Sa 12. März 2022

19:30 Brahms-Saal, Musikverein

Magdalena Kožená • Ohad Ben-Ari

Brahms • Dvořák • Martinů

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Lieder mit slawischer Seele

Magdalena Kožená

Im Programmschwerpunkt „Grenzgänge – Tschechische Musik“ lädt Mezzosopranistin Magdalena Kožená zur Liedexkursion nach Böhmen, Mähren und Russland. Vorab erzählt sie über das Wohlfühlmoment beim Singen in der Muttersprache, erinnert sich dabei an ihre Kindheit und stellt sich die Frage, ob man bei einem Liederabend tatsächlich den Text mitlesen können muss.

„Mein Bruder ist Sterndeuter/ und wird mir jeden Stern zeigen. Ich werde ein Stern am Himmel sein/ und über das ganze Land leuchten.“ So geht eines der Stücke mährischer Volkspoesie, die František Sušil (1804–1868), tschechischer Priester, Literat, Volksliedsammler und Sprachforscher, zusammengetragen hat. Bohuslav Martinů, 1890 in Ostböhmen geboren, verwendete dieses und sieben weitere Gedichte für seine „Neuen Miniaturen“, die „Nový Špalíček“. 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, hat er sie komponiert. Da war er bereits vor den Nationalsozialisten aus Paris nach New York geflüchtet. In ihrem einfachen, volksliedhaften Duktus sind die Stücke wohl eine Reminiszenz an die tschechische Heimat, für Martinů selbst, aber auch für seine Landsleute im Exil.

Magdalena Kožená setzt Martinůs „Nový Špalíček“ auf das Programm ihres Liederabends im Brahms-Saal. Der Stern der 1973 im mährischen Brno geborenen Mezzosopranistin leuchtet schon lange und weit über den Himmel „ihres“ Landes hinaus. Sie studierte früh Klavier und Gesang, schloss ihr Gesangsstudium in Bratislava ab, gewann bald den Mozart-Wettbewerb in Salzburg und war kurz Ensemblemitglied der Wiener Volksoper, bevor dann rasch der Sprung in eine große internationale Karriere gelang.

Für ihren Wiener Liederabend hat sie, auch auf Wunsch des Musikvereins, ein vor allem slawisches Programm gewählt. In der eigenen Sprache zu singen ist „für jeden Sänger immer das Natürlichste“, sagt Magdalena Kožená. „Es ist nicht unbedingt eine Frage der Aussprache. Es geht um eine emotionale Verbindung, wenn man die Geschichte nicht nur mit dem Text, sondern aus den Tiefen seines Herzens erzählen kann. Wir versuchen alle, so perfekt wie möglich zu sein. Aber ich fühle mich entspannter und zu Hause, wenn ich in meiner Muttersprache singen kann.“
Dazu passend hat sie einige Lieder von Antonín Dvořák ausgesucht. Eröffnet wird allerdings mit Johannes Brahms: „In dramaturgischer Hinsicht wäre es natürlich konsequenter, ein rein slawisches Programm zu singen“, räumt sie ein. „Aber es ergänzt sich toll. Dvořák geht mit Brahms immer gut zusammen, das ist die gleiche Familie.“ Brahms ist eine Referenz an ihre jüngste CD, auf der sie, gemeinsam mit Yefim Bronfman am Klavier, neben Brahms-Liedern auch Modest Mussorgskijs „Detskaja“, die „Kinderstube“, und Béla Bartóks „Dedinské sceny“, „Dorfszenen“, versammelt hat. Beide Zyklen interpretiert sie nun gemeinsam mit Ohad Ben-Ari am Klavier auch im Brahms-Saal.

Das ist durchaus durchdacht. So berichtet Bartók in fünf slowakischen Volksliedern, die er 1924 aufgezeichnet hat, vom Lebenslauf einer Bäuerin – von der Werbung über die Hochzeit bis zur Geburt des ersten Kinds, und wenn dann die Jungen selbst wieder auf Brautschau gehen, schließt sich der Kreis. „Ich singe das in Slowakisch, in der Originalsprache der Lieder, selbst wenn Bartók eine ungarische und sogar eine deutsche Fassung erstellt hat“, erzählt Magdalena Kožená. Für mich als Tschechin ist Slowakisch natürlich sehr nah. Als ich klein war, existierte die Tschechoslowakei noch, außerdem habe ich in Bratislava studiert. All das erinnert mich auch an die Dinge, die ich als Kind gehört habe, wenn etwa im Weinkeller gesungen wurde, oder zu Hause.“
Mit Mussorgskij geht diese Reise in die Kindheit weiter: Für die „Kinderstube“ hat er sieben eigene Gedichte vertont, nicht als Lieder über Kinder, sondern für Kinder. Er hat sie sogar an seinem Neffen Giorgio, an seiner Nichte Tanya sowie an seinem Patenkind, dem Sohn des Komponistenkollegen César Cui, ausprobiert.

