, Sie mussten Mauern sprengen, um sich entwickeln zu können?
Ja, nach dem Studium begann für mich eine sehr lange und tiefgründige Arbeit. Ich musste alles, was ich bis dahin gelernt hatte, vergessen, damit ich völlig neu denken konnte. Denn was mir meine Lehrer vermittelt hatten, war zwar viel Wissen, aber auch eine Bagage, die ich nicht tragen wollte. Ich wollte fliegen. Und man fliegt nur, wenn man Last abwirft. Man muss sich auf ein fruchtbares Feld begeben, wo noch nichts ist, und dann die eigenen Samen säen, denn nur so können deine Pflanzen wachsen. Und dann passieren Zufälle. Zufälle sind sehr wichtig, sie sorgen dafür, dass sich Ungeplantes entwickelt.

An welche Zufälle denken Sie?
An Gespräche, Gedanken, Assoziationen, Gerüche, Licht, Eindrücke, egal wo, am Flughafen, auf der Straße … Aber das Wichtigste ist, immer von nichts auszugehen. Je größer das Gebäude ist, in dem man denkt, desto mehr Wände und Widerstände gibt es. Darum muss man alle Fenster öffnen, nein, eigentlich muss man das ganze Gebäude niederreißen, jedes Mal. Jedes Stück muss man aufs Neue verstehen, so oft man es spielt.

Das klingt nach einem ständigen Kraftakt.
Anders geht es nicht, anders kann ich es nicht. Ein Beispiel: Es gab eine Zeit, da habe ich „Tzigane“ von Maurice Ravel so oft gespielt, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe. Als ich es wieder in Amsterdam im Concertgebouw spielen sollte, ging ich auf die Bühne und fragte das Publikum: „Welche Tzigane wollen Sie heute hören? Stimmen wir ab: Eine Tzigane von Kandinsky, eine von Chagall oder vielleicht eine, wie sie Picasso sah?“ Die Zuschauer entschieden sich für Chagall, und dann habe ich „Tzigane“ so gespielt. In dieser Vorstellung habe ich mich mit dem Publikum vereint, das heißt, wir haben eine Fantasie geteilt: So entstand eines von vielen möglichen Bildern von diesem Stück, aber wir alle wussten, es gibt noch Tausende mehr. Das war wunderbar.

Das muss nicht nur für das Publikum, sondern auch für Sie ein Abenteuer gewesen sein. Sie gingen auf die Bühne, alles war offen und das Ende ungewiss.
Ja, es ist immer ungewiss, wie es ausgeht. Damit sind wir wieder bei der Commedia dell’Arte. Die Schauspieler hatten damals zwar einen ungefähren Plan, aber im Grunde wusste niemand von ihnen, wie die Geschichte an diesem Abend ausgehen würde. Columbina, Pierrot, Pantalone, Pulcinella, Dottore, Harlekin, wie die Figuren auch alle heißen, beschlossen zwar zuvor, wer wann auf die Bühne geht, aber sie wussten nicht, wie sich die Handlung entwickeln würde. Das hing von jedem Einzelnen ab, je nachdem, welche Geschichte er erzählte. Und selbst wenn das Ende geplant war, konnte alles anders kommen. Einmal sollte der Harlekin Columbina heiraten. Aber er wehrte sich standhaft, bis das Publikum schon ungeduldig wurde und schrie: „Du musst sie aber heiraten!“ Und Columbina fragte ihn: „Warum willst du mich denn nicht heiraten?“ Da zeigte der Harlekin auf die Königin, die in einer Loge saß, und sagte: „Weil ich in sie verliebt bin.“ Er bahnte sich über die Köpfe der Zuschauer hinweg einen Weg zu ihr und küsste sie. Daraufhin herrschte Totenstille. Alle dachten, nun lässt ihn der König köpfen. Doch plötzlich lachte der König – und alle stimmten ein. Solche Überraschungsmomente können wir heute nicht mehr erleben, weil das ganze Programm durchgeplant ist. Davon möchte ich wieder wegkommen.

Wissen die Dirigenten und Musiker, mit denen Sie zusammenarbeiten, dass Sie Ihre Freiheit brauchen?
Ja, das wissen sie. Diesen Ruf habe ich. Das ist der einzige Vorteil, wenn man berühmt ist. Wer mich einlädt, weiß, mit wem er es zu tun hat. Von mir erwartet man Überraschungen. Und das passt mir.

Das Gespräch führte Judith Hecht.
Mag. Judith Hecht ist Juristin und Journalistin bei der „Presse“, wo sie für das Sonntagsinterview „Letzte Fragen“ zuständig ist.

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