Mo 06. Dezember 2021

19:30 Brahms-Saal, Musikverein

Marianne Crebassa • Alphonse Cemin

Mahler • Berg • Ravel

Abgesagt


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Was aus Pop mit Pirouetten werden kann

Marianne Crebassa

Als Teenager sang sie mit ihrer Band bei Hochzeiten und in Restaurants. Nach ihrem Gesangsstudium in Montpellier eroberte sich Marianne Crebassa schnell und vor allem über ihre gefeierten Salzburger Festspielauftritte die internationale Opernwelt. Dass sie auch mit Liedern bezaubern kann, beweist sie im Brahms-Saal mit Werken von Mahler, Berg, Ravel und Chausson.

„Einen großen Moment gab es“, schrieb Wilhelm Sinkovicz anlässlich der Salzburger Premiere von Mozarts „La clemenza di Tito“ in seiner Kritik („Die Presse“), und berichtete weiter über ein „zauberisch verhaltenes, innig musiziertes Duett“. Die Protagonisten dieser Sternstunde, Sestos „Parto, parto“, waren die französische Mezzo-sopranistin Marianne Crebassa und der deutsche Klarinettist Florian Schuele. Die Produktion selbst, Peter Sellars führte Regie und Teodor Currentzis dirigierte, sorgte für ordentlich Diskussionsstoff im Festspielsommer 2017. Die Leistung von Crebassa und Schuele war, unwidersprochen, der Höhepunkt der Aufführung. Man kann ihn immer noch im Internet nachhören, gebannt und fasziniert, wie dieser Sesto zerbrechlich berührend, leuchtend schön mit der traumhaft phrasierenden Klarinette als seiner inneren Stimme eins wird. Das muss man einmal so können. Marianne Crebassa kann es.

Im eine Autostunde von Montpellier entfernten Béziers wurde sie 1986 geboren. Gesungen hat man bei ihr zu Hause viel und gerne, das war eine kleine Familientradition, auch wenn die Eltern keine Profimusiker waren. Aber der Großvater mütterlicherseits, ein Winzer aus dem Hérault mit spanischen Wurzeln, war immerhin bei Amateur-Gesangswettbewerben erfolgreich. Die Mutter mag Klassik, Oper und Symphonien, der Vater hört Chansons von Jacques Brel, Georges Brassens und Léo Ferré.

Übers Klavierspiel kam das Interesse für den Gesang, der dann schnell ihre erste Wahl wurde. Mit 14 Jahren äußerte die exzellente Schülerin daher den Wunsch, Gesang zu lernen. In einem Fernsehinterview erzählte sie, dass sie sich immer, wenn sie von der Schule nach Hause kam, zuerst einmal im Wohnzimmer einschloss, CDs auflegte und dazu sang. Dabei lagen ihr die Chanson-Platten des Vaters näher als die Klassik der Mutter, die sie erst durch das Gesangsstudium nach und nach für sich entdeckte. Auch liebte sie es, die Hits von Céline Dion nachzusingen, wobei sie sich immer wieder ein paar „vokale Pirouetten“ dazu ausdachte. Das ging, denn ihre Stimme war damals noch höher. Erst im Alter von 17 Jahren merkte sie, dass es doch eher die Mezzo- und nicht die Sopranlaufbahn werden würde.

Marianne Crebassa trat mit ihrer eigenen Cover-Band auf, mit der sie alles quer Beet, etwa auch Nummern von Pink Floyd, Led Zeppelin und den Red Hot Chili Peppers nachspielte. „Ich sang Popsongs, da war ich zwischen 16 und 22 Jahre alt. Das war mein Sommerferien- und Wochen-endjob. Ich machte alles, ich sang in Restaurants, Cafés, auf Hochzeiten. Ich lernte, auf der Bühne zu stehen, und die Leute trinken irgendwas und kümmern sich nicht wirklich darum, was du da oben machst. Bei meinem ersten Opernauftritt waren 2000 Leute nur da, um mir zuzuhören. Da war ich wirklich dankbar“, verriet sie der „Süddeutschen Zeitung“ über ihre Jugendjahre.

Von der Musikschule in der kleinen Küstenstadt Agde über das Konservatorium in Sète ging es dann ans Konservatorium im großen Montpellier, wo sie Gesang und Klavier studierte und auch noch Musikwissenschaften an der Universität anschloss. Noch während des Studiums, 2008, stand sie, 21 Jahre jung, zum ersten Mal auf der Bühne der Opéra National de Montpellier und sang in Schumanns dramatischem Gedicht „Manfred“. Ihr Erfolg in Bernard Herrmanns Oper „Wuthering Heights“ 2010 sorgte für Aufmerksamkeit. Man holte sie für zwei Jahre ans Atelier Lyrique der Opéra National de Paris.

Dann kam der Dirigent Marc Minkowski, der sie förderte und für Händels „Tamerlano“ 2012 zu den Salzburger Festspielen mitnahm. So konnte sie an der Seite von Plácido Domingo singen. Ihr Vater, ein großer Domingo-Fan, war ganz im Glück, als ihn der Sänger nach der Aufführung hinter der Bühne umarmte und von der gelungenen Aufführung schwärmte. Unter Minkowski sang Marianne Crebassa auch bei der Mozartwoche 2013 den Cecilio in Mozart „Lucio Silla“. Die Produktion wurde von den Sommerfestspielen übernommen, die Crebassa ein Jahr später für die Titelrolle von Marc-André Dalbavies Novität „Charlotte Salomon“ verpflichtet.

Marc Minkowski und das Mozarteumorchester spielten mit ihr schließlich „Oh Boy!“ ein, ihre Debüt-CD, die 2016 herauskam. Auf dieser singt sie sich durch die Hosenrollen des Repertoires. Sie beginnt mit dem Orphée, allerdings mit dessen koloraturseliger Arie „Amour, viens rendre“ aus der Berlioz-Fassung, in der sie im Herbst 2018 auch an der Opéra Comique gefeiert wurde. Am Ende steht das „Parto, parto“ des Sesto, wohl ihre Initialrolle zum ganz großen internationalen Durchbruch. Womit wir wieder in Salzburg wären, wo sie während der letzten beiden Festspielsommer als Dorabella in Christof Loys Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ begeistern konnte.

In Wien hat sich Marianne Crebassa bisher eher rar gemacht. An der Staatsoper trat sie bisher nur drei Mal als Cherubino in Mozarts „Le nozze di Figaro“ auf. Ihre Rosina in der Neuproduktion von Rossinis „Barbiere di Siviglia“ zum Saisonstart fiel krankheitsbedingt aus, ihre Auftritte als Isabella in „L’Italiana in Algeri“, geplant für den vergangenen Februar, wurden Opfer des Lockdowns.

Im Musikverein war sie mit Debussy zu hören, in „Le Martyre de Saint-Sébastien“ einmal unter Alain Altinoglu und dann unter Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin, die sie außerdem durch „Trois Ballades de François Villon“ begleiteten. Lieder von Debussy hat Marianne Crebassa auch für ihre zweite CD „Secrets“ gewählt, auf der sie gemeinsam mit dem originellen Pianisten und Komponisten Fazil Say ein vor allem französisches Programm mit Stücken von Fauré, Duparc und Ravel interpretiert. Lieder von Ravel stehen neben einer Auswahl von Mahler, Berg und Chausson auch auf dem Programm, wenn sie nun mit Alphonse Cemin am Klavier ihren ersten Liederabend im Brahms-Saal gibt.

Stefan Musil
Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist und Dramaturg in Wien.

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