So viel slawischer Text ist eine schöne Herausforderung für das Wiener Publikum. Wie sehr muss hier die Musik als Übersetzer funktionieren? „Natürlich trägt die Musik die Emotionen“, sagt Magdalena Kožená und berichtet über eine interessante Erfahrung: „Vor kurzem habe ich die ,Kinderstube‘ in der Schweiz gesungen. Es gab fürs Publikum keinen Text und keine Übersetzung. Ich habe schon gefürchtet, die werden sich denken: Was macht diese verrückte Frau hier? Denn es gibt eine Menge Witz darin, und die Stimme wechselt vom Kind zum Kindermädchen und so weiter. Doch die Zuhörer haben die Bedeutung erkannt. Es ist manchmal ein Dilemma für den Veranstalter, ob der Text im Programm stehen soll oder nicht. Oft lesen die Zuhörer dann die ganze Zeit mit und schauen einen nicht an. Das geht auf die Kosten der nichtverbalen Kommunikation.“

Mit Vergnügen erinnert sie sich daher an ihr Erlebnis in einem kleinen Museum in Dänemark, in dem der Besitzer Liederabende organisierte: „Er schickte dem Publikum, das er gut kannte, vorab die übersetzten Texte, mit der Bitte, sie zu studieren. Ich habe dort ein rein tschechisches Programm gesungen, und das Publikum war perfekt vorbereitet, wusste genau, wann die Pointen kommen, und hat mich die ganze Zeit angeschaut. Das war ein ganz wunderbares Erlebnis!“

Schließlich schürt Magdalena Koženás Wiener Recital noch Entdeckerfreuden, wenn sie Stücke von Vítězslav Novák (1870–1949) präsentiert, von einem „Komponisten, wie es viele gab in der Zeit rund um Smetana, etwa auch Zdeněk Fibich“, erklärt die Sängerin. „Es ist die Periode, in der das tschechische Nationaltheater gegründet wurde und die Menschen begannen, ihre tschechische Seele und Identität zu manifestieren. Novák hat großartige Lieder komponiert, die weitgehend unbekannt sind, auch viele, die auf Volksmusik basieren. Da es genug Volksmusik im Programm gibt, habe ich Lieder gewählt, die sehr romantisch sind, aber in ihrer musikalischen Sprache schon weitergehen.“

Magdalena Kožená präsentiert gerne Neues und selten Gehörtes, denn sie schätzt das Liederabend-Publikum als ein „ganz spezielles und neugieriges, das sich gut auskennt“. Aber auch auf der Opernbühne ist sie immer wieder zu erleben: „Ich mache zumindest zwei Produktionen pro Jahr“, sagt sie. „Das ist nicht sehr viel, aber ich möchte nicht nur Konzertsängerin sein. Ich mag das Theater, liebe Schauspiel und diese ganze Maschinerie. Es ist auch eine schöne Gelegenheit, andere Kollegen und Regisseure zu treffen und von wunderbaren Menschen inspiriert zu werden.“ Letzten Sommer wirkte sie in Aix-en-Provence in der Uraufführung von Kaija Saariahos „Innocence“ mit.

Im November gab es für sie die Wiederaufnahme von Rameaus „Hippolyte et Aricie“ an der Berliner Staatsoper unter der Leitung ihre Mannes Sir Simon Rattle. Aber: „In den letzten zwei Jahren haben wir wohl alle nicht zu viel gemacht“, sagt sie im Blick auf die Pandemie. Dieser fiel im vergangenen November wegen des Lockdowns auch ihr letzter Auftritt im Musikverein, in Bachs „Matthäuspassion“ und ebenfalls unter Rattle, zum Opfer. Dabei hatte sie der erzwungenen Ruhe zunächst auch positive Seiten abgewinnen können: „Am Beginn habe ich es als wohltuend empfunden. Plötzlich hatte man wieder Zeit für die Familie. Ich konnte tun, was ich seit der Studienzeit nicht mehr getan habe, etwa mich mit einem ganzen Band Schumann-Lieder ans Klavier setzen und ihn durchsingen. Nur für mich, zum Vergnügen, ohne Ziel. Das hat mir ungeheuer gutgetan, für die Seele. Denn bei unseren auf Jahre im Voraus gefüllten Kalendern hat man sonst nicht den Luxus, etwas ausprobieren zu können. Aber nach einigen Monaten hatten wir wieder genug davon. Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich in Wien singen kann!“

Stefan Musil
Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist und Dramaturg in Wien.

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