Do 23. Dezember 2021

18:00 Alle Säle des Musikvereins

Spuk im Musikverein?

Die Musikforscher

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Programm

Konzertreihe

  • Die Musikforscher

Veranstalter

Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Service

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Bemerkungen

Stück-Text und Konzept: Susanne Felicitas Wolf; Konzept: Anna Rockenschaub.

 

Der Geist des Hauses

Spuk im Musikverein?

Ein neues Musikvereinsprojekt für Kinder führt auf abenteuerlichen Wegen durchs Haus. Doch Achtung – was war das denn? Kann es sein, dass es hier spukt?

Huch!! Hilfe!! Was in Dreibeethovensnamen ist da los!? Effi ist sprachlos. Ausgerechnet er, der Fels in der Brandung des Konzertgeschehens, der hochbewährte Saalmeister, Ordnungshüter, Künstlerbetreuer, Nervenberuhiger, er, der im Haus jeden Winkel kennt und jede Aufregungswoge glättet, der sonst so souveräne R. F. Effenberger – er wird vom nackten Schrecken gepackt. Im Musikverein spukt’s! Anders kann es gar nicht sein, denn woher kommt diese Stimme, immer wieder, im leeren Haus? Und wer hat diese ominösen Zettel ausgelegt? Auf einem steht es sogar klipp und klar, da kann er sich die Augen reiben, wie er will: „Herr Effenberger, hier spukt es. Das sollten Sie wissen.“
Ja, und so hält man schon beim Lesen des Skripts den Atem an – spannend, spannend, was sich Susanne Felicitas Wolf da für die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ausgedacht hat. „Spuk im Musikverein?“ Ein „Stationendrama“, wenn man’s künstlerisch-dramaturgisch einordnen wollte, aber treffender wird’s, wenn man das tolle Projekt so beschreibt: als „Taschenlampen-Führung“ für Kinder in der neuen Musikvereinsreihe „Die Musikforscher*innen“. Eine interaktive Führung durchs Haus: Darum sollte es gehen, als Intendant Stephan Pauly mit Anna Rockenschaub, der neuen Leiterin der Kinder- und Jugendprojekte im Musikverein, über neue Ideen für diesen so wichtigen Teil des Konzertgeschehens nachdachte. Mit Susanne Felicitas Wolf wurde dafür die perfekte Partnerin gewonnen: eine vielerfahrene und vielgepriesene Autorin. Am Theater in der Josefstadt steht gerade ihre erfolgreiche Dramatisierung von Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ auf dem Programm, doch auch mit Projekten für Kinder ist sie international gefragt. Zuletzt schrieb sie Libretti für Kinderopern, die im Auftrag der Komischen Oper Berlin und der Phiharmonie Luxemburg komponiert wurden: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und „Der herzlose Riese“. Und nun also: der beherzte, aber vom Spuk gebeutelte Effi!
Die Anregung dazu – eine echte Königsidee – kam von Otto Biba, dem damaligen Archivdirektor des Musikvereins. Er brachte den alten Effenberger ins Spiel, eine legendäre Figur aus der Musikvereinsgeschichte. Eigentlich war er ja nur „Konzertdiener“ sowie „Podiums- und Orchesterwart“, dieser alte Effenberger, doch was heißt da „nur“? Effenberger erfüllte diese Aufgabe seit 1902 durch Jahrzehnte mit großem Herz und tiefer Seele. Und: mit spitzer Feder. Das Faktotum war nämlich auch ein fantastischer Karikaturist und launiger Erzähler. So floss, was Effenberger zwischen Karyatiden und Koryphäen so erlebte, in hübsche eigene Kunstprodukte ein: in Bücher mit Anekdoten und lustigen Zeichnungen aus dem Musikverein. Wer das Haus von einer anderen Seite sehen will, findet beim alten Effenberger jede Menge Treppenwitz und Geistesblitz, Amüsantes und Animierendes aus allen Ecken des Musentempels.

Ein trefflicher Gedanke also, sich an seine Fersen (und Verse) zu heften, um auf ungewohnten Wegen durchs Haus zu streifen. Der alte, der historische Effenberger kam aber dafür nicht wirklich in Frage, das war Susanne Wolf gleich klar. „Ich musste einen jungen Nachfahren erfinden, R. F. Effenberger, Ururgroßneffe des berühmten Rudolf Effenberger.“ So wurde aus dem alten der „Urur-Rudi-Onkel“, und der junge führt jetzt durchs Haus. Für je 30 Neugierige ab acht Jahren ist die Tour geplant, interaktiv soll und darf die Geschichte sein, aber es gibt, wie schon verraten, ein toll ausgearbeitetes Skript mit pointenreich zugeschliffenem Text. Als Effi kann nur Effekt machen, wer schauspielerisch top und künstlerisch spontan ist, fix in der Rolle und gewitzt im Umgang mit dem, was alles so aufblitzen kann. Überraschende Fragen, Einwürfe, Taschenlampenspots.

