Sa 26. März 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Orchester Wiener Akademie

Martin Haselböck | Bach • Mahler • Schönberg

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Bemerkungen

Auf Grund einer Indisposition von Florian Boesch übernahm Manuel Walser die Gesangspartie in dem Konzert.

 

Filmkunst und Musik

Michael Haneke in den Musikverein Perspektiven

Vom 24. bis 27. März ist einer der bedeutendsten Autoren und Regisseure des Weltkinos Gast in den Musikverein Perspektiven: Michael Haneke. Der Fokus liegt dabei auf der Musikalität seiner Filme und Hanekes Begeisterung für die Musik. „Die Kunstform, die dem Film am nächsten steht“, so Michael Haneke, „ist zweifellos die Musik.“ Theresa Steininger skizziert das Programm dieser Musikverein Perspektiven – und hat dem Künstler drei Fragen dazu gestellt.

Den Dialog mit anderen Kunstformen suchen – das möchte Intendant Stephan Pauly mit den neu geschaffenen Musikverein Perspektiven. Er hat Filmregisseur Michael Haneke und Maler Georg Baselitz dafür gewonnen, mit ihm Konzerte zu planen und sich dabei von ihrer persönlichen Sicht auf Musik leiten zu lassen. Mit Haneke konzipierte man ein viertägiges Festival in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, das zum 80. Geburtstag des Regisseurs im März 2022 eine umfassende Retrospektive seines Schaffens realisiert. In dem Festival wird man erkennen, warum der Regisseur der Meinung ist, dass „die Kunstform, die dem Film am nächsten steht, zweifellos die Musik ist“. Haneke wird einerseits in Gesprächen Einblicke in seine leidenschaftliche Beziehung zur Musik geben. Andererseits werden Filme aus seiner Hand mit Konzerten in Verbindung gesetzt. So plaudert er an einem Abend mit Otto Brusatti über seine Faszination für Stimmen von Lotte Lehmann bis Josef Bierbichler – und erklärt, warum er sich selbst „Ohrenmensch“ nennt und Schauspieler oft besser beurteilen kann, wenn er die Augen schließt. Tags zuvor hat man die Möglichkeit, Hanekes Film „Der siebente Kontinent“ zu sehen und zur Einstimmung darauf ein Konzert von Pianist Marino Formenti zu hören, der auf den Takt des Films und die filmische Sprache rekurriert. Um die Reflexion des Gesehenen geht es auch am dritten Festivaltag, wenn auf die Vorführung von „Das weiße Band“ ein Konzert folgt, dessen Werke ähnliche Themen wie der preisgekrönte Film behandeln. Dabei kommen Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“, Felix Mendelssohn Bartholdys „Symphonie Nr. 5“, Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ und zwei Werke von Johann Sebastian Bach zur Aufführung und das Orchester Wiener Akademie, der Wiener Singverein, Dirigent Martin Haselböck und Bassbariton Florian Boesch zum Einsatz. Den Abschluss der Haneke gewidmeten „Perspektiven“ macht eine Vorführung seines Oscar-gekrönten Films „Amour“ in Kombination mit einem Auftritt Rudolf Buchbinders. Letzterer spielt Franz Schuberts „Impromptus“, die im Film allgegenwärtig sind. Die Konzerte im Musikverein sollen eine Chance für zusätzliche Reflexion und Nachhall bieten und dem Publikum Michael Hanekes Beziehung zur Musik näherbringen, über die er auch im Interview spricht.

Inwiefern ist Musik für Sie, der als Meister des Rhythmus im Film gilt, Inspirationsquelle – nicht allein thematisch, sondern vielmehr auch, was die Arbeitsweise betrifft?
Das Wunder, dass in der Musik höchste Abstraktion höchste Emotionalität hervorzubringen in der Lage ist, kann sich auch im Kino ereignen. Die kompositorischen Anforderungen sind in beiden Kunstformen unterschiedlich, aber ähnlich komplex.

Sie sagten: „Für mich ist das Kino näher an der Musik als an der Literatur“ – inwiefern?
Beide finden innerhalb eines fixen Zeitraums statt. Musik beginnt mit dem ersten Ton und endet mit ihrem letzten. Ein Gemälde bleibt vorhanden. Ich kann es anschauen, mich ihm entziehen, zu ihm wiederkommen. Die Lektüre eines Romans, eines Gedichts kann ich unterbrechen, ich kann sie weglegen, wieder auf sie zurückkommen, den Faden ihrer Erzählung aus freien Stücken wieder aufnehmen. Performative Kunst hat dagegen immer Event-Charakter. Sie braucht aufgrund des ihr innewohnenden Zeitpfeils eine andere Struktur, da sie an die Aufnahmefähigkeit und auch Aufnahmewilligkeit des Rezipienten gebunden ist. Die Formfrage ist daher gerade in diesen beiden Künsten eine essenzielle.

Wieso verzichten Sie konsequent auf Filmmusik im Sinne von begleitender, kommentierender Hintergrunduntermalung? Ist es eine Art Ehrerbietung an die Musik, dass sie in Ihren Filmen ausschließlich „sichtbar“ vorkommt – also dann, wenn man im Film auch die Quelle der Musik erkennen kann?
Man hat mir oft unterstellt, ich würde Filmmusik ablehnen. Das ist natürlich Unsinn. Für das Genre Kino ist sie unverzichtbar. Stellen Sie sich einen Italowestern ohne Morricone, einen Hitchcock-Thriller ohne Bernard Herrmann oder eines der Fellini-Artefakte ohne Nino Rota vor. Sie wären um ein wesentliches Teil ihres dramaturgischen Gesamtkonzepts gebracht. In der Welt des Genrekinos ist die Musik integraler Bestandteil der angestrebten, alles umfassenden Wirklichkeitsstilisierung. In Filmen hingegen, die versuchen oder vorgeben, die Lebensrealität abzubilden, hat Musik nur etwas verloren, wenn sie innerhalb der zu schildernden Wirklichkeit auch real vorkommt, wenn also in einer Szene das Radio läuft oder jemand dort ein Instrument spielt. Meistens wird jedoch auch in diesen, sich zur Realitätswiedergabe bekennenden Filmen Musik bloß zur Vertuschung der dramaturgischen und szenischen Schwächen verwendet, und das ist in der Tat eine Schändung dieser künstlerischen Ausdrucksform.

Theresa Steininger
Dr. Theresa Steininger arbeitet als Kulturjournalistin für „Die Presse“. Der hier abgedruckte Text erschien erstmals in der „Presse“-Beilage zu
Musikvereinssaison 2021/22

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