Boris Eder freut sich riesig, dieser Effi sein zu können – eine Idealbesetzung, ist er doch Schauspieler und Sänger und vieles mehr: Zehn Jahre lang war er Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt, acht weitere gehörte er als Sänger und Schauspieler dem Ensemble der Wiener Volksoper an. Er spielte den Mozart in Shaffers „Amadeus“ und sang ihn im Musical „Schikaneder“, er tritt mit Soloprogrammen auf – wie „Girardi“ (Susanne Wolf schrieb ihm dafür die Zwischentexte) –, und natürlich kennt er den Musikverein von vielen Seiten, auch von der Bühne. Er rezitierte im Großen Musikvereinssaal und gastierte mit Wienerliedern im Zyklus der Philharmonia Schrammeln. „Wean, du bist a Taschenfeitl“ hieß sein Programm von 2017. Und jetzt, nach dem Taschenfeitl, kommen: Taschenlampen!

Spot on! Ein Haus, das so sehr aufs strahlend Helle setzt wie Theophil Hansens Musikvereinsgebäude, solch ein Musenhain voll Tageslicht und Glitzerschein – der wird schon ganz besonders spannend, wenn’s dunkel wird. Spannend und, wer weiß, vielleicht ein bisschen spooky?
Die kleinen Musikforscherinnen und Musikforscher, die mit Effi alias Boris Eder durchs Haus streifen, müssen nicht extra forsch sein. Und allen Erwachsenen sei’s gesagt: Natürlich werden alle nur möglichen Sicherheitsstandards gewahrt … Aber ein bissl Abenteuerlust kann nicht schaden, wenn die Luster gedimmt sind und die Taschenlampen gezückt werden. Bewusst im düstren Winter ist die Premiere angesetzt: am 23. Dezember, gefolgt von weiteren Terminen am 7. und 8. Jänner.
Das Haus ist still an diesen Abenden. Keine Konzerte, keiner mehr da. Außer dem Portier. Und einer Putzfrau vielleicht. Doch auch mit der hat Effi nicht wirklich gerechnet, dieser merkwürdigen Frau Akisum. Was macht die jetzt eigentlich noch hier? Barbara Angermaier steckt in diesem Kittel – von Berufs wegen, so viel sei verraten, ist sie Sopranistin, eine junge, wunderbar singende, mit schon recht viel Bühnenerfahrung bei unkonventionellen Opernproduktionen, darunter einer Freiluft-Freibad-„Fledermaus“. Da sang sie die Adele, das Stubenmädel. Und jetzt taucht sie hier, im Musikverein, nicht mit dem Staubwedel auf, sondern mit dem Staubsauger. Komisch … Effi ist schon ziemlich irritiert, ja echauffiert, aber er hält sich weiter an den Plan. „Ich lasse mir meine Führung nicht verzetteln, nicht verdingsen!“ Ins Archiv soll’s raufgehen. Da ist, glaubt er, garantiert Ruhe. Er kramt den Universalschlüssel heraus, doch von innen geht die Tür auf. Es öffnet: der Direktor persönlich! Wieso er noch da ist? Ganz einfach: „Überstunden, lieber Effenberger, immer im Dienst des Hauses. Wie Sie …“

Dr. Johannes Prominczel ist der Archivdirektor. „Ich darf“, sagt Prominczel vergnügt, „mich selber spielen.“ In Susanne Wolfs „Stationendrama“ ist er fix dabei, Archiv, Bibliothek und Sammlungen sind die letzte Station auf der abendlich-abenteuerlichen Tour durchs Haus. Die kleinen Musikforscherinnen und Musikforscher dürfen also auch dort hineinschauen, wo sonst nur die großen Musikologen und Studierende zugelassen sind: in den Lesesaal der berühmtesten, wichtigsten privaten Musiksammlung der Welt. Was Johannes Prominczel von den hier aufbewahrten Schätzen erzählen oder gar zeigen wird, bleibt derweil noch ein Geheimnis. Auswahl hat er ja jede Menge, unbeschreiblich viel. Darf’s was von Beethoven sein? Von Mozart, Schubert, Schumann, Brahms? Von allen diesen Berühmtheiten gibt’s originale Handschriften und Noten in diesem weltberühmten Archiv. Sie sind hier gegenwärtig, die allerbedeutendsten Komponisten, sie prägen den Geist des Hauses …

Halt!! Hat da jemand was von einem Geist gesagt? Der geht doch wirklich um hier, oder? Hier spukt’s doch?? Was sind denn das auf einmal für Töne, für Klänge, auch da droben – jetzt wieder! – im Archiv …???

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